HELDEN DER NACHT – WE OWN THE NIGHT/WE OWN THE NIGHT

James Gray vergibt gute Möglichkeiten, indem er zu viele Anleihen nimmt und das Eigene dabei vernachlässigt

Bobby Green (Joaquin Phoenix), der eigentlich Robert Grusinsky heißt, managed einen Nacht-Club in Brooklyn. Der Besitzer ist der Pelzhändller Marat Buzhayev (Moni Moshonov), der Bobby darum bittet, darauf zu achten, daß sein Neffe Vadim Nezhnski (Alex Veadov), ein Drogenhändler und Gangster, den Club nicht zu seinem Hauptquartier macht.

Bobby ist in Buzhayevs Familie wie ein Sohn angesehen. Er träumt davon, für seinen Boss einen weiteren Club eröffnen zu dürfen – möglichst in Manhattan – und eines Tages mit einem eigenen Club auf eigenen Füßen zu stehen. Mit seiner Freundin Amada Juarez (Eva Mendes) genießt er das hedonistische Leben eines Nighthawks. Sie nehmen Koks, sie feiern und leben in die Nächte hinein.

Bobby entstammt einer Familie von Polizisten. Sein Vater, Albert „Burt“ Grusinsky (Robert Duvall), ist Chief bei der Polizei in Brooklyn, Bobbys Bruder Joseph (Mark Wahlberg) ist gerade dabei, selbst Karriere in der Behörde zu machen. Während der Feier zu Joes Beförderung nehmen Vater und Bruder Bobby zur Seite: Sie wollen, daß er für sie als Spitzel gegen Vadim arbeitet, da sie diesen auf dem Kieker haben. Bobby weigert sich jedoch.

Joe ordnet eine Razzia im Club an, bei der seine Leute auch Bobby hart rannehmen und verhaften.

Zwischen Bobby und Joe kommt es zu einer Prügelei, bei der sie sich übelst beleidigen. Schließlich erklärt Joe, mit Bobby fertig zu sein.

Vadim tritt seinerseits an Bobby heran und fragt ihn, ob er bereit sei, ins Geschäft mit einzusteigen, da er über die Kontakte verfüge, um hochwertiges Kokain teuer zu verkaufen. Bobby lehnt dies ab. Soweit er – und auch die Polizeibehörden – unterrichtet sind, macht Vadim seine Geschäfte an seinem Onkel vorbei. Buzhayev gilt als sauber.

Joe wird nachts vor seinem Haus Opfer eines Attentats. Ein Maskierter schießt ihm ins Gesicht. Joe überlebt zwar, ist aber gezeichnet. Während er noch um sein Leben kämpft und Burt seine Leute anweist, zunächst nicht tätig zu werden, erklärt Bobby sich nun gegenüber einem der Freunde seines Vaters bereit, die Spitzelrolle zu übernehmen.

Mit einem Mikro ausgestattet, gibt er Vadim zu verstehen, daß er an dem Drogendeal interessiert sei. Vadims linke Hand, Pavel (Oleg Taktarov), der Bobby nicht traut, bringt ihn zu einem Drogenversteck. Zunächst läuft alles glatt, doch dann wird Vadim mißtrauisch und findet schließlich den Sender. Die Sondereinheit der Polizei stürmt das Haus und es kommt zu einer wilden Schießerei, die Bobby überlebt, bei der aber bis auf Vadim alle Dealer getötet werden.

Bobby und Amada müssen nun ins Zeugenschutzprogramm. Sie werden an geheimen Orten versteckt, Burt übernimmt selber den Schutz. Er ist verärgert, daß seine Leute seinen Sohn in Gefahr gebracht haben. Amada leidet darunter, daß sie ihre Mutter nicht sehen kann und verleitet ihre Leibwächter eines Tages dazu, sie zu besuchen. Bobby, außer sich, fährt ihr hinterher und trifft bei der Mutter seiner Geliebten nicht nur diese an, sondern auch seinen besten Freund Jumbo Falsetti (Danny Hoch). der seine liinke Hand im Nachtclub gewesen ist.

Vadim, den die Polizei bei der Erstürmung des Drogenverstecks festsetzen konnte, kann bei einem Krankenhausaufenthalt fliehen.

Bobby und Amada, deren Beziehung zusehends unter den Umständen leidet, unter denen sie momentan leben müssen, sollen nun verlegt werden. Es gibt aber einen Angriff auf den Konvoi. Bobby gelingt es, das führerlose Fahrzeug, in dem er und Amada sitzen, unter Kontrolle zu bringen. Er versucht, seinem Vater, der im Wagen vor ihnen sitzt, zu helfen, doch muß er mit anschauen, wie Burt eiskalt erschossen wird.

