DIE ZWÖLF GESCHWORENEN/12 ANGRY MEN

Sidney Lumets Klassiker des liberalen Hollywoodfilms der 1950er Jahre

An einem schwül-heißen New Yorker Tag ziehen sich die zwölf Geschworenen eines Mordprozesses zur Beratung in ihr Zimmer zurück. Sie werden eingeschlossen und sollen darüber befinden, ob der Angeklagte – ein Junge aus Puerto-Rico – des Mordes an seinem Vater schuldig oder nicht schuldig ist. Sollten sie auf „schuldig“ plädieren, so droht dem Jungen die Todesstrafe.

Da der Prozess, der einige Tage in Anspruch genommen hat, eindeutig erscheint – es gibt eine Tatwaffe, es gibt Augen- und Ohrenzeugen eines Streits, eines Schreis und angeblich auch der Tat selbst – sind die Männer der Meinung, schnell zu einem Urteil gelangen zu können. Doch bei der ersten Abstimmung stimmt einer der zwölf für „nicht schuldig“.

Es ist der Geschworene Nr.8 (Henry Fonda), der seinerseits erklärt, daß er sich nicht sicher sei, ob der Junge schuldig oder unschuldig sei, er aber glaube, daß bei einer so weitreichenden und schwerwiegenden Entscheidung – immerhin ginge es um das Leben eines Menschen – mehr Sorgfalt zu walten habe.

Nach anfänglich hitzigen Diskussionen, bei denen sich vor allem der Geschworene Nr.3 (Lee J. Cobb), sowie die Geschworenen Nr.7 (Jack Warden) und Nr.10 (Ed Begley) hervortun, die den Fall für glasklar halten, erklärt Nr.8 sich einverstanden, bei einer neuen Abstimmung einzulenken, sollten alle anderen erneut auf „schuldig“ plädieren. Doch nun stimmt auch einer der anderen, Nr.9 (Joseph Sweeney), für „nicht schuldig“.

Es entbrennt ein wütender Streit, in dem mehr und mehr die eigentlichen Motive der einzlenen hervortreten. Der eine will schnell zu einem Urteil kommen, da er abends Karten zu ein Baseballspiel hat, der nächste hält Puerto-Ricaner – der Angeklagte stammt aus einem puerto-ricanischen Slum – grundlegend und von Geburt an für kriminell, die anderen halten die Beweiskette für unanfechtbar, die meisten aber haben gar keine eindeutige Meinung und wollen vor allem schnell wieder in ihr Alltagsleben zurück.

So beginnt ein zähes Ringen um Wahrheit und Zweifel. Beweis für Beweis, Indiz für Indiz stellt Geschworener Nr.8 in Frage, bis die scheinbar so eindeutige Beweislage brüchig und zumindest anfechtbar wirkt. Es kommt zu heftigen Szenen zwischen den Männern, die Charakter und Prägungen offenbaren, rassistische Haltungen und sozialen Spannungen. Doch einer nach dem andern schließt sich Nr.8 an, bis schließlich am Ende des Tages nur noch der Geschworene Nr.3 an seiner Meinung festhält – bis sich seine Aversion gegen den Angeklagten als Projektion entpuppt: Er hat einen Dissens mit dem eigenen Sohn und hasst diesen dafür, angeblich verweichlicht zu sein.

Schließlich plädieren die zwölf Geschworenen auf „nicht schuldig“.

Beim Verlassen des Gerichtsgebäudes fragt Geschworener Nr.9 den Geschworenen Nr.8, wie er heiße. Die Männer tauschen ihre Namen aus, geben sich die Hand und verlieren sich dann wie alle andern im Großstadtgewimmel.

