ELLE

Der Skandal-Regisseur Paul Verhoeven verfilmt den Skandal-Autor Philippe Djian

Die großbürgerlich lebende Produzentin für Video-Spiele Michèle (ISabelle Huppert) wird in ihrem vornehmen Haus am Stadtrand von Paris vergewaltigt. Doch anstatt zur Polizei zu gehen, macht sie zunächst mit ihrem aufreibenden Leben weiter.

In der Firma, die sie gemeinsam mit ihrer Freundin Anna (Anne Consigny) leitet, gibt es Ärger um ein neues Spiel, das nicht den Erwartungen Michèles entspricht, ihre rein sexuelle Beziehung zu Annas Gatten Robert (Christian Berkel) wird ihr zusehends lästig, zudem empfindet sie Anna gegenüber auch ein schlechtes Gewissen. Ihr Sohn Vincent (Jonas Bloquet) arbeitet nicht nur bei einer Fast-Food-Kette, sondern gedenkt mit der schwangeren Josie (Alice Isaaz) eine Michèle nicht genehme, ausgesprochen zickige junge Frau zu heiraten und mit ihrer Mutter Irène (Judith Magre) liegt sie im Dauerclinch. Michèle ist die Tochter eines Massenmörders, den sie seit 30 Jahren nicht gesehen hat. Irène bittet sie immer wieder darum, ihn aufzusuchen, was Michèle rundheraus ablehnt.

Michèle kauft sich ein Pfefferspray und eine kleine Axt, beides nimmt sie fortan mit in ihr Bett, da sie weitere Übergriffe ihres Peinigers befürchtet. Und sie behält recht: Nicht nur gibt der Mann ihr geheime Zeichen, sondern er scheint auch erneut in ihr Haus eingedrungen zu sein. Eines Tages findet sie frisches Sperma auf ihrem Bett. Zudem wird Michèle immer häufiger von Phanatsien eingeholt, in denen sie die Vergewaltigung wieder und wieder durchlebt, immer mit anderen Ergebnissen: Mal schlägt sie den Täter nieder und zertrümmert ihm den Schädel, dannn erniedrigt sie ihn, manchmal gibt sie sich ihm auch hin.

Im engsten Freundeskreis – Anna, Robert und ihr Ex-Mann Richard (Charles Berling) – erzählt sie schließlich von dem Überfall. Vor allem Richard will sich nun als Beschützer aufspielen und wird dabei u.a. Opfer einer Spray-Attacke Michèles, die ihn für den Vergewaltiger hält, als er Posten vor ihrem Haus bezieht.

In der Firma taucht ein bearbeitetes Video auf, ein Ausschnitt des neuen Spiels, in welchem eine weibliche Fantasy-Figur von einem Dämon vergewaltigt wird und Michèles Gesicht über das des Opfers kopiert wurde. Da Michèle ihre Untergebenen nicht unebdingt freundlich behandelt,  und vor allem mit dem gutaussehenden Entwickler Kurt (Lucas Prisor) mehrfach zusammen gestossen ist, vermutet sie den Täter nun in der Belegschaft. Sie setzt den jungen Kevin (Arthur Mazet), der in sie verliebt ist, darauf an, die Accounts seiner Kollegen zu hacken und herauszufinden, wer für das Video verantwortlich ist. Zudem bittet sie ihn, ihr das Schießen beizubringen.

Im Haus gegenüber Michèles ziehen neue Nachbarn ein, es ist ein scheinbar sehr glückliches Ehepaar. Da Weihnachten vor der Tür steht, baut die junge Rebecca (Virginie Efira) mit Hilfe des hübschen und zurückhaltenden Patrick (Laurent Lafitte), ihrem Gatten, eine lebensgroße Krippe im Garten auf.

Michèle beschließt spontan, die beiden zu ihrer Weihnachtsfeier einzuladen.