Nun will Bobby zur Polizei und offiziell an der Erfassung der Täter mitarbeiten. Sein Bruder, mit dem er zuvor gebrochen hatte, weiß das zu schätzen, auch wenn er Bobbys plötzlichem Stimmungswandel zunächst mißtraut. Amada leidet mittlerweile derart unter der Situation, daß sie eines Tages aus dem Versteck verschwindet und Bobby verlässt.

Bobby trifft Jumbo und prügelt aus seinem nun ehemals besten Freund heraus, daß dieser das Versteck an Vadim verraten hat, welches er wiederum von Amada, die ihm vertraute, erfahren hatte. Nun beschatten die Ermittler den angeblich unbeteiligten Buzhayev, der mit seinen Enkeln zum Reiten geht. Bei dieser Gelegenheit trifft er aber Vadim. Bobby wird klar, daß er immer belogen wurde und sein ehemaliger Mentor Kopf des Drogenrings ist.

Die Ermittler wissen nun von einer großen Lieferung und lauern den Beteiligten auf. Es kommt zu einer Verhaftung Buzhayevs, bei der Joe fetstellen muß, daß er nicht mehr in der Lage für Außeneinsätze ist, da er seit dem Attentat unter Angstattacken leidet. Bobby übernimmt aber die Führung des Einsatzes und verfolgt Vadim in ein Schilfgestrüpp. Während die Polizisten das Schilf in Brand stecken, trifft Bobby auf Vadim und erschießt diesen.

Bobby schließt die Polizeiakademie mit Bravour ab und er und Joseph stehen Seite an Seite in ihren Paradeuniformen. Joe erklärt Bobby, daß er zukünftig Innendienst verrichten wird. Bobby zeigt Verständnis für diese Entscheidung. Für einen Moment meint er Amada im Publikum zu erkennen, doch ist es eine Verwechslung.

 

James Gray, der für einige fast vergessene Juwelen des Kinos verantwortlich zeichnet, legte mit WE OWN THE NIGHT (2007) seinen erst dritten Langfilm vor. Wie bei seinen Vorläufern LITTLE ODESSA (1994) und THE YARDS (2000) handelt es sich erneut um ein Drama, das vor einem klar definierten sozialen Hintergrund in der Halbwelt, bzw. dem Gangstermilieu spielt. Erneut sind jene Teile und Viertel New Yorks die Kulisse, erneut hat der Zuschauer es mit einer Hauptfigur zu tun, die eher ungewollt zwischen die Fronten unterschiedlicher Lebenswelten gerät. Und erneut spielt Joaquin Phoenix, wie in THE YARDS, an der Seite Mark Wahlbergs eine tragende Rolle.

Grays Setting und die Story erinnern an eine ganze Reihe von Vorläufern im Genre, nicht zuletzt an Brian De Palmas CARLITO`S WAY (1993), wo ebenfalls eine hippe Bar eine zentrale Rolle und einen zentralen Ort der Handlung einnimmt. Ebenso stehen die urbanen Polizeidramen eines Sidney Lumet – SERPICO (1973), PRINCE OF THE CITY (1981) und Q & A (1990) – Pate und in einer wilden Verfolgungsjagd sind Anleihen bei William Friedkins FRENCH CONNECTION (1971) und dessen TO LIVE AND DIE IN L.A. (1985) auszumachen. Gray erzählt das Drama zweier ungleicher Brüder und ihres Verhältnisses zum Vater. Der eine (Wahlberg) ist der ebenso folgsame wie erfolgreiche Sohn eines hochrangigen Polizisten (Robert Duvall), der andere (Phoenix) der abtrünnige, der sich als Manager eines Clubs verdingt und dabei in Berührung mit der Unterwelt Brooklyns gerät. So entspinnt sich ein fein gewirktes Netz aus Beziehungen, Abhängigkeiten, Mißverständnissen und gegenseitigen Vorwürfen, in dem die Brüder sich verheddern, bis der gewaltsame Tod des Vaters sie an einem Strang ziehen lässt. Und dabei entpuppt sich schließlich der Widerspenstige als harter Hund, während der Folgsame nach einem Attentat auf sein Leben nicht mehr auf der Straße und in potentiell gefährlichen Situationen funktioniert.

Gray, dessen Story im  Jahr 1988 angesiedelt ist, gelingt eine feine Milieustudie, mit viel Lokalcolorit angereichert und erlesen in der Ausstattung und in den Bildern, für die Kamermann Joaquin Baca-Asay verantwortlich zeichnet. Vor allem die Dynamik der erwähnten Verfolgungsjagd unter der Hochbahn in Brooklyn, im strömenden Regen, aber auch die Kamerafahrten durch den dicht besuchten und von Tanzrhythmen erschütterten Club, sind bravourös und lassen den Zuschauer tief ins Geschehen eintauchen, ihn unmittelbar an den Situationen teilhaben. Die wenigen aber heftigen Actionszenen – darunter die Razzia auf ein Drogenversteck in einem leerstehenden Haus sind ähnlich dynamisch  gefilmt und Spiegelungen der Clubszenen. Gray setzt in raren Momenten auf den Einsatz extremer Gewalt, die aber nie selbstzweckhaft wirkt, sondern immer im dramaturgisch richtigen Moment zum Einsatz kommt und uns viel über die Figuren und die Wirkung, die Gewalt auf sie hat erklärt. Technisch hat der Betrachter es mit WE OWN THE NIGHT mit einem hervorragenden Film zu tun.

