OKINAWA/HALLS OF MONTEZUMA

Lewis Milestone erzählt vom Krieg im Pazifik

April 1945, die Amerikaner planen die Invasion von Okinawa, letzte Bastion der japanischen Verteidigung vor den Hauptinseln. Der ehemalige Lehrer Lieutenant Anderson (Richard Widmark) wird seine Leute in einer der frühen Angriffswellen an den Strand führen. Sein ehemaliger Schüler Captain Conroy (Richard Hylton) will sich krank melden, Anderson verwickelt ihn in einen Disput über das Wesen des Soldatischen und warum es sich lohnt, sich manchmal zu überwinden. Anschließend versichert sich Anderson bei Doc Jones (Karl Malden), ob der die Tabletten dabei habe, die Anderson gegen seine chronischen Kopfschmerzen brauche. Die Landung gelingt, die Japaner können zunächst vom Strand vertrieben und ins Inselinnere gedrängt werden. Doch schließlich kommmt der amerikanische Vormarsch zum Halten, da die Japaner über weitaus bessere Raketen und Granaten verfügen, als die Aufklärung den Truppen mitgeteilt hatte. Unter japanischem Granatbeschuß wie festgenagelt, müssen sich Lieutenant Colonel Gilfillan (Richard Boone) und die Leute im Hauptquartier überlegen, wie man die gegnerische Raketenbasis ausschalten kann, bevor der Angriff der Haupttruppen beginnt. Diese dürfen um keinen Preis offen in den Beschuß laufen. Anderson wird beauftragt, die Raketenbasis zu ermitteln. Dazu macht er gemeinsam mit Sergeant Johnson (Reginald Gardiner), einem leicht exzentrischen Mann, auf einer Patrouille japanische Gefangene. Bei der Gefangennahme erblindet ein Mann, mehrere Japaner werden getötet. Während des Rückwegs ins Lager kommt es zu diversen Zwischenfällen. Ein Mann wird durch Scharfschützenbeschuß derart wirr, daß er die Gefangenen erschießen will, was sein bester Freund verhindert. Dabei löst sich ein Schuß und tötet den Wirren. Doc Jones wird schwer verwundet und stirbt, gibt dem Kriegsberichterstatter Dickerman (Jack Webb) zuvor aber noch eine Nachricht an Anderson.  Nach diversen Einlassungen und falschen Annahmen, gelingt es mit Hilfe eines Kartenlesers, die Stellungen auszumachen und die Koordinaten an die Aufklärung durchzugeben. Bevor die Luftwaffe die Raketenstellung zerstören kann, kommt es erneut zu scharfem Beschuß der amerikanischen Stellungen. Dabei wird Conroy getötet. Anderson droht die Fassung zu verlieren, doch Dickerman liest Doc Jones´ an Anderson gerichtete Worte laut vor. Diese ermahnen Anderson, seiner selbst und dem Mut, der ihn auszeichne treu zu bleiben, damit sich die Schwachen unter seinen Leuten an ihm aufrichten könnten. Er dürfe die Hoffnung nicht verlieren. Dies waren auch Conroys letzte Worte: Er kenne nun die Antwort: Hoffnung.

