DIE JUNGEN LÖWEN/THE YOUNG LIONS

Ein wenig prätentiös, ein bisschen aufgeblasen, dennoch ein überezuigender Großfilm aus den letzten Tagen des Studio-Systems

In drei Handlungssträngen wird die Geschichte dreier Männer erzählt, deren Leben jeweils durch den Krieg massiv beeinflusst werden: Da sind, auf amerikanischer Seite, der Broadwaysänger Michael Whiteacre (Dean Martin), der im Jahre 1941 kurz vor der Premiere einer neuen Show steht,  und sein Freund, der etwas verklemmte Jude Noah Ackerman (Montgomery Clift), der die junge Hope (Hope Lange) gegen die Widerstände einer Gesellschaft ehelicht, die sich zwar liberal gibt, jedoch ebensolche Vorurteile in sich birgt, wie jene, gegen die zu kämpfen sie sich anschickt. Zudem wird von dem jungen Skilehrer Christian Diestl (Marlon Brando) berichtet, der, eigentlich unpolitisch, in die Wehrmacht eintritt und durch die Leichtigkeit der Siege im Blitzkrieg einerseits, andererseits durch seinen Vorgesetzten Hauptmann Hardenberg (Maximilian Schell) und dessen überzeugt völkisches und nationalistisches Denken zu einem gläubigen Patrioten und Nationalsozialisten „erzogen“ wird.

Episodenhaft erzählt der Film nun die Geschehnisse um diese drei Männer. Michael – ein Feigling, der sich mit seinen Verbindungen in Washington in die Etappe hat versetzen lassen und dabei sogar seinen Freund Noah, der im militärischen Ausbildungslager einige antisemitische Anfeindungen hat über sich ergehen lassen müssen, im Stich läßt – muß im Laufe der Handlung(en) begreifen, daß eine Zeit im Leben kommen kann, da man kämpfen muß, egal wie viel Angst man hat (nicht zuletzt muß er das begreifen, um bei seiner Langzeitfreundin und Dauerverlobten Margret [Barbara Rush] nicht allzu viel Kredit zu verspielen) und läßt sich wieder zu den kämpfenden Truppen zurück versetzen. Dort trifft er Noah wieder, der seine ganz eigenen Kämpfe mit den vermeintlichen Kameraden ausficht und dabei beweist, daß man auch als kleiner, linkischer Angestellter ein Held sein kann, wenn man einfach seinen eigenen (natürlich amerikanischen) Werten folgt und treu bleibt.

Auf deutscher Seite muß Christian, ein Frauenschwarm, den wir zu Beginn eine Nacht mit Margret während deren Skiurlaubs in Bayern haben verbringen sehen (übrigens eine von zwei sehr kurzen Szenen, in denen die Handlungsstränge und somit all die Stars Berührungespunkte auf der Leinwand haben), begreifen, daß der Krieg und die deutschen Werte, die damit Verbreitung finden sollten, bei weitem nicht so hehr und gut sind, wie er und seinesgleichen vielleicht gedacht hatten. Nicht nur die Gewalt des Krieges, die seinen Freund Hardenberg schließlich schrecklich verstümmeln und dann in den Selbstmord treiben wird, ist es, die ihn am Sinn des ganze Unterfangens zweifeln läßt, nein, auf seiner Flucht am Ende des Krieges – seine Einheit wurde in den Schlachten der Normandie, den Rückzugsgefechten Richtung Deutschland und schließlich der Gegenoffensive in den Ardennen komplett aufgerieben – gerät er an die Pforten eines KZ.