Leider funktioniert der Film dramaturgisch nicht genau so gut. Gray, der selber für das Script verantwortlich war, fällt wenig Neues zu jener Dreiecksbeziehung um den guten und den bösen Sohn und das Verhältnis zum Vater ein, ebenso gelingt ihm kein wirklich packender Zugriff auf das Brüder-Drama an sich. Das ist zu plakativ, überdeutlich an biblische Motive angelehnt, ohne dem Thema wirklich einen Twist, eine Volte abgewinnen zu können. Die Psychologie der Figuren ist oft zu holzschnittartig, ihre Motive sind nicht immer nachvollziehbar. Vor allem Phoenix` Wandlung vom koksenden Club-Manager, der die Bitte von Vater und Bruder, als Spitzel für die Polizei tätig zu werden, vehement und empört abweist, zum rachsüchtig sich zur Verfügung stellenden V-Mann, nachdem der scheinbar ungeliebte Bruder angeschossen wurde, zum ins Zeugenschutzprogramm aufzunehmender aufgeflogener Undercover-Agent und schließlich zum Polizisten mit Sonderbefugnis, der die Aufklärung und Ahndung des Mordes am Vater gleich selbst in die Hand nimmt, ist unrealistisch. Das geht zu schnell, es wirkt aufgesetzt und auch von der reinen Möglichkeit nicht wirklichkeitsgerecht.  Und so wird das, was oben wie eine reine Aufzählung wirkt – die Erinnerung an andere, wesentlichere artverwandte Filme – zum Menetekel, wenn man, während man das alles verfolgt, die Vorbilder vor dem inneren Auge sieht. Große Vorbilder, denen man nicht nur starke Bilder, sondern auch eine stärkere Story hätte entgegensetzen müssen.

Gray gelingen starke Szenen, das ist nicht zu leugnen, Szenen von großer Emotionalität und innerer Spannung. Es gelingen ihm auch tragische Momente, die den Zuschauer mitnehmen und packen. Auch das kann man weder seinem Drehbuch, noch dem Film selbst in Abrede stellen. Was fehlt, ist der stimmige innere Zusammenhang. Die Wandlungen geschehen zu schnell, manchmal drängt sich der Eindruck auf, es fehlten Szenen, die bspw. belegen, warum Wahlberg, bis eben harter Hund und aufsteigender Polizist in einer Truppe, die – ganz dem Klischee verhaftet – als Ersatzfamilie und geschlossener Zirkel gezeigt wird, zusehends zum Feigling wird. Als Zuschauer kann man sich denken, daß das Attentat auf sein Leben dafür verantwortlich ist und Wahlberg gelingt es auch, das schauspielerisch überzeugend zu spielen, dennoch ist der Übergang nirgends festzumachen, wird diese Entwicklung nie thematisiert, bis es ihm bei entscheidenden Zugriff nicht gelingt, die Deckung zu verlassen und seines Amtes würdig zu handeln. Glücklicherweise ist zu diesem Zeitpunkt Phoenix` Entwicklung zum Racheengel bereits abgeschlossen und der einstmals abtrünnige Bruder übernimmt das Zepter und wird zum schießwütigen Mann der Vergeltung.

WE OWN THE NIGHT ist keineswegs ein schlechter Film, der Eindruck sollte nicht entstehen. Er weist mit sehr guten Schauspielern auf – vor allem Wahlberg überzeugt in einer Rolle, die eigentlich gegen seine sonstigen Leinwandauftritte konzipiert ist – , er kann mit einem guten und realistischen Setting überzeugen, er hat ergreifende Momente. Aber er zeigt auch überdeutlich, wie viel man aus all dem hätte machen können, er verschenkt zu viele Möglichkeiten und evoziert eben die besseren Vorläufer, was ihm nicht gut tut. Nicht gut tun kann. SO wirkt der Film oft eher wie eine Hommage an größere Regisseure, bessere Filme, eine andere Zeit des Filmemachens. Dieses Schicksal teilt er mit Filmen wie BROOKLYN`S FINEST (2009), der mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hat. Beide Filme kommen wie Nachzügler des ‚New Hollywood Cinema‘ der 1970er Jahre daher, wirken aus der Zeit gefallen, haben das Potential, in die Riege der Großen vorzustoßen und verpassen das Ziel dann doch. Doch wie der letztgenannte hat auch  WE OWN THE NIGHT noch genügend eigenes, um als guter Film zu gelten und ist es allemal wert, betrachtet zu werden.

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