PATRIA

Fernando Aramburu leistet mit großer Literatur einen großen Beitrag zur Versöhnung

Irgendwann im letzten Drittel dieses großartigen Romans besucht einer der Protagonisten ein Symposium, auf dem ein Schriftsteller erklärt, was für ein Buch er habe scheiben wollen: Einen unsentimentalen, bewusst eine nicht dramatische Sprache nutzenden Roman über die Verheerungen, die jahrzehntelanger Terror in einer Region, in den Familien, in den Menschen anrichten könne, die ihm ausgesetzt waren. Er wolle nicht verurteilen, aber sich eines Urteils auch nicht enthalten, habe er doch zu nah erlebt, wie schrecklich die Folgen des Mordens seien, auf allen Seiten. Der Terror, von dem er berichtet, ist der Terror der ETA, jener Organisation, die „Freiheit für das Baskenland“ erkämpfen wollte. In den Worten des namenlosen Schriftstellers, der keine weitere Rolle im Buch spielt, wird Fernando Aramburu Zeugnis abgelegt haben über das Anliegen, das seinem Roman PATRIA (2016) zugrunde lag.

1959 gegründet, war die ETA (Euskadi Ta AskatasunaBaskenland und Freiheit) ursprünglich eine gegen das faschistische Regime des General Franco gerichtete, separatistische  Organisation, die, obwohl sich marxistisch-leninistisch gebend, einen starken nationalistischen Zug aufwies. Im Laufe der Jahrzehnte und vor allem im Zuge der Demokratisierung in den späten 1970er und den 80er Jahren, verlor sie jedoch nicht nur nach und nach den Rückhalt in der Bevölkerung, sondern auch ihr Ziel immer mehr aus den Augen und wurde immer häufiger – darin der nordirische IRA nicht unähnlich – als reine Terror- und Verbrecherbande wahrgenommen, die sich auch über Drogen- und Waffenhandel finanzierte und in ihrer Maßlosigkeit keine Rechtfertigung mehr liefern konnte für das Töten von Soldaten, Polizisten und immer wieder Zivilisten, die als „Kollateralschäden“ betrachtet wurden.

Aramburu verzichtet nahezu komplett auf jegliche Einordnung oder Erklärung der historischen Zusammenhänge, was ihm von der Kritik gelegentlich vorgeworfen wurde. Ein jeder, das ist zu empfehlen, informiere sich nachhaltig über die Geschichte der ETA, die Aufgabe eines Romans ist es jedoch nicht, adäquat Auskunft zu geben. Aramburu geht es um die psychischen, die seelischen, die emotionalen Verletzungen, die Terror letztlich wahrscheinlich immer und überall auslöst, wo er, meist im Namen eines übergeordneten Ziels, angewendet wird. Der Name des Romans – PATRIA/VATERLAND – deutet dieses Ziel ja überdeutlich an: Man kämpft für ein abstraktes, nationalistisches Ziel, dem sich, ob gewollt oder ungewollt, alle im Einzugsbereich der Kämpfenden unterzuordnen haben. In Aramburus Geschichte sind dies zwei Familien, die durch die Zeitläufte und die Verstrickungen der eigenen Mitglieder in den Kampf entzweit und die, obwohl vormals eng befreundet, zu Feinden werden. Beginnend in der jüngeren Gegenwart, in der eine alte Frau, Bittori, in ihr Heimatdorf zurückkehrt, wo vor Jahren ihr Gatte, der Txato, ein lokaler Fuhrunternehmer, von einem ETA-Kommando hingerichtet wurde, wahrscheinlich weil er nicht bereit war, sich deren Erpressungen zu ergeben, wird vor dem Leser im nüchternen Stil eines Berichts ein Panorama der beiden betreffenden Familien ausgebreitet.