Die 1950er Jahre werden gerade kulturell oft als Zeit der Restauration, wenn nicht gar der Reaktion betrachtet. Der seit dem Ende des 2. Weltkriegs aufkommende Kalte Krieg, Kommunistenhatz und gleichzeitig steigender Wohlstand, ließen die USA unter Präsident Dwight D. Eisenhower einerseits prosperieren, zugleich griff aber zunehmend eine schleichende Paranoia um sich, die die Politik ebenso wie die Gesellschaft selbst infiltrierte. Linke hatten es schwer in jenen Jahren, und auch Liberale mussten sich vorsehen, nicht unter Generalverdacht gestellt zu werden. Doch wie meist in Zeiten der Repression, der Ausgrenzung und eines extremen Ausschlags des politischen Pendels in eine bestimmte Richtung erstarkten auch Gegenströmungen. Hollywood, das sich vor dem Krieg gern sozialkritisch gegeben hatte und im Krieg patriotisch, spiegelte, befeuerte und kritisierte  diese Entwicklungen zugleich und bekam dabei zum Teil Unterstützung und Hilfe aus jenem Bereich moderner Medien, die es an sich als den Erzfeind ausgemacht hatte: Dem Fernsehen. Einige junge Regisseure nutzten ihre Erfahrungen im TV, um auch auf der großen Leinwand zu reüssieren. Dabei kamen ihnen ihre Erfahrungen unter den Live-Bedingungen, die damals beim Fernsehen oftmals noch herrschten, ebenso zugute, wie die relative Freiheit, die man in dem jungen Medium genoß.

Sidney Lumet war einer dieser Regisseure. Er hatte 1954 im Rahmen einer Fernsehreihe („Studio One“) bereits eine TV-Fassung des extra dafür geschriebenen Stücks 12 ANGRY MEN von Autor Reginald Rose inszeniert. 1957 konnte er dann die Kinofassung realisieren, die bis heute als Klassiker des Nachkriegskinos und Beispiel für liberales, wenn nicht gar „linkes“, Hollywood-Kino der 50er Jahre angesehen wird. Es erzählt von einem schwül-heißen Nachmittag, an dem sich die zwölf Geschworenen eines scheinbar klar daliegenden Falles von Mord zurückziehen, um zu einem Urteil über einen jungen Mann zu kommen.

Mit dem damaligen Superstar Henry Fonda als Geschworener Nr. 8, der zunächst als einziger sich weigert, den jungen Puerto-Ricaner des Mordes an seinem Vater für schuldig zu befinden, stand Lumet ein ausgewiesener Liberaler unter den Schauspielern Hollywoods zur Verfügung, der sich bereit erklärte, den Film auch zu produzieren. Neben Fonda spielte eine Riege ausgesuchter Charakterdarsteller, von denen einige später zu Stars ihres Fachs wurde.. Darunter Jack Warden, Jack Klugman, Lee J. Cobb und Martin Balsam. Andere, wie Ed Begley oder Joseph Sweeney, waren längst anerkannt und hatten schon etliche Filme veredelt. Lumet gelang – rein filmisch betrachtet – ein unfassbar spannender und mitreißender Ensemblefilm. 12 ANGRY MEN ist ein Kammerspiel, das sich – damals ein beliebtes Setting bei experimentierfreudigen Filmemachern – in einem einzigen Raum abspielt und Echtzeit zumindest suggeriert, auch wenn die Zeitangaben im Film dies nicht bestätigen. Lumet nutzte lange Brennweiten, um die Bilder flacher erscheinen zu lassen, die Darsteller dadurch in den Bildhintergrund einzurücken und die Enge des Raums zu betonen. So schrumpft die Welt für gute 90 Minuten auf dieses eine Zimmer zusammen und die gesamte (männliche) Gesellschaft der Vereinigten Staaten wird scheinbar wie unter einem Brennglas abgebildet. Da der Film an einem sehr heißen Tag in einem New Yorker Sommer spielt, werden die äußeren Bedingungen, unter denen die Geschworenen ihre Entscheidungen treffen sollen, zu einem wesentlichen Faktor des Films und seiner Handlung. Obwohl Lumet auf allzu exaltierte Kameraspielereien verzichtete, wird sie dennoch beweglich eingesetzt, wodurch die Situation, sich mit einander Fremden in einem abgeschlossenen Raum zu befinden, wo eine wegweisende Entscheidung zu treffen ist, noch einmal unterstützt. Doch sind all diese Tricks eher zurückhaltender Natur. Der ganze Film steht und fällt mit der Leistung seines brillanten Ensembles.

