DER DEUTSCHE VON FLUG 111
Eine erratische kleine Geschichte vom geglückten oder nicht geglückten Leben...
In den Jahren nach dem verheerenden Tsunami 2004 kamen immer wieder Geschichten von Menschen auf, die die Katastrophe genutzt hatten, um ihr altes Leben hinter sich zu lassen und ein neues zu beginnen. Wird man für tot gehalten, gibt das dem ein oder anderen natürlich eine ungeheure Freiheit. Meist betrifft das Kriminelle, die straffrei ausgehen, aber natürlich kann es auch sein, dass man in einem „falschen“ Leben, der „falschen“ Ehe, dem „falschen“ Beruf usw. gefangen ist, aus eigenem Antrieb nicht die Kraft aufbringt sich zu befreien, auszubrechen, zu gehen, alles hinter sich zu lassen – und einfach die sich plötzlich bietende Gelegenheit nutzt.
Ein wenig geht es Michael Seefelder so, dem männlichen Protagonisten in Wolfgang Martin Roths Kurzroman DER DEUTSCHE VON FLUG 111 (2025). Seefelder verbrachte die letzten Jahre als gehobener Angestellter bei der Deutschen Bank in New York, wo er Schritt für Schritt die Karriereleiter hinaufklettern konnte. Er lebte in einer scheinbar glücklichen, wenn auch gegen seinen Willen kinderlosen Ehe mit Bettina, der weiblichen Protagonistin des Buchs. Nun will das Paar zurück nach Deutschland, der Umzug steht unmittelbar bevor, Bettina ist bereits nach Frankfurt vorgereist, die Wohnung einrichten, Michael will nun folgen. Er weiß, dies bedeutet einen Rückschritt die eigene Karriere betreffend, doch nimmt er den gern in Kauf, da er seit einiger Zeit das Gefühl hat, das Leben enthielte ihm etwas vor, als verpasse er Wesentliches. Durch einen nahezu wundersamen Zufall – er will unbedingt eine Zeitschrift für Bettina kaufen – verlässt er, was unter normalen Umständen nicht möglich ist, noch einmal den Check-In-Bereich des Flughafens. Als er zurückkehrt, hat er erstmals in seinem Leben einen Flug verpasst – einen Flug allerdings, auf dem er offiziell geboarded ist. Und dieser Flug stürzt nun vor Kanada ab. Es ist der Flug Swiss Air 111, der Absturz ist verbürgt, er hat so, wie er im Roman geschildert wird, am 2. September 1998 stattgefunden. Keiner der Passagiere überlebte die Katastrophe. Offiziell auch Michael nicht. Der begreift diesen unfassbaren Zufall nun – nach einem anfänglichen Schock – als Möglichkeit, sein Leben neu auszurichten. Praktisch noch einmal neu zu beginnen, unter anderen, neuen Prämissen.
Auf schmalen 120 Seiten beschreibt Roth in sich abwechselnden Textabschnitten, auf welch unterschiedliche Weise sich die Wochen, Monate, schließlich Jahre nach der Katastrophe für Michael und Bettina entwickeln. Sie kommt über den Schock hinweg, durchlebt die Trauer und beginnt nach und nach ein Leben, in dem sie die Erfüllung findet, die sie zuvor nicht finden konnte: Selbstverwirklichung als Malerin, viele Reisen, schließlich sogar eine neue Liebe. Michael seinerseits landet in einem winzigen Kaff im Süden der USA, wo er einen Job als Bibliothekar annimmt, lernt dort eine junge Frau und deren Sohn kennen, mit denen er sich zusammentut und Jahre zusammenlebt, bis ein Unfall ihn schließlich aus der Bahn wirft. Während Bettina immer mehr Glück im Leben empfindet, nicht zuletzt, weil Michaels Tod ihr durch Erbschaft und Lebensversicherungen ein gutes Auskommen sichert, rutscht er nach und nach in eine Schmerzmittelsucht, zieht irgendwann allein weiter gen San Francisco, wo er als Obdachloser auf der Straße lebt und schließlich von Bettina, die mit ihrem neuen Gefährten die Stadt besucht, gefragt wird, ob sie ein Foto von ihm machen darf. Doch erkennen die beiden einander nicht. Was die alte Weisheit, man träfe sich immer zweimal im Leben, zumindest in Frage stellt. Denn gilt das auch, wenn die Betreffenden dieses zweite Aufeinandertreffen gar nicht als solches wahrnehmen?
Die Geschichte verströmt etwas Schicksalhaftes, Vorherbestimmtes, gar Fatalistisches, etwas, das Leser*innen durchaus verunsichern kann. Es bleibt unklar, worum es Roth im Grunde eigentlich geht. Will er uns zeigen, dass wir unserem Schicksal nicht entgegen können? Oder will er einfach darstellen, wie das Leben als solches nicht berechenbar ist, sich nicht planen lässt? Oder kann es gar sein, dass sich in Bettinas nach der Trauer und der Arbeit, die Trauer eben auch immer bedeutet, immer besserem Leben ein letztlich verunglücktes Leben auf Michaels Seite spiegelt? Soll hier gar eine Art „ausgleichender Gerechtigkeit“ angedeutet werden? All diese Interpretationen bieten sich an, und doch trifft keine davon wirklich zu, lässt keine das Publikum befriedigt zurück. Was ja an und für sich nichts Schlechtes für ein literarisches Werk bedeuten muss.
