DER SCHWARZE SERGEANT/SERGEANT RUTLEDGE

John Ford leistet einen wesentlichen Beitrag zum Thema Rassismus

Der schwarze Sergeant Braxton Rutledge (Woody Strode) sieht sich des Vorwurfs der Vergewaltigung und des Mordes an einer jungen Frau und deren Vater ausgesetzt. Es kommt zu einer Verhandlung vor dem Kriegsgericht unter der Leitung von Colonel Fosgate (Willis Bouchy), wo ihn sein Vorgesetzter und Freund Lieutenant Tom Cantrell (Jeffrey Hunter) verteidigt.

Der Ankläger, Captain Shattluck (Carleton Young) ruft eine Reihe von Zeugen auf, darunter die erst kürzlich nach vielen Jahren an der Ostküste in den Westen zurückgekehrte Miss Mary Beecher (Constance Towers). Durch ihre Aussagen und die des Arztes Ecker (Charles Seel), sowie des ebenfalls schwarzen Soldaten Sergeant Skidmore (Juano Hernández), Cantrells selber und auch Rutledges, setzt sich nach und nach ein Bild dessen zusammen, was passiert ist und welch ein Mensch Rutledge ist.

Miss Beecher traf in der Nacht des Verbrechens an der Bahnstation, an der sie aus dem Zug gestiegen ist, auf Rutledge, der sie dort vor dem Angriff einiger Indianer verteidigte. Zuvor war Rutledge aus dem Fort geflohen, weil er die Leiche der jungen Miss Nellie (Mae Marsh) gefunden und in Notwehr auf ihren Vater geschossen hatte. Selbst verletzt, schlug er sich bis zu der Bahnstation duch. Hier wird er am nächsten Morgen von Cantrell und dessen Abteilung aufgegriffen und verhaftet.

Rutledge, der weiß, daß der Bahnvorsteher von Indianern umgebracht wurde und bei der Station Pferdespuren gefunden hat, die auf eine große Gruppe Indianer deuten, warnt Cantrell. Er hatte schon in der Nacht zuvor davon gehört, daß Indianer drei Farmen angegriffen hatten und war deshalb in das Haus von Nellies Vater, einem hohen Vorgesetzten, gegangen, um diesen zu informieren. Hier hatte er das tote und geschundene Mädchen gefunden. Als deren Vater dazugekommen sei, habe er unvermittelt das Feuer auf Rutledge eröffnet, der sich schließlich gewehrt und den Mann getötet habe. Doch niemand, so seine Aussage gegenüber Cantrell, hätte ihm das geglaubt, da er ein Schwarzer sei. Deswegen sei er desertiert. Cantrell aber glaubt ihm. Er beschließt, anstatt die Truppe direkt zurück ins Fort zu führen, den Indianern den Weg abzuschneiden und wenigstens die Farm von Miss Beechers Vater zu retten und die Indianer in die Berge abzudrängen.

Unterwegs findet der Trupp, der sowohl Miss Beecher, als auch Rutledge als Gefangenen mit sich führt, die Leiche eines jungen Mannes aus der Stadt. Er wurde von den Indianern bei lebendigem Leibe verbrannt. Während des Ritts zu der Farm der Beechers, werden sie auch von Indianern angegriffen und Rutledge, der von Catrell seiner Fesseln entledigt wurde, beweist einmal mehr seinen Mut. Einer der Soldaten stirbt in seinen Armen und fordert Rutledge auf, die Gelegenheit zu nutzen, um zu fliehen. All dies sei umsonst gewesen, sie, schwarze Männer, hätten lediglich die Kriege der Weißen ausgefochten. Obwohl Rutledge dem nicht zustimmt, reitet er wirklich davon.

