DAS URTEIL VON NÜRNBERG/JUDGMENT AT NUREMBERG

Stanley Kramer traut sich einiges - und gewinnt!

1948 kommt der amerikanische Richter Dan Haywood (Spencer Tracy) nach Nürnberg, um den Vorsitz bei den Prozessen gegen führende Juristen, v.a. Richter, zu übernehmen. Er wird in einer Dienstvilla einquartiert, die zuvor einem zum Tode verurteilten General gehörte. Haywood sieht, daß er – ein relativ unbeschriebenes Blatt an einem Provinzgericht – auch eingesetzt wurde, weil die Prozesse nicht mehr ganz die Aufmerksamkeit erregen (sollen), die die „großen“ Kriegsverbrecherprozesse hatten. Politik hält Einzug in die Gerichtssäle und übertüncht die moralische Empörung. Vor Gericht steht u.a Dr. jur. Ernst Janning (Burt Lancaster), der von dem Deutschen Anwalt Hans Rolfe (Maximilian Schell) vertreten wird. Dieser tritt extrem aggressiv vor Gericht auf und greift die Zeugen – u.a. den ehemaligen Justizminister (John Wengraf), dann den Hilfsarbeiter Rudolf Petersen (Montgomery Clift), später die Zeugin Irene Hoffmann (Judy Garland) – immer wieder heftig an und verweist darauf, daß diese nach geltendem Recht schuldig waren (der Justizminister natürlich nicht; dieser versucht sich darauf zu berufen, er sei zurückgetreten, um den Nazis nicht mehr dienen zu müssen, was Rolfe als Argument zerpflückt). „Befehlsnotstand“ lautet dann auch Rolfes immer wiederholtes Argument, „Befehlsnotstand“ und die geltenden Gesetze. Nachdem es während der Anhörung des Zeugen Petersen schon zu unfassbar verletzenden Momenten gekommen war, greift Janning schließlich ein, als sein Anwalt die Zeugin Hoffmann im Gericht erneut zu demütigen versucht, als diese beschreiben soll, was ihr wiederfuhr, als sie angebliche „Rassenschande“ mit dem jüdischen Geschäftsmann Feldenstein betrieben habe. Janning unterbricht seinen Anwalt, weist ihn in die Schranken, ergreift das Wort und bekennt sich schließlich im Zeugenstand schuldig. Dan Haywood versucht in den Prozeßpausen Kontakt zur Bevölkerung aufzunehmen, stößt aber bei seinen Hausangestellten auf eisiges Schweigen. Schließlich trifft er die Witwe Berthold (Marlene Dietrich), die mit dem General verheiratet war, dessen Villa Haywood nun bewohnt. Sie ist es, die versucht, Haywood klar zu machen, daß nicht alle Deutschen „so“ waren und daß selbst die, die mitgemacht haben (wie ihr Mann) nicht unbedingt überzeugte Nazis gewesen sein müssen. Da es während des Prozesses zur Blockade Berlins kommt, versuchen verschiedene Stellen politischen EInfluß auf Haywood und den Chefankläger Colonel Tad Lawson (Richard Widmark) zu nehmen. Beide wiederstehen und schließlich verurteilt Haywood die Angeklagten zu langen Haftstrafen. Rolfe sucht ihn auf und wettet mit Haywood, daß alle Verurteilten in spätestens 5 Jahren wieder rei seien. Haywood trifft im Gefängnis auf Janning, den er wohl respektiert für dessen Einsicht und auch dafür, daß er nun sagt, Haywood habe gerechte Urteile gefällt. Doch als Janning darum bittet, ihm zu glauben, daß er die Massenmorde nicht gewollt habe, distanziert sich Haywood eindeutig: Schon das erste bewußte Fehlurteil, daß die Diktatur unterstützte, habe ihn, Janning, zum Mittäter gemacht.