Noch  heute wird in Besprechungen hervorgehoben, wie exemplarisch es Buch und Regie gelungen sei, Gruppendynamik, psychologische Prozesse, Druck auf einzelne und das Verhalten einzelner unter eben diesem Druck darzustellen. Indem der Zuschauer nie die Namen der einzelnen Geschworenen erfährt – erst am Ende, nach dem Verlassen des Gerichtsgebäudes, geben sich Fonda und jener alte Mann, Geschworener Nr. 9, gespielt von Joseph Sweeney, der als erster Fondas Argumentation folgt, die Hand und nennen sich gegenseitig ihre Namen, um dann wortlos auseinander zu gehen – bleiben die zwölf Männer – es sind ausschließlich Männer, die hier ihrer staatsbürgerlichen Pflicht nachkommen – Prototypen, die jeweils eine bestimmte Funktion übernehmen, ein psychologisches Profil ausfüllen. Da ist der Macher, der die Organisation der Abstimmungen und Anordnungen am Tisch übernimmt; es gibt den Opportunisten, der schnell zu einem Ergebnis gelangen möchte, da er Karten für das Baseballspiel am Abend besitzt und den Beginn nicht verpassen will; es gibt den rassistisch veranlagten Unternehmer, der sich als Vertreter der mit gesundem Menschenverstand ausgestatteten Mitte aufspielt; es gibt den harten Hund, der das ganze Geschwätz über Indizien und alternative Möglichkeiten für absurd hält, da der Delinquent aus seiner Sicht so oder so schuldig ist; desweiteren gibt es den konservativen Hardliner, der aber Logik und Sachverstand hoch hält und schließlich auch bereit ist, sich überzeugen zu lassen; es gibt den ironisch und dezidiert modern auftretenden Werbefachmann, der bei aller zur Schau gestellten Nonchalance des Weltmanns zusehends unsicher und unbedarft wirkt; es gibt den schweizerischen Einwanderer, der seinerseits mit höchster Logik und Präzision vorgeht, den Zweifler, den Nachdenklichen, usw. Der Zuschauer  hat es mit einem Durchschnitt männlicher Amerikaner der zeitgenössischen Zivilgesellschaft zu tun. Man erfährt nicht alle Berufe, doch wird deutlich, daß hier alle Schichten vertreten sind. Der erwähnte Unternehmer ist ebenso dabei, wie der studierte Fachmann – Fondas Charakter ist Architekt – , ein Vertreter für Marmelade, ein Anstreicher, ein Lehrer. Interessanterweise wird der Charakter, den Jack Klugman als Geschworener Nr. 5 spielt, nie beruflich identifiziert, sehr wohl aber als sozialer Aufsteiger: Er ist der einzige der Gruppe, der in ähnlichen Verhältnissen wie der Angeklagte aufgewachsen ist und nicht nur die Bedingungen dieses Lebens kennt, sondern auch Wesentliches dazu beitragen kann, Unklarheiten hinsichtlich der Tatwaffe auszuräumen, da er weiß, wie man mit einem Springmesser umgeht. Er wird durch Auftreten und Kleidung als diesen Verhältnissen entkommen markiert, ist zugleich aber höchst sensibel, als der Unternehmer zusehends rassistische Bemerkungen über Vertreter jener Schicht absondert, der der Angeklagte entstammt. Dabei geht er soweit, die Kriminalität eines solchen Jungen als „angeboren“ zu bezeichnen.