Auf der Feier kommt es zu verschiedenen Zwischenfällen und Szenen. Michèle flirtet Patrick hemmungslos an, was Robert verärgert, Richard hält betrunken seine ewigen politischen Tiraden, seine neue Freundin Hélène (Vimala Pons) sitzt etwas hilflos daneben, schließlich eröffnet Irène vor den versammelten Gästen, daß sie ihren jugendlichen Liebhaber Ralph (Raphael Lenglet) zu heiraten gedenke. Michèle macht sich darüber lustig, was dazu führt, daß Irène einen Schalganfall erleidet. Der Abend endet auf der Intensivstation eines Krankenhauses.

Am kommenden Tag stirbt Irène und bittet Michèle zuvor noch einmal inständig, ihren Vater zu besuchen. Dem wurde gerade zum wiederholten Male die vorzeitige Entlassung aus der Haft verwehrt. Als Michèle, die den letzten Willen ihrer Mutter  meint erfüllen zu müssen, im Gefängnis ankommt, wird ihr  mitgeteilt, daß ihr Vater sich in der Nacht zuvor aufgehängt habe.

Während der Urnenbestattung Irènes kommt es zwischen Michèle und ihrem Sohn zu einer Szene. Vincent scheint nicht wahrhaben zu wollen, daß das Kind, das Josie zur Welt gebracht hat, nicht seins sein kann, denn es ist schwarz. Vincent macht Michèle schwere Vorwürfe und verlässt die Beerdigung, gefolgt von Anna, die ein fast mütterliches Verhältnis zu ihm hat.

Erneut wird Michèle überfallen, erneut versucht der Eindringling, sie zu vergewaltigen. Es kommt zwischen ihr und ihrem Peiniger zu einer wüsten Auseinandersetzung, bei der es Michèle schließlich gelingt, ihn zu verletzen. Dann zieht sie ihm die Skimaske vom Gesicht, mit der er sich tarnt. Zu ihrer Überraschung ist es Patrick, ihr neuer Nachbar. Der hatte sich einige Tage zuvor noch als sehr hilfsbereiter und fürsorglicher Freund erwiesen, als er ihr geholfen hatte, die Fensterläden ihres Hauses während eines Sturms zu schließen. Dabei sind sich beide nähergekommen, die Flirterei vom Weihnachtsabend schien sich auszuwachsen zu einem echten Verhältnis. Nun schlägt Michèle ihn in die Flucht.

In der Firma findet Michèle eher durch Zufall heraus, daß nicht der von ihr verdächtigte Kurt Urheber des Videos war, sondern ihr „Sonderermittler“ Kevin selbst. Sie konfrontiert ihn mit ihrer Entdeckung, demütigt ihn, lässt ihn aber weiter in der Firma arbeiten.

Vincent zieht eines Tages wieder bei Michèle ein, nachdem Josie ihn verlassen hat und angeblich nach Amerika gegangen ist. Vncent hat das Kind bei sich. Doch plötzlich steht Josie vor der Tür und bezichtigt Vinsent, das Kind entführt zu haben. Sie beleidigt ihn und Michèle und nimmt das Kind dann mit.

Es kommt zu einem Unfall, als ein Hirsch vor Michèles Auto läuft. Verletzt und im Wagen eingeklemmt, ruft Michèle erst Robert, dann Richard an, um ihr zu helfen. Beide sind jedoch nicht erreichbar. Da sie seit dem Tag, an dem sie Zeuge der Taten ihres Vaters wurde, eine tiefe Abneigung gegen die sie ebenfalls verdächtigende Polizei hegt, meldet sie sich schließlich bei Patrick, der auch sofort kommt und ihr hilft. Er bringt sie heim und verarztet ihre Verletzungen. Michèle fragt ihn, weshalb er vergewaltige. Seine ebenso kurze wie lapidare Antwort lautet, es sei „nötig“.

Michèle lässt sich mit ihm darauf ein, seine offenbar immer an Gewalt gekoppelte Sexualität auszuleben. Bei einer weiteren Gelegenheit begibt sie sich mit ihm in seinen Heizungskeller, wo er ihr vornehmlich ein kostengünstiges Modells für das ganze Haus zeigen will. Tatsächlich kommt es in den Kellerräumen aber zu einem erneuten Gewaltausbruch, den Michèle nicht nur über sich ergehen lässt, sondern sogar forciert. Sie will sehen, wie weit er geht, sie will aber auch wissen, wie weit zu gehen sie selbst bereit ist.

