SCHRITTE IN DER NACHT/HE WALKED BY NIGHT

Ein dokumentarischer 'Film Noir', bei dem der große Anthony Mann seine Finger im Spiel hatte

Roy Morgan (Richard Basehart) bringt bei einem gescheiterten Einbruchsversuch einen Polizisten kaltblütig um. Marty Brennan (Scott Brady) und Chuck Jones (James Cardwell) – Sergeants des LAPD – werden von ihrem Vorgesetzten Captain Breen (Roy Roberts) auf den Fall angesetzt, den sie mit äußerster Akribie angehen, da der Tote nicht nur ein Kollege war, sondern einem der beiden auch persönlich bekannt.

Durch den Einsatz modernster Polizeiermittlungsmethoden – Fingerabdrucknahme, mikroskopische Untersuchungen einzelner am Tatort gefundener Gegenstände usw. – gelingt es ihnen schließlich, den Elektrohändler Paul Reeves (Whit Bissell) aufzustöbern, der von einem Roy Martin regelmäßig angeblich von ihm verfeinerte Elektrogeräte in Kommission nimmt und weiterverkauft.

Bei dem Versuch, Morgan, der als der Täter identifiziert wird, in dem Laden festzusetzen, wird Sergeant Jones schwer angeschossen und bleibt zunächst im Rollstuhl.

Captain Been zieht Brennan nun vom Fall ab, da er der Meinung ist, dieser sei einerseits zu sehr involviert, wurde doch sein Partner angeschossen, doch ist der Captain auch der Meinung, Brennan fiele nichts mehr zur Ermittlung ein, ja, er ließe sich gehen.

Der Polizeitechniker Lee (Jack Webb) entwickelt nun weitere Methoden, dem Täter auf die Spur zu kommen. Durch die moderne Diatechnik gelingt es, ein belastbares Phantombild herzustellen und so wird Morgan schließlich entdeckt und gestellt.

Er flieht in das endlos erscheinende Tunnelnetz der Kanalisation unter Los Angeles, doch wird er von Brennan und seinen Leuten verfolgt, schließlich gestellt und erschossen.

HE WALKED BY NIGHT (1948) gibt vor, einen erst kürzlich geschehenen Mord an einem Polizeibeamten und dessen Aufklärung zu beschreiben, lediglich, so eine Erklärung nach dem Vorspann, die Namen der Beteiligten seien geändert worden. Wie der ältere T-MEN (1947) bediente der allerdings ungenannte Regisseur Anthony Mann hiermit erneut das Sub-Genre des ‚Doku-Noir‘, also jener Spielart des ‚Film Noir‘, die sich vorgeblich realer Fälle bediente und betont sachlich, meist mit erklärender Erzählerstimme aus dem Off, berichtete. Man darf diese Darstellung – wie meist, wenn aus Hollywood etwas kommt, das „auf einer wahren Geschichte“ beruht – gern anzweifeln. Dennoch wurde der Film Vorbild für die immens erfolgreiche Fernsehserie DRAGNET (ab 1951), die, zunächst als Hörspiel fürs Radio konzipiert, mit Unterbrechungen bis in die jüngere Vergangenheit im amerikanischen Fernsehen lief. Die Serie machte dieses „Beruhen auf einer wahren Begebenheit“ zum Prinzip.

HE WALKED BY NIGHT, anfangs noch mit häufig genutzter Voice-Over versehen, steht für eine Gabelung in Hollywood, wie in der Geschichte des ‚Film Noir‘. Er führt einen nahezu psychopathischen Kriminellen vor – den Richard Basehart eindringlich und nachhaltig beeindruckend spielt – der in einer kurzen Szene zumindest damit erklärend charakterisiert wird, im Krieg gekämpft zu haben. Da der ‚Film Noir‘ gemeinhin dafür gelobt wird, einer desillusionierten Generation verlorener Männer Stimme und Gesicht zu geben, die, eigentlich einfache Arbeiter oder Angestellte, auf den Schlachtfeldern Europas und des Südpazifik Dinge gesehen hatten, die ihre Leben nachhaltig erschütterten, kann man sich diesen Roy Morgan gut als einen dieser zerstörten Menschen vorstellen (zumal das Vorbild des Mörders in diesem Fall wirklich ein Exsoldat war, der eine Einheit unter seinem Kommando auf einer Pazifikinsel verloren hatte, was ihm später als schuldeinschränkend ausgelegt wurde). Er entspricht allerdings auch dem von heute aus gesehen viel moderneren Typus des schlicht „bösen“ Psychopathen, dem es Lust bereitet, sadistisch zu töten. Damit verweist der Film bereits auf die späteren Noirs der 50er Jahre, in denen dieser Typus weitaus häufiger anzutreffen war (zuvor jedoch im Horrorfilm schon seinen Einstand hatte, sowie in einigen Grenzgängern zwischen den Genres, wie THE SPIRAL STAIRCASE/1945, wo wir es ebenfalls mit einem offensichtlich psychopathischen Täter zu tun haben).