Das Drehbuch ist ein Musterbeispiel erzählerischer Ökonomie, wobei man nicht vergessen darf, daß es zugleich ein Musterbeispiel für dramaturgische Manipulation ist. Ebenso exakt, wie diese Typen eingefangen werden, die Genauigkeit ihrer kleinen Anmerkungen, Witzchen, Sticheleien, vor allem die Selbstsicherheit jener drei Geschworenen, die sich ihrer Sache vollkommen sicher und lange nicht bereit sind, die Zweifel an der Schuld des Jungen auch nur in Betracht zu ziehen, ebenso exakt lässt es Fondas Einwände und Hinweise auf mögliche Fehler in der Indizienkette aufgehen. So sicher und eindeutig der Fall zunächst erscheint – junger Mann tötet nach familiärem Streit den eigenen Vater; es gibt Augen- und Ohrenzeugen; der Angeklagte verheddert sich in Widersprüchlichkeiten und Ungereimtheiten – , so unsicher und uneindeutig wirkt das ganze Verfahren, nachdem Fondas Geschworener Nr. 8 einmal angefangen hat, die angeblichen Beweise genauer zu untersuchen und auseinander zu nehmen. Nun kommen nach und nach auch den anderen Geschworenen Zweifel, merken sie auf und führen Widersprüche an, die ihnen aufgefallen sind. Der Ohrenzeuge ist zu alt und zudem gehandicapt, um den Weg, den er vom Bett zur Wohnungstür zurückzulegen hatte, um den flüchtenden Jungen zu sehen, in der angegebenen Zeit zu schaffen; die vorbeifahrende Hochbahn wäre zu laut, um den Schrei, den der Alte gehört zu haben angibt, überhaupt wahrgenommen zu haben; die Augenzeugin scheint kurzsichtig zu sein, was ihre Aussage zweifelhaft macht; das Messer, das als Tatwaffe in Betracht gezogen wird, wäre falsch gehandhabt worden und zudem ist es kein solches Unikat, wie die Anklage behauptet; das Erinnerungsvermögen, auf das sich mancher Geschworene so viel einbildet, kann auch diesen täuschen – Fonda weiß immer einen Weg, den Hardlinern die Fehler ihrer Argumentation aufzuzeigen, es gibt immer ein Detail, das passt, um den eindeutigen Ablauf der Tat zu hinterfragen. Zudem beginnt im Raum eine Art Neuuntersuchung: Wege werden abgeschritten, Zeiteinheiten überprüft und Fonda hat sich, um die Einzigartigkeit der Tatwaffe zu hinterfragen, abends eine exakte Kopie des Messers in der Gegend, wo die Tat stattgefunden hat, besorgt.

Warum, so fragt sich der Zuschauer, haben weder die Staatsanwaltschaft, noch die Verteidigung diese ganzen kleinen Risse in der Beweiskette je bemerkt, geschweige denn   angefochten? Weil, so erklärt es Fonda, der Verteidiger ein Pflichtverteidiger sei und der Angeklagte Vertreter einer sowieso schon benachteiligten Minderheit. In diesem Punkt kommt das eigentliche Anliegen des Films so deutlich zum Vorschein, wie sonst kaum. Es geht 12 ANGRY MEN   weder darum, einen vermeintlich Unschuldigen reinzuwaschen, noch geht es um das Verfahren an sich. Vielmehr geht es Buch und Regie um einen zeitgenössischen Kommentar auf eine Gesellschaft, in der sich schleichend reaktionäre, rassistische und teils faschistoide Ansichten und Meinungen breitmachen und verfestigen. Dabei sollte man nicht den Fehler begehen, der in der Rezeption gelegentlich begangen  wurde, und dem Film unterstellen, wirklich „links“ zu sein. Das ist er dezidiert nicht. Keiner der gezeigten Männer tritt klassenkämpferisch auf oder macht sich mit  sonderlich linken Ansichten bemerkbar, im Gegenteil: Auch die, die früh Zweifeln, werden als vollkommen durchschnittliche Vertreter eines eher konservativen Amerika gezeigt, sie sind –  jeder auf seine Art – Stützen der Gesellschaft. 12 ANGRY MEN geht es um die Verteidigung des Liberalismus und des Pluralismus. Zweifel müssen berechtigt sein und sie müssen ernst genommen werden. Gerade wenn es um ein Menschenleben geht. Die Todesstrafe steht im gesamten Film nie zur Disposition. Fondas Geschworener Nr.8 und Sweeneys Geschworener Nr.9 beharren lediglich darauf, daß, wenn man über das Leben eines Menschen verhandelt, eine solche Entscheidung übergenau geprüft werden muß  und sich diejenigen, die einen Menschen in den Tod schicken, ihrer Entscheidung vollkommen sicher sein müssen. Zudem ist Fonda als ein Mann der Integration gekennzeichnet. Nachdem die Schlacht geschlagen ist und Cobb schließlich wie ein gebrochener Mann erscheint, da seine Aversionen gegen den Angeklagten überdeutlich als Kompensation des Verhältnisses zu seinem eigenen Sohn entlarvt sind, legt Fonda ihm kurz die Hand auf die Schulter. Dann nimmt er Cobbs Jackett und hilft ihm hinein. Eine große Geste der Anerkennung. Auch dieser Gegner ist für Fonda, der damit seinem im gesamten Film erhobenen Anspruch gerecht wird, ein Teil des Ganzen. Man hat hart gestritten, sich dabei nichts erspart – doch am Ende muß auch der vermeintliche Sieger, gerade dieser, dem Unterlegenen seinen Respekt zollen. Ein Lehrstück in Diskursbereitschaft und Diskussionskultur.

