REVIVAL

Der Meister des Horrors präsentiert transzendentalen Schrecken

Wer Stephen Kings nicht-literarische Bücher kennt, jene, die er über sein Leben und das Schreiben verfasst hat, der weiß, daß eins der einschneidenden Ereignisse für ihn der Massenselbstmord in der Siedlung Jonestown m Dschungel von Guyana war. Hier brachten sich am 18. November 1978 über 900 Menschen selbst und gegenseitig ums Leben, nachdem der Sektenführer – und Gründer der Siedlung – Jim Jones dazu aufgefordert hatte. King kommt in Büchern wie DANSE MACABRE (1981) oder ON WRITING: A MEMOIR OF THE CRAFT (2000), aber auch in einzelnen Aufsätzen und Essays, in denen er über sein Werk reflektiert und eben auch die Einflüsse beschreibt, die es geprägt haben, immer mal wieder auf die Begebenheiten in Jonestown zurück. Die Opfer damals waren größtenteils Amerikaner, weshalb die ganze Geschichte in den USA weitaus mehr Nachhall fand, als bspw. in Europa. Man kann Kings Grauen spüren, daß er im Angesicht religiöser Verführbarkeit und der Macht dieses Charismas empfunden haben muß.

So vielleicht erklärt sich, weshalb in Kings Werk immer wieder falsche Prediger, Scharlatane, religiös Verbrämte auftauchen, denen er meist aber vor allem psychotische Züge unterstellt, Lust an Macht und Zerstörung. Etwas anders stellen sich die Dinge in REVIVAL (2014) dar. Auch hier hat der Leser es mit einem Prediger zu tun, allerdings mit einem, der den Glauben verliert, als Frau und Kind Opfer eines fürchterlichen Autounfalls werden. Daraufhin wandelt der Mann sich zu einem Jahrmarktsschausteller, der über die Lande zieht und, anstatt die Gebote Gottes zu verkünden, anhand obskurer Apparate, die er selbst entwickelt hat, die Geheimnisse der Elektrizität vorführt. Und mit deren Hilfe er scheinbare „Wunderheilungen“ vollbringen kann. Doch nicht genug, seine Wissbegier ist unermesslich und so wähnt er sich auf der Spur einer geheimnisvollen Energiequelle, einer Ur-Elektrizität, die der Quell allen Seins ist, so etwas wie der göttliche Funke selbst. Und anhand dieser Quelle erhofft sich der vom Glauben abgefallene Prediger Transzendenz, Einblicke in jenes Reich, wo die Zeit aufgehoben ist, jenen Bereich hinter dem Sterben. Und er erhofft sich Gewißheit darüber, daß dieses Jenseits eben nicht das Paradies der Gläubigen ist.

Berichtet wird das alles aus Sicht eines Mannes, dessen Wege sich im Laufe von nahezu 50 Jahren immer wieder mit denen des Predigers kreuzen. Zunächst ist es die heimische Methodistenkirche in einer ländlichen Gegend Neu Englands in den frühen 60er Jahren, in der der junge Mann das Amt des Pfarrers antritt. Nach dem Tod von Frau und Kind und einer „schrecklichen Predigt“, die ihn das Amt kostet, begegnen sie sich auf einem jener Jahrmärkte wieder, später dann ist es weniger der Zufall, als vielmehr eine schicksalhafte Verbundenheit, die sie noch mehrmals zueinander treibt. Bis es zu einem finalen Experiment kommt, einem Öffnen jener Tür an der Schwelle zu dem jenseitigen Danach, das wohl alle Menschen von Zeit zu Zeit beschäftigt.

King vermischt seine Mär vom im Grunde hassenden Prediger mit allerhand Vorbildern und Versatzstücken eigener wie fremder Werke. Da schimmert – einmal mehr, muß man sagen, denkt man an die viel direkteren Anspielungen in PET SEMANTARY (1983) – W.W. Jacobs THE MONKEY`S PAW (1902) in der Erzählung auf, King nimmt deutliche Anleihen bei Mary Shelleys FRANKENSTEIN (1818), ebenso bei einer ganzen Reihe sogenannter Mad Scientists, verrückter Wissenschaftler, die gerade das angelsächsische Horror-Genre, sei es in der Literatur oder im Film, bevölkern, und verweist zugleich auf eigene Werke wie SALEM`S LOT (1975) oder JOYLAND (2013). Gerade diese Rück- und Querverweise auf das eigene Schaffen machen Kings Schreiben seit geraumer Zeit interessant. Mehr und mehr hat sich der Autor ein eigenes Universum erschaffen, lässt Nebenfiguren früherer Bücher auftreten oder einzelne Figuren sich an Ereignisse anderer Bücher erinnern. Es entsteht zusehends ein postmoderner Kosmos, der en miniature ein Portrait des zeitgenössischen Amerika nachzeichnet.

In REVIVAL treibt der Autor allerdings ein doppeltes Spiel. Ein Wunderheiler, ein Prediger eigener Wissenschaft, ein sich der Aufklärung verschrieben habender Transzendentalist, der, wie es gegen Ende des Buches heißt, wissen wollte „was hinter dem Tor des Todes lag. Aber mehr noch […] wollte er dieses Mysterium entweihen. Er wollte es ans Licht zerren, in die Höhe halten und schreien: Da ist es! Dafür sind all eure Kreuzzüge und eure Morde im Namen Gottes geschehen! Da ist es! Na, wie gefällt es euch?“ Dieser Mann hat den Glauben durchdrungen, überwunden, dann begriffen, daß letztlich alles Wissen auf Glaubensbasis gründet und aus dieser für ihn (und uns?) erschreckenden Erkenntnis ein Programm des transzendentalen Verlusts entwickelt. Dieses Programm stellt herkömmliche Glaubenssysteme in Frage und zugleich offenbart es, daß die wirkliche Wahrheit hinter den Dingen noch viel unbegreiflicher ist, als alle jüdischen, christlichen oder islamischen Lehren, um nur die großen Weltreligionen zu nennen, es sich je hätten vorstellen können. Selbst der nüchternste, sachlichste, abgebrühteste und rational denkendste Anhänger der Aufklärung, der Empirie und der Hermeneutik soll an irgendeinem Punkt wieder auf das Unerklärliche stoßen – und vor Grauen vergehen.

