DER STRANDRÄUBER/THE WRECKER

Ein spätes Werk des großen Robert Louis Stevenson - spannend, packend und humorvoll

TREASURE ISLAND (Dt.: DIE SCHATZINSEL) – ein Kinderbuch. STRANGE CASE OF DR. JEKYLL AND MR. HYDE (Dt.: DER SELTSAME FALL VON DR. JEKYLL UND MR. HYDE) – ein viktorianischer Schauerroman. KIDNAPPED (Dt.: DIE ENTFÜHRUNG) – ein Abenteuerroman vor historischer Kulisse. Robert Louis Stevenson wurde vor allem im 20. Jahrhundert gern als Autor rezipiert, der Kinder- und Jugendbücher schrieb. Selten wurde ihm – zumindest in Kontinentaleuropa – der Respekt zuteil, der bspw. Victor Hugo oder einem Jules Verne gezollt wurde. Daß Stevenson einen wesentlichen Beitrag zur Literatur des 19. Jahrhunderts geleistet und durchaus großen Einfluß auf die Entwicklung des modernen Romans gehabt hat, wird dabei gern übersehen. Bestenfalls die Geschichte von Dr. Jekyll und Mr. Hyde wird als frühe psychologische Studie zu Persönlichkeitsspaltung und Wahn akzeptiert. Man sollte dieses Urteil unbedingt überdenken.

Gerade die weniger bekannten Werke des Autors können dazu dienen, sich ein detaillierteres  Bild von Stevensons genauer Beschreibung der Conditio Humana, von seinen kenntnisreichen Beschreibungen ferner, fremder Welten und seiner psychologischen Gründlichkeit, ja Raffinesse, zu machen. Zu diesen abseitigeren Werken ist unbedingt THE WRECKER (DER STRANDRÄUBER; erschienen 1892) zu zählen, das Stevenson – wie auch zwei weitere Texte – gemeinsam mit seinem Stiefsohn Lloyd Osbourne schrieb, wobei man über dessen Anteile am Text durchaus streiten kann. Ähnlich wie Dostojewski in SCHULD UND SÜHNE bewußt auf einen vornehmlichen Kriminalfall abhebend (im Untertitel trägt Stevensons Werk die Zeile „Ein Kriminalroman“), liefert Robert Louis Stevenson hier ein Meisterstück über moralische Ambivalenz, die Psychologie der Freundschaft und bietet zugleich ein Panorama unterschiedlicher gesellschaftlicher Schichten, Lebensentwürfe und Entwicklungen. Formal in drei unterschiedlich lange Teile gegliedert, wird dem Leser die Geschichte von Loudon Dodd dargeboten, einem Amerikaner schottischer Abstammung, der, nachdem er im väterlichen Geschäft nicht reüssieren konnte, die Erlaubnis erhält, seiner eigentlichen Leidenschaft zu frönen, nach Paris zu gehen und sich dort in Malerei und Bildhauerei ausbilden zu lassen. Mit der liebevollen Beschreibung eines vollkommen dem Geschäftlichen sich widmenden Vaters, der den so ganz anders gearteten Sohn dennoch zu unterstützen bereit ist, mag Stevenson dem eigenen Vater ein Denkmal gesetzt haben, der seinerseits zwar darauf bestanden hatte, daß der junge Robert Louis ein Studium der Jurisprudenz absolvierte und auch abschloß, dann aber bereit war, den angehenden Schriftsteller zu unterstützen.

Der Roman beschreibt das ausgesprochen verwickelte Leben des Loudon Dodd und wie es ihn schließlich, nach etlichen Umwegen u.a. nach San Francisco, wo er Kompagnon seines Freundes aus Pariser Tagen, Jim Pinkerton, wird, in die Südsee verschlägt, wo Dodd mit einigen Bekannten ein gestrandetes Schiff aufbringen will, welches er und Pinkerton ersteigert haben. Schließlich, nachdem sich die Fracht des Schiffes als weit weniger wertvoll denn angenommen entpuppt, versucht Dodd herauszufinden, was wirklich hinter der Geschichte der Flying Scud – so der Name des ersteigerten Wracks – steckt. Im letzten Teil der Erzählung wird der Leser dann also mit jener Seite der Geschichte konfrontiert, der Dodd hinterher spürt und die einige Überraschungen, vor allem aber Momente tiefster Grausamkeit und atemberaubender Amoral bereit hält, zugleich aber trefflich beschreibt, wie Menschen, die der Leser über Dutzende von Seiten kennengelernt hat, mit denen er sich identifiziert, durch Zufall, Gier und vor allem Gruppendynamik und Gruppendruck zu Verrätern und Meuchelmördern werden können, und mit denen man dennoch mit zu fiebern bereit ist. Stevenson schafft Szenen, die in ihrer Eindringlichkeit fast schmerzhaft sind, so sehr fühlt man sich hier Entwicklungen ausgeliefert, die man so nicht erwartet hat und die man niemals gutheißen kann. Es bestätigt sich mit THE WRECKER einmal mehr die These, daß Literatur extrem fordernd und emotional ungeheuer anstrengend sein kann. Dann nämlich, wenn sie uns mit unseren eigenen moralischen Standpunkten und Haltungen konfrontiert und diese unterläuft.