In der gesamten Konstellation sind gerade  Fondas direkte Gegenspieler – Lee J. Cobb, Ed Begley und Jack Warden – die wichtigsten Figuren des Ensembles. Und das Script hat sich mit ihnen auch  besonders viel Mühe gegeben. Sie sind Prototypen jener Vertreter einer patriarchalen, konservativen bis reaktionären Gesellschaft, die sich grundlegend auf der „richtigen“ Seite wähnen. Ihnen verrät der „gesunde Menschenverstand“, was richtig und was falsch, was gut, was böse ist. Die Dinge liegen für sie offen zutage und wer diese Dinge, die Fakten, wie Cobb sie immer wieder nennt, hinterfragt, wird als Querulant und Störenfried wahrgenommen und denunziert. Fast die interessanteste Figur ist dabei Geschworener Nr.7, Jack Warden, der sich  mit Witzeleien über den Prozeß, die Zweifel, seine Mit-Geschworenen und die ganze Situation lustig  macht und immer wieder deutlich zeigt, daß es ihm nur und ausschließlich um einen schnellen Abschluß des Verfahrens zu tun ist. Er plädiert lange Zeit für schuldig, ist aber, als er merkt, daß die Stimmung kippt und die Sitzung sich noch länger hinziehen könnte, schnell bereit, sein Verdikt zu ändern. Er ist ein Opportunist und  – schwerwiegender –  ein Mitläufer. Begleys Geschworener Nr.10 hingegen ist ein Rassist, der dennoch der felsenfesten Überzeugung ist, sich im Mainstream zu bewegen. Das Drehbuch schreibt ihm immer wieder kleine Äußerungen zu, die die anderen abwerten, ihre Ansichten desavouieren und auch denunzieren. Sie alle sind in seinen Augen entweder dumm, haben keine Ahnung, wovon sie reden, oder aber sie gelten ihm als voreingenommen. Zudem offenbart er eine unglaubliche Arroganz, die jedes demokratische Procedere in Frage stellt.  Und schließlich setzt er zu einer rassistisch  motivierten Tirade an, die alle anderen dazu veranlasst, sich nach  und nach vom Tisch zurück zu ziehen. Er wird zum Paria, zum Ausgestoßenen, der sich entblößt, entlarvt und sein Innerstes als böse verraten hat. Von Vorurteilen zerfressen, voller Ressentiments gegen Minderheiten, sich immer im Besitz höherer Wahrheit wähnend, sitzt er schließlich allein und gebrochen an einem Beistelltisch. Und schließlich ist da Lee J.  Cobb als Geschworener Nr.3. Er ist die wesentliche Figur im Spiel mit Fonda. Er ist aber auch die wesentliche Figur im gesellschaftlichen Spiel des Drehbuchs. Auch er tritt gegenüber den anderen autoritär und herablassend auf, brüllt sie nieder, verhöhnt sie als Weicheier, die nicht die Kraft  und Stärke  besäßen, ein Urteil zu fällen, das eben auch unangenehm sei. Die Todesstrafe eben. An einer frühen Stelle des Films erklärt er einem Sitznachbarn, er würde solche Verfahren gar nicht erst abhalten, man solle die jungen Leute einfach prophylaktisch  verprügeln, dann lernten die ihre Lektionen und verhielten sich anschließend ruhig. Als das Gespräch auf seinen Sohn kommt, den er ebenfalls für verweichlicht hält und sich deswegen Vorwürfe macht, offenbart er eine Erziehungshaltung, die an die der Nazis erinnert. Fonda bringt ihn an einer Stelle des Films soweit, ihn mit dem Tode zu bedrohen – ein Meisterstück psychologischer „Kriegsführung“ – um ihm zu beweisen, wie  schnell solche an sich doch ernsten Äußerungen getan sind. Cobb drückt latente Gewaltbereitschaft aus, vertritt eine Haltung, die dem Stärkeren das Recht gibt, Schwächere zu beherrschen und verzichtet weitgehend auf Argumente, da er, wie Begleys Charakter, der Meinung ist, seine Haltung verstehe sich nicht nur von selbst, sondern stehe auch im Einklang mit der allgemeinen Haltung der Menschen und eben dem „gesunden Menschenverstand“.

