GAULAND. DIE RACHE DES ALTEN MANNES

Olaf Sundermeyer portraitiert Alexander Gauland

Olaf Sundermeyer, Journalist und Publizist, in diversen Talkshows gerne als „Experte für Rechtsextremismus“ angeführt, hat sich in seinem neuesten Buch einer Figur angenommen, die man getrost als Spiritus rector jener Partei bezeichnen kann, die sich anschickt, die politische Landschaft in Deutschland wenn nicht umzukrempeln, so doch maßgeblich zu beeinflussen und zu verändern: Alexander Gauland, seines Zeichens Bundessprecher der ‚Alternative für Deutschland‘, kurz AfD.

Nun wird der interessierte Leser – und damit hat man schon den problematischen Kern eines Buchs wie diesem freigelegt, denn es wird grundlegend nur interessierte Leser finden – sich wahrscheinlich schon eingehend mit der Führungsriege dieser doch  noch jungen Partei beschäftigt haben, nicht zuletzt deshalb, weil sich dort teils schillernde, teils traurig gescheiterte Figuren tummeln. Andererseits wechselt das Führungspersonal gelegentlich so schnell, daß man kaum nachkommt mit dem Informieren und jenen, die sich halten können, umso mehr Interesse entgegen bringt.

Geht man einmal davon aus, daß grundlegend immer ein psychologisches Muster dahintersteckt, wenn Menschen sich zur Politik und öffentlichem Wirken hingezogen fühlen, eher selten wirkliche und tiefe Überzeugungen, so kann man gerade bei der AfD ein exemplarisches Sammelsurium solcher psychologischen Beweggründe ausmachen. Sieht man einmal von Björn Höcke ab, dem maßgeblichen Vertreter des äußerst rechten „Flügels“ der Partei, den scheinbar wirklich zutiefst ideologische Überzeugungen umzutreiben scheinen, die an nationalsozialistisches Gedankengut anschließen, kann man schon gewisse Muster erkennen. Da ist eine Alice Weidel, die in ihrer obsessiven Art, „messernde Muselmänner“ anzugreifen, so wirkt, als treibe sie eine tiefsitzende Verletzung um, da steht ein Professor Jörg Meuthen, der alle Anzeichen des in der Midlife crisis steckenden Herrn aufweist, und sich offenbar, nachdem ihm der Hörsaal als Bühne zu klein ward, ein neues Podium suchen musste, es zeigt sich Beatrix von Storch, die wohl von einem Deutschland lange vor 1933 träumt, eher um 1864, wo die Ständegesellschaft noch in Ordnung war und ein jeder wusste, wo sein Platz, der angestammte, war. Dahinter gibt es eine Riege von weniger bekannten Männern, weniger Frauen, die bei genauem Hinsehen oft wie gescheiterte Existenzen wirken, die in ihren Fachbereichen nicht erreicht haben, was sie sich wohl einmal ausgemalt hatten, oder in Konflikte mit der Gesellschaft und dem Gesetz geraten sind.

Und schließlich also Alexander Gauland. Fleisch vom Fleische der CDU, noch dazu der einst ausgesprochen konservativen Hessen-CDU eines Alfred Dregger, Manfred Kanther oder Walter Wallmann, dem Gauland sowohl in dessen Zeit als Frankfurter Oberbürgermeister diente, als auch in der hessischen Staatskanzlei. Daß Gauland damals als eher liberaler Vertreter in diesem Landesverband galt, ist hinlänglich bekannt. Daß er kaum Beziehungen in die Partei hinein unterhielt, zwar ein Netzwerker, jedoch kein parteipolitischer war, ebenfalls. Gauland wirkte hinter den Kulissen, musste nie Wahlen bestehen, enthielt sich meist auch innerparteilichen Intrigen und Grabenkämpfen, sondern suchte sich seine Allianzen abseits der herkömmlichen Wege. Er galt – und gilt nach wie vor – als Intellektueller, zu fein für die Niederungen parteiinterner Auseinandersetzungen. Auch, daß er sich, nachdem die sogenannte „Merkel-CDU“ immer stärkere Ausprägung gewann und die konservativen Kreise in der Partei zusehends marginalisiert wurden, vergrämt abwandte und aus der Partei, die immerhin über 40 Jahre seine politische Heimat gewesen ist, austrat, ist dem Interessierten geläufig.