Natürlich ist das gesamte Setting des Romans, der zu großen Teilen in der Südsee und auf jenen Frachtschiffen spielt, die zwischen den winzigen Eilanden verkehren, die die dortigen Atolle und Riffe bieten, das eines Abenteuerromans. Dennoch, trotz einer scheinbaren Uneinheitlichkeit, gelingen dem Autor ebenso treffende wie eindringliche Beschreibungen auch des Pariser Lebens der Bohème, des schottischen Puritanismus´ und des amerikanischen Abenteuer- und Aufbruchsgeistes. W. Somerset Maugham schreibt in der Einführung zu seinem großen Roman THE RAZOR´S EDGE (AUF MESSERS SCHNEIDE), daß es nicht gelingen könne, als Engländer aus amerikanischer Perspektive zu schreiben, wie es ebenfalls nicht gelänge, als Amerikaner das spezifisch Englische darzustellen. Er führt dazu Henry James an, dessen „englische“ Romane ihm offenbar nicht wirklich gefielen. Eine Re-Lektüre von Stevenson (den er selbstredend gelesen hatte) hätte ihn vielleicht eines Besseren belehrt. Es gelingt dem Schotten brillant, die unterschiedlichen Spezifika von Amerikanern, Briten oder Franzosen herauszuarbeiten und vor allem – was auch für Maugham gilt – deren Verhalten in der Ferne zu beschreiben.

Stevenson kannte die Ferne, von der er schrieb. Er reiste viel, er kannte Paris, er kannte die Vereinigten Staaten und – vielleicht wichtiger – er kannte die Südsee, wo er die letzten Jahre seines Lebens verbrachte. Hier entstand das ursprüngliche Manuskript von THE WRECKER. Wenn er also abenteuerliche Geschichten erzählte, berichtete er zugleich aus seiner Lebensrealität. Monatelange Schiffsreisen waren ihm ebenfalls nicht fremd und wenn sein Gesundheitszustand, der zeitlebens eher schlecht gewesen ist, es auch nicht zuließ, selbst auf Schiffen zu arbeiten, beschäftigte er sich doch eingehend und sehr interessiert mit der Kunst und dem Handwerk des Segelns und der Hochseeschifffahrt. Seine Beschreibungen sind fundiert, fordern den Leser gelegentlich aber auch heraus, der sich zwischen etlichen Fachbegriffen zurecht zu finden hat. Das schmälert aber weder die Spannung, noch beeinflusst es den Lauf der Handlung. Denn Stevenson beschäftigte sich eben nicht nur mit den technischen Seiten dessen, worüber er schrieb, er war auch ein fundierter Kenner der menschlichen Psyche. Sein Schreiben entspricht mit dieser Mischung aus deskriptiven Elementen technischer Vorgänge bei gleichzeitiger Beobachtung menschlicher Bedingungen  dem vieler großer Autoren des 19. Jahrhunderts – unter anderem Herman Melville, den er, ohne dessen Namen zu nennen, an einer Stelle seines Romans auftreten lässt und hiermit einem der Großen der schriftstellernden Zunft seine Referenz erweist – und weist doch in Konzeption und Form bereits auf die Moderne hin. Ohne zu weit ausgreifen zu wollen, kann man wohl behaupten, daß er bspw. fundamentalen Einfluß auf das Schreiben Joseph Conrads hatte. Also auf einen jener Autoren, die deutlich den Übergang des klassischen Romans zur Moderne markieren.

Was allerdings ebenfalls der Erwähnung bedarf, ist Stevensons Humor. THE WRECKER ist ironisch und durchweg voller zwar liebevoller, doch durchaus witziger Beschreibungen eines jungen Mannes, der in heilloser Selbstüberschätzung seine künstlerischen Fähigkeiten nicht recht einzuordnen versteht. Es gibt vor allem in den Dialogen zwischen Dodd und Pinkerton, aber auch jenen zwischen Dodd und seinen Kommilitonen in Paris, zum Schreien komische als auch hintergründige Passagen, die von eher zurückhaltendem Witz künden. Und doch weiß Stevenson in den richtigen Momenten umzuschwenken und seiner Geschichte Dramatik, ja Tragik zu verleihen, wenn diese angebracht ist. Gerade der letzte Abschnitt, in welchem Dodd schließlich die „dunkle Seite“ dessen, was er erlebt hat, offenbart wird, führt diese Wende beispielhaft vor. Und dann scheut Stevenson sich nicht, drastisch  zu werden. Auch diese Momente muten äußerst modern an.

Ein Kinderbuchautor also?  Mitnichten. THE WRECKER, das Jorge Louis Borges, der Stevenson zutiefst verehrte, als sein möglicherweise bestes Werk bezeichnete, zeugt davon, wie tiefgreifend sich der Autor mit komplizierten, durchaus ambivalenten moralischen  Fragen auseinander zu setzen verstand, es zeugt aber auch davon, daß diese Geschichten bei aller aufkeimenden Romantik, die ihnen eingeschrieben sein mag, nicht für Kinder gedacht und geeignet sind. Spätestens, wenn ein regelrechtes Massaker geschildert wird, welches gestrandete Seeleute an Möwen verüben, mit denen sie um ein wenig Nahrung wetteifern, wird deutlich, daß Stevenson die ganze Härte dieses Lebens auf Schiffen und zu hoher See kannte und durchdrungen hatte.

Vielleicht sollte man – gerade in Deutschland oder in Frankreich – wirklich eine Re-Lektüre starten und diesen großen schottischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts neu entdecken in seiner ganzen Fülle und Pracht. Es lohnt sich. Denn dieser steht solchen Giganten wie eben Melville, Dostojewski, Tolstoi oder Zola in kaum etwas nach. Stevenson beweist einmal mehr, wie genau diese Literatur ist, wie tief sie das Menschliche, Allzumenschliche, zu durchdringen vermochte und wie sie die gewonnen Erkenntnisse in Handlung zu übersetzen verstand, ohne dabei vor tieferer Betrachtung auch philosophischer Natur zurück zu schrecken. Und er beweist, daß es einigen dieser Autoren gegeben war, ihre Erkenntnisse zudem unterhaltsam und humorvoll zu verpacken.

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