DER FRIEDHOF IN PRAG/IL CIMITERO DI PRAGA

Eco spürt der widerlichsten Verschwörungstheorie von allen nach - und läuft Gefahr, ihr zu erliegen

Umberto Ecos literarische Werke zu lesen ist ja immer ein Genuß, da man mit einer geballten Ladung Wissen und Bildung konfrontiert wird. Meist stachelt die Lektüre dazu an, sich mit den Inhalten genauer zu beschäftigen und weiter zu recherchieren. So auch hier: Die Geschichte der italienischen Einigung und der europäischen Verworrenheiten der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts bilden den Hintergrund dieses Romans. Erzählt wird die Geschichte des Meisterfälschers Simonini, der in nahezu jede Verschwörung seiner Zeit verwickelt scheint. Sei es die Dreyfus-Affäre, seien es russische Geheimdienste, die in Paris politisches Asyl Suchende drangsalieren oder schließlich die PROTOKOLLE DER WEISEN VON ZION, die das Zusammentreffen auf dem titelgebenden „Friedhof in Prag“ zum Gegenstand haben sollen – Simonini hat seine Hände immer im Spiel. Er verkauft seine Fähigkeiten an jeden, der zahlt, dabei immer scheinbar loyal, jedoch immer nur sich selbst verpflichtet. Und seiner Idee, die Juden zu diskreditieren und als „Weltverschwörer“ zu entlarven, die ihrerseits alle geheimen und weniger geheimen Bünde und Zirkel unterwandert haben sollen. Von Antisemitismus durchdrungen scheint dies das eigentliche Ziel Simoninis zu sein.

Eco bedient sich eines brillanten Kunstgriffs, um seine Geschichte zu erzählen: Simonini muß feststellen, daß seine Wohnung offenbar von einem Priester aufgesucht und geteilt wird. Er selbst merkt außerdem, daß er Gedächtnislücken aufweist. Deshalb nimmt er den Rat eines ihm bekannten jüdischen (sic!) Doktors aus Wien namens Froide an, und schreibt in einer Art Selbsthypnose ein Tagebuch dessen, was er erlebt und zugleich einen Lebensbericht. Und dieser wird dort, wo Simonini die Erinnerung verläßt, von dem Priester, der weiterhin seine Wohnung zu frequentieren scheint, ergänzt. Offensichtlich verbindet die beiden mehr, als ein jeder von ihnen ahnt. Um gewissen Schwierigkeiten logischer Natur auszuweichen, führt Eco zudem einen auktorialen Erzähler ein, der die Tagebuchaufzeichnungen kommentiert und ergänzt.

Abgesehen von Simonini selbst sind so gut wie alle auftretenden Figuren realer Abstammung. Simonini bewegt sich also als eine Art Fälschung in einer durch und durch genau recherchierten, historisch verbürgten Welt (der Vergleich mit Forrest Gump ist durchaus angebracht – allerdings nicht nur im Positiven). Dies ist ein Doppelstreich Ecos, denn so, wie Simonini das wahrscheinlich widerlichste antisemitische „Dokument“ fälscht, ein Treffen imaginiert auf dem besagten Friedhof, den er, außer auf einem Photo, nie gesehen hat, so macht Eco aus dem Fälscher eine Fälschung. Simonini, so erfahren wir, ist durch seinen Großvater geprägt, der ein zutiefst von Ressentiments durchdrungener Antisemit war. Diese Saat ist in ihm aufgegangen. Doch dadurch, daß Eco den Hauptprotagonisten seiner Story als Fiktion in eine ansonsten „reale“ Welt setzt, verdeutlicht er den fiktionalen Charakter des Antisemitismus generell. Immer schon speiste sich dieser aus „Geschichten“: Christusmörder, Babyfresser, Brunnenvergifter, Weltverschwörer – Juden wurde immer schon alles angedichtet, was den rechtschaffenden Christenmenschen in Zorn und Wallung versetzt. Und als Sündenböcke dienten sie Jahrhunderte lang. Eco stellt diesen fiktionalen Charakter aus und bloß, den im Grunde ja alle Vorurteile gegen bestimmte Gruppen aufweisen, der im Antisemitismus jedoch nicht nur exemplarisch sondern eben auch exekutorisch kulminiert(e).

Ein brillantes Buch, würde man meinen. Und doch bleibt etwas nach der Lektüre zurück, was den „Genuß“ auch fade macht. Literarisch ist es vielleicht die Überkonstruktion des Ganzen, die die Geschichte seltsam leblos wirken läßt, möglicherweise ist es auch eine gewisse Leblosigkeit der historisch verbürgten Figuren (Dr. Froide u.a.). Oftmals denkt man während der Lektüre, daß man aus dieser und jener Figur, aus bestimmten Begegnungen und Situationen einfach mehr hätte machen können. Hinzu kommt, daß es im Grunde keine „Story“ gibt, es ist eben eine Lebensgeschichte, die auf ca. 530 Seiten dargestellt wird und dementsprechend Lücken und Sprünge aufweist. Eco zitiert in den einzelnen Szenen oftmals die Abenteuer- und auch die Schauerromane des 19. Jahrhunderts, allen voran die von Dumas‘, den Simonini zutiefst verehrt. Auch dies wiederum ein Spiel mit Fiktionen, denn der Charakter jener Bücher ist ja gerade die Überhöhung auch historischer Stoffe zum Zwecke der Unterhaltung.

So wird der Leser denn auch bei Eco durch Geheimgänge geführt, in dunkle Keller- und düstere Abwassergewölbe, in denen sich Leichen stapeln. Herrlicher Schauer garantiert. Und hier setzt die Kritik ein: es entsteht – und hier sei noch einmal auf die Verwandtschaft zu Forrest Gump verwiesen – ein nahezu hermetisches System aus Welterklärungen, die dem angeprangerten hermetischen System aus Weltverschwörungen nicht unähnlich ist. Ein weiteres Verwirrspiel des Autors? Möglich. Doch wäre dem so, müsste man es an dieser Stelle ob der eigentlichen Ernsthaftigkeit des Themas stark kritisieren. Antisemitismus taugt nicht als Gegenstand reiner Unterhaltung, taugt nicht als Sujet des l’art pour l’art. Aber Eco riskiert es – nicht zuletzt durch die häufigen Verweise auf Dumas – , genau so wahrgenommen zu werden: Als Unterhaltungslektüre, die sich um sich selbst dreht. Bei allem gelehrten und gewitzten Spiel aus Verweisen, Andeutungen, historischen Bezügen bleibt der Antisemitismus ein zu ernsthaftes und immer wieder eben auch tödliches Thema. Ein Buch genießen zu können, dessen Gegenstand eines der übelsten antisemitischen Pamphlete ist, hinterläßt eben diesen faden Beigeschmack, der oben erwähnt habe.

Eco ist ganz sicher kein Antisemit, ganz sicher meint er es gut, ganz sicher ist er sehr genau in seinen Beschreibungen und Ausführungen. Und dennoch ist da ein wenig zu viel Sympathie für Simonini, ist da ein wenig zu viel Lust am Aufgreifen antisemitischer Klischees (gerade auf den ersten Seiten), die auch nicht dadurch abgemildert wird, daß sofort antifranzösische, antideutsche oder antiweibliche Ressentiments nachgeschoben werden. Es bleibt ein gut und spannend zu lesendes Buch, das einen hohen Ton anschlägt und auch hält und doch keine volle Zustimmung erhält, zu dringend die Einwände, die sich beim Lesen aufgedrängen.

 

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