Man kann lange darüber diskutieren, ob die Art, wie Hollywood mit den Schrecken des 3. Reichs, sprich: mit dem Holocaust, umgegangen ist, immer angemessen war. Zumeist war sie angemessen – und erschrocken. Hier, in diesem Monumentalgerichtsdrama mit Superstarbesetzung, mühte es sich, differenziert einer bestimmten Problematik nachzuspüren: Waren alle Deutschen böse und schuldig? Und die, die schuldig sind, sind sie einsichtig? Anhand eines der Nürnberger Prozesse, nämlich den um die Richter und Juristen, jene, die das Recht achnell um- und neu anzuwenden, die Todes- und andere menschenverachtende Urteile oft in atemberaubender Geschwindigkeit auszusprechen wussten, wird dieser Frage nachgegangen.

Nun könnte man befürchten, daß ein A-Movie mit einer Starpower, die es in sich hat, vielleicht nicht ganz das richtige Vehikel für eine solch diffizile Angelegenheit wäre, doch gelingt es Stanley Kramer und seinen Akteuren brillant, dem Sujet gerecht zu werden. Und es ist ein gewaltiger Stoff, den er da bewältigen muß. Man schreckt zunächst zurück, denkt man doch: Jetzt kommen Amerikaner und erklären uns was über Schuld. Und genau diese Haltung spiegelt der Film auch. Doch interessanterweise versteht Kramer es, aus der Spezifik der Situation in Deutschland trotz allem eine universale Aussage zu machen darüber, was wir sind (als Menschen) und was wir uns selbst antun, wenn wir uns in den Dienst des „Bösen“ stellen. Daß das alles 1961 – also gerade mal 16 Jahre nach Kriegsende – nicht eines gewissen Pathos entbehrt und daß die Erkenntnis- und Forschungslage heute natürlich sehr viel weiter vorangeschritten sind, liegt auf der Hand. Umso bemerkenswerter, daß der Film auch heute noch so gut funktioniert.

Das hat natürlich einmal mit Kramers Regie zu tun, die behutsam ist und die Konflikte und einzelne Situationen sich entfalten läßt. Daß Kramer es aber vor allem mit einer Garde an Schauspielern zu tun hat, die hier ausnahmslos alle die Perfomance ihres Lebens hinzulegen scheinen (abgesehen von der Dietrich, dazu später mehr), macht die Sache natürlich um so wertvoller. Man muß die Darstellung Montgomery Clifts und die von Maximilian Schell allerdings nocheinmal extra herausheben.

Ersterer gibt dem einer kommunistischen Familie entstammenden, geistig leicht beschränkten Rudolph Petersen eine Würde, die stellvertretend vielen Opfern ihre Würde zurück zu geben scheint (soweit dies in einem Hollywoodfilm überhaupt möglich ist). Der zwangssterilisierte Mann, der hier im Zeugenstand sich windet und unter den fast brutal herausgeschrieenen Anwürfen des Verteidigers Rolfe schier zu verzweifeln droht, verdeutlicht derart treffend jene Verzweiflung vieler Opfer, die nach dem Krieg praktisch ein zweites Mal geopfert/beschuldigt wurden (denn man weiß ja nie, wer mit dem Gesetz in Konflikt kommt…na, irgendwas ist doch immer dran…usw.) und die schreckliche Gleichgültigkeit ertragen mussten, die die deutsche Gesellschaft ihnen entgegen brachte, daß man denkt, Clift hätte sich ewig in die Traumaverarbeitung eingearbeitet. Jean Amérys Essays darüber, was z.B. die Folter in einem Opfer auslöst, kommen dem Betrachter in den Sinn in diesen Szenen.

Maximilian Schell, man mag von ihm halten was man will, oft wirkt seine Schauspielkunst übertrieben und zu aufgesetzt, hat für diese Rolle zurecht den Oscar bekommen. Seine Darstellung dieses geifernden, schreienden, sich an seine formaljuristisch richtigen Paragraphen festklammernden Mannes, der zugleich jedoch von einer tiefen Verzweiflung ergriffen ist, ist ein Parforceritt sondergleichen. Dieser Mann versucht, ein anderes, ein besseres Deutschland darzustellen und zugleich dem Volk der Kriegstäter und der Verbrecher ein menschliches Antlitz, ein „es gibt auch andere“ zurückzugewinnen. Dieser Mann, der versucht, so etwas wie Rechtsstaatlichkeit her- und damit seine demokratische Eignung unter Beweis zu stellen, ist für eine Deutschen 1961 als Rolle eine enorme Herausforderung gewesen. Und Schell meistert sie.