Diese drei Typen – Wardens Opportunist, Begleys Rassist und Cobbs faschistoider Allgemeinbürger – sind die prototypischen Vertreter einer reaktionären Gesellschaft. Gegen diese tritt 12 ANGRY MEN an. Dabei setzt er auf die Kraft des Arguments, darauf, daß auch Gegner im politischen Spektrum einer Demokratie erreichbar und adressierbar sind und der Pluralismus als Dach einer demokratischen und rechtsstaatlichen Gesellschaft der Königsweg des Zusammenlebens, der Gemeinschaft sei. Klug, fast wie nebenbei, inszeniert er gesellschaftliche Probleme – vor allem den grassierenden Alltagsrassismus – und lässt sie als Details eines gesamtgesellschaftlichen Diskurses in Erscheinung treten. Dabei sind auch die anderen Vertreter dieser Gesellschaft, sieht man einmal davon ab, daß dies eine rein männlich Veranstaltung ist, eher konservativ gezeichnet. Sie sind „kleine Leute“, die ihr Leben leben, die sich nicht mit den großen Fragen beschäftigen wollen, die ihre Pflicht als Geschworene als lästig empfinden und grundlegend alle bereit sind, erst einmal ein schnelles Urteil zu fällen, um die Prozedur hinter sich zu bringen. Dennoch steht der Film klar in der Verteidigung der liberalen Gesellschaft, die durch McCarthys Kommunistenhatz und die Enge der Konvention, die die 50er Jahr beherrschte, zu ersticken drohte. Mehr noch: Mögen die Geschworenen Nr.3, 7 und 10 auch der Meinung sein, im Sinne des „gesunden Menschenverstands“ die Mitte der Gesellschaft zu verkörpern, behauptet 12 ANGRY MEN das Gegenteil: Die Mitte der Gesellschaft mag konservativ sein, rassistisch ist sie nicht. Man mag andere Meinungen vertreten, doch der Gegner – auch der politische – wird akzeptiert, seine Meinung gehört und bedacht. Fondas Haltung gegenüber Cobb, wenn er ihm in das Jackett hilft, drückt eben genau den Ort der Mitte, des Konsens aus, den Männer wie er, Fonda, besetzen.

Stücke wie dieses drohen meist an ihrer Formelhaftigkeit zu scheitern, daran, daß sie eben Typen, keine Menschen vorführen. So muß man schließlich auf die künstlerische Ebene zurückkehren, um das eigentliche Verdienst des Films zu würdigen: So gut das Drehbuch ist, so genau es in der Beobachtung von Sprachfiguren, Scheinargumenten und Argumenten ist, so genau es Phrasen und Oberflächlichkeit entlarvt, indem es immer wieder die dahinter sich verbergende Leere offenbart – das alles wird, wie bereits angemerkt, erst durch die außerordentliche Leistung des Ensembles lebendig. Es sind die kleinen Gesten, die Genauigkeiten der Darstellung, wenn die dauernde Hitze einzelne immer wieder die Taschentücher zücken, am scheinbar defekten Ventilator spielen, die Fenster aufreißen, das verschwitzte Hemd lüften lässt; es sind die Kleinigkeiten, die Haltungen, mit denen jemand sich auf die Tischkante setzt, an der Wand lehnt, sich übers Gesicht wischt; es sind die Blicke, die man sich zuwirft, die Verachtung, die sich gelegentlich ausdrückt. Jeder in diesem Ensemble füllt seinen Charakter mit Leben aus, auch da, wo das Script ihm keine eindeutige Haltung und keinen Hintergrund zur Hand gibt. Jeder dieser Typen ist trotz der Formel, trotz der Funktion, die er erfüllt, wirklich, glaubwürdig und mit Leben erfüllt. So wird 12 ANGRY MEN zu dem klassischen Exempel filmischer Gesellschaftsanalyse und -kritik, als die er auch heute noch angesehen ist.