Für den Massenselbstmord, die Selbstaufgabe der Jünger, das Auslöschen des eigenen Daseins, muß dieser Mensch in REVIVAL schließlich gar nicht mehr selber sorgen, denn seine Lehre, wenn es denn eine ist, sein Glaube an die „heimliche Elektrizität“, an die Urkraft allen Seins, hat ihre ganz eigene dunkle Seite, die ihre Macht entfaltet und die, die sie in ihren Klauen hält, in die Richtung treibt, für die ein Jim Jones noch seine ganze Autorität und letztlich die Brutalität seiner direkt Untergebenen aufbringen musste. Hier, in REVIVAL, bleibt diese dunkle Seite der Macht unerklärlich und bringt auch ihren Entdecker an den Rand des Wahnsinns, muß er doch das Unerklärliche akzeptieren, seinen Gotteshass wenn nicht in Frage stellen, so zumindest doch der Erkenntnis weichen lassen, daß auch ohne einen Gott Mächte und Kräfte im Universum walten, die wir nicht verstehen können und wahrscheinlich auch nicht verstehen sollen.

King, der eigentlich ein eher liberaler, aufgeklärter Mensch ist, spielt gern und mit Lust mit jenen vermeintlichen Wahrheiten, die ein liberaler, aufgeklärter Mensch lieber nicht begreifen will. Was, wenn hinter unseren düstersten Befürchtungen doch Mächte stehen, die weit, weit über unser Begreifen hinausgehen? Was, wenn die bis in die kleinsten Einheiten analysierte Welt doch Bereiche bereit hält, die wir nicht nur nicht verstehen, sondern deren Verständnis sich uns bewußt entzieht? Was, wenn dort draußen Kräfte weilen, die wir so gern in den Bereich der psychischen Erkrankung, der überhitzten Gemüter, des fehlgeleiteten Intellekts und der überbordenden Phantasie einordnen, die aber in Wahrheit genau den Quellen entspringen, die die psychisch Kranken, die überhitzten Gemüter, die Fehlgeleiteten und die Phantasten immer schon als Grund vermutet und behauptet haben? So greift REVIVAL einige gegenwärtige Phänomene auf: Wiederkehrender Religiosität, die gerade in Amerika in einigen Gegenden einem Third Awakening gleicht, eine zutiefst verunsicherte Gesellschaft, die nach einfachen Lösungen sucht, zunehmende Gewalt, die sich scheinbar willkürlich und eruptiv entlädt. Einmal mehr beweist sich der Autor als Seismograph unterschwelliger gesellschaftlicher Wandlungen und Entwicklungen, die nichts Gutes verheißen.

2008 erschien der franko-kanadische Film MARTYRS (2008), der wie wenige Horror/Terrorfilme einen sehr ernsthaften Versuch unternimmt, das Thema Gewalt und Transzendenz zu behandeln. Dort ist es eine kleine Gruppe von Psychiatern, Analytikern und Psychologen, die eine geheime Loge bilden, um Märtyrer – Zeugen im Schmerz, die das Jenseits erblicken, Transzendenz herstellen und erleben – zu erschaffen, weil sie letzte Fragen beantwortet haben wollen. Alles Kundschafter und Erkunder der Geistes, der Psyche und der Seele, Wissenschaftler, die an das Unterbewußtsein als Quelle aller Schrecken und Albträume glauben und doch nicht damit leben können, daß der Tod eine letzte, ultimative Grenze bereit hält, die uns an den Rand all unserer Erkenntnissysteme führt.

Stephen King, ein großer Liebhaber von Horrorfilmen (wie auch nicht?), wird dieses wahrlich aufwühlende Werk mit großer Wahrscheinlichkeit also kennen. Und je mehr sich sein Roman dem Ende nähert, desto häufiger muß man an genau diesen Film denken. Wie dort wird auch hier ein Mensch – der Ich-Erzähler Jamie Morton – zu einem unwillentlichen Zeugen jenseitiger Bereiche, die für das menschliche Auge, den menschlichen Geist nie zu sehen gedacht waren. Er überlebt diese Erfahrung und muß doch den Rest seines Daseins in einem Wissen verbringen, das alles Dasein überschattet und negiert. Selten in den letzten Jahren ist Stephen King in einem seiner Romane derart konsequent und kompromißlos gewesen, hat dem Leser ein Happy-End derart klar verweigert, wie in REVIVAL. Vielleicht ist es das Bewußtsein eigener Endlichkeit und deren Näherkommen, das den Autor dazu veranlasst hat.

So oder so ist mit REVIVAL ein angenehm unblutiger und wenig an Gewalt interessierter, dafür in seiner philosophischen Tragweite doch erschreckender Roman gelungen, der den Leser schaudern macht und mit eisiger Kälte im Leib zurücklässt. Der wahre Horror ist dann letztlich wohl doch eher in uns und unserem Zugriff auf unsere Realität, der Brüchigkeit unserer Wahrnehmung und der Erkenntnis der eigenen Nicht-Bedeutung zu finden, als in all den Monstern und Wesen, die vielleicht unserer Phantasie entsprungen sind. Vielleicht aber auch nicht.

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