UMKÄMPFTE ZONE. MEIN BRUDER, DER OSTEN UND DER HASS

Ines Geipel legt eine sehr persönliche Überlegung zu den Kontinuitäten ostdeutscher Geschichte nach 1945 vor

Wenn man gerade ein Buch wie das von Norbert Frei federführend verfasste ZUR RECHTEN ZEIT gelesen und daraus einiges über die Kontinuitäten rechten bis rechtsextremen Denkens (und Handelns) auch in der DDR gelernt hat, kommt Ines Geipels Werk UMKÄMPFTE ZONE. MEIN BRUDER, DER OSTEN UND DER HASS (2019) gerade recht, um das Gerüst, das Frei und seine Co-Autoren als Studie erarbeitet haben, mit realem Leben, Erinnerungen, Erarbeitetem und subjektiven Gedanken zu behängen.

Geipel nimmt den Tod ihres Bruders, den sie Jahre nicht gesehen hatte – offenbar, nachdem die sich einst nahestehenden Geschwister im Streit über den Umgang mit den Belastungen einer nur schwer verdaulichen Familiengeschichte und den Entwicklungen nach der Wende  einander fremd geworden waren – als Ausgangspunkt ihrer Betrachtungen der Geschichte der DDR unter den Vorzeichen der aktuellen Geschehnisse in den ehemals neuen Bundesländern, wo eine eigene Form von Nationalismus, Gedenkkultur und leider auch Gewaltbereitschaft entstanden ist, bzw. ihre Fortsetzung gefunden hat. Was Geipel abliefert ist, soviel kann man wohl sagen, mit das Beste, was man lange zu den aktuellen Entwicklungen und Ereignissen lesen durfte. In einem sprachlich und gedanklich dichten Geflecht  eigener, angelesener und miteinander verbundener Reflektionen über Politik, Gedenkkultur, Familiengeheimnissen, der Sprachlosigkeit in den und unter den Generationen, entsteht ein anderes Bild der DDR. Es ist ein Nachdenken über Kontinuitäten, Generationenfragen , über Geschichtsverdrängung und -vergessenheit, das den Leser bestürzt und auch bedrückt zurücklässt, aber mit hoher Bereitschaft, sich den Anhang mit der Literaturliste systematisch vornehmen zu wollen, um selbst den manchmal angedachten, manchmal ausgeführten Betrachtungen nachzuspüren.

Daß im Osten die Erinnerung an das 3. Reich und den Nationalsozialismus eine vollkommen andere war, eine staatlich gelenkte und vor allem als politisch-ideologische Machtbasis genutzte Form des Gedenkens, ist allgemein bekannt. Was daraus aber erwachsen konnte, ist in dieser persönlichen Form bisher nicht bedacht oder beschrieben worden. Mit Walter Ulbricht und dessen Mitstreitern kam eine Gruppe kommunistisch geprägter Sozialisten in das zerstörte und besetzte Land, die selber gerade dem Terror stalinistischer Säuberungen und Verfolgung entgangen war, und baute es nach der strengen Vorgabe Moskaus wieder auf. Diese Generation hatte Hitler und den Nationalsozialismus aufsteigen sehen, hatte ihn bekämpft und musste vor ihm fliehen. Die Härten der Vorkriegszeit, gerade, wenn man auf einer der ideologisch extremen Seiten stand, war ihnen geläufig. Sie traf auf eine Generation junger Menschen, die geprägt war durch die Erlebnisse in der Hitler-Jugend und der totalen Indoktrinierung durch das Staatswesen und die in Ermangelung anderer Kenntnisse und Erfahrungen totalitärem Gedankengut offen gegenüber war. Nutzbar, um einen anderen, vermeintlich besseren, aber ebenfalls durch Totalitarismus geprägten Staat aufzubauen. „Nutzbar“, weil jung genug, um noch formbar und beeinflußbar zu sein.