Gegen diese beiden Meisterleistungen wirken dann die von Tracy, Widmark und Lancaster durchschnittlich, sind aber dennoch mehr als das. Auch sie werden ihren Rollen gerecht (wobei Lancaster noch am wenigsten zu tun hat, sein Janning scheint vor Schrecken, oder, besser: in der Erkenntnis des Schreckens, den auch er verbreitet hat, innerlich wie versteinert)

Und die Dietrich? Es war einer ihrer letzten Filme und sie wollte diese Rolle nicht wirklich. Es hat ja auch etwas verstörend Widersprüchliches: Die Schauspielerin, die sich vollkommen in den Dienst der Alliierten gestellt hatte, die drei Jahre ihres Lebens geopfert hatte, indem sie mit den alliierten Truppen mitzog auf deren Rückeroberungsfeldzug quer durch Europa, der der Sieg gegen die Nazis mehr als ein Anliegen war, sie also übernahm diese Rolle der Adligen, die dem Amerikaner Haywood versichert, daß nicht alle so waren. Dietrich selbst war durch die Heirat ihrer Mutter mit einem von Losch dem preußischen Adelsstand zumindest nahe gekommen, sie kannte also diese wilhelminischen Figuren, die – bestimmt keine Demokraten – viel zu spät entdeckten, daß sie ja eigentlich mit dem Nazipöbel nichts zu tun hätten. Und die dennoch dessen Kriege fochten. Und – zum Glück – verloren. Die Dietrich spielte die Rolle nicht gern und man sieht ihr das an. Zu distanziert, zu kühl bleibt sie und so bleiben ihre Auftritte auch seltsam blutarm und wirken wie Seminarstunden, in denen Tracy/Haywood seine Lektion in „Wie sind die Deutschen wirklich?“ bekommt. Vielleicht die einzige Schwachstelle des Films. Doch eine durchaus verständliche, denn man merkt, daß Marlene Dietrich sich mit der Rolle beschäftigt hatte, das schon. Vielleicht blieb ihr diese Dame zu sperrig, zu fremd, zu…deutsch? Vielleicht tut es dem Film gerade gut, daß eine Deutsche so distanziert mit dem Rollenmaterial umgeht, das ihr geboten wurde.

Was man Kramer – und dies macht JUDGMENT AT NUREMBERG dann eben wirklich zu einem großen Film und erhebt ihn über die Ebene des herkömmlichen Unterhaltungskinos „mit Anspruch“, das Hollywood gern produzierte – allerdings zu Gute halten, nein, hoch anrechnen muß, ist die Tatsache, daß er den Ankläger Lawson (man beachte: ein ‚telling name‘ sondergleichen: Law = Gesetz, Son = Sohn) in einer scheinbar endlos langen Sequenz Originalmaterial aus den KZ zeigen läßt. So wird durch einen scheinbar populären Film doch noch einmal unmißverständlich klar, mit welcher Art von Verbrechen man es hier eigentlich zu tun hatte. Sich das zu trauen, anfangs der 60er Jahre, als die Deutschen ja immerhin schon Freunde und Bündnispartner waren und sowohl in Deutschland als auch im Rest der Welt keiner mehr so ganz genau wissen wollte, was da eigentlich geschehen war, zeugt von moralischer Größe. Und es dauerte hier, in Deutschland, dann ja immerhin noch einmal drei Jahre, bis sich das Land (West) mit den Auschwitzprozessen zumindest etwas bereitwilliger mit der eigenen jüngsten Vergangenheit zu beschäftigen bereit war.

JUDGMENT AT NUREMBERG ist ein großer Film eines großen Regisseurs mit einer großen Besetzung. Es lohnt sich immer wieder, ihn zu sehen, er weiß auch heute noch zu überzeugen und er versteht es auch heute noch, uns etwas mitzuteilen.

Großes und wichtiges Kino.

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