ALLE, AUSSER MIR/SANGUE GIUSTO

Das Buch zur Zeit - wie das Feuilleton es nennt - kann durchaus überzeugen...

Das Feuilleton überschlägt sich, die Literatursendungen jubeln: Das Buch zur Zeit, ein Manifest, ein Werk, das uns den Spiegel unserer Unmenschlichkeit vorhält! Grandios! Wird ein Werk mit solchen Vorschußlorbeeren überhäuft, will man als geneigter Leser ja immer lieber Vorsicht walten lassen, weiß man doch, daß es meist nicht halten kann, was da versprochen wird. Trotz einiger Abstriche geht man bei Francesca Melandris ALLE, AUSSER MIR (Original: SANGUE GIUSTO) dies Risiko nun nicht ein. In teils drastischen, manchmal schwer erträglichen Bildern erzählt sie aus Italiens faschistischer Vergangenheit, seinem Kolonialismus und Imperialismus in Abessinien, den heutigen Ländern Äthiopien und Eritrea. Ein Kapitel, das gern unterschlagen wird in einem Land, in dem es nach 1943 plötzlich kaum mehr Faschisten, dafür aber jede Menge Widerstandskämpfer und natürlich Opfer gegeben hat – bis heute, wo mit der Lega und ihrem Spitzenmann Matteo Salvini eine zumindest mit faschistischen Ideen flirtende Partei wieder an der Macht ist.

In einem weit ausholenden Panorama erzählt Melandri die Geschichte von Attilio Profeti, dem wunderschönen Zweitgeborenen des Stationsvorstehers Ernani und seiner dem Faschismus verfallenen Gattin Viola. Attilio schließt sich den Schwarzhemden an, jenen faschistischen Milizen, die, ähnlich der SA in der Frühzeit der Nationalsozialisten in Deutschland, die Drecksarbeit für die Partei erledigten. Er kommt nach Abessinien und erlebt dort die Gräuel des Krieges, aber ebenso die Liebe – und zwar zu einer einheimischen, also schwarzen, Frau, die nach der italienischen Rassenlehre, mitbegründet durch den Forscher und Entdecker Lidio Cipriani, dem Profeti direkt untersteht und dient, seiner gar nicht würdig ist. Profeti ist ein seltsam unbeteiligter Mann, der am Ende seines Lebens Vater von fünf Kinder dreier Frauen sein wird, die lange nichts voneinander wissen. Sein heimlicher Schwur „Alle, außer mir“ symbolisiert seinen Wettlauf gegen alles und jeden – egal, was ihm im Leben widerfährt, er ist ein Glückskind, dem nicht Schlimmes passiert und das alle überlebt: Freunde und Feinde, Familienangehörige und Politiker, ihm Nahestehende und ihm fremd Gebliebene. Melandri, das sei an dieser Stelle verraten, hat mit dieser Figur dem wahrlich reichen literarischen Panoptikum patriarchaler Monster ein weiteres Prachtexemplar hinzugefügt.

Literarisch nähert sich die Autorin ihrem Sujet elliptisch an, bis sie schließlich ganz im Herzen ihrer düsteren Familiengeschichte angelangt ist. Sie beginnt im Jahr 2010 mit Profetis Tochter Ilaria, einer Lehrerin, gutbürgerlich aber links, ledig und in heimlicher Verbundenheit mit ihrem Jugendfreund Piero, der gegenwärtig für Silvio Berlusconis Regierungspartei arbeitet. Eines Tage steht ein junger Schwarzer vor ihrer Tür und behauptet, ihr Neffe zu sein. Sein Vater sei der heimliche Sohn von Ilarias Vater aus einer Beziehung zu einer jungen Frau in Abessinien während des italienischen „Imperiums“ dort in den 30er Jahren. Der Junge ist aus Afrika geflohen, hat Fürchterliches unterwegs erlebt, hat in Gaddafis Lagern gelitten, die Flucht übers Mittelmeer überstanden und wurde in Italien bereits aufgegriffen, wo man seinen Asylantrag abschlägig behandelt hat. Für Ilaria bricht eine Welt zusammen. Denn ihr mittlerweile über 90jähriger, langsam der Demenz verfallender Vater hat ihr Jahre zuvor bereits enthüllt, daß sie neben 2 Brüdern aus seiner Ehe mit ihrer Mutter einen weiteren Bruder aus einer weiteren Beziehung habe, ja, sie musste gegenwärtigen, daß Attilio ein wahrer Bigamist war, der sich schließlich von der Mutter trennte und mit seiner „neuen“ Frau zusammentat, die immer noch an seiner Seite ist. Nun also kommt eine weitere Geschichte, ein weiteres Verhältnis, ein weiteres Familienmitglied hinzu. Ilaria, mit Hilfe ihres Halbbruders, macht sich daran, die Vergangenheit des Vaters ein für alle Mal zu durchforsten und aufzuklären. Und muß dabei lernen, was für ein skrupelloser, menschenverachtender, faschistischer Opportunist er gewesen ist.