Wie einfach es sich die DDR-Elite der frühen Tage hingegen mit dem, was später „Entnazifizierung“ genannt wurde, machte, beschreibt schon Frei eindrücklich. Anhand  der Geschichte des eigenen Großvaters, kann Geipel diese Phase in der Geschichte der DDR vertiefen und verdeutlichen. Dieser Großvater war ein Schreibtischtäter, er gehörte zur Nazi-Administration in Riga, muß dort (wahrscheinlich) von Massenerschießungen gewusst haben. Es gelang ihm, sich in der SBZ (Sowjetisch Besetzten Zone) schnell reinzuwaschen und ebenso schnell, wieder im Staatsapparat unterzukommen. Das Schweigen über die Erlebnisse im Krieg setzte sich – darin scheinen sich die Großväter der Kriegsgeneration in Ost und West dann durchaus geglichen zu haben – in die Familie fort. Geredet über das, was da geschehen war, wurde nicht. Der Staat, mit seiner antifaschistischen Programmatik, sorgte derweil für Entlastung, konnte es im Osten doch nicht geben, was nicht existieren durfte. Wer hier anerkannt wurde, war „rein“ vom falschen Gedankengut, die Bewältigungskultur wurde in den ideologisch längst wieder als „faschistisch“ eingestuften Westen abgeschoben.

Besonders beeindruckend ist in dieser Hinsicht das Kapitel über den „Buchenwald-Komplex“. Auch hier gelingt es Geipel, Geschichtswissen mit persönlicher Geschichte kurz zu schließen. Buchenwald wurde in der DDR zu einem Mythos. Es war das Konzentrationslager gewesen, in dem es den deutlichsten (und, wenn man so will, erfolgreichsten) Aufstand gegeben hatte und dieser Aufstand war von den kommunistischen Häftlingen organisiert worden. Sie hatten das Lager unter ihre Kontrolle gebracht, hatten dabei aber streng nach parteilicher Verantwortung gehandelt, z.T. durchaus auch in dem Wissen, andere Häftlinge dem sicheren Tod auszusetzen, um wesentliche und wichtige Mithäftlinge zu schützen. Bruno Apitz hat in seinem wegweisenden Roman NACKT UNTER WÖLFEN diesem Widerstand ein Denkmal gesetzt. Geipel erzählt anschaulich von der Geschichte der Kommunisten in Buchenwald und der Entstehung des Romans und seiner immensen Wirkungsgeschichte. Daß das ehemalige KZ Buchenwald nach 1945 zu einem Gefangenenlager der Sowjets umfunktioniert wurde und hier etliche, ebenfalls politische Gefangene elendig zugrunde gingen, durfte in diesem Kontext dann keine Rolle spielen. Laut Geipel kommen in der Chiffre „Buchenwald“ der Terror der Nationalsozialisten und der stalinistische Terror zwar nicht zur Deckung, wird aber die Schnittmenge dieser zwei Totalitarismen eben nicht nur symbolisch überdeutlich. Wie der Mythos Buchenwald dann aber behandelt wurde, wie er in der Erinnerungskultur der DDR eine zentrale Rolle spielte, steht dann stellvertretend für eine Erinnerungskultur, die vor allem Verdrängung förderte. Wenn nicht gar forderte. Erstaunlich in diesem Zusammenhang, daß Jorge Semprúns dokumentarischer Roman WAS FÜR EIN SCHÖNER SONNTAG! bei Geipel keine Erwähnung findet.

Die Autorin unterteilt die Generationen, die die DDR aufbauten und 40 Jahre belebten in jene frühen Exilanten wie Ulbricht, in die „Kinder Hitlers“, die noch im 3. Reich sozialisiert wurden, und „Hitlers Enkel“, unterbrochen von der „Generation Mauerbau“. Nur den „Enkeln Hitlers“ attestiert die Autorin, die DDR als System, als Land, wirklich abgelehnt zu haben. Sie berichtet u.a. von der veritablen Punkszene, die sich seit Ende der 70er Jahre auch in der DDR formierte und von der Stasi massiv bekämpft wurde, während man die zugleich entstehende Szene der Skinheads, die auch im Osten politisch immer rechtsextrem gewesen ist, verharmlosend als „Rowdys“ einordnete und weitestgehen in Ruhe ließ. Immerhin, so die dahinterstehende Logik, seien diese „Rowdys“ keine Totalverweigerer, sondern durchaus am Militär, der NVA, dem Drill und der Organisation interessiert gewesen. Außerdem sahen sie ordentlich aus. Wie diese verschiedenen Generationen die DDR in ihrer jeweiligen Epoche prägten ist spannend zu lesen.

