FREE STATE OF JONES

Nach einer wahren Begebenheit erzählt Gary Ross von einer Utopie mitten im amerikanischen Bürgerkrieg

Newton Knight (Matthew McConaughey) desertiert aus den Reihen der konförderierten Armee, nachdem er seinen Neffen auf dem Schlachtfeld hat sterben sehen und zudem gewahrt wird, daß die Söhne der reichen Farmer – gemessen an den Sklaven, die sie besitzen – vom Kriegsdienst befreit werden. Er kehrt zurück in sein Heimatcounty Jones, Mississippi, zu seiner Frau Serena (Keri Russell) und dem gemeinsamen Sohn.

Knight wehrt sich gegen als Steuern erhobene, den Bauern durch die Rebellenarmee abgepresste Abgaben von Schweinen und Mais. Die Eintreiber rächen sich, indem sie eine Farm abbrennen. Knight lässt es daraufhin auf eine Konfrontation ankommen und muß anschließend in die Sümpfe fliehen. Er gilt als Verbrecher, Deserteur und Aussätziger. Die Sklavin Rachel (Gugu Mbatha-Raw), in die Knight sich ein wenig verguckt hat, nachdem es ihr gelungen ist, seinen schwer erkrankten Sohn zu retten, hilft ihm dabei.

In den Sümpfen trifft er auf eine Gruppe entflohener Sklaven, deren Anführer Moses Washington (Mahershala Ali) ist. Hier findet Knight Hilfe und Versorgung für seine auf der Flucht erlittenen Verletzungen. Er revanchiert sich, indem er Washington von dessen eiserner Halskrause befreit.

Zunehmend finden sich immer mehr Deserteure in den Sümpfen ein. Nach dem Fall von Vicksburg glauben immer weniger Männer an einen Sieg der Konföderation. Knight formt eine Art Bataillon aus den Deserteuren und den Sklaven. Allerdings herrscht eine Distanz zwischen den weißen und den schwarzen Männern, die bis zu offenen Konfrontationen reicht.

Knights Männer überfallen Konvois der Konföderierten und rächen damit auch den Raub der Einkünfte ihrer Farmen. Es wird eine Einheit unter dem Kommando des Colonels Robert Lowry (Wayne Père) eingesetzt, den Aufstand niederzuschlagen. Lowry regiert mit harter Hand und scheut nicht einmal davor zurück, Kinder, die sich ergeben haben, aufzuhängen. Schließlich bereiten Knights Männer ihm und seiner Einheit eine Falle und bringen den Großteil der Soldaten gnadenlos um. Auch Lowry wird von Knight persönlich getötet.

Serena und der gemeinsame Sohn verlassen das County. Doch kehrt sie später zurück, da sie auch in Georgia nicht glücklich werden konnte. Knight, der sich in den Sümpfen mit Rachel zusammen getan hat, nimmt Frau und Sohn wieder auf, fordert von ihnen aber, sein Verhältnis mit Rachel, die er nicht heiraten darf, zu akzeptieren. Serena willigt ein.

Knight ruft mit Moses´ Unterstützung den ‚Free State of Jones‚ aus – eine Gemeinde freier Männer, in der alle gleich sind, wo jedem exakt das gehört, was er gepflanzt und aus dem Boden geholt hat. Bis zum Kriegsende kann sich der ‚Free State‚  behaupten, zerfällt dann aber, sobald die Kriegshandlungen für beendet erklärt werden.

Nach  dem Krieg versucht Knight weiter geegen die Rasseniungleichheit zu kämpfen, doch selbst jene Männer, die sich ihm einst angeschlossen hatten, stellen sich nun gegen ihn und seinen Freund Moses. Einige bilden eine Gruppe sich vermummender Männer, die sich ‚Ku Klux Klan‚ nennt und Häuser und Kirchen der Schwarzen angreifen und abbrennen. Schließlich wird Moses von einem Mob gelyncht, während er versuchte, möglichst viele Schwarze dazu zu bringen, sich für die Wahlen registrieren zu lassen.

Newton Knight und einige wenige Verbündete erzwingen schließlich mit Waffengewalt, daß die registrierten Schwarzen ihr Recht auf freie Wahl wahrnehmen können. Die Ballade von John Brown singend ziehen sie vor das Wahllokal.