Zunächst mutet diese elliptische Herangehensweise an, als folgten wir Ilarias Erkenntnissen, die sich sukzessive aus ihren Forschungen in alten Familienbänden, Fotoalben, auf Dachböden und in Kellern ergeben, doch irgendwann in der zweiten Hälfte des Buches verlässt Melandri ihre Bahn und gibt dem Leser immer mehr Informationen preis, die Ilaria nur schwerlich haben kann – vor allem über Attilios Innenleben, seine Haltung gegenüber seinen Mitmenschen, gegenüber den Frauen, die er liebt aber in gewissem Sinne auch verachtet (wie er in gewissem Sinne alle Menschen verachtet), über seine Einsichten und Ansichten, besser gesagt, seine  mangelnden An- und Einsichten. Befinden wir uns im ersten Drittel des Buches noch hauptsächlich in Ilarias Gegenwart des Jahres 2010, hält das zweite Drittel die Balance zwischen „damals“ und „heute“, wobei das „damals“ nie chronologisch, sondern Schubweise springend zwischen Zeitebenen und unterschiedlichen Orten erzählt wird, ganz der herkömmlichen Erinnerungsarbeit entsprechend, die ja meist assoziativ und selten linear verläuft. Das letzte Drittel gibt diese scheinbar so verschlungene wie hintergründige Erzählweise dann zugunsten immer längerer Passagen auf, die schlicht die Vergangenheit erzählen, wobei Melandri immer weiter zurückgreift, schrittweise Attilios Geschichte, die seines älteren Bruders, schließlich die seiner Eltern erzählt.

Das ist immer dann kraftvoll, wenn der Text sich auf Profeti, dessen Geschichte und die seiner Familie fokussiert. Zwar mutet dies alles äußerst konstruiert an, doch gelingt es der Autorin, nahezu exemplarisch italienische Geschichte einzufangen, auszubreiten und dem Leser analysierend mitzuteilen. Manches ist dabei durchaus lustig, anderes von solcher Grausamkeit, daß das Lesen schwerfällt. Melandris nicht lineare Erzählweise stört dabei allerdings eher, vielleicht wäre das Ganze noch stärker und eindringlicher geraten, wenn es schlicht chronologisch mit einer Rahmenhandlung dargeboten worden wäre. Auch ihr Hang, noch der letzten Nebenfigur Stimme und damit Leben zu geben – ein durchaus großherziges Ansinnen – macht die Lektüre manchmal etwas zäh, vermittelt aber vor allem erst recht den Eindruck, daß wir es hier mit Prototypen, nicht realen Figuren zu tun haben. Und dies wird genau dann ärgerlich, wenn sich die Autorin in die Leiden eines schwarzafrikanischen Flüchtlings hineinzudenken versucht. So gut das gemeint ist, so sehr man ihr Anliegen spürt, den Flüchtlingen, die seit Jahren über das Mittelmeer kommen und irgendwie am „guten Leben“ in Europa partizipieren wollen, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen – diese Passagen sind angelesen, nicht erlebt und auch nicht nachgelebt. In diesen Momenten wird der Text zur didaktischen Wundertüte und somit ärgerlich.

Doch ist solche Kritik natürlich auch wohlfeil. Einen Schwachpunkt herauszupicken in einem ansonsten packenden und durchaus auch unterhaltsamen Buch, das sich einem ausgesprochen düsteren Kapitel der italienischen Geschichte stellt und damit vielleicht überhaupt erst die Tür zu etwas, das man „Vergangenheitsbewältigung“ nennen könnte, aufstößt, ist vielleicht zu kleinkariert. Melandri wollte den großen Bogen spannen, sie wollte verdeutlichen, wie das, was sich aktuell auf dem ‚mare nostrum‘ abspielt, sehr wohl mit unserer höchst eigenen Geschichte verbunden ist, wie uns diese Geschichte einholt und wir ihr nur gerecht werden können, indem wir uns ihr stellen und unsere Verantwortung an- und übernehmen. Und das – keine Frage – ist ihr gelungen.

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