Er wird Zeuge des Indianerüberfalls auf die Farm der Beechers und auch, wie Mr. Beecher umgebracht wird. Ihm ist bewusst, daß der Trupp den Indianern in die Falle gehen wird und reitet zurück, um Cantrell und die anderen zu warnen. Es kommt zu einer Auseinandersetzung, bei der einige Soldaten verletzt werden. Miss Beecher pflegt diese, von Trauer um ihren Vater erfüllt. Umso aufgebrachter ist sie am nächsten Tag, als Cantrell Rutledge erneut festsetzt und dem Gericht zuführt.

Bei einem der toten Indianer hat Cantrell allerdings ein goldenes Kreuz, wie Miss Nellie es immer trug, und eine Jacke gefunden, die die Initialen des toten Jungen, den sie tags zuvor so grausam verstümmelt gefunden hatten, aufweist.

Diese Beweisstücke legt er nun dem Gericht vor. Damit will er belegen, daß es keiensfalls Rutledge gewesen sei, der die junge Miss Nellie vergewaltigt und getötet habe, sondern offenbar der junge weiße Mann, der den Indianern in die Hände gefallen ist. Captain Shattuck verliert daraufhin die Contenance und wirft Cantrell vor, er verunglimpfe das Ansehen eines Weißen, dazu eines Toten, der sich nicht wehren könne, zugunsten eines Schwarzen. Offen tritt Shattucks Rassismus zu Tage, der von Cantrell in die Schranken gewiesen wird und den auch das Gericht nicht goutiert.

Als es so aussieht, als könne Shattuck die Beweismittel Cantrells entkräften, steht der Vater des toten Jungen auf und erklärt, sein Sohn sei wirklich der Mörder und er könne nicht verantworten, daß ein Unschuldiger, zudem solch ein verdienstvoller Mann wie Sergeant Rutledge, verurteilt werde.

Doch Cantrell durchschaut den Mann, denn ihm war aufgefallen, daß die Jacke, die sie gefunden hatten, dem Jungen viel zu groß war. Er konfrontiert den Mann damit, daß der der Mörder sei. Daraufhin bricht dieser zusammen und gesteht, er sei verrückt nach Nellie gewesen und man solle ihm helfen, er habe sich nicht zurückhalten können.

Sergeant Rutledge wird wieder in sein Kommando eingesetzt, Cantrell und Miss Beecher können ihre Differenzen ausräumen und gestehen sich ihre Liebe.

 

 

Direkt nach dem Bürgerkriegswestern THE HORSE SOLDIERS (1959) drehte John Ford mit SERGEANT RUTLEDGE (1960) einen weiteren Western, in welchem die Kavallerie thematisiert wurde. Dirk C. Loew postuliert in seinem lesenswerten Buch VERSUCH ÜBER JOHN FORD[1], daß es neben der klassischen „Kavallerie-Trilogie“, die mit FORT APACHE (1947) begann, in SHE WORE A YELLOW RIBBON (1949) ihre Fortsetzung und ihren Abschluß mit RIO GRANDE (1950) fand, eine zweite, weitaus weniger romantische und idealistische Trilogie gab, die die Kavallerie als immanenten Teil der Eroberung des Westens behandelt und deren Mittelteil SERGEANT RUTLEDGE darstellte. Sie sei grimmiger und der Rolle der Armee weitaus weniger positiv gesonnen, wie die ersten drei Filme. Man kann darüber streiten, gänzlich von der Hand zu weisen ist die These nicht. Vor allem der Abschluß dieser Trilogie – CHEYENNE AUTUMN (1964) – zeichnet ein düsteres Bild der Rolle, die die Kavallerie im Umgang mit den Indianern gespielt hat. Indianer waren bei Ford oft schlicht das Fremde, manchmal ein Teil einer feindlichen, den weißen Siedler bedrohenden Natur, selten ließ er ihnen Gerechtigkeit widerfahren. Genau das wollte er in CHEYENNE AUTUMN ändern. Oft wurde der Film als eine Art Verneigung und auch als Abbitte gegenüber den Ureinwohnern Amerikas betrachtet. Da der Film bei Weitem nicht die Kraft und Intensität von Fords früheren Werken hat, muß man den Versuch als zwar ehrenwert, jedoch gescheitert betrachten. Selbst THE SEARCHERS (1956) in all seiner Ambivalenz und Doppelbödigkeit, behandelt das Thema vielschichtiger und vermischt es vor allem brillant mit einem anderen virulenten Thema, das auch die zeitgenössische Gesellschaft noch beschäftigte: Mit dem Rassismus.