Sundermeyer erzählt all diese Entwicklungen noch einmal nach, macht sie greifbar und be-greifbar, und schließlich kommt er zu dem Schluß, den politisch Interessierte eben selber längst schon gezogen haben: Gauland ist eine Art Oskar Lafontaine von rechts. Wie sich jener einst der Linken anschloß und die Parteiwerdung aus dem Bündnis von PDS und WASG vorantrieb, um sich von der SPD abzugrenzen und dieser zugleich zu schaden, so trieb es Gauland schließlich in eine rechtskonservative, damals aber keineswegs rechtsextreme Partei, wo er sich und seine Anliegen wiederfand. Seine Beweggründe sind also andere, als die von Björn Höcke, Jörg Meuthen, Alice Weidel oder Beatrix von Storch. Gauland will die CDU, vor allem jene in personam Angela Merkel, bekämpfen. Er will sie, so seine Aussage am Abend der Bundestagswahl 2017, „jagen“. Das ist sein Movens und dafür ist er bereit, sehr, sehr weit zu gehen. Da Gauland, anders, als die oben Genannten, mit seinen jetzt 77 Jahren im Grunde keine (politische) Zukunft mehr hat, sind ihm Mittel und Methoden und das, was daraus erwächst, im Grunde eben auch egal. Er nutzt eine Figur wie Höcke, wo sie ihm dienlich ist, ohne Rücksicht darauf, was dessen Wirken für die bundesdeutsche Parteienlandschaft oder die Gesellschaft in diesem Land bedeutet. Er bedient, wenn es ihm dienlich erscheint, ausländerfeindliche Ressentiments, nennt das 3. Reich einen „Vogelschiß in 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“ und gibt sich leutselig, wenn er auf seine diversen Ausfälle und Angriffe auf Andersdenkende angesprochen wird. Wie kühl er Kritik  abperlen lässt, bewies er vor allem in jenem „Sommerinterview“, in dem der ZDF-Journalist Thomas Walde ihn zu Fragen von Digitalisierung, Miete und Mietpreisbremse oder Rentenkonzepten befragte und Gauland zu keinem dieser Themen etwas zu sagen wusste, sie ihn augenscheinlich auch nicht interessierten. Warum auch? Es sind Themen, die einen 77jährigen nur noch peripher tangieren. Pflichtschuldigst wies er anderntags darauf hin, es seien ihm ja die „falschen“ Fragen gestellt worden, doch auch da merkte man, daß es ihm grundlegend egal ist, wie er beim Zuschauer ankommt.

All das ist bekannt, all das wurde in den Medien breit besprochen. Da nun aber eher Interessierte ein Buch wie das Sundermeyers lesen, ist der faktische Zugewinn bei einer Lektüre wie dieser eher marginal. Am interessantesten ist das Buch da, wo der Autor aus Gaulands Vorgeschichte berichtet und ihm intellektuell auf die Pelle rückt, also verdeutlicht, daß man es hier keinesfalls mit einem ideologischen Rechten zu tun hat, sehr wohl aber mit einem belesenen und sehr kultivierten Mann, der gutes Essen und eine gepflegte Konversation zu schätzen weiß. Jene, die die Jahre in Frankfurt behandeln, wo Gauland eher als Brückenbauer zu Linken und sogar Grünen galt, aber auch seine Rolle in jenem Skandal, der als „Affäre Gauland“ in die hessischen Annalen einging und von Martin Walser in dessen Roman FINKS KRIEG verarbeitet wurde, sind die interessanteren Abschnitte in Sundermeyers Buch. Hinzu kommen die Beschreibungen des jungen Alexander Gauland, der, geboren in Chemnitz, einst  aus der DDR floh, unter vergleichsweise schwierigen Bedingungen Jura studierte, früh schon seine Vorliebe für die britische Lebensart und  englisches Traditionsbewußtein entdeckte und kultivierte und schließlich, auf Umwegen über das Presseamt der Bundesregierung, an parteipolitische Arbeit kam. Diese Kapitel überzeugen und können auch fesseln.

Doch kann Sundermeyer dem Bild, das sich in den letzten Jahren von Alexander Gauland ergeben hat – eben jenem des „bösen alten Mannes“, der auf einem persönlichen Rachefeldzug ohne Rücksicht auf Verluste einreißt, was ihm nicht gefällt – kaum Neues hinzufügen. Damit hat er eben genau jenes Problem, das Bücher dieses Kalibers – eher Portrait, denn Biographie – immer haben. Es ist ein interessanter Beitrag, eher ein Hintergrundbericht, zu einem umfassenden politischen Diskurs, der das Land wahrscheinlich noch länger beschäftigen wird. Nicht weniger als das, aber eben auch nicht mehr.

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