LICHT UND ZORN/FATES AND FURIES

Lauren Groff erzählt von einer Ehe, in der vieels anders ist, als es sich zunächst darstellt

Wer sind die Menschen, mit denen wir uns umgeben? Wie gut kennen wir sie? Und wie gut kennen wir uns, wie gut wissen wir, welches die Bedingungen sind, unter denen wir leben? Kennen wir die Prämissen, unter denen wir Beziehungen eingehen?

Es sind Fragen wie diese, die einem Motto gleich Lauren Groffs Roman LICHT UND ZORN (Original: FATES AND FURIES; erschienen 2015) zugrunde liegen. In ihrem nunmehr dritten Buch widmet sich die Autorin der Ehe, spürt den Umständen und Grundlagen dieser Institution nach und legt in zwei Teilen, zwei Akten wenn man so will, die höchst unterschiedlichen Sichtweisen eines Gatten und einer Gattin bloß. Die Ausgangslage ist dabei eine schnell geschlossene Ehe zwischen zwei Studenten in den frühen 90er Jahren. Lancelot, genannt Lotto, ist ein Südstaatler, der von seiner Mutter nach einem für ihn  ungünstigen Ereignis gen Norden verfrachtet wurde, wo er ein Star seiner Fakultät am Vassar College wird, einer jener der sogenannten „Ivy League“ zugerechneten Eliteuniversitäten der Ostküste. Beliebt bei Lehrern und den Damen, hat er eine steile Karriere als Mann für eine Nacht hinter sich, bis er auf einer Party Mathilde erblickt. Er bittet sie umgehend, ihn zu heiraten und nach  ein paar Wochen gehen die beiden den Bund fürs Leben ein. Berichtet wird in oft skizzenhaften Aufrissen und einem manchmal an Redundanz grenzenden Stil, den Groff aber perfekt beherrscht, wie das Paar die Jahre verlebt. Er will Schauspieler werden, sie hält mit einem Job in einer Galerie beide am Leben, gibt ihm gelegentlich zu verstehen, daß er früher oder später wird mithelfen müssen, den Lebensunterhalt zu verdienen, was ihm schließlich, nach einer Phase tiefster Depression aufgrund ausbleibender Angebote als Schauspieler, dadurch gelingt, daß er sich den Frust in einem wahren Höllenritt von der Seele schreibt und fortan als Autor gefeierter Theaterstücke reüssiert.

Der erste Teil des Buches – LICHT – den man, hält man sich an Lottos Profession, gut und gern als ersten Akt bezeichnen kann, berichtet von diesen Jahren und den Entwicklungen auf persönlicher, beruflicher und gesellschaftlicher Ebene. Hauptsächlich erzählt aus der Perspektive des oft selbstgerechten und ebenso weinerlichen Gatten, dem das Leben größtenteils gut mitgespielt hat, bleiben die wenigen wirklichen Probleme und Krisen nicht ausgespart:  Daß seine Mutter, die immer Großes für ihn im Sinne hatte, die Ehe mit der mittellosen und scheinbar ohne klare Vergangenheit daherkommenden Mathilde nicht goutiert und Lotto zu enterben droht; daß Mathilde manchmal wie abwesend wirkt und unerreichbar; daß Lottos Freund Chollie, ein Überbleibsel aus seiner Jugend in den Südstaaten, immer wieder mit seinem gesellschaftlichen Aufstieg kollidiert und selbst eher die Karriere eines Gangsters einschlägt; daß Freunde kommen und gehen; daß Neid oftmals Beziehungen und Freundschaft bedrohen kann usw.

Nach einem Schicksalsschlag für das Paar wechselt Groff die Perspektive. Im zweiten Teil, dem zweiten Akt – ZORN – erleben wir große Teile der bereits geschilderten Geschichte noch einmal aus der Sicht von Mathilde. Und müssen schnell gegenwärtigen, daß sich vieles anders darstellt, wenn man das ganze Bild betrachten kann Und dieses Bild, erweitert durch Mathildes Hintergrund, ihre Gedanken und ihre Wahrnehmung, verändert sich doch gewaltig, wenn nicht grundlegend. Und die Informationen, die der Leser nun erhält, werfen eben jene Fragen auf, die oben gestellt werden. Denn nach und nach entpuppt sich dem Leser eine Mathilde, von der ihr Gatte, Lotto, offenbar nichts wusste, vielleicht auch nicht wirklich etwas wissen wollte, da er – auch das merkt der Leser schnell – in entscheidenden Momenten, in Momenten, die Widersprüchlichkeiten offenbarten, Risse und Brüche, nicht näher nachgefragt, nicht genauer hingeschaut hat. Und dieses Wegschauen, dieses scheinbare Desinteresse, offenbart auch, daß dieser Lotto auch im eigenen Leben nur bedingt zuhause war, Wesentliches nicht wusste, nicht ahnte, und somit kaum Herr des eigenen Schicksals gewesen ist.