SERGEANT RUTLEDGE behandelt dieses Thema direkt und leistet auf ähnliche, aber sehr viel wirksamere Art und Weise, sehr viel mehr für die Schwarzen in der amerikanischen Gesellschaft, als es CHEYENNE AUTUMN für die Indianer tat. Die Geschichte vom schwarzen Sergeanten, der fälschlicherweise in den Verdacht gerät, ein weiße junge Frau vergewaltigt und getötet zu haben, ist mitten in jener Institution angesiedelt, die Ford in seinen früheren Filmen gern so hoch hielt, ja, geradezu als Symbol für die Eroberung und Zivilisierung jener riesigen Räume westlich des Mississippi feierte. Allerdings wird Rassismus hier nicht als der Institution immanent beschrieben, womit Ford früh einen Topos vieler folgender Filme, die sich mit ähnlichen Themen beschäftigten, erfüllt: Die Armee als soziale Aufstiegsmöglichkeit, die ihre Bediensteten alle gleich behandelt. Wohl aber wird Rassismus in diesem Film nicht nur klar als solcher benannt, sondern auch als Vertretern der Institution immanent gezeigt. Der Ankläger im Prozeß gegen Rutledge argumentiert, als es dem Verteidiger gelingt, den Verdacht auf einen anderen, einen weißen Mann zu lenken, explizit mit der Hautfarbe des Sergeanten. Expressis verbis wird hier zum Ausdruck gebracht, daß ein schwarzer Mann per se als weniger ehrenhaft, weniger verantwortungsvoll und weniger achtenswert angesehen wird.

Ford nutzt aber nicht nur diese Szene, um Rassismus explizit und implizit zu thematisieren. Da der Film – worauf noch zurückzukommen sein wird – als Gerichtsfilm angelegt und in Rückblenden erzählt wird, wird Rassismus in vielen Momenten verdeutlicht. Schon zu Beginn, wenn sich die Zuschauer im Gerichtssaal einfinden, ist klar, daß der schwarze Sergeant schuldig sein muß. Die Männer sagen es, die Frauen zeigen es in Blicken und Gesten. Rutledge wird wie ein wildes Tier betrachtet und die Vorverurteilung wird überdeutlich. In einer anderen Szene stirbt ein schwarzer Soldat in Rutledges Armen und fragt diesen, wofür sie eigentlich gekämpft hätten, es seien die Kriege der Weißen. Rutledge antwortet, sie kämpften nicht für die Weißen, sondern für ihre eigene Ehre, den eigenen Stolz. Damit greifen Buch und Regie deutlich ein Credo der Bürgerrechtsbewegung auf – schwarze Menschen sind gleichwertig, sie müssen ein eigenes Selbstbewußtsein entwickeln und die eigene Stärke und Kraft anerkennen. Für einen Film von 1960 ist das ein starkes Argument.