Kriegsfilme gab es schon im 1. Weltkrieg, damals vor allem in Form von Propaganda, insofern muß man sich wohl vergegenwärtigen, daß das Potential der Kamera gerade in Bezug auf das Militär und militärische Auseinandersetzungen früh, sehr früh schon erkannt worden war; auf Film das Grauen des Krieges zu zeigen, das Medium Film zu nutzen, um dem Publikum zu veranschaulichen, was Krieg in letzter Konsequenz wirklich bedeutet, kam allerdings nicht viel später auf. Der Gründer der Universal Studios, Carl Laemmle, gab das damals ungeheure Budget von 1,3 Millionen Dollar frei, damit Regisseur Lewis Milestone eine adäquate Verfilmung von Erich Maria Remarques Roman IM WESTEN NICHTS NEUES drehen konnte. Der Roman – eine wütende Anklage gegen die „Herren der Welt“, die die Völker in fürchterlichen, an Armageddon erinnernden Stahlgewittern aufeinander gehetzt hatten – war ein Bestseller gewesen, hatte seinem Autor Weltruhm eingebracht und galt als erste ernsthafte Auseinandersetzung und Schilderung des Grabenkriegs an der Westfront. Laemmle, der während des Krieges Propagandafilme produziert hatte, mag vor allem an einer erfolgreichen Verfilmung eines erfolgreichen Buches gelegen gewesen sein, denn er war durch und durch Geschäftsmann, weniger Künstler und gewiß kein Philosoph oder  Moralist. Daß die Geschehnisse aber fürchterlich gewesen waren und verdammenswert, das war ihm klar und die Stoßrichtung des Buches wollte er unbedingt beibehalten. Milestone schuf also den ersten jener Filme, die man später ’Antikriegsfilme‘ nennen sollte und um deren Wesen es seit geraumer Zeit kritische Diskussionen gibt. Ganz sicher ist ALL QUIET ON THE WESTERN FRONT (1930) seinem Wesen nach ein den Krieg als Moloch und Todesmaschine anprangender Film. Umso erstaunlicher, daß Milestone, dessen künstlerische Vita einige Kriegsfilme aufweist, in späteren Jahren deutlich reaktionärere Kriegsfilme schuf, die Heldentum und Manneskraft wenn nicht verherrlichten doch zumindest feierten.

Auch HALLS OF MONTEZUMA (1951) weist bei aller Härte und Realistik, die Buch und Regie dem Film und seinem Setting verpassen, genau diese Merkmale auf. Der nachdenkliche, manchmal schroff traurige, manchmal fast zärtlich resignierte Ton der früh nach dem Krieg entstandenen Filme – THE STORY OF G.I. JOE (1945) oder THEY WERE EXPENDABLE (1945) – weicht nun einem rauen, fast unfreundlichen Ton, der dem Publikum die Tatsachen ebenso  unvermittelt mitteilt, wie es Anderson anfangs gegenüber Conroy tut. Das ist alles kein Zuckerschlecken, da macht HALLS OF MONTEZUMA keine falschen Angaben, nichts wird beschönigt, im Rahmen der damaligen Möglichkeiten ist es ein harter, ein brutaler Film. Richard Widmark gibt Anderson den angemessenen Lebensüberdruß, wir können vor allem seine Verzweiflung nach Conroys Tod gut nachvollziehen. Es bleibt offen, ob er wirklich auf Doc Jones´ Medikamente angewiesen ist, oder ob man es hier mit einem Placebo-Effekt zu tun hat, der die innere Zerrissenheit dieses Mannes (stellvertretend für all diese Männer) symbolisiert. Angst ist ein markantes Merkmal in diesem Film. Sie wird weder denunziert, noch der Lächerlichkeit preisgegeben, doch als ein unbedingt zu überwindendes Hindernis dargestellt. Ein Mann darf Angst haben, er darf sich ihr aber nicht ergeben. Und er muß bei aller Anspannung in sich einen Ort finden, an dem das Licht dessen, wofür er kämpft und zu sterben bereit ist, immer brennt. Conroy brüllt es hinaus in seinen letzten Momenten: Hoffnung, es sei die Hoffnung, die dem allen Sinn gebe.