Da sind neben der Bittori und dem Txato deren Kinder Nerea und Xabier, sie eine Angestellte der Stadt San Sebastián, er ein Arzt in einem Krankenhaus. Und da sind Miren und ihr Gatte Joxian, Eltern von Joxe Mari, ihrem Ältesten, der sich der ETA anschließt, von Arantxa, ihrer Tochter, die nach einem Schlaganfall an den Rollstuhl gefesselt bei den Eltern lebt und Gorka, einem in sich gekehrten Jungen, der schließlich auf seine eigene Weise sowohl zum Kampf um den Erhalt des Baskenlands als auch zur Überwindung der geschlagenen Wunden beitragen wird. Einst waren die Ehepaare eng befreundet, fuhren der Txato und Joxian gemeinsam in einer Radgruppe und waren Partner beim Kartenspiel Mus im Wirtshaus; begleiteten Bittori und Miren einander bei den allwöchentlichen Fahrten in die Stadt, um dort im Kaffehaus beim Kuchen die neuesten Neuigkeiten aus dem Dorf auszutauschen und zu besprechen. Als im Dorf immer mehr Graffiti auftauchen, die den Txato als Unterdrücker, Franco-Freund und vor allem Spitzel bezeichnen, wenden sich seine Freunde, schließlich auch Joxian, von ihm ab, immer isolierter muß die Familie ihr Leben im Dorf fristen, doch ist der Patriarch, trotz der Bitte seines Sohnes, zu stolz, sein Unternehmen in eine sicherere Region des Landes zu verpflanzen – und wird schließlich Opfer eines Attentats, an dem Joxe Mari zumindest teilgenommen hat. Danach verlässt Bittori das Dorf, ihre Tochter, bereits im Studium in Saragossa, entsagt der Familie für eine lange Weile, heiratet und versucht, den Verlust zu verdrängen, während Xabier vereinsamt, sich jedes Glücksgefühl verwehrt und nur noch für die Mutter da sein will. Doch die Verheerungen sind nicht nur in der Familie des Opfers zu spüren: Joxe Mari muß fliehen, ob er der Mörder seines besten Freundes ist, erfährt Joxian nie; selber leidet der unter dem Verlust des Freundes, wie er zuvor unter dem Verlust der Freundschaft gelitten hat, Miren verbittert zusehends, vor allem, nachdem Joxe Mari schließlich gefasst und zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.

Wer ist Opfer? Wer Täter?

Aramburus Kunst besteht nicht nur darin, diese Figuren vor seinem Publikum auferstehen zu lassen, was er auf nahezu brillante Weise erreicht, indem er sie mit realitätsgetreuen Leben, Lebenszeichen und Gegenwart ausstattet, die aber in fast allen Bereichen dieses Lebens durchdrungen und beeinflusst sind vom Schmerz des Geschehenen, sondern mehr noch in seinem literarischen Stil, wie er uns diese Figuren nahebringt, wie er sie erzählt und erzählen lässt. Es ist seine Fähigkeit, durch die Zeiten zu gleiten, die Erzählperspektiven zu wechseln, die Blickwinkel von der einen Person zur andern zu verlagern, und zugleich eben nüchtern, undramatisch, manchmal in einem fast naiven Stil zu berichten, was es zu berichten gilt. Da er gelegentlich für einen Halbsatz sogar in die Ich-Perspektiven der einzelnen Figuren wechselt, entsteht der Eindruck, wahrlich einem Bericht zu folgen, bei dem unterschiedliche Beteiligte und Betroffene einem unabhängigen und möglichst neutralen Erzählen mittteilen, wie sie die Dinge, die Entwicklungen erlebt haben. Es ist ein wunderbares Netz, das der Autor hier spinnt, manchmal erinnert es an die feinst gezogenen Erinnerungsfäden eines António Lobo Antunes, ohne dessen oft verwirrenden Perspektiv- und Personenwechsel innerhalb eines Satzes (oder Absatzes). Aramburu gelingt es, dem Leser immer zu vergegenwärtigen, wo in den zeitlichen Abläufen der Geschichte er sich befindet und dennoch wirkt sein Erzählen gleichsam natürlich, dem Wesen der Erinnerung entsprechend, die eben sprunghaft ist und sich ungern an chronologische Abläufe hält.