Das Video-Spiel, an dem ihre Firma so lange gearbeitet hat, ist endlich fertig. Annna richtet in den Räumen der Firma eine Feier für alle Angestellten und die Freunde aus. Michèle hat lange überlegt, wie sie mit der verqueren Situation, in die sie sich in ihrem Leben manövriert hat, umgehen will. Schließlich hat sie sich entschlossen, tabula rasa zu machen. Sie erklärt Robert, daß es aus sei zwischen ihnen, diesmal wirklich, dann erzählt sie Anna, die ihr zuvor gestanden hatte, Robert des Ehebruchs zu verdächtigen, daß sie die heimliche Geliebte gewesen sei, schließlich verabschiedet sie sich von Richard, der geknickt ist, weil Hélène mit ihm Schluß gemacht hat und von Vincent, der die Party organisiert hat.

Sie lässt sich von Patrick nach hause fahren. Unterwegs eröffnet sie ihm, daß sie einen Schlußstrich unter das bisher Gewesene ziehen und zur Polizei gehen wolle. Sie habe die Lügerei in jeder Hinsicht satt. Patrick nimmt das zunächst wortlos hin, doch als Michèle aus dem Wagen steigt, sieht es für einen Moment so aus, als wolle Patrick sie überfahren.

Im Haus legt Michèle ihre Wintersachen ab und macht sich fürs Bett bereit, als plötzlich der wieder maskierte Patrick vor ihr steht und beginnt, sie zu würgen. Es ist unklar, ob Michèle Patrick erwartet hatte, doch Vincent, der seiner Mutter heim gefolgt war, kann nur eine Vergewaltigung erkennen und erschlägt Patrick mit einem Kantholz.

Michèle belässt es bei der Annahme, sie sei vergewaltigt worden. Weder Vincent, noch der Polizei gegenüber erklärt sie das wirkliche Verhältnis, in dem sie und Patrick zueinander standen.

Als Rebecca wegzieht, tritt Michèle an sie heran und verabschiedet sich von ihr. Rebecca zeigt sich stark in ihrem Glauben und sagt, es werde immer weitergehen. Dann dankt sie Michèle, daß diese Patrick für kurze Zeit habe geben können, was der gebraucht habe – offenbar wusste sie um seine sexuellen Neigungen und auch um das Verhältnis zu der Nachbarin. Dann fährt sie mit dem Speditionswagen ab. Derweil kommen Vincent und Josie mit dem Kind vorgefahren, die  beiden haben sich wieder zusammengerauft und auch das ansonsten angespannnte Verhältnis zwischen Michèle und ihrer Schwiegertochter scheint besser zu sein.

Bei einem gemeinsamen Besuch von Irènes Grab kommen sich auch Michèle  und Anna wieder näher. Anna hat der Freundin verziehen, sich von Robert getrennt und will ihr Haus verkaufen. Sie fragt Michèle, die doch allein in ihrem großen Haus lebe, ob sie nicht bei der Freundin einziehen könne. Gemeinsam spazieren die beiden über den Friedhof.

 

 

Man käme von selbst nicht unbedingt drauf, den Filmemacher Paul Verhoeven und den Autor Philippe Djian zusammen zu bringen. Doch wenn man genauer darüber nachdenkt, macht es Sinn. Der eine ein Regisseur, der immer die Konfrontation gesucht hat, keinem Tabu-Thema aus dem Wege ging und oft genug Skandale auf der Leinwand produzierte, vor allem, indem er die Grenzen des im Mainstream Zeigbaren hinsichtlich der Darstellung von Gewalt auslotete und oftmals überschritt. Der andere ein Autor, der voller Stilwillen aus einem Leben berichtete, in dem Sex eine große Rolle spielt, und der dabei nie davor zurückschreckte, auch in jene Bereiche  zu gehen, die gern als „Pornographie“ gebrandmarkt wurden. Beide sind Tabubrecher, beide haben offenbar großen Spaß an der Provokation. Und so verwundert es dann doch nicht, daß der damals 78jährige Verhoeven einen Text adaptiert, dessen Autor zur Zeit der Veröffentlichung 63 Jahre alt gewesen ist. Zwei alte Männer fantasieren sich eine Frau zusammen, die vergewaltigt wird und anstatt den Täter anzuzeigen und zur Rechenschaft zu ziehen, in ein seltsames sado-masochistisches Spiel mit ihm verfällt, bei dem Rachegedanke allerdings durchaus eine Rolle spielen. Stoff für #MeToo, möchte man meinen.