Natürlich stellt John Ford die Institution der Armee nicht in Frage, nie hätte er das getan. Im Gegenteil. Er war stolz auf den Rang, den ihm die Navy verliehen hatte für seine Verdienste im Krieg als Chef einer Einheit für Film und Fotografie, die nicht nur an den Schauplätzen des Pazifik, sondern auch während der Landung in der Normandie vor Ort war. Doch wie schon in THE HORSE SOLDIERS und erst recht in CHEYENNE AUTUMN, betrachtete er die Armee kritischer als zuvor. Er erkennt das Spannungsfeld, das entsteht, wenn Menschen, die – auch dies wird im Film deutlich verbalisiert – für einen Staat arbeiten, in dem sie als Sklaven geboren wurden. Die Kavallerieeinheit, in der Rutledge und die anderen Männer des 9. Regiments dienen, hat es wirklich gegeben. Natürlich waren es damals keine gemischtrassigen Einheiten und natürlich waren ihre Führungsoffiziere weiß. Da bleibt Ford nah an der Realität. Der Film reflektiert allerdings gerade in Szenen wie jener, in der der Soldat stirbt, wie kompliziert das Verhältnis ist, das hier zwischen dem Staat und den Soldaten, zwischen Pflicht und Recht, Ehre und Angst entsteht. Bei aller Anerkennung, die die schwarzen Soldaten erfahren, SERGEANT RUTLEDGE lässt keinen Zweifel daran aufkommen, daß der Weg, den diese Männer (von den Frauen ganz zu schweigen) in der amerikanischen Gesellschaft zurückzulegen haben, noch lang und wahrlich steinig sein wird. Wie Muddy Waters in MANNISH BOY es schon sang, so sagt es auch Rutledge: Er ist ein Mann und als solcher steht er für seine Ehre und für das ein, was er getan hat. Die Selbstbehauptung des schwarzen Mannes, sie beginnt erst. Es ist 1881 im Film, es ist 1960, als Ford Woody Strode dies deutlich in einem Film sagen lässt.

John Ford bleibt aber seinem Idealismus bei aller kritischen Betrachtungsweise insofern treu, als daß er schließlich zeigt, wie ehrenhafte Männer – schwarze wie weiße – ihre Pflicht erfüllen. Rutledge will abhauen und kommt doch zurück, um seine Einheit zu retten, Cantrell verteidigt ihn ohne Wenn und Aber, der Richter lässt sich Befangenheit nicht vorwerfen und eine Szene im Hinterzimmer des Gerichts belegt dies eindrücklich, wenn er seinen Kollegen im Richtergremium gegenüber bemerkt, daß er froh sei, daß Rutledges Hautfarbe keine Erwähnung fände. Dies allerdings, es wurde bereits erwähnt, ändert sich, als der Ankläger Cantrell angreift, weil dieser einen Weißen verdächtigt. Doch selbst der eigentliche Mörder, ein Weißer, entlarvt sich schließlich selbst, weil er keinen Unschuldigen für die Verbrechen anderer verurteilt sehen will. Und mit Mary Beecher gibt es eine ehrenhafte und aufrichtige Frau, die von Anfang an für Rutledge eintritt und auf seiner Seite steht. Sie hat auch kein Problem, während der Patrouille, an der sie gezwungenermaßen teilnimmt, verletzte schwarze Soldaten zu pflegen. An diesen Stellen ist Ford sicherlich bei Weitem zu idealistisch. Doch sind seine Filme so gut wie immer einem Mythos, vielleicht sogar einer Utopie, verpflichtet. Sie erzählen von einem Land im Werden und davon, wie eine Gesellschaft zueinander finden und sich positiv entwickeln kann. Ford war ein „Nation Builder“, wenn man so will. Das begann bereits mit dem Plädoyer für die Demokratie in STAGECOACH (1939) und setzte sich in fast allen seinen Western, aber auch in vielen seiner Filme fort, die nicht im Wilden Westen angesiedelt waren.

