UNS GEHÖRT DIE NACHT/WHITE FUR

Jardine Libaire nimmt den Leser mit in eine wilden Liebesgeschichte

Lässt man einen Roman damit beginnen, daß eine Frau einem Mann ein Gewehr auf die Brust setzt und dieser fragt: „Aber liebst du mich denn nicht?“, kann man sehr sicher sein, die volle Aufmerksamkeit des Lesers geweckt zu haben, ihn geradezu in die Geschichte herein gesaugt zu haben. Wie will man sich einem solch fulminanten Auftakt widersetzen?

Jardine Libaire ist genau das in ihrem Roman UNS GEHÖRT DIE NACHT (Original: WHTIE FUR; erschienen 2017) gelungen. Gut 450 Seiten später kehrt man als Leser an diesen Ausgangspunkt des Romans zurück und ist bass erstaunt, wie anders als während der Lektüre erwartet sich die Geschichte entwickelt hat. Über anderthalb Jahre – vom Januar 1986 bis in den Juni 1987 – ist man da der Liebesbeziehung zwischen Elise Perez und Jamey Hyde gefolgt. Sie eine zwanzigjährige halbe Puerto-Ricanerin, die ihr Elternhaus und ihre Heimatstadt im Staat New York hinter sich gelassen hat, um dem Elend und der Not der amerikanischen Arbeiterschicht zu entkommen, er der Sprössling einer Familie von Privatbankiers mit einem sagenhaften Vermögen und einer berühmten Hollywood-Schauspielerin, die ihre besten Zeiten bereits hinter sich hat.

Was anfangs nach einer rein sexuellen Beziehung aussieht, entwickelt sich, wenn nicht gleich zu einer Amour fou, so doch zu einer extrem intensiven Liebesbeziehung, die von wechselseitigen Abhängigkeiten, Unverständnis, Klassenunterschieden, Anhänglichkeit und schließlich bedingungslosem Zusammenstehen geprägt ist. Welten prallen hier aufeinander, die sich im normalen Leben niemals berühren würden. Dementsprechend hat Jamey schnell mit der Ablehnung seiner Freundin durch seine Familie – vor allem dem väterlichen Teil – zu kämpfen und rutscht dadurch immer tiefer in eine Identitätskrise, die soweit führt, daß er sich vom Erbe der Privatbank, in die er nach erfolgreichem Studium an der Yale University aufgenommen werden sollte, lossagt. Die bodenständige Elise, die die Härten einer von Armut, Mißbrauch, Drogen und Gewalt geprägten Umwelt kennt, schwankt zwischen einer leisen Verachtung gegenüber Jameys Familie und der Einschüchterung, die durch das Auftreten, den blanken Zynismus und die Ignoranz von Menschen,, die alles haben und diejenigen, die vom Leben weniger begünstigt wurden, ihrerseits verachten, hervorgerufen werden kann. So kommt es in den anderthalb Jahren, die die Erzählung umfasst, zu allerlei Krisen und Bewährungsproben, die schließlich beide Protagonisten an den Rand einer äußersten Entscheidung führen.

Jardine Libaire scheut sich weder vor Drastik, noch davor, literarische Klischees zu gebrauchen, wo sie ihr angemessen erscheinen. So charakterisiert sie Elise an einer Stelle als „[…]Windhund, aerodynamisch, geprügelt, schnell wie der Teufel, zum Rennen gemacht, zum Verlieren geboren.“ Doch setzt die diese Aussagen so markant, mit solch einer Genauigkeit und schneidender Schärfe, daß der Leser zunächst zusammenzuckt und ihr die mögliche Abgeschmacktheit schnell verzeiht. Zumal es zu Elise und ihrem Umfeld passt, genau so bezeichnet zu werden – born to lose. Da, wo sie herstammt, wird einem dieses Credo bereits in die Wiege gelegt und man kann den Rest seines Lebens darauf verwenden, dagegen anzukämpfen. Elise ist genau solch eine Kämpferin.

