ANTEBELLUM

Ein subversiver, manchmal zutiefst verstörender Thriller aus dem "alten Süden"

Auf einer großen, weitläufigen, von Soldaten der Konföderationsarmee betriebenen Plantage in Louisiana werden zu Beginn des Sezessionskrieges massenweise Sklaven gehalten. Die Regeln sind selbst für südstaatliche Verhältnisse sehr rigide: Wer spricht, auch nur flüstert, wird hart bestraft.

Eli (Tongayi Chirisa) wird von Jasper (Jack Huston), einem besonders grausamen Offizier, nach einem Fluchtversuch misshandelt und in Ketten gelegt. Elis Frau versucht, ihm zu helfen, wird von Jasper aber erschossen. Anschließend wird der Leichnam in einem kleinen Krematorium verbrannt, die einst lebende Person komplett ausgelöscht.

Eine weitere Sklavin, die ebenfalls an Elis Fluchtversuch beteiligt gewesen ist, wird abends in einer Hütte von einem General, der allgemein nur ER (Eric Lange) genannt wird, verprügelt. Immer wieder fordert er sie auf, ihren Namen zu nennen. Der lautet angeblich Eden, doch die Frau weigert sich, ihn anzunehmen. Sie heiße Veronica (Janelle Monáe). Der Soldat brandmarkt sie mit einem Eisen, bis sie schließlich unter den Schmerzen, die sie erleidet bereit ist, den Namen „Eden“ auszusprechen.

Eines Tages trifft eine weitere Gruppe Sklaven auf der Plantage ein. Sie werden von einer weißen Frau und ihrer Tochter in Empfang genommen, begutachtet und schließlich fordert die Frau das Kind auf, den einzelnen Schwarzen Namen zu geben. So erhält eine Frau, die anschließend Eden zugewiesen wird, damit diese sich um sie kümmere, den Namen Julia (Kiersey Clemons). Kaum sind die beiden allein, erklärt Julia, Eden zu kennen. Sie solle ihr bitte bei der Flucht helfen, sie sei schwanger und könne hier nicht überleben. Doch Eden fordert sie auf, sich strikt an die Schweigeregel zu halten.

Auf der Plantage findet ein Fest zu Ehren eines wichtigen Generals statt, der hier auf dem Weg zur Front mit seinen Truppen Station macht. Bei dem Fest dienen vor allem die weiblichen Sklaven als Bedienstete, zugleich sollen sie aber auch den Soldaten zur freien Verfügung stehen. Ein junger, schüchterner Soldat namens Daniel (Robert Aramayo) interessiert sich für Julia, Jasper arrangiert ein Treffen in einer der Hütten. Da sich der junge Mann zunächst freundlich gibt, bittet Julia ihn, ihr zu helfen. Daraufhin schlägt er sie brutal zusammen, wodurch die ihr Kind verliert.

Eli wird anderntags gezwungen, das Krematorium zu säubern, wo er die kette findet, die seine Frau getragen hat. Er nimmt sie an sich, bevor er in der Asche zuammenbricht.

Nachts liegt Eden neben dem General, der sie vergewaltigt hat und nun vor sich hin schnarcht. Da klingelt ein Handy.

Eden, die tatsächlich Veronica Henley heißt, wacht durch das Klingeln ihres Handys in ihrem Bett auf, ihr Mann Nick (Marque Richardson) macht sie darauf aufmerksam, dass sie ihren Flug nach Louisiana nicht verpassen dürfe, wo sie auf einem Symposium auftreten und eine Rede halten soll. Während Veronica sich zurecht macht, versorgt Nick den Sohnemann Kennedi (London Boyce) für die Schule und Veronica muss dem aufgeweckten Jungen erklären, was sie in Louisiana zu tun hat.

Sie ist eine bekannte Soziologin, die gerade ein erfolgreiches Buch veröffentlicht hat, in welchem sie die Rolle schwarzer Frauen im Kontext von Rasse, Colonial und Gender Studies reflektiert. Sie hat, bevor sie losmuss, noch einen Video-Call zu beantworten, bei dem sich eine Frau namens Elizabeth (Jena Malone) meldet, von der Veronica annimmt, sie sei eine Journalistin. Doch anstatt ihr Fragen zu stellen, macht Elizabeth seltsame Anmerkungen zu Veronicas Arbeit und lässt dabei anklingen, dass sie deren Thesen nicht sonderlich goutiert. Veronica bricht das Gespräch ab und macht sich auf den Weg nach Louisiana.