Im Jahr 1948 muß sich Davis Knight (Brian Lee Franklin), ein Urgroßenkel von Newton Knight, vor einem Gericht in Mississippi verantworten, weil er trotz „Negerbluts“ eine Weiße geheiratet hat. Der Kampf geht weiter…

Spätestens seit den 50er Jahren, in gewisser Weise aber auch schon sehr viel länger, hat Hollywood sich gern problem- , ja sozialbewusst gegeben. Ein Studio wie die Warner Bros. goss sozial bewusste Stories in den 1930er Jahren in aufregende und oft packende, actiongeladene Filme wie I WAS A FUGITIVE FROM A CHAIN GANG (1932). In den 1950er Jahren kamen dann die didaktisch wertvollen Filme hinzu, man kümmerte sich – um Antisemitismus (GENTLEMAN`S AGREEMENT/1947), Rassismus (NO WAY OUT/1950) und sogar Homosexualität, wenn auch nur indirekt und bedingt (CAT ON A HOT TIN ROOF/1958). Die meisten dieser Filme funktionierten streng nach den Regeln des Hollywood-Melodramas oder Krimis, die angesprochenen Problematiken wurden meist nur soweit verhandelt, daß die Filme definitiv funktionierten, ohne ein breites Publikum zu verstören oder gar abzustoßen. Einige sind heute Klassiker, andere sind eher leidlich gealtert. Spätestens in den 1980er Jahren kam mit Filmen wie Richard Attenboroughs CRY FREEDOM (1987) oder Steven Spielbergs THE COLOR PURPLE (1985) das moralisch korrekte Drama oder Biopic auf. Sie halten sich bis heute. In regelmäßigen Abständen werden wir mit Filmen versorgt, die uns das wohlige Gefühl geben, auf der richtigen Seite zu stehen, indem sie uns sehr genau zeigen, wer die Guten, wer die Bösen sind im großen Spiel der vorder- wie hintergründigen Mächte. Neueren Datums sind Filme wie 12 YEARS A SLAVE (2013) oder der als Horrorfilm getarnte GET OUT (2017) zu nennen; Filme, die dem Zuschauer kaum mehr Luft zum Atmen, geschweige denn Denken lassen, derart breit ausgewalzt wird ihm die Message präsentiert, geradewegs eingehämmert.

Leider ist auch Gary Ross´ FREE STATE OF JONES (2016) in dieser Riege einzuordnen. Es dauert keine zehn Minuten, in denen uns allerdings überdeutlich die Gräuel des Sezessionskriegs präsentiert werden, dann haben wir kapiert, daß die Hauptfigur Newton Knight ein einfacher Mann aus dem Süden ist, der das Herz am rechten Fleck trägt. Und also natürlich längst kapiert hat, daß er seinen Kopf für die Reichen und deren Geschäftsmodell – die Sklaverei nämlich – hinhält. Selber hält Newton keine Sklaven und hat dann auch kein kulturelles Problem damit, sich schnell an die Gleichwertigkeit schwarzer Männer zu gewöhnen, obwohl er aus einem gesellschaftlichen Hintergrund stammt, in dem Schwarze nicht mal als menschliche Wesen wahrgenommen wurden, sondern als Ware. Schließlich nimmt er eine Art Guerilla-Krieg gegen die Konföderation auf, fällt damit der „ehrenwerten Sache“ in den Rücken und stellt sich damit praktisch außerhalb dieser seiner angestammten Gesellschaft. Seine Art der Rebellion gegen die Rebellion kulminiert darin, daß er den „Free State of Jones“ ausruft – eine Art Republik, in der alle gleich sind, egal welcher Rasse oder Hautfarbe, wo es keine Armut geben soll und in der ein jeder und eine jede gleiche Rechte genießen.

Die Story basiert lose auf wahren Begebenheiten, der Film beruft sich im Vorspann explizit auf mehrere Werke, die vom „Free State“ berichten, wurde von Ross, der auch das Script schrieb, jedoch verdichtet, um dem Publikum eine dramatisierte Version der Geschichte präsentieren zu können. So wurde bspw. Robert Lowry bei dem Überfall auf seine Einheit nicht getötet. Allerdings hebt sich Ross´ Buch und sein daraus resultierender Film doch angenehm von vielen anderen gutgemeinten, moralisch „richtigen“ Filmen ab, indem es ihm gelingt, einen weiten Zeitraum zu umspannen und somit die Entwicklungen vor allem nach 1865 und dem Ende des Bürgerkriegs zu reflektieren. Er zeigt die Zerwürfnisse, die Uneinigkeiten, die Verluste und den in Folge der sogenannten ‚Reconstruction‘ entstehenden Rassismus, der schließlich in der Gründung einer Gruppe wie dem Ku Klux Klan gipfelte, der für etliche Morde an Schwarzen, die es wagten, ihre neu errungenen Rechte auch in Anspruch zu nehmen, verantwortlich zeichnete. Im gesamten Film nimmt der „Free State“ selbst nur einen eher kurzen und untergeordneten Raum ein, wird auch nicht beschönigt oder als gelungene Umsetzung utopistischer Ideen, sondern als aus der Not geborene Gemeinschaft dargestellt.

