LONG RIDERS/THE LONG RIDERS

Walter Hill dekonstruiert den späten Weste(r)n...

Der Actionspezialist Walter Hill, der dem Film so unterschiedliche Genreperlen wie THE WARRIORS (1979), 48 HRS. (1982) oder STREETS OF FIRE (1984) beschert hat, hegte immer eine geheime Vorliebe für den Western, dieses ureigene, uramerikanische Genre, und legte schon mit seiner vierten Regiearbeit einen Beitrag zu diesem Ende der 1970er Jahre nicht mehr sehr wohlgelittenen Genre vor.

Es handelt sich um eine relativ wahrheitsgetreue Erzählung um die James (Jesse und Frank)-, die Younger- und die Millerbrüder, die nach dem Sezessionskrieg (in dem sie den Milizen angehörten, die einen besonders dreckigen und brutalen Krieg gegen die Union und auch deren zivile Anhänger in den Grenzstaaten führten) dazu übergingen, Banken zu überfallen und sich dabei als Rächer des Südens aufspielten. Eine stringent geführte Handlung hat der Film im Grunde nicht, wir werden Zeugen einzelner Begebenheiten im Leben der Brüderpaare, sehen ihre Konflikte ebenso wie ihre Trauer um Freunde und Familienangehörige als auch einige ihrer Liebschaften. Und natürlich sehen wir ihre Banküberfälle. Die geschädigten Banken beauftragen die Detektei Pinkerton, gegen die Brüder vorzugehen. Dabei nutzen die Pinkertondetektive jede sich bietende Möglichkeit, der Brüder habhaft zu werden und nehmen wenig Rücksicht auf Familienangehörige oder die Befindlichkeiten in den ländlichen Regionen, in denen die Brüder zuhause sind. Auch sind ihre Methoden wenig zimperlich, was den Hass der verschiedenen Bevölkerungsteile immer neu und weiter anfacht. Nachdem der Überfall auf die First National Bank in Northfield, Minnesota, blutig fehlschlägt und die Youngerbrüder gefangen genommen werden, müssen auch Jesse und Frank James sich überlegen, ob sie dieses Leben weiterführen wollen. Der Film endet damit, daß Jesse James am 3. April 1882 von Bob Ford hinterrücks niedergeschossen wird.

Bemerkenswert an diesem Film ist sicherlich nicht seine Handlung. Hill ist eher an einem möglichst realistischen Bild der Brüder und ihrer Zeit, als an Dramaturgie oder einem schlüssigen Spannungsaufbau gelegen. Entgegen seiner herkömmlichen Arbeitsweise, war THE LONG RIDERS (1980) im Kern kein Hill-Projekt, sprich: Der Regisseur war weder am Drehbuch beteiligt, noch an Produktion oder Schnitt. Es war ein Projekt der Keach-Brüder, die die James-Brüder Jesse und Frank spielen; auch die weiteren Brüder sind mit echten Geschwistern besetzt: David, Keith und Robert Carradine spielen die Younger-, Dennis und Randy Quaid die Millerbrüder. Die Keach-Brüder produzierten den Film auch. Wie einige bemerkenswerte Western der 1970er Jahre – genannt seien hier bspw. DOC (1971), MCCABE & MRS. MILLER (1971) oder DIRTY LITTLE BILLY (1972) – ist auch Hill an äußerster Authentizität und Realistik gelegen. Kostüme, Ausstattung, die gesamte Mise-en-Scene seines Films ist enorm detailliert, darin erinnert er an den anderen großen Western des Jahres 1980 – HEAVEN`S GATE (1980). Wie diesem, wurden auch Hills Werk wenig Aufmerksamkeit und Erfolg zuteil. Vielleicht war es, wie viele Kritiker meinen, wirklich nicht die Zeit für Western. Doch wie den oben genannten Werken – und wie Ciminos Meisterwerk – ermangelt es seinem Film an herkömmlichen, mit dem Western verbundenen Klischees und Topoi, weist er keine affine Handlung auf, sind seine Helden genau das nicht und ist die ganze Atmosphäre eine viel zu bedrückend kalte und verängstigte, als daß im Lauf der Handlung wirklich die Chance bestünde, eine herkömmliche Westernhandlung auch nur anzudeuten oder gar zu etablieren.