Es sind Momente wie dieser, die Milestones Film über den Durchschnitt heben. Auch wenn er sie nutzt, um daraus passende Mittel heroischer Selbstüberwindung im Namen des Patriotismus zu extrahieren. Was HALLS OF MONTEZUMA von früheren Filmen unterscheidet (selbst von dem lediglich zwei Jahre älteren SANDS OF IWO JIMA [1949]), ihn aber Zeitgenossen wie AMERICAN GUERRILLA IN THE PHILIPPINES (1950), den allen Ernstes Fritz Lang zu verantworten hatte, verwandt sein läßt, ist die Tatsache, daß es in Asien bereits einen neuen Krieg gab. Wenn also in Milestones Film die Amerikaner Okinawa einnehmen, dann ist dies sicherlich immer auch eine Blaupause für die aktuellen Geschehnisse in Korea gewesen. Die an der Pazifikfront spielenden Filme sind oft härter und in ihrem Grundton rassistischer und brutaler gegenüber einem fremder erscheinenden Gegner (der schlicht „asiatisch“ erscheint), als jene, die an europäischen Schauplätzen spielen. Milestone liefert hier echte Überzeugungsarbeit. Er zeigt Amerikaner, normale Männer, die im Zivilleben Lehrer sind und Ingenieure und die auf einmal Entscheidungen zu treffen haben, die über Leben und Tod entscheiden können. Andersons Kopfschmerzen sind ein gutes Bild für die Zustände, die einem Mann wie ihm über den Kopf zu wachsen drohen. Er steht exemplarisch für diese Männer. Doc Jones richtet eine Botschaft an ihn, bevor er stirbt und es ist diese Botschaft, die ihn schließlich wieder aufrichtet und ihm den Lebensmut zurückgibt und ihn seine Männer in der Schlußeinstellung des Films in die Schlacht führen läßt. Ein Job muß erledigt werden, sie werden ihn erledigen, scheint Milestone seinem Publikum vermitteln zu wollen.

Beruhigend wirkt da natürlich, daß der Krieg auch hier, wie in so vielen amerikanischen und britischen Produktionen der 50er, 60er und 70er Jahre als Abenteuer konzipiert wird. Strukturell wird dabei inhaltlich wie formal – hier wie in anderen Produktionen – auf die narrativen Schemata des Western zurückgegriffen. Wobei HALLS OF MONTEZUMA diese Genre-Verwandtschaft noch durch ein Titellied und einen Score verdeutlicht, die unbearbeitet in einen Western übernommen werden könnten. Ist Okinawa erst einmal erreicht und es entwickelt sich die eigentliche Handlung, finden wir uns in einer Aneinanderreihung einzelner Unternehmungen wieder, die zu bestehen sind und deren erfolgreiche Durchführung entscheidend für das schließliche Gelingen des ganzen Unternehmens sein wird. Da das Unternehmen, das macht der Film uns schnell klar, „Okinawa“ heißt, konnten sich Milestone und die Drehbuchautoren 1951 beim Publikum auf die Kenntnis der historischen Tatsachen verlassen, darauf, daß der Zuschauer wusste, daß es sich dabei um die entscheidende Schlacht im Pazifik handelte, verlustreich für beide Seiten, am Ende jedoch, nach drei Monaten erbitterter Kämpfe, siegreich für die Amerikaner beendet. Die Bedeutung, die der Film dem Unternehmen beimisst, wird also durch die nachträgliche Kenntnis der Historie des Publikums legitimiert. Und dies legitimiert das Sterben und Töten im Nachhinein. So können einerseits existenzielle Fragen nach dem Sinn des Lebens wie des Sterbens, andererseits Banalitäten und eher kitschig-gefühlige Anekdoten gleichwertig verhandelt werden.