Als Philippe Djians Eoman „OH…“ 2012 erschien, beendete er damit eine längere Periode eher mittelmäßiger Werke und fand in gewisser Weise zu dem zurück, was einst sein spezifischer „Sound“ genannt wurde. Meister eines eigenen, sehr ausgeprägten Stils, konnte er mit diesem Werk ein erstes Alterswerk vorlegen, das einerseits noch einmal die alten Themen – die Verlorenheit in einem Leben, das ständig Katastrophen bereit hält und immer eine noch schlimmere Wendung nimmt, dem sich der einzelne aber entgegenstemmt und irgendwie, trotz aller Blessuren, die er davon trägt, den Kopf über Wasser zu halten versteht – aufzugreifen wusste, zugleich aber einen neuen, angemessenen Ton für Motive fand, die einem älteren Autor angemessen schienen. Und, was für Djian ein ganz neuer Aspekt war, es gelang ihm, eine unvergleichliche Frauenfigur zu schaffen, die voller Leben einerseits ist, andererseits als Person vielschichtig und zugleich kunstvoll und authentisch. Zuvor galt gerade sein weibliches Personal, angefangen mit Betty aus 37,2° LE MATIN – zu Deutsch BETTY BLUE – 37,2GRAD AM MORGEN, ein Kultbuch der 80er Jahre – als ausgesprochen sexistisch entworfene Männerfantasie. Anders bei Michelle, die erfolgreich, sebstbewußt, stark, ambivalent, komplex und sarkastisch ist. Djian schrieb konsequent subjektiv aus der Sicht dieser Frau.

In der Mitte ihres Lebens scheint alles zusammen zu brechen: Der Sohn heiratet ein Flittchen, in ihrer Firma gibt es Widerstand gegen ihren Führungsstil, ihre Liaison mit dem Mann ihrer besten Freundin und Kollegin Anna nagt an ihrem Gewissen, ihr Ex-Mann ist ein Waschlappen, der ihr hinterher trauert und dennoch mit jüngeren Frauen anbandelt, was Michèle verletzt. Zudem liegt sie im Dauerzwist mit ihrer ebenso exzentrischen wie egozentrischen Mutter Irène, die von ihr verlangt, Kontakt mit dem Vater aufzunehmen, der seit dreißig Jahren im Gefängnis sitzt, weil er bei einem Massaker nahezu 70  Kinder und Jugendliche erschoß. Dann wird sie in den hektischen Wochen vor Weihnachten in ihrem vornehmen Haus am Stadtrand von Paris vergewaltigt und tut zunächst – nichts. Doch in ihr nagt der Wunsch, sich an ihrem Peiniger zu rächen, obwohl sie sich zugleich angezogen fühlt, scheint der Täter doch ein vertracktes Spiel mit ihr spielen zu wollen. Es eröffnet sich eine Möglichkeit, auf gefährliche Art und Weise Kontrolle abzugeben und zurück zu gewinnen.