Hill zeigt v.a. zerstörte Männer, die alle Traumata des zurückliegenden Krieges mit sich tragen. Über dem Film hängt – einem Schleier gleich – eine Traurigkeit, die, gepaart mit der Musik Ry Cooders, den Film manchmal schwer erträglich werden lässt. Ein gut‘ Teil dieser Traurigkeit strömen die Gesichter der Schauspieler aus, wobei James Keachs Antlitz hinter einem Bart verborgen bleibt, der ihm noch zusätzliche Tragik verleiht. Diese Männer haben an eine Sache geglaubt – die Sache des Südens, Hill enthält sich da weitestgehend jeder Beurteilung – und sie haben im Kampf für diese Sache verloren. Sie tragen diese Schmach mit sich, zudem aber auch das Wissen um die eigenen Taten, die eigenen Frevel. Hill thematisiert dies nie explizit, lässt den Zuschauer implizit aber auch nie vergessen, wozu diese Männer fähig waren. Auch dazu übrigens nutzt er die oft bemängelte, extreme Darstellung von Gewalt. Aus dem komplizierten Geflecht von Demütigung, Schmach, Hass und innerer Erkaltung entstehen die gestörten Beziehungen der Menschen zueinander, die eigentlich auch nur in diesem Hass geeint scheinen. Weder vermitteln die James-Brüder sonderliche Empathie, noch ihre jeweiligen Frauen. Diese Männer strahlen eine unglaubliche Kälte aus und in ihrer Umgebung scheinen unr Wesen existieren zu können, die dieser Kälte eine eigene entgegen zu setzen haben.

Doch Hill zeigt nicht nur die individuelle psychologische Verwüstung, auch die gesellschaftliche Verunsicherung und den gesellschaftlichen Hass untereinander gerade  in jenen Staaten, die während des Bürgerkriegs nicht eindeutig Norden oder Süden zuzuordnen waren, will er zeigen. Da die Jamesbrüder Mitglieder sowohl der Bushwhackers als auch von Quantrills Raiders – letztere eine besonders berüchtigte und brutale Guerillatruppe, die u.a. für das fürchterliche Massaker in Lawrence, Kansas, 1863 verantwortlich war – gewesen sind, wusste man in dem Teil von Missouri, aus dem sie stammten natürlich, wer sie waren und wofür sie standen. Gerade in Staaten wie Missouri führten die Zustände zwischen Unionsanhängern und ehemaligen Konföderierten noch bis in die 1870er Jahre hinein zu schrecklichen Verwerfungen. Die Gräben, die die Schlachterei unter Brüdern aufgerissen hatte, sind teils heute noch nicht wieder geschlossen, damals verfestigten sich die Verfeindungen, die Südstaatler bis heute Demütigung und Scham verspüren lassen. Genau diese Entwicklungen versucht Hill in seinem Film aufzuspüren und zu verstehen.

Eins seiner Mittel dazu ist eine enorme Explizität hinsichtlich der Gewaltdarstellungen. Hill erweist sich hier – sowohl darin, wie er die Gewalt darstellt: überdeutlich sieht man Einschüsse und Austrittswunden, als auch in der Wahl der Mittel: Zeitlupen und Superzeitlupen (wie man sie sonst eher aus der Sportberichterstattung kennt) und einem überdeutlichen Einsatz des Tons, der uns das Schnauben der Pferde, das stoßweise Atmen der getroffenen Männer so hören läßt, als säßen wir mitten im Getümmel – als ein gelehriger Schüler Sam Peckinpahs, der er zumindest bei THE GETAWAY (1972) auch wirklich war. Allerdings hat man manches Mal den Eindruck (v.a. beim Überfall auf die First National, der an und für sich ein inszenatorisches Meisterstück ist), er wolle den Meister doch unbedingt übertreffen. Gerade die 70er Jahre hatten eine Zunahme an Gewalt auf der Leinwand gesehen, wie wahrscheinlich kein Jahrzehnt zuvor. Die technische Machbarkeit und die gelockerten Codes der moralischen Sittenwächter, aber auch die Härten einer Realität, die zehn Jahre lang am TV einen Krieg in Südostasien verfolgt hatte, ließen es zu, daß Künstler Gewalt, also die explizite Darstellung von Gewalt, als dramturgisches Mittel immer mehr einsetzten. Dabei blieb es immer ein schmaler Grat, zu unterscheiden, ob das Dargestellte nun Mittel zum Zweck, dramaturgisches Stilmittel und dadurch gedeckt, oder reiner Selsbtzweck war – ein Vorwurf, der vor allem den Horrorfilm jener Jahre immer wieder traf.