Geipels Text changiert zwischen sehr persönlichen Erinnerungen an die Kindheit in Dresden, wo sie am „Weißen Hirsch“, eben jenem großbürgerlichen Viertel, dem Uwe Tellkamp schon in seinem Roman DER TURM ein Denkmal setzte, aufgewachsen ist, und der Auseinandersetzung mit ihrem Bruder in der Nachwendezeit, in der die Geschwister u.a. gewärtigen mussten, daß der Vater, offiziell ein Hochschul-Dozent für Musik, ein Stasi-Mitarbeiter mit bis zu acht Identitäten gewesen war, ein Mann, der Auslandseinsätze durchführte, der ausgebildet war in Nahkampf, Terroraktion und Tötungstechniken. Geipel schneidet einiges nur an, so die heimischen Mißbrauchsvorkommnisse, bei denen der nur gelegentlich anwesende Vater die Kinder offenbar zu Übungszwecken fürchterlich prügelte. In einer manchmal an soziologischen Studien und Analysen geschulten, dann wieder fast lyrisch, ins im besten Sinne des Wortes Prosaische wechselnden Sprache, assoziiert Geipel immer wieder das Private mit dem geschichtlich Erwiesenen und Relevanten. Gelegentlich ist das schwer zu lesen, muß man Sätze mehrmals studieren, um ihrem Sinn nachzuspüren, manchmal entsteht der Eindruck, daß die Autorin durchaus ähnliche (Sprach)Bewegungen macht, wie sie den von ihr Untersuchten unterstellt – man weiß nicht immer, ob die Bilder, die sie bemüht, die Metaphern, die nicht immer wirklich treffend sind, nicht auch verbergen, was auszusprechen zu schmerzhaft sein könnte.

Doch ist es ein großes Verdienst des Buches, das sich in seinen letzten Kapiteln den aktuellen Zuständen und dem Entstehen von Pegida und AfD widmet und diese in eine kontinuierliche kulturelle Geschichte des Ostens einzureihen versteht, daß hier ein Schlaglicht auf ein kollektives Unterbewusstes geworfen wird, das lange noch nicht durchdrungen ist. Geipel scheut sich nicht, psychoanalytische Maßstäbe anzulegen, um den Mechanismen von Verdrängung und Projektion, unterdrückter Angst, unterdrücktem Hass und Externalisierung dieser Gefühle nachzuspüren. Wahrscheinlich wird auch dies nicht der letzte Versuch gewesen sein, die Entwicklungen in den vormals neuen Bundesländern zu erklären und einzufassen in übergreifende Erklärungsmodelle, doch kann man schon feststellen, daß man mit Geipels Analyse einen deutlichen Schritt voran kommt. Auch und gerade, indem sie die Erfahrungen von 1945 und 1989 kurzschließt, die Unterschiede aber deutlich benennt, ist es gerade dem westlich geprägten Leser möglich, nachzuvollziehen, was der doppelte Untergang, das Erleben der doppelten Diktatur, bedeutet haben mochte.

Sich von seiner doppelten Diktaturerfahrung zu emanzipieren, ist als Aufgabe für den Osten gegenwärtig zu groß. Er implodiert, in die politische Krise, in die Krankheit, in die Verleugnung hinein.“ (S. 264)

Man sollte diese Worte sehr genau bedenken, wenn man meint, urteilen zu können, was in den fünf jüngeren Bundesländern passiert. Es entbindet nicht von Verantwortung, aber es verdeutlicht, wie weit der Weg noch sein wird, der in diesem Land an gemeinsamer kultureller Aufarbeitung noch zurück zu legen ist. Ines Geipel hat einen großen Schritt in diese Richtung getan, indem die tief in die eigene Familiengeschichte eintaucht, die doppelte Verstrickung exemplarisch ans Licht zerrt und dem Leser darbietet. Sie traut sich an die Dämonen der verdrängten Vergangenheit heran, sie erklärt und sie veranschaulicht. Nicht nur im Osten sollten sich die Deutschen daran ein Beispiel nehmen. Es sind Bücher wie dieses, die helfen können, jenen Graben zumindest ein wenig zuzuschütten, der zwischen der alten BRD und der ehemaligen DDR wieder größer zu werden scheint.

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