In Alan Parkers sich ebenfalls auf der „richtigen“ Seite positionierenden, aufgrund grandioser Schauspielerleistungen und eines brillanten Buchs jedoch enorm intensiven Films MISSISSIPPI BURNING (1988) gibt es eine Szene, in der der ältere und erfahrene FBI-Agent Anderson, der selber aus dem Süden stammt, seinem jüngeren und idealistischen Kollegen Ward zu erklären versucht, woher der fürchterliche Hass kommt, der diese Gesellschaft im Süden so vergiftet und schließlich sogar zu Mord und Totschlag treibt. Er erzählt eine Geschichte von seinem Vater, der einem benachbarten Bauern, einem Schwarzen, dessen Esel vergiftet, weil seine Kumpel ihn damit aufziehen, daß der andere mehr Waren zum Markt transportieren kann. Nachdem der Esel tot ist, spricht niemand Andersons Vater mehr auf das Tier oder den Nachbarn an und der Alte äußert sich ebenfalls nur ein einziges Mal und sagt zu seinem Sohn: Was ist ein Mann wert, wenn er weniger als ein Ni***r besitzt? Arm seien sie beide gewesen, konstatiert Anderson, aber genau dort sei die Wurzel des Hasses zu finden: In der Armut. FREE STATE OF JONES nimmt diese Aussage, ohne sich direkt auf den älteren Film zu beziehen (zu dem er dennoch in einer seltsamen Korrespondenz zu stehen scheint), ausgesprochen ernst.

Die Konföderation gab vor, für einen bestimmten ‚way of life‘, eine Lebensart, zu kämpfen. De facto kämpfte sie aber für ein Wirtschaftsmodell, das nur durch die „Institution“ der Sklaverei aufrecht zu erhalten war. Dabei waren es kaum mehr als 15% der Südstaatenfarmer, die wirklich Sklaven im großen Maßstab hielten. Das Gros der Farmer waren sogenannte Yeoman-Farmer, also solche, die ihre Felder ohne Sklaven bewirtschafteten, wie eben auch Newton Knight. Doch gerade diese mussten auf den Schlachtfeldern eines der fürchterlichsten Kriege der Neuzeit ihr Leben opfern. Dazu wurde ihnen eingeredet, der Norden würde den Süden überschwemmen, die Yankees würden das rurale, langsame und oft behäbige Leben des Südens zerstören und sie unterjochen, zu Lohnsklaven der den Norden bestimmenden Industrialisierung machen. Tatsächlich entwickelte sich die amerikanische Gesellschaft wirklich in diese Richtung nach Beendigung des Krieges, nicht zuletzt, weil die Union und ihre Anführer, allen voran Abraham Lincoln, keine Idee davon hatten, wie sie mit Hundertausenden befreiter Sklaven umgehen wollten, wie sie sie in Lohn und Brot bringen und in eine Gesellschaft eingliedern sollten, die selbst dort, wo sie für die Befreiung dieser Menschen gekämpft hatte, wenig Sympathien für sie hegte.

FREE STATE OF JONES trägt genau diesem Dilemma Rechnung. Er zeigt, wie man zwar Zweckbündnisse eingehen muß, das aber noch lange nicht bedeutet, daß man seine Verbündeten mag. Schon in Knights Camp in den Sümpfen wird schnell klar, daß die Männer, die desertiert sind, um nicht mehr auf den Schlachtfeldern für die Großgrundbesitzer den Kopf hinhalten zu müssen, noch lange keine Freunde schwarzer Menschen sind. Im Gegenteil. Der Rassismus als immanenter Bestandteil, ja, möglicherweise konstituierender Bestandteil dieser Gesellschaft des Südens, wird überdeutlich ausgestellt. All das gelingt dem Film in durchaus dramatischen Zuspitzungen und Entwicklungen. Besonders eindringlich aber sind plötzliche Sprünge ins Jahr 1948, als ein Nachfahre von Knight vor Gericht um den Bestand seiner Ehe kämpfen muß, da er „ein Achtel Negerblut“ in sich trägt – er ist ein Abkömmling der Verbindung von Knight und Rachel – und deshalb im Staat Mississippi keine „rein weiße Frau“ heiraten darf. Diese Brüche, die insgesamt vier Mal im Film vorkommen, sind zunächst verunsichernd für den Zuschauer, ergeben aber besonderen Sinn, da sie die Kontinuität rassistischer Ressentiments im Süden der USA belegen und damit vor allem bezeugen, wie vergeblich der Kampf des Newton Knight in seiner Zeit gewesen ist. Mit dem Wissen aber, daß der Kampf der Bürgerrechtsbewegung – den eben Filme wie MISSISSIPPI BURNING so intensiv zu dokumentieren und zu feiern suchen – schließlich dort hin geführt hat, wo wir heute stehen, also immer noch weit davon entfernt, Rassismus und Hass überwunden zu haben und doch schon ein gewaltiges Stück weiter, kann man Newton Knight, mehr noch seinen Freund Moses Washington, durchaus als frühe Vorläufer modernerer Bürgerrechtler begreifen.