Auch THE LONG RIDERS ist genau das immer wieder vorgeworfen worden: Die Gewalt und ihre Darstellung seien reiner Selbstzweck, der Film ein Oberflächenspektakel (darin, wie Hill ja generell oft vorgeworfen wird, postmodernes und also indifferentes Kino), da keine Handlung vorhanden und deshalb das ganze Unterfangen sowieso langweilig, sei die plastische Darstellung der Gewalt aber vor allem auch nirgends dramaturgisch gedeckt. Man kann diese Kritik gelten lassen. Man sollte sich allerdings auch bewußt machen, in welcher Tradition der Film steht. Wenn er überhaupt noch auf klassische Filme rekurriert, dann auf die jüngeren Klassiker des Spätwesterns wie THE WILD BUNCH (1969). Doch eigentlich ist er verwandt mit Filmen wie den oben genannten MCCABE & MRS. MILLER oder DOC – Western, die sich unbedingte Mühe gaben, den Westen realistisch zu zeigen; alles Filme, die bereit waren dafür dramaturgische Einbußen hinzunehmen. Und alles Filme, die dafür „büßen“ mussten in Form kommerziellen Mißerfolgs. Alles auch eher keine Spät-, sondern schon eher Antiwestern.

THE LONG RIDERS hält da also eine schmalen Grat zwischen der Melancholie, die Peckinpah seinen Filmen als Grundton untermischt, und der analytischen Kälte, mit der Robert Altman (MCCABE…) oder Frank Perry (DOC) sich  dem Metier nähern. Die Gewalt, die Hill zeigt, und die sich in der extremen Zeitlupe wie eine klinische Studie betrachten lässt, ist das bestimmende Element des Lebens dieser Männer. So, wie Hill sie zeigt, also die Männer, versuchen sie wohl, andere zu sein, doch noch in der Geste, mit der Jesse seinem Mörder den Rücken bietet, wohl wissend, wieso Ford überhaupt gekommen ist, vermittelt die tiefe Verwurzelung dieser Männer in der Gewalt und ihre Erwartung von Gewalt. Hill bedient also einerseits den Mythos, wenn er die James-Brüder gegen die anonyme, kalte, legalistische Staatsmacht der Pinkerton-Detektive und der Polizei antreten lässt als verlorene Seelen, Kämpfer einer lange verlorenen Sache, Drifter und Individualisten, ja, er gibt ihnen sogar ein wenig der überlebensgroßen Aura, die gerade diese sehr umstrittenen Outlaws immer umgeben hat und dekonstruiert die Legende doch umgehend, indem er in hyperrealistischen Bildern zeigt, wie die Legende und ihre Kumpane als ganz profane, normale und sterbliche Menschen in Stücke geschossen werden. Es ist ein drastisches Mittel, doch es ist auch ein angängiges Mittel, gerade einem Genre seine Dämonen aufzuzeigen, das Gewalt als Fetisch, Katharsis und Trauma erlebt.

THE LONG RIDERS ist aber auch deshalb ein interessanter Western, einer der besseren Walter-Hill-Filme und entgegen aller Annahmen (und allen spektakulären Gewaltexzessen zum Trotz) kein Spektakel, weil es ein eher ruhiger Film ist, der sich seinem Thema behutsam annähert und dabei ein Kapitel amerikanischer Geschichte zu reflektieren versucht, dessen Wunden in bestimmten Gegenden des Südens bis heute nicht verheilt sind. Hill will der Lücke zwischen historischer Wahrheit und der Vermittlung historischer Tatsachen, bzw. ihrer Legendenbildung, nachspüren. Zugleich behandelt er sein Sujet nicht, wie man es in einem klassischen Western behandeln würde (dessen Regeln er zu bedineen versteht, wie EXTREME PREJUDICE/1987 und LAST MAN STANDING/1996 durchaus belegen), sondern mit der Akkuratesse eines Historiendramas.

Vielleicht wäre es fairer, man würde einen Film wie diesen nicht einem Genre wie dem Western zuordnen, da dieser Zuordnung automatisch gewaltige Ansprüche entwachsen. Vielleicht ist es vielmehr ein Film, der im 19. Jahrhundert in den USA spielt – zufällig eine Zeit, die sich mit der mythischen Zeit eines Genres namens „Western“ deckt.

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