Harter Stoff, an den sich wohl nur wenige Regisseure herantrauen würden. Und noch weniger Schauspielerinnen finden ließen, die bereit sind, die Rolle adäquat zu spielen. Verhoeven mit seiner eigenen Vita als Skandalnudel scheint also genau der richtige, um das umzusetzen. Und der Film, den er aus der Vorlage gemacht hat, bestätigt die Annahme: Es ist ein Triumph geworden. Das liegt ganz sicher an seiner Inszenierung, der es gelingt, Djians sprunghaften, oft eher episodischen Schreibstil aufzugreifen und in Tempo und Dynamik zu übersetzen. So bleibt die Story bei über zwei Stunden Lauflänge immer spannend, immer unterhaltsam. Zugleich schafft Verhoeven es aber auch, Djians oft hintergründigen, manchmal fast bösartigen Humor auf die Leinwand zu übertragen. Wie der Autor, so bieten auch David Birkes Drehbuch und Verhoevens Umsetzung allerhand Geschmacklosigkeiten, finden aber auch immer Mittel und Wege, selbst Tragisches mit einer humorvollen Seite zu zeigen. Wenn Michèles Mutter Irène während der liebevoll vorbereiteten Weihnachtsfeier ihrer Tochter zusammenbricht, ist das durchaus ein Schlag, wird zugleich aber von Michèle so trocken, gelegentlich sarkastisch kommentiert, daß der Zuschauer gar nicht anders kann, als eben auch zu schmunzeln. Überhaupt gelingt Verhoeven – vielleicht mehr noch als Djians Buch selbst – ein hintergründiger und eben auch zynischer Kommentar auf die moderne Bourgeoisie. Die Feste hier sind exquisit, alle stehen dauernd unter beruflichem Druck, man bewegt sich in den besseren Kreisen des Kulturbetriebs und weiß natürlich immer, welcher Wein zu welcher Gelegenheit getrunken werden muß. Und Stéphane Fontaine fängt dies alles in exquisiten Bildern, die in den fantastischen Set-Dekors nahezu schwelgen, kongenial ein.

Nur moderat hat Birke im Drehbuch die Vorlage  verändert, am auffälligsten ist dabei der Wechsel Michèles vom Filmfach – im Buch ist sie eine Produzentin – zur Entwicklung von Videospielen. Eine Änderung, die aber modern und angemessen erscheint. Und eine Änderung, die hochsymbolisches Potential als Reflektion auf das bereit hält, was Michèle widerfährt. Urkomisch jene Szene, in der sie ihre weitaus jüngeren Angestellten darauf hinweist, daß nicht  genug Blut aus den zerquetschten Köpfen in einem Fantasy-Spiel quelle und man überhaupt mehr zur Sache gehen müsse. Das sei alles nicht  geschmacklos genug. So werden die Figuren in gewisser Weise fast stimmiger, sind besser einzuordnen und ihre Welt ist greifbarer, als dies bei Djian der Fall ist. Allerdings kann man beim Autor auch davon ausgehen, daß er diese Unbestimmtheit genau so haben will. Natürlich muß ein Film hier klarer sein, weil er im Bild eine kohärente Welt entstehen läßt.

Das Bild, das hier entsteht, ist wahrlich das einer dekadenten, selbstgefälligen, ihrer selbst überdrüssigen Bürgerlichkeit, die nicht zuletzt aus Langeweile aus den Fugen gerät. Da schläft eben jeder mit jedem, wird die beste Freundin hintergangen und will der Sohnemann nicht einmal wahrhaben, daß das Kind seiner Freundin nicht sein eigenes sein kann, wenn er die tiefdunkle Hautfarbe des neuen Erdenbürgers sieht. Das helle nach, so sein Kommentar. Der Nachbar wird beim Weihnachtsessen gnadenlos angeflirtet und niemand gibt sich sonderlich Mühe, mit seiner Meinung über den andern, die selten zugewandt ist, hinter dem Berg zu halten. Besonders giftig wird das Ganze, wenn man als Zuschauer irgendwann den Eindruck gewinnt, die einzig „normale“ Person, die halbwegs glücklich ist in diesem Reigen, sei die tiefreligiöse Nachbarin, die selbst die Untaten ihres Mannes verzeihen kann. Daß das alles schließlich in Mord und Totschlag endet, ist fast schon zwangsläufig.