Der dort diensttuende Kommandant, ein jovialer Herr mittleren Alters, der sich gleich mal darüber beschwert, daß man es hier mit all den Gaskammern und den Leichenbergen auch nicht einfacher gehabt hätte als an der Front, sieht in Christian einen Seelenverwandten, einen der letzten, die noch an „die Sache“ glauben. Christian hingegen sieht nun endgültig ein, wem er da gedient, wessen kranke Ideen er da über den Kontinent bis nach Nordafrika (wo ein Teil der Kriegshandlungen spielt) verbreitet hat. Gebrochen stolpert er durch die Wälder rund um das KZ, das inzwischen von den Amerikanern eingenommen und befreit wurde. Er bricht durch das Unterholz, wo Noah und Michael sich die Füße vertreten, denn gerade für Noah war die Befreiung des KZ natürlich ein schlimmes Erlebnis. Michael, nicht sicher, mit wem er es da zu tun hat, schießt auf den Deutschen, nachdem der auch auf Anruf nicht stehen bleibt. Die beiden gehen weiter, während Diestl tot in einem Weiher versinkt.

Die Schlußbilder zeigen uns Noah, der Heim kehrt zu Hope und der gemeinsamen Tochter, die er noch nie gesehen hat.

Edward Dmytryk war in Hollywood für manches große Portrait schwieriger und gebrochener Menschen, Männer, Antihelden verantwortlich. Dazu gehörte ebenso Commander Queeg in THE CAINE MUTINY (1954), wie das ungleiche Ehepaar in RAINRTREE COUNTY (1957) oder, wenn auch mit Abstrichen, der sich in seiner Welt plötzlich nicht mehr zurechtfindende Gregory Peck in MIRAGE (1965). Im vorliegenden Weltkriegsepos THE YOUNG LIONS (1957) porträtiert er gleich eine ganze Generation junger Männer, die für ihre jeweiligen Länder und deren Ideen von Patriotismus die „Löwen“ sein sollen, um diese Ideen zu verteidigen, die aber nichts weiter sind, als „ganz normale Männer“, die ihr Leben leben wollen.

Man muß dem Film Vieles hoch anrechnen. So macht er es sich nicht einfach in der Zeichnung seiner Figuren, der Armee und der unterschiedlichen Gesellschaften, mit denen wir es zu tun haben. Natürlich war es ein Clou, den damals – wir schreiben das Jahr 1957 – auf der Höhe seines Ruhms und seiner Kunst stehenden Marlon Brando in der Rolle eiens überzeugten Nazis zu besetzen. Daß Brando in seiner Eitelkeit die Herausforderung annehmen würde – davon ist auszugehen. Er setzte sich intensiv mit der Figur auseinander und legte sie maßgeblich anders an, als die literarische Vorlage Diestl sah, was zu langen Disputen mit dem Regisseur geführt haben soll. Es gelingt dem Ausnahmeschauspieler, einer recht starren und mit wenig Tiefgang versehenen Figur eine tragische, ja gebrochene Seite zu geben und die Entwicklung vom jungen, unbedarften und vollkommen unpolitischen Skilehrer und Automechaniker zum Nazi und dann zum Ex-Nazi anhand der – der episodischen Erzählstruktur geschuldeten – wenigen Szenen, die ihm dazu bleiben, darzustellen. Er beginnt eine Affäre mit einer jungen Französin einerseits, mit Hardenbergs Frau andererseits. Gerade in den Szenen mit den Damen muß er sich immer wieder rechtfertigen und so spielt das Drehbuch alle möglichen Pros und Contras durch, die sich über das Dritte Reich ausspielen lassen. Und obwohl das naturgemäß nicht sehr viele sind, bemüht sich der Film darum, Verständnis für dieses andere und fremde Land aufzubringen, daß das Vorkriegsdeutschland darstellte. Daß das nur bedingt gelingen konnte, wundert nicht. Auch Brando stellt letztlich ein Klischee dar: Der gute – oder nicht ganz so böse – Nazi, kultiviert und gebildet. Allerdings darf man nicht vergessen, daß, was heute ein Klischee ist, durch Brando erst zu einem solchen werden konnte, er war maßgeblich aran beteiligt, dieses Klischeee überhaupt zu erschaffen. Und er tut das mit der ganzen Rafinesse, die ihm in seiner Kunst zur Verfügung steht und macht daraus eine bestechende Vorstellung.