Doch funktioniert das Spiel mit den Klischees nicht immer so gut, wie auf der sprachlichen Ebene, die hier im Wechsel mit dem Beschriebenen immer auch sich selbst reflektiert. Schwierig wird es dort, wo die Autorin auf allerhand Klischees zurückgreifen muß, um den maximalen Abstand der Lebenswelten ihrer Liebenden kenntlich zu machen. Die Lieblosigkeit der Superreichen wird da ebenso bemüht, wie das andauernde Name-Dropping von Statussymbolen, Markennamen oder Restaurants und Clubs, die Jameys Herkunft verdeutlichen sollen. Der Vater, der den Sohn gern vergisst, bei Verabredungen ununterbrochen am Telefon hängt und schnell wieder weg ist, die Mutter, die hochwertiges Koks schnupft und mit ihrer besten Freundin mal eben nach Südfrankreich jettet – man wird den Eindruck nicht los, daß diese Welt, die Libaire da beschreibt, direkt Brett Easton Ellis´ AMERICAN PSYCHO entnommen wurde. Minus die Splatterszenen. Ähnlich verhält es sich dann mit Elise´ Heimatumgebung. Hier wird ununterbrochen geflucht, die Kinder bekommen eins auf den Deckel, wenn sie nicht kuschen, Alkohol und billige Drogen sind im Dauergebrauch und wenn es drauf ankommt, entpuppen sich die entscheidenden Figuren natürlich als Prolos mit Herz. Dieser Melange, dieser Gegenüberstellung so unterschiedlicher Lebenswelten und Herkünfte, die einem doch immer wieder sehr bekannt vorkommt, weiß die Autorin dann nichts wirklich Neues hinzuzufügen.

Angedeutet wird eine Wiederholung. Auch Jamey ist das Ergebnis einer von der Familie nicht als standesgemäß betrachteten Ehe seines Vaters mit einer Schwarzen, doch bleibt dieser Aspekt wirklich nur Andeutung. So muß vor allem Jamey durch eine Art Katharsis schreiten. Er muß sich Rechenschaft ablegen über sein bisheriges Leben, muß seine Gefühlskälte – sei sie vorgetäuscht oder nicht – , die er zunächst an den Tag legt, und die durchaus als Schutz betrachtet werden kann, durchbrechen und ablegen, um wirklich zu einem Menschen zu werden und sich der Liebe, die Elise bedingungslos für ihn empfindet, gewachsen und würdig zu erweisen. Es ist allerdings ein geschickter Zug in der Konstruktion des Romans, an dieser Stelle eben nicht auf Analogie  zu setzen. Libaire schildert Elise als die durchaus gefestigtere Person, als eine junge Frau, die aufgrund ihrer Erfahrungen längst weiß, was die Welt einem antun kann und wie man mit ihr umgehen muß. Dementsprechend sind ihre Freunde – und auch hier wieder: Achtung, Klischee! – zwar Freaks, aber zu echten menschlichen Gefühlen und Beziehungen fähig, während sich die wenigen Menschen aus Jameys Umfeld fast alle als degenerierte, hinterhältige, teils verkommene Subjekte entpuppen, die mal berechnend, mal einfach nur verantwortungslos mit den Leben anderer spielen.

Vielleicht ist es folgericchtig, daß die Autorin ihr Liebespaar schließlich in vollkommen andere Welten aufbrechen lässt und ein zwar offenes Ende gestaltet, aber doch Hoffnung in die Düsternis ihrer Geschichte einziehen lässt.

UNS GEHÖRT DIE NACHT ist ein leidlich spannender Roman, der dennoch auf seltsame, hintergründige Art und Weise packt und den Leser mitnimmt auf eine lange, schräge, verwickelte Reise durch die Psyche zweier junger Menschen, die aufbegehren gegen ein Leben, das längst vorherbestimmt zu sein scheint und von dem beide ahnen, daß sich darin so viel mehr verbergen könnte, als der Horizont ihrer spezifischen Hintergründe ihnen verspricht. Und diese Reise begleitet man dann eben doch gern, dank der sprachlichen Fähigkeiten der Autorin und ihrer Beschreibung dieser jungen Menschen, die verloren wirken und sich aneinander klammern und denen man alles Gute wünscht.

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