Michael Seefelder jedenfalls scheint seltsam unberührt vom eigenen – vermeintlichen – Ableben. Er taucht in das neue Leben ein, als habe er genau dieses genau so, wie es ihm widerfährt, erwartet. Als sei es ihm eben bestimmt gewesen. Er reflektiert nicht einmal die Verluste, die ja auch er erfahren hat. Weder der Verlust seiner Ehe, noch der der familiären Anbindung – es wird ausführlich geschildert, wie Bettina mit Karin, einer anderen Angehörigen der Opfer des Fluges, und mit Michaels Mutter nach Kanada reist, wo eine offizielle Trauerfeier stattfindet – und erst recht der Verlust seiner materiellen Sicherheit werden je thematisiert. Weder, subjektiv, vom Protagonisten, noch, objektiviert, im Text selbst. Und auch die Entwicklung der letzten Seiten des Romans, wenn Michael nach einem Autounfall langsam Opioid-abhängig wird, scheint wie etwas Vorherbestimmtes wahr- und angenommen zu werden.
So drängt sich dann der Eindruck auf, Michael sei, wenn er denn in San Francisco auf der Straße lebt und dort eine Zweckgemeinschaft bildet mit T.G., einem anderen Obdachlosen, an seinem eigentlichen, immer angestrebten Zielpunkt im Leben angelangt. Sozusagen als moderner (oder postmoderner) Bettelmönch, der der Konsumgesellschaft mit seinem einfachen, nahezu asketischen Leben einen Spiegel vorhält. Dem gegenüber steht Bettina, die mit ihrem neuen Lebensgefährten André, einem Arzt, an die Westküste geflogen ist. Auch wenn Bettina ihren tot geglaubten Ex-Mann (oder Immer-noch-Mann?) nicht erkennt und dieser seine Frau (oder Witwe?) ebenfalls nicht, ist auch diese Begegnung schicksalhaft.
Denn Michael, nun in der amerikanischen Kurzform Mike, feilscht um den Preis, den das Foto kosten soll, das Bettina im Auftrag ihrer Freundin Karin machen möchte. André, der die Verhandlungen für Bettina führt, bietet fünf Dollar, Michael fordert zehn – und bekommt sie. Nach Jahren, in denen er sich vom schnöden Mammon getrennt zu haben schien, in denen er ein kleines, eher bescheidenes Familienglück aufgebaut und wieder verloren hatte, Jahre, die ihn gelehrt haben, dass Geld nicht alles ist auf der Welt, hat die Sucht ihn wieder – wenn auch auf einem weitaus niedrigeren Level als einst der Job bei der Bank bedeutete – zurückgeworfen in das alte Spiel von Handel und Verkauf. Nichts ist umsonst. Nicht einmal – oder gerade nicht – das Leben auf der Straße. Aber Michael scheint genau diesen uramerikanischen Gedanken akzeptiert, geradezu verinnerlicht zu haben. Es ist Bettina, für die nun zehn Dollar keinen Unterschied mehr machen. Sie ist erfolgreich – mit Kultur, nicht mit Finanzgeschäften. Das Foto zählt für sie, nicht das Geld. Auch eine Parabel, wenn man so will.
Roth nutzt eine – scheinbar – einfache, geradlinige Sprache. Sie ist klar, direkt und deskriptiv, selten reflexiv, wodurch der Eindruck verstärkt wird, es hier mit einem Bericht zu tun zu haben, der etwas Folgerichtiges, etwas nahezu Kohärentes beschreibt. So wirkt die Kurzform, die er wählt, auch nicht gehetzt oder gar unangemessen. Er kann Wochen und Monate in einem Absatz zusammenfassen, da er das, was erzählt wird, nie in Frage stellt. Bettina leidet und durchlebt ihren Schmerz; Michael scheint wie in Trance in sein neues Leben einzusteigen und die Dinge, die ihm widerfahren – er trifft auf jemanden, der ihm seine Papiere verkauft und somit zu einer neuen Identität verhilft, er kauft ein Auto, er bleibt am richtigen Ort zum richtigen Zeitpunkt stehen und findet dort genau die Stelle, die es ihm ermöglicht, zu tun, was er immer wollte: Lesen, er trifft eine Frau, die Beziehung scheint sich geradezu von selbst zu entwickeln usw. – scheinen allesamt genau so passieren zu müssen, wie sie es tun.
So bleiben die Leser*innen schließlich mit einem auf seltsame Art fesselnden und sogar berührenden, in sich aber distanzierten und fast ausschließlich beobachtenden Text zurück. Ein Buch, das seine ganz eigene, schwer zu erfassende Magie verströmt. Und doch erratisch, verschlüsselt, geheimnisvoll bleibt. Letztlich scheinen alle hier beschriebenen und angedeuteten Lebenswege gleichwertig nebeneinander zu stehen, scheinen sie alle gleichermaßen erstrebenswert zu sein. Das muss man als Leser*in aushalten und sich letztlich selbst einen Reim darauf machen, was dahinter stecken mag…