Er nimmt bei aller scheinbaren Neutralität gegenüber dem Erzählten aber doch auch eine klare Haltung ein. Wir begreifen schnell, daß er ohne Einschränkung auf Seiten der Opfer steht. Und er seziert mit manchmal brutal klarem Blick die Umstände, die gerade in engen, übersichtlichen und damit schnell kontrollierbaren Gesellschaften – einer Dorfgemeinschaft bspw. – zu sozialem Druck führen, geboren aus Engstirnigkeit, aus Eindimensionalität und, auch das verdeutlicht Aramburu ungeschönt, Unbildung. Kein Mitleid hat er mit der larmoyanten Art einer Miren, die „die Basken“ als Opfer sieht und eine Tötung im „Namen der Sache“ für angemessen hält, wohl aber zeigt Aramburu Mitleid mit einer Mutter, die es vielleicht nicht besser weiß, die aber sehr wohl auch einen Sohn verloren hat – erst an das grausame System ETA, dann an einen Staat, der auch, nachdem er die autoritären Fesseln einer Diktatur abgeworfen hatte, äußerste Härte, bis hin zu brutaler Folter, gegen die anzuwenden bereit war, die er als seine Feinde ausgemacht hatte. Was Aramburu, obwohl er sich nicht um die historischen Zusammenhänge schert, durchaus aber gelingt, ist, die Widersprüche in den Leben, den Zielen und den Figuren selbst aufzubrechen und damit auszustellen. Da mag man ein Anti-Francist gewesen sein, verdient wird man schon haben in einem radikal kapitalistischen System, das bspw. Gewerkschaftsarbeit unterdrückt; da mag man auf dem Papier für der Gleichheit der gesellschaftlichen Schichten, für ein sozialistisches System kämpfen, konkret übt man Terror per Gewalt aus und bemächtigt sich damit eben der Mittel, gegen die man angeblich sich wehrt. Mögen der Txato und die Bittori zunächst wie die Opfer eines natürlich fürchterlichen und fürchterlich ungerechten Mordanschlags wirken, ihr Hochmut, ihre Arroganz, ihre Unwilligkeit, sich den Gegebenheiten auch nur ansatzweise anzupassen oder auch nur die Verzweiflung der andern, vom Schicksal weniger Begünstigten, wahrzunehmen, macht auch sie zu ambivalenten Charakteren. Mag der Vater des Txato im Gefängnis gesessen haben für seinen Kampf gegen die Falange im Bürgerkrieg – der Mythos wäscht nicht rein, wenn man selber kein Mitgefühl für andere und deren Belange aufzubringen bereit ist. Es gibt hier keine Sympathieträger, hier gibt es realistisch geschilderte, beschädigte Leben, in denen dennoch neben Furcht und Hass auch Freude, Mitgefühl und – ja – auch Liebe vorhanden sind.

Es ist die Figur der Arantxa, dieser starken, sich ein „normales“ Leben wünschenden und vom Leben in das ewige Gefängnis des eigenen Körpers gesperrten Frau, die als Kontrapunkt zu all der Schwäche, Härte und Mißgunst vieler der anderen Figuren wirkt. In ihr wird deutlich, daß dies ein Roman ist und daß ein Roman einem gewissen Zirkelschluß unterliegt, den das Leben meist nicht bietet. Aber ein Roman kann auf das Leben einwirken, kann einen Weg vorzeichnen, kann zur Vergebung und zur Verarbeitung der Trauer beitragen. Und genau das schafft Aramburu auf seinen gut 750 Seiten: Einen Beitrag zu leisten zur Versöhnung in einem immer noch gespaltenen Land, in dem in den vergangenen Jahren nun die Katalanen aufbrechen, sich zu separieren. In einem Europa, in dem der Nationalismus fröhliche Urständ´ feiert, sollte ein Roman wie PATRIA Pflichtlektüre werden, weil er besser als alle Magazinberichte oder TV-Featurettes zu vergegenwärtigen versteht, wohin die Idee des Nationalismus letztendlich führt: In das Elend des Verlusts, das Elend der Vereinzelung und damit in das Elend von Hass und Verachtung. Keine Entwicklung, die man sich wünschen kann. Dafür aber hier – große Literatur!

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