Die Struktur teilt sich HALLS OF MONTEZUMA also mit etlichen seiner Artgenossen, ebenso einige technische Besonderheiten, die hier allerdings mehr als in anderen Produktionen jener Jahre ins Auge stechen. Die Landung auf der Insel inszeniert Milestone in beeindruckenden Totalen, in die immer wieder Originalmaterial der U.S.-Army hineingeschnitten wird. Wir sehen die Landungsboote auf die Insel zusteuern, sehen die Einschläge der Granaten des Feindbeschusses im Wasser, sehen die schiere Macht und Masse an Material, das da in die Schlacht geworfen wurde. Ähnlich geht Milestone auch noch einmal beim Schnitt vor, wenn die Infanterie und die Panzer vorrücken. Zwischen die Spielszenen schneiden Milestone und der für den Schnitt verantwortliche William Reynolds Material, das offenbar von Kamera-Units wenn nicht original beim Sturm auf Okinawa, so doch beim Sturm auf eine Pazifik-Insel gedreht wurde. Dieses Material ist immer beeindruckend. Es vermittelt einen Eindruck von der Wucht, die hinter einem Artillerie- oder Mörserbeschuß steckt. Doch gelingen Milestone keien adäquaten Spielszenen dazu. Das unterscheidet seinen Film von THE STORY OF G.I. JOE und anderen. Wir sehen den Wellengang, der nach dem Einschlag einer Granate unmittelbar neben einem Boot entsteht, dann wird auf Karl Maldens Doc Jones geschnitten, der lächelnd an der Reling hängt und fröhlich an seiner Pfeife schmauchend dem Landgang entgegen sieht. Das passt nicht. Es konterkariert die an sich intensive und eindringliche Szene kurz zuvor, in der Anderson Conroy klar macht, daß er seine Angst zu überwinden und an dem Angriff teilzunehmen habe, egal, wie sehr er sich fürchte. So wirkt manches in HALLS OF MONTEZUMA unentschlossen, woraus ein uneinheitlicher Film entsteht. Er ist spannend, einem Abenteuerfilm gleich, wirklich dramatisch ist er nur momentweise und er vermag uns nicht wirklich von den Schrecknissen zu berichten, die auf diese Männer im Pazifik lauerten. Sicher aber hat er 1951 gut funktioniert um eine weitere Generation Jungen davon zu überzeugen, daß der Krieg bei aller Widrigkeit ein notwendiges Übel sei, das aber durchaus Spaß und Spannung zu bieten haben kann. Es verwundert nur, daß es der Macher von ALL QUIET ON THE WESTERN FRONT war, der solche Botschaften zu vermitteln wusste.

1959 drehte Milestone mit PORK CHOP HILL (1959) einen Film über den Koreakrieg, der in seiner Darstellung und Herangehensweise sehr viel ehrlicher, weil zynische war. Dort zeigte Milestone nur noch ein einziges Schlachtfeld, wie die Kommandierenden weiß auch das Publikum lediglich, was aus den Lautsprechern des Funkgeräts, das den Leitstand mit dem Hauptquartier verbindet, krächzend schallt. Ein fast zweistündiges Schlachten wird dem Zuschauer geboten, dessen Sinnlosigkeit von allem Anfang an in Frage steht und das schließlich schon nahezu bizarre Formen annimmt, weil am andern Ende der Welt gerade nicht weiter um den Frieden verhandelt wird. Da konnte man einen resignativen, doch durchaus sich seiner Wurzeln erinnernden Lewis Milestone folgen, einem Künstler, der begreifen muß, daß sich in den dreißig Jahren seit seiner frühen Klage gegen das sinnlose Schlachten auf den Feldern Flanderns im Grunde nichts geändert hatte.

Davon ist der Lewis Milestone, der HALLS OF MONTEZUMA dreht, allerdings weit entfernt. Der Lewis Milestone von 1951 berichtet von einem „gerechten“ Krieg, der gekämpft werden muß. In einer Figur wie dem Sergeanten Johnson legt das Buch zwar durchaus ambivalente Haltungen an, auch Milestone zeigt sich in seiner Inszenierung bspw. feindlicher Soldaten differenziert und ambivalent, doch überschattet das Spektakel letztlich den kritisch-nachdenklichen Ansatz. So wird HALLS OF MONTEZUMA zum Prototypen einer Art Kriegsfilm, die bis weit in die 70er Jahre hinein prägend bleiben sollte.

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