Rassismus ist sicherlich das entscheidende Thema in SERGEANT RUTLEDGE. Doch ist der Film auch unterhalb dieser Ebene interessant in Fords Oeuvre. Daß er als Mittelteil einer zweiten, „inoffiziellen“ Kavallerie-Trilogie betrachtet werden kann, wurde bereits erwähnt. Wie einundzwanzig Jahre zuvor in YOUNG MR. LINCOLN (1939) ist dies aber auch ein Gerichtsdrama. Und wie zwei Jahre später in dem Meisterwerk THE MAN WHO SHOT LIBERTY VALANCE (1962) nutzt der Regisseur das Mittel der expansiven Rückblende, um seine Geschichte zu erzählen. Allerdings, auch das sei an dieser Stelle bemerkt, ergeben die Rückblenden hier gelegentlich nicht immer Sinn, erzählen doch einzelne – wie bspw. der Arzt oder auch Miss Beecher – Dinge, die sie definitiv nicht gesehen haben können. Auch an anderen Stellen weist SERGEANT RUTLEDGE gewisse Logikfehler auf, aber es wäre billig, Ford darauf fest zu nageln. Er hat ein Anliegen, und dieses kann er deutlich und kraftvoll und eingebettet in eine starke Story an den Mann bringen.

Die Gerichtsszenen sind in Bildaufteilung, Inszenierung und Lichtsetzung ganz offensichtlich an Theateraufführungen angelehnt – u.a. wird immer dann, wenn eine der Zeugenaussagen in eine bebilderte Erinnerung übergeht, das Licht abgedunkelt, was einen extrem theatralischen Effekt erzielt – und werden damit maximal gegen die Szenen in der Wildnis abgesetzt. Dadurch erscheinen diese Szenen fast exemplarisch, als solle hier etwas Grundlegendes verhandelt werden, nicht nur ein fürchterliches Verbrechen. Die Gesellschaft sitzt zu Gericht über einen schwarzen Mann. Historisch gesehen hat dieser keine Chance. Auf dieser Ebene, der des Gerichtsdramas, des Kriminalfalls, macht Ford es sich dementsprechend auch keinesfalls einfach. Rutledge ist zwar nicht schuldig der Vergewaltigung, verantwortlich am Tod des Vaters des Mädchens ist er aber  sehr wohl. Allerdings war es Notwehr, die ihn auf den Mann – einen Vorgesetzten, den er von einem Indianerüberfall hatte berichten wollen – schießen ließ. Und auch hier wird das Motiv des Rassismus wieder virulent, denn der Tote kannte ihn, wusste um seine Verdienste und daß er ein guter Soldat ist, schoß aber dennoch sofort auf den Schwarzen, den er über seine Tochter gebeugt fand. Ein Vorurteil, das zu einem Mißverständnis und somit zum Tod eines Mannes führt.

Durch die extreme Entfremdung, die Ford in den Gerichtsszenen gelegentlich erreicht, wirkt der Prozeß wie ein Musterprozeß. Als stünde hier nicht ein Mann vor Gericht, sondern als sei die ganze Verhandlung ein Prüfstein für eine Nation. Ein Prüfstein, ob sie aus ihren Fehlern gelernt habe, ob sie nun besser verstanden habe, welch ein Unrecht in ihrem Namen geschehen ist, und daß dieses zwingend gesühnt werden muß, um vor der Geschichte bestehen zu können. Wie in YOUNG MR. LINCOLN wird der Prozeß schließlich auch gleich zu einer Ermittlung und der Täter wird direkt im Gerichtssaal überführt. Mehr noch: Er wirft sich dem Gericht zu Füßen und schreit: Helft mir! Das wirkt im ersten Moment alles fürchterlich übertrieben und eben theatralisch, dem Film fast unangemessen. Doch begreift man das Ausmaß dessen, was dieser Film im Jahr 1960 zu leisten sich anschickte, begreift man, wie allegorisch Ford die Szenen im Gericht teilweise anlegt, bekommt gerade diese Wendung einen dem Film weit übergeordneten Sinn.