Allerdings sollte man abschließend auch anmerken, daß Lumet und Kameramann Boris Kaufman sich durchaus ähnlicher Manipulationen bedienen, wie das Drehbuch selbst. Sie scheuen sich nicht, die Typen und Typisierungen durch gewisse Inszenierungen zu unterstreichen. Zu Beginn des Films sehen wir das Gesicht des Angeklagten – es ist ein Junge, fast noch ein Kind. Kann dieses Kind töten? Während Warden und Cobb sich linkisch bewegen, in ihren eng sitzenden Hemden schwitzen, Begley sich dauernd die Nase putzt, da er einen „Sommerschnupfen“ hat, Robert Webbers Geschworener Nr.12, der Werbefachmann, sich eigentlich mehr mit der kommenden Kampagne beschäftigt und seinen direkten Sitznachbarn Witze erzählt und Ideen für Jingles vorstellt, schreitet Fonda in einem weißen, eleganten Anzug durch den Film. Nie bewegt er sich zu schnell, immer geht von ihm etwas Gravitätisches aus, seine Autorität wird mit jeder seiner Bewegungen unterstrichen. Dieser Mann, daran gibt es keinen Zweifel, ist sich der Größe der Aufgabe, des Gewichts seiner Entscheidung, bewußt. Der Zuschauer weiß also sehr früh, auf wessen Seite er zu stehen hat. Da Henry Fonda zu diesem Zeitpunkt einer der beliebtesten Stars in Hollywood war, wird die Autorität der Figur sowieso von Beginn an ausgestellt. Lumet weiß durchaus, wie man das Image eines Stars und seiner Leinwandpersona nutzt. Man darf also nicht dem Glauben unterliegen, daß die Inszenierung nur und ausschließlich auf die Kraft des Argumentes setzt.

12 ANGRY MEN – und das könnte ihm von heute aus gesehen vielleicht als Schwäche angerechnet werden – erzählt von einer Gesellschaft, die bereitwillig diskutiert. Zwar wollen einige nicht, aber sobald das Verfahren in Gang gesetzt ist, versuchen auch Cobb und vor allem E. G. Marshalls Geschworener Nr.4, argumentativ dagegen zu halten. So setzt der Film eine Gesellschaft voraus, in der Argument und Gegenargument gelten. Zwar gibt es mit Cobbs Ausbrüchen und vor allem Begleys rassistischen Einlassungen auch eine Ebene, auf der das Gespräch, der Diskurs enden, doch im Verhalten aller anderen, die sich von Begley abwenden, kommt zum Ausdruck, daß dies eine Minderheitenmeinung sei und zudem gesellschaftlich geächtet. Eine sehr ambitionierte Annahme.

12 ANGRY MEN ist die Darstellung des Idealtyps der Demokratie: So unterschiedlich man(n) ist, so weit die Meinungen und die Lebenswelten der einzelnen auch auseinander liegen mögen, man wird immer Konsens finden, solange man sich Mühe gibt, die besseren Argumente auf seiner Seite hat und bereit ist, einander zuzuhören. Was aber, wenn die Gesellschaft diese Fähigkeiten, oder einfach nur den Willen dazu, verliert? Vielleicht sollte man den Film heute in Schulen und politischen Seminaren zeigen, oder einfach viel häufiger im Fernsehen, um Gesellschaften, die genau diesen Willen zum Miteinander verlieren zu drohen, an den „common sense“, die grundlegenden Werte eines zivilisierten Miteinanders zu erinnern. Es täte bitter nötig.

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