ZEUGE DES SPIELS/ULTIMATUM

Ein wegweisender Kriminalroman aus den Niederlanden

Der Thriller, vielleicht sogar mehr noch der Kriminalroman, nimmt für sich in Anspruch, sich mit den Abgründen des menschlichen Daseins zu beschäftigen, die „dunkle Seite“ der menschlichen Existenz auszuspähen und gibt zugleich das Versprechen, die durch das Aufbrechen dieser dunklen Seiten unseres Daseins entstandene Unordnung einzuhegen und bestenfalls eine Ordnung wieder herzustellen, die stillschweigend als hinnehmbar postuliert wird. Dazu kreiert er meist fürchterliche Monstren in Menschengestalt, seit ca. 30 Jahren bevorzugt Serienkiller, die sich mit immer abseitigerer Motivation immer abseitigere Tötungsmethoden ausdenken, um das Publikum in immer größere Schrecken zu versetzen. Zugleich wird das Publikum mit Ermittlern versorgt, die meist eine persönliche Schuld oder einen Bruch in ihrem Leben mit sich herumschleppen, damit als verletzlich erscheinen und umso besser zur Identifikation eignen. Daraus entstehen manchmal enorm konstruierte Gebilde, denen man eher folgt, wie man einer Comic-Geschichte folgt, als daß man meinte, es mit reellen Figuren zu tun zu haben.

Umso wohltuender, wenn ein Kriminalroman – oder Thriller – es einmal ernst nimmt mit den menschlichen Schwächen, mit den düsteren Seiten der menschlichen Existenz und vor allem mit den Auswirkungen eines Verbrechens auf „ganz normale Menschen“. Das Brüder- und Autorenpaar Daan und Thomas Heerma van Voss meint es damit bitter ernst in ihrem nominell als Thriller bezeichneten Roman ZEUGE DES SPIELS.

In New Orleans wird eine junge Studentin auf fürchterliche Art während des Karnevals, dem Mardi Gras, ermordet, schnell hat die Ermittlerin Hanna Vincennes zwei Tatverdächtige ausgemacht – einen jungen Araber und den niederländischen Freund der Getöteten. Derweil versucht Aron Mulder, ehemaliger Psychotherapeut, sein Leben, das seit dem gewaltsamen Tod seiner Frau Nora, für den er vorübergehend verdächtigt wurde, aus den Fugen geraten ist, wieder auf die Reihe zu bekommen. Er lebt in einem Ferienhaus in der Nähe von Egmond und trifft sich hier regelmäßig mit Marie, die seine Vergangenheit kennt und ihn dennoch unterstützt und auch liebt. Als Aron durch die Medien von den Vorgängen in New Orleans erfährt, erkennt er in dem Hauptverdächtigen Alexander van Zant seinen seit dem Tod seiner Frau verschwundenen Sohn. Schließlich beschließt Aron, seine Pflicht als Vater wahrzunehmen und reist in die fernen, fremden Staaten, um Alexander beizustehen und, wenn möglich, mit Hilfe eines Privatdetektivs den wahren Mörder zu finden – denn er ist fest von der Unschuld des eigenen Sohns überzeugt. Und aufgrund seiner eigenen Geschichte, weiß er, wie es sich anfühlt, zu Unrecht verdächtigt zu werden…

In einer einfachen und gerade deshalb oft bis ins Mark erschütternden Sprache, oft in reinen Aussagesätzen, berichten die Autoren in sich abwechselnden Perspektiven aus Sicht der Ermittlerin Vincennes und des Vaters Aron von den Entwicklungen. Wie die meisten Kriminalromane bedient sich auch dieser einer gelegentlich hart am Rande des Glaubwürdigen entlang hangelnden Konstruktion, aber ist man als Krimi-Leser ehrlich, muß man zugeben, daß dies nunmal grundlegender Bestandteil aller solcher Geschichten ist. Das Verdienst dieses Romans allerdings ist es, sich eben jeglicher Dramatisierung zu verweigern, dadurch annähernd die sprachliche Ästhetik einer Reportage zu erlangen, was die Konstruiertheit des Plots unterläuft, und den Leser damit in einer Äquidistanz zu halten, die es immer schwerer erträglich macht, den Geschehnissen zu folgen, vor allem – man muß hier vorsichtig sein, um nicht zu viel zu verraten – je mehr er begreift, worauf dies alles hinausläuft. Es gelingt mit wenigen Ausnahmen, in denen die Autoren doch emotionalisierte Einblicke in das Innenleben ihrer Figuren gewähren, dem Leser die empathische Arbeit zu überlassen, was einen Sog entwickelt, dem sich zu entziehen schwer fällt; zugleich empfinden wir aber, ohne daß uns der Roman dauernd darauf hinweisen muß, tiefes Mitgefühl mit den handelnden Protagonisten, dem Vater und der Ermittlerin. Ja, wir sind sogar bereit, deren Vorurteile – u.a. gegen den arabischen Verdächtigen – nachzuvollziehen, ertappen uns dabei aber eben in unserer eigenen Nachsichtigkeit. In diesen Momenten wird der scheinbar so einfach erzählte Roman ungeheuer vielschichtig.

Es gelingt, selbst jene Klischees, die mittlerweile in Krimis eher nerven – bspw. die Nervenschwäche eines Kommissars, der mit den Vorgesetzten über Kreuz liegt – zu Vorteilen in dieser Story zu machen, denn mit einem Mal sind wir mit den menschlichen Schwächen konfrontiert, die wirklich aus beruflichen Schwierigkeiten resultieren und nicht mit jenen Heldentaten, bei denen jemand gegen alle Widerstände, auch die eigenen, über sich hinauswächst. Im Gegenteil: ZEUGE DES SPIELS dekliniert die Spielarten menschlicher Schwächen derart konsequent durch, daß schließlich ein Schlußpunkt auf den Leser wartet, der kaum mehr zu ertragen ist.

Damit eröffnet dieser Roman, dieser Thriller, dieser Krimi, seinem Genre eine Möglichkeit, die immer schon in ihm angelegt war, doch viel zu selten – vielleicht am ehesten noch in den berühmten Krimis von -ky aus den 70er Jahren – ausgespielt wird: Die genaue Untersuchung der conditio humana unter den besonderen Vorzeichen der gewaltsamen Konfrontation. Ohne Übertreibung, ohne falsche Helden und ohne…

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