Keine der großen Hollywood-Schauspielrinnen wollte die Michèle spielen, obwohl man sich eine Nicole Kidman gut in dieser Rolle vorstellen kann. So übernahm Isabelle Huppert den Part und es ist ein Glück. Die mittlerweile neben Catherine Deneuve als Grand Dame des französischen Kinos zu betrachtende Actrice legt in den vergangene Jahren eine Meisterleistung nach der anderen hin, doch hier übertrifft sie sich selbst. ELLE kann problemlos als Hupperts Film betrachtet werden. Sie scheut sich nicht vor Nacktheit auch im fortgeschrittenen Alter, spielt teils abstruse Sexszenen mit einer unfassbaren Würde, zeigt sich hässlich und verletzlich und ist manchmal kaum wieder zu erkennen. Sie verleiht dieser Frau die Wahrhaftigkeit und Tiefe, die Philippe Djian ihr eingeschrieben hat. Sie scheint seine Vorlage sehr, sehr genau verstanden zu haben, durchdrungen zu haben, was für eine wunderbar genaue Persönlichkeit dem Autor mit Michèle gelungen ist. Diese Person ist vielschichtig in ihrer Egozentrik, in der sie der Mutter kaum nachsteht, sie ist verletzlich und bösartig zugleich, sie ist kalt zu den Männern, die in diesem Film wahrlich kein gutes Bild abgeben, sie ist scharf zu ihren Untergebenen und zugleich eine Frau voller Kraft und Selbstvertrauen. Sie hat die Dinge in der Hand, und wo sie sich als schwach empfindet – zwangsläufig während der Vergewaltigung – weiß sie es mit einer sehr lebhaften Phantasie auszugleichen, in der es ihr gelingt, den Vergewaltiger mal zu erniedrigen, mal seinen Schädel zu zertrümmern und auch, sich ihm hinzugeben. Und sobald sie sein Spiel zu spielen beginnt, hält sie die Trümpfe eh in der Hand, denn einer Frau, die auf seine Gewalt und Brutalität eingeht, hat der Kerl nichts entgegen zu setzen.

Er ist letztlich auch kein wirklicher Gegner für Michèle. Seine Motivation, die weder Buch noch Film je näher erklären – vielleicht ist er krank, vielleicht auch nicht – , bietet definitiv eine weitere Variante jenes Leitmotivs, das Djians Schreiben immer schon begleitete: Dünn ist der Firnis der Zivilisation. So scheint auch er ein Endprodukt bürgerlicher Erziehung, bürgerlicher Konvention, bourgeoisen Lebens. Nach der Verfeinerung, so scheint es, bleibt unr der Rückfall in die Barbarei. Und mit der scheint sich Michèle als Tochter eines Massenmörders,  die von der Öffentlichkeit immer verdächtigt wurde, möglicherweise an den Untaten beteiligt gewesen zu sein, ja bestens aus. Umso herrlicher und in gewisser Weise lustig ist dann auch die Auflösung dieses Spiel zwischen Peiniger und Opfer, die Verhoeven, sonst ein Meister der Eskalation, fast antiklimaktisch inszeniert. Michèle kommt irgendwann zu dem Schluß, Ordnung in ihr Leben bringen zu müssen – und wird  gnadenlos ehrlich. Ihrem Sohn und seiner zickigen Verlobten erklärt sie offen, daß dieses Kind nicht von ihm sein kann, ihrer Freundin Anna sagt sie die Wahrheit über ihr Verhältnis  zu deren Gatten, den wiederum serviert sie ab und dem da schon längst enttarnten Vergewaltiger teilt sie kühl mit, daß dieses Spiel nun ende, sie ginge zur Polizei. Daß der daraufhin die Situation auf die Spitze meint treiben zu müssen, kann nur ihm schlecht bekommen, denn eines ist klar: Einer Frau wie Michèle kann man vielleicht mit Gewalt eine Zeit lang beikommen, sie besiegen kann man(n) nicht.

Paul Verhoeven hat genau erkannt, worauf das alles hinaus läuft: Was wie eine Neuordnung wirkt, ist erstmal die Zerstörung eines in sich funktionierenden Systems. Am Ende dieses Films gibt es ein paar Tote, einige eines natürlichen, einer eines gewaltsamen Todes gestorben, einen Haufen zerstörter Beziehungen und eine Frau, die dank ihres Glaubens ein neues Leben beginnen kann. Nur die Freundschaft zwischen Michèle und Anna, die ist intakt. Denn einer wahren Freundschaft kann nichts und niemand etwas anhaben. So entlässt uns Verhoeven mit einem versöhnlichen Bild aus einem Film, der unter einer erlesenen Oberfläche und tausenderlei versteckter Boshaftigkeiten eine reine Zumutung ist. Brillantes europäisches Kino.

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