HE WALKED BY NIGHT markiert somit jene Gabelung, wo sich das Genre entscheidet, eben nicht dem reinen Kriminalfilm zu entsprechen. Die späteren Noirs finden weitaus mehr Gefallen an der Beobachtung der Täter und ihrer psychopathologischen Beschädigungen (v.a. wenn es Frauen sind), als daß sie Interesse an akribsich gezeigter Polizeiarbeit gehabt hätten. Manns Film bedient beides. Dabei ist HE WALKED BY NIGHT recht weit entfernt von der zynischen, ja fast misantrophen Haltung der meisten typischen Noirs. Kameratechnisch von John Alton beeindruckend in einem wahren Rausch von schwarz-weißem Licht/Schattenspiel gefilmt, bleibt der Film inhaltlich klar an der Polizeiarbeit interessiert und vertritt eine deutlich konservative „Crime doesn’t pay„-Haltung. Gerade in den ersten zwanzig Minuten kann das enervierend sein, da die Stimme aus dem Off ständig mit einer scheinbar an Wochenschauen erprobten Schnarrstimme darlegt, wie böse und gemein der Verbrecher sei und wie unbedingt er gefasst werden müsse. Hinzu kommt die Penetranz eines Captain Breen, der mit einer ewig glimmenden Pfeife im Mund wie der Patriarch der Ermittlungseinheit wirkt, seinen Leuten zugetan, immer das Richtige im Blick und natürlich rechtschaffend, dabei aber mit der für seinen Job nötigen Härte ausgestattet.

Daß der Film über eine reine Propagandaveranstaltung für die Polizei hinaus zu einem Klassiker werden konnte (zumal die Polizei von Los Angeles uns nicht erst seit James Ellroy als eine der korruptesten und brutalsten Dienststellen der USA bekannt ist, gerade in den 50er Jahren), liegt sicherlich auch und gerade daran, daß neben dem genannten Regisseur Alfred L. Werker Anthony Mann an der Regie beteiligt gewesen ist. Diese Information gilt mittlerweile unter Filmhistorikern als gesichert. Wer Manns Werke kennt, v.a. seine später entstandenen Großwestern mit James Stewart in der Hauptrolle, der sieht den Meister hier schon deutlich seine typischen stilistischen Feinheiten üben: Der Film besitzt eine physische Härte, die für die 40er Jahre ungewöhnlich ist. Da wird einem Mann ins Gesicht geschossen, Morgan operiert sich in einer langen und erstaunlich genau beobachteten Szene selbst eine Kugel aus dem Leib, das Ende in der Kanalisation ist ebenfalls mit einer gewissen Härte und Deutlichkeit gefilmt, was die Darstellung von Gewalt betrifft. Man kann auch Manns Obsessionen hier bereits erkennen: Ansatzweise hat man es schon mit den gebrochenen Männern zu tun, die später in seinen Western auftraten. Nicht nur der Täter in seiner Psychopathologie fällt in diese Kategorie, sondern auch Sgt. Brennan, an dessen Fähigkeiten nicht nur sein Vorgesetzter zu zweifeln scheint, sondern auch sein angeschossener Kumpel Chuck. Durch die ambivalente Figurenzeichnung und die Zeit, die der Film sich nimmt, sie in ihren Zweifeln auch zu beobachten (bei einer Gesamtlauflänge von gerade mal 79 Minuten also eher seltene Momente in einem Film, der seine Geschichte sehr direkt erzählt), wird HE WALKED BY NIGHT aus der Masse ähnlicher Filme herausgehoben und macht ihn zu dem die Zeit überdauernden Meisterwerk, als das er heute gern betrachtet wird.

Unterstrichen wird diese Ambivalenz durch die Metaphorik, die Buch  und Regie wählen. Das Ende in der Kanalisation ist äußerst spannend und wird nicht nur vor der Kamera, in der Action und den Bewegungen der Figuren durch Schatten und Tunnel dynamisch eingefangen, sondern auch filmisch eindrucksvoll umgesetzt. Es ist eine hervorragende Location, um darauf hinzuweisen, daß in jedem Menschen etwas verborgen liegt, nicht nur das äußerlich Sichtbare zählt[1], sondern daß wir alle eine nicht sichtbare Seite haben, wo möglicherweise Ungeheures schlummert oder ausgebrütet wird. Ein Jahr später kam ein Film in die Kinos, der weitaus größere Berühmtheit erlangte, der ebenfalls dem ‚Film Noir‘ zugerechnet wird und dessen eine Hauptfigur etwas zu sein vorgibt, was er nicht ist und die schließlich ihr Ende in der Kanalisation einer Weltstadt findet: THE THIRD MAN (1949) von Carol Reed, mit Orson Welles und Joseph Cotten in den führenden Rollen. Es wäre nicht allzu erstaunlich, wenn Werker/Manns kleiner Kriminalfilm durchaus Pate gestanden hätte für jene Szenen in Wiens Kanalisation, die heute so viel bekannter sind als das Ende Roy Morgans im Untergrund von Los Angeles.

Man mag darüber streiten, wie groß Manns Anteil an diesem Werk gewesen ist, daß er seine Hand im Spiel hatte, ist nicht zu bestreiten. HE WALKED BY NIGHT ist ein packender, seiner Zeit in gewisser Weise – was Härte und Gewalt betrifft – vorauseilender Film, der mit Baseharts Roy Morgan ein wahres Monster in den Kosmos des an Monstern wahrlich nicht gerade armen Hollywood einführt und dennoch psychologisch genau diesen Typus beschreibt. Zugleich erfüllt der Film alle wesentlichen Merkmale des ‚Doku-Noir‘ und ist auch damit ein Vorreiter für eine ganze Welle ähnlicher Filme gewesen, die ab den späten 1940er Jahren Kriminalität und wie man sie bekämpft untersuchten. Vor allem aber ist es ein stilistisch ausgesprochen feiner Film, der exemplarisch erklärt, wie der ‚Film Noir‘ funktioniert.

 

[1] Dem Officer, der zu Beginn des Films getötet wird, wird genau diese Täuschung durch das Äußerliche zum Verhängnis. Dem ersten Zeugen am Tatort flüstert er mehrfach zu, der Täter habe so „normal“ gewirkt, ja „freundlich“ ausgesehen.

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