Interessanter ist allerdings der Blick, den der Film reflexiv auf die Amerikaner wirft. Daß der Jude Noah – erst muß er sich mit Beharrlichkeit gegen seine Peiniger durchsetzen, dann rettet er schließlich mit Michaels Hilfe einen von ihnen – zum Helden wird, steht noch allegorisch für die Millionen „kleinen“ Leute in den USA, die alle Angst hatten, die alle irgendwo ein Mädchen, einen Job, ein Leben hatten, und dennoch bereit waren zu marschieren, als es drauf ankam. Und so wird Michael Whiteacre also fast zur interessantesten, zur zentralen Figur. Läßt man die Metapher der „ungewollten“ Rache – Michael erschießt mit Diestl ja immerhin jenen Mann, der ihm zu Beginn des Films die Frau fast ausspannt – einmal außer Acht, kulminiert in diesem Mann nahezu alles, was der Film scheinbar über die „conditio humana“ aussagen will. Wie Dmytryk bereit ist, diesem Kerl, der ein Feigling ist, das weiß, darunter leidet und dennoch feige bleibt mit dem besten aller Argumente – daß er schlichtweg gerne lebt und das noch weiterhin tun will – seine Würde zu lassen, mehr noch – ihm Verständnis angedeihen zu lassen (und ihn ja schließlich auch ein wenig rehabilitiert, ohne ihn dann gleich zum Gegenteil, also zum Helden, hoch zu stilisieren), das zeugt einmal davon, mit welcher Ernsthaftigkeit die Macher dieses Films daran gingen, diese Geschichte(n) zu erzählen, zum andern rettet es den Film davor, über den einen Faux-pas wahrgenommen zu werden, der ihm fast zum Verhängnis wird: Die Darstellung des KZ.

Ohne die ganze lange Diskussion darüber, ob man die KZ überhaupt auf die Leinwand bringen sollte (Claude Lanzmann hat sich mit guten Gründen anläßlich des Spielberg-Films SCHINDLER´S LIST [1993] ganz deutlich dagegen positioniert), erneut Revue passieren lassen zu wollen, muß man doch konstatieren: Wenn schon, dann bitte nicht so. Mit Pappschild am Tor, auf dem „Konzentrationslager“ steht und dann mit einem sich freundlich und unterwürfig gebenden Rabbi, der – scheinbar ganz gut ernährt – darum bittet, einen Gottesdienst abhalten zu dürfen. Die Amerikaner wirken alle angemessen erschrocken ob der Gräuel und die Bürger des nahen Städtchens haben natürlich alle von nichts gewußt und sind auch sofort gegen jüdische Gottesdienste usw. Das ist in seinem Bemühen (und macht somit viel kaputt in einem Film, der ansonsten eben nicht bemüht aussieht, sondern – bis hin zu den manches Mal beeindruckenden Kriegsgefechtsszenen – teuer, ein wenig aufgeblasen und prätentiös, sich seiner Aufgabe als Großproduktion so offensichtlich bewußt, und in seinen Dialogen und Einzelszenen oftmals so elegant und gekonnt wirkt) dann so durchschaubar, daß gerade einem deutschen Zuschauer der Fremdschämfaktor hoch ansiedelt.

Aber das zerstört den Film nicht als Gesamtwerk. Es ist die eine nicht gelungenen Episode, es ist der eine Dreh zuviel, der dann eben beweisen soll, daß man es keinesfalls mit einem Unterhaltungsfilm zu tun hat (obwohl das Element nicht zu kurz kommt), sondern mit etwas didaktisch Wertvollem. Und diese Art von Ambitionen bekommt Kunstwerken oftmals nicht wirklich gut. Sei es drum. Der Film kann lange und in der Dauer auch gut überzeugen, er hat großartige Schauspieler, ein gutes Drehbuch (das Edward Anhalt auf der Basis des Romans von Irwin Shaw schrieb) und dank des Kameramanns Joe McDonald teils sehr beeindruckende und immer überzeugende Bilder. Auf die Laufzeit von immerhin zweieinhalb Stunden wird das nie langatmig und kann fast immer überzeugen.

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