Groff nutzt für ihre Erzählung die bereits erwähnte reduzierte Sprache, reißt oftmals nur an und überlässt es dem Leser, die Leerstellen zu füllen, das Gesamtbild auszumalen. Teils bedient sie sich durchaus schon postmoderner Mittel, vor allem, um jene Jahre zu beschreiben, die den Aufstieg Lottos zum gefeierten Broadway-Autor zu beschreiben und die anhand der Titel seiner Stücke – oft moderne Bearbeitungen, Umschreibungen, Neuinterpretationen antiker Stoffe – abgehandelt werden und kurze Einblicke in die Reaktionen seiner Frau, seiner Freunde, seiner Familie und der Theatergemeinde geben. Zwar grenzt diese stilistische Methode gelegentlich wirklich an Redundanz, doch muß man der Autorin Lauren Groff zugute halten, daß sie Sätze, Formulierungen, Beschreibungen findet, die schneidend, treffend, von unglaublicher Präzision sind. Hier offenbart eine Schriftstellerin ein unglaubliches Potential, einen Fortschritt auch gegenüber dem eigenen bisherigen Schreiben.

Doch bleibt Groff auch nicht vor leiser Kritik verschont. Ihre Mittel, sprachlich so bewundernswert, sind inhaltlich gelegentlich zu oberflächlich, manchmal gar eindimensional. Einen Mann wie Lotto vor allem über sein Aussehen, darüber hinaus seine Sexualität zu definieren, mag einleuchten, wirkt aber doch zu monokausal und, wenn man ehrlich ist, auch zu klischeehaft, um einer Figur wirklich Tiefe zu verleihen. Ähnlich ist es um die Figur Mathilde bestellt, deren Geschichte, von der ihr Gatte so wenig wusste, sich als wahrer Sündenpfuhl, als Tragödie und gepflastert von Schicksalsschlägen erweist. Sicher, Lotto und durch ihn die Autorin Groff heben auf die antike Tragödie ab, was den Griff in die Kiste aller nur erdenklichen Ungeheuerlichkeiten durchaus rechtfertigt. Nur sollte man, will man ein Werk in einer realistischen Welt ansiedeln, will man Aussagen über die Lebenswelt etlicher Millionen Menschen treffen – in diesem Fall die Ehe, wenn auch unter den Bedingungen der Reichen, Schönen und scheinbar vom Schicksal Verwöhnten – vielleicht eine Etage tiefer einsteigen und nicht jede erdenkliche Wendung einbauen, die ein Leben alles andere als typisch macht. Mathildes Leben ist eine Anhäufung solcher Wendungen, die es allerdings wiederum braucht, um den ZORN zu rechtfertigen und seine Überwindung zu veranchaulichen.

So wandelt Groff auf einem schmalen Grat zwischen realistischem Szenario, antikem Überbau und überlebensgroßen Entwicklungen. Sie meistert dies, indem sie eine Sprache nutzt, die das Material bewältigt, nie der Lächerlichkeit oder reiner Kolportage preisgibt und ihren Figuren doch genug Geheimnis lässt, um den Leser mitzunehmen und seine eigenen Schlüsse ziehen zu lassen. So ist ihr mit LICHT UND ZORN doch ein kleines Meisterwerk gelungen, das bei allem Lob noch Luft nach oben lässt, das den Leser bindet, fesselt, auch spannend  unterhält, das die Untiefen seiner Handlung fast immer zu umschiffen weiß, nur sehr, sehr selten in wirklich gefährliches Fahrwasser gerät und uns Einblicke in menschliches Treiben – in Angst, Furcht und auch Glück – gibt, die emotional und intellektuell nachvollziehbar sind. Ein Buch, das Freude macht und auf weitere Werke der Autorin warten lässt.

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