Vor allem andern aber ist SERGEANT RUTLEDGE auch und gerade ein Western. Einmal mehr setzt Ford das Monument Valley – John Ford Country, wie es gern genannt wird  – majestätisch in Szene. Bert Glannon, etliche Male Fords Mann an der Kamera, fängt jene magisch wirkenden Felsformationen im Süden Utahs in sattem Technicolor ein. Sind einige Szenen überdeutlich im Studio gedreht und wirken ein wenig artifiziell, was sicherlich dem Budget des Films geschuldet war, sind die Szenen in der freien Natur voller Action und Bewegung. Vielleicht sind die Bilder in STAGECOACH noch majestätischer, jene in THE SEARCHERS oder SHE WORE A YELLOW RIBBON aufregender, vielleicht sieht man ihnen an, daß sie in ihrer Farbigkeit auch für den Filmemacher noch neu waren – SERGEANT RUTLEDGE braucht sich hinter seinen berühmten Vorläufern nicht zu verstecken. Und wie in den Vorgängern erzeugt Ford enorme Spannung durch die Atmosphäre jenes unendlichen, weiten, kargen Landes und den winzig erscheinenden Menschen, die sich ihren Weg durch den Staub der Prärie und der Wüste bahnen.

Auch der für Ford so typische Humor kommt nicht zu kurz. Die Bürger des kleinen Ortes, an dem über Sergeant Rutledge verhandelt wird, entstammen eben jenem Panoptikum, das Ford wieder und wieder auffährt. Da sind die lästernden, sich echauffierenden Damen der Gesellschaft, da sind die (mehr oder weniger heimlichen) Trinker, da sind die grumpy old men, die das Geschehen kommentieren. Geschickt nutzt Ford allerdings genau diese Figuren, um sie hier nicht nur liebevoll in ihren Eigenarten zu skizzieren, sondern er zeigt genau sie als von den Vorurteilen geleitet, die es einem Mann wie Rutledge so schwer machen, Gerechtigkeit zu finden. Er zeigt ihren dunklen Rücken, die Engstirnigkeit und die davon ausgehende Gefahr, denn die Stimmung im Saal gleicht der eines Lynchmobs. Selten hat ein Regisseur des klassischen Hollywood sein eigenes Figurenkabinett so rigoros dekonstruiert, wie John Ford es hier tut, wenn auch auf scheinbar leichtfüßige, immer noch liebevolle Weise. So schlummert hier im Humor des Regisseurs schon auch etwas Bedrohliches, wird er doch genutzt, um ausnahmsweise nicht Leichtigkeit in ein ernstes Thema zu bringen, sondern um zu entlarven. Es ist für Fords Verhältnisse ein fast schon böser, sarkastischer Humor. Es sei an dieser Stelle allerdings auch noch einmal daran erinnert, daß die Indianer einmal mehr nur als feindlich gesinnte Fremde auftreten. Es sollen Apachen sein, gezeigt werden sie wie grausame Wilde, die keine Gnade kennen und somit auch keine Gnade verdient haben. Da kennt dann auch Ford – bei aller Wachsamkeit gegenüber dem Rassismus gegen schwarze Menschen – wenig bis kein Pardon.

Für den Western als Genre sind STAGECOACH, THE SEARCHERS oder THE MAN WHO SHOT LIBERTY VALANCE unbedingt wesentlicher. Sie erzählen etwas darüber, wie ein weißes, protestantisches Amerika wurde, was es ist und mehr noch, wie es sich selber sehen wollte. Sie bilden wesentliche Bausteine jener Mythen, die dieses Amerika bis heute vehement glaubt und verteidigt. Sie definieren Werte, Muster und die Schemata, nach denen es funktioniert und wie es sich seiner selbst vergewissert. Doch nie war John Ford näher an seiner Zeit, selten relevanter in der zeitgenössischen kulturellen Entwicklung des Landes, wie in SERGEANT RUTLEDGE. Er lieferte mit diesem Film einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung eines liberaleren, gerechteren Umgangs mit jenem Teil der amerikanischen Bevölkerung, dem sicher – neben den Ureinwohnern – das größte Unrecht und Leid in der jungen Geschichte dieses gewaltigen Landes widerfuhr.

 

[1] Loew, Dirk C.: VERSUCH ÜBER JOHN FORD. DIE WESTRNFILME 1939-1964. Norderstedt, 2005.

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