Trotz all dieser Verdienste und Vorteile fehlt dem Film aber eine gewisse Kongruenz, ein innerer Spannungsbogen. Zu schnell werden die Entwicklungen durchgehechelt, zu dynamisch geht das eine ins andere über, wobei manchmal Jahre übersprungen werden. Hinzu kommt eine bei aller Akkuratesse oft zu glatte, zu saubere Mise-en-Scène. Wie es schon Filme wie GETTYSBURG (1993) problematisch mit sich brachten, ergeht es auch Ross´ Werk: Man kommt nicht umhin, sich bei einer der Schauübungen und dem Nachstellen historischer Schlachten durch eine Hobbyarmee aus Freizeithistorikern zu wähnen. Betrachtet man zeitgenössische Fotografien, sieht man den Dreck, die zerrissenen Figuren, die von den Schlachtfeldern zurückkamen, man sieht das Blut und die zerschlissene Kleidung. Hier, in Ross´ Film, sieht das alles erstaunlich sauber und unzerstört aus. Allzu pittoresk, allzu prätentiös kommt das daher und kann nur selten den Eindruck vermitteln, daß wir als Zuschauer einen Einblick in jene Tage zwischen 1862 und 1879 erhalten, die der Film abzudecken vorgibt. Nie kann er den Eindruck verhindern, genau das zu sein, was er ist: Eine Nachstellung, eine Darstellung. Da kann auch die extreme Härte, die er gelegentlich ausstellt, nur schwerlich von ablenken. Was an Dreck auf den Uniformen fehlt, wird sozusagen mit Kunstblut und einer wirklich beeindruckenden Maske bei offen liegendem Gedärm, abgerissenen Gliedern und zerfetzten Gesichtern wett gemacht.

FREE STATE OF JONES versucht in bester „es beruht auf wahren Begebenheiten“ –Manier, von einem dunklen Kapitel US-amerikanischer Geschichte zu erzählen, davon, wie ein paar Männer schwarzer wie weißer Hautfarbe versuchten, mitten in einem furchtbaren Bruderkrieg ihre Menschlichkeit zu bewahren und schlußendlich scheiterten, ja, scheitern mussten. Er tut dies in angemessenen Bildern, mit guten bis sehr guten Darstellern und sehr viel Gefühl, vor allem aber in allerbesten Absichten. Es gelingt ihm, eine Entwicklung aufzuzeigen – vom Krieg und der unmittelbare Nachkriegszeit, über die ‚Recontruction‘ und der damit einhergehenden Bildung einer Vereinigung wie dem Ku Klux Klan, bis in die hohen 1870er-Jahre, als sich der Süden lange bereits wieder als eben jene Feudalgesellschaft rekonstruiert hatte, die statt auf Sklaverei auf schlecht bezahlte Arbeiter und ein Ausbeutungssystem setzte, das dem vormaligen in kaum etwas nachstand – die im Süden bis heute spürbar ist.

Dennoch ist er aber eben auch ein Beispiel für all jene gut gemeinten Filme, die sich ihrer Haltung so sehr bewusst sind. Wobei es ihn dann wieder ehrt – und auch das sei erwähnt – daß er nicht versucht, ein Happy End zu malen, wo es keins gab und im Grunde bis heute nicht gibt. Mögen die schwarzen Männer am Ende des Films auch – unter Waffengewalt – ihr Wahlrecht wahrnehmen, es will keine Stimmung, kein Pathos aufkommen, wenn sie „John Brown´s Body“ anstimmen. Hohl und verloren klingen ihre Stimmen in den Straßen eines verdreckten Kaffs, irgendwo im Süden. FREE STATE OF JONES – und das ist bei Weitem sein größter Verdienst – beschönigt die Entwicklungen in keinem Moment. Am Ende kehrt er noch einmal in den Gerichtssaal im Jahr 1948 zurück, wo erneut ein Kampf zu Ungunsten größerer Toleranz und Freiheit zwischen den Rassen und Geschlechtern verloren geht. So bleibt der Film selbst eine Episode, die von einer Episode in einem noch lange nicht beendeten Kampf erzählt. Nicht mehr eben und auch nicht weniger – leider.

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