Dort trifft sie ihre Freundinnen Dawn (Gabourey Sidibe) und Sarah (Lily Cowles), mit denen sie nach ihrem Vortag den Abend bei einem angenehmen Essen ausklingen lassen will. Vor allem Dawn, die ausgesprochen selbstbewusst auftritt und sich nichts gefallen lässt, ist ein wenig enttäuscht, hatte sie doch gehofft, die drei würden, wie in alten Zeiten, die Nacht zum Tag machen und zumindest für sie fiele dabei ein knackiger One Night Stand ab. Doch Veronica will früh einen Flieger nachhause erreichen.

So machen sich Dawn und Sarah ohne ihre Freundin auf ins Nachtleben, während Veronica in ein bestelltes Taxi steigt. Das allerdings wird von Elizabeth gefahren, im Fond verbirgt sich Jasper. Die beiden verschleppen Veronica.

Wieder auf der Plantage, stellen die Aufseher eines Morgens fest, dass Julia nicht zum Baumwollpflücken erschienen ist. Eden wird losgeschickt, sie zu suchen, findet aber nur noch die leblos von der Decke baumelnde Leiche. Julia hat sich umgebracht.

Mit Eli gemeinsam fasst Eden/Veronica den Plan, in der darauffolgenden Nacht zu fliehen. Nachdem der General eingeschlafen ist, kann sie dessen Handy aus der Satteltasche seins Pferds entwenden. Sie und Eli wollen einen Hilferuf absetzen, da tauchen der betrunkene Daniel und ein Kamerad von ihm auf. Eden/Veronica lässt das Telefon aus Versehen fallen, sie und Eli fliehen in ein Feld. Daniel hebt das Handy auf, anderntags, so erklärt er es seinem Kumpel, wolle er es dem General wiedergeben. Der müsse es ja verloren haben.

Eli erschlägt Daniel mit einem Beil und nimmt das Handy wieder an sich. Doch ist es nur mit Gesichtserkennung zu aktivieren. So kehren er und Eden/Veronica zur Hütte zurück, wo sie den General allerdings wach und alarmiert antreffen. Es kommt zu einem Kampf, bei dem der General Eli tötet, selbst aber von Eden/Veronica schwer verletzt wird.

Veronica entriegelt das Handy und ruft Nick an, der entsetzt ist: Seit Wochen werde nach ihr gesucht. Sie erklärt ihm in etwa die Lage, dann setzt sie ein GPS-Signal ab, damit man sie finden kann.

Den sterbenden General wickelt sie ein eine Südstaatenflagge und schleift ihn zum Krematorium. Dort angelangt trifft sie auf Jasper und einen seiner Kameraden. Es gelingt Veronica, die beiden zum General in das Innere des Krematoriums zu locken, dann sperrt sie sie ein und entzündet das Feuer. Die Eingeschlossenen sterben unter fürchterlichen Qulen.

Veronica nimmt das Pferd des Generals und reitet los, sie will irgendwie von der Plantage entkommen. Doch mehrere Reiter verfolgen sie. Während der Verfolgungsjagd kann sie einige abhängen, einer stirbt bei einem Unfall, der ihn vom Pferd reißt. Ein letzter Reiter verfolgt sie hartnäckig. Es ist Elizabeth, die zugleich die Herrin der Plantage ist.

Veronica gelingt es schließlich, Elizabeth durch einen Trick zu überwältigen. Sie wirft ihr ein Seil um den Hals und schleift sie hinter sich her, bis sie mit dem Kopf gegen ein Reiterdenkmal des konföderierten Generals Robert E. Lee. Elizabeth stirbt. Veronica reitet weiter, bis sie auf einen Highway stößt. Man sieht die Polizei und das FBI anrücken und dann Veronica, wie sie mit den Polizisten und Agenten spricht.

In den letzten Einstellungen wird gezeigt, wie ein Bagger das Werbeschild für den konföderierten Erlebnispark Antebellum abreißt. Die Stimme eines Fernsehjournalisten teilt mit, dass der Park von Senator Blake Denton eingerichtet und betrieben worden sei, auf der Plantage als General oder einfach ER bekannt.

In den vergangenen zehn Jahren wurden Genrefilme gern und häufig genutzt, um auf gesellschaftspolitische Defizite hinzuweisen. Anders als das klassische B-Movie, in dem Gesellschaft immer schon gespiegelt wurde, nutzten bspw. Regisseure von Horrorfilmen wie Jordan Peele in GET OUT (2017) und in jüngster Zeit Ryan Coogler in seinem mehrfach Oscar-nominierten Meisterwerk SINNERS (2025) das Genre, um ganz offen gegenwärtigen und historischen (und also strukturellen) Rassismus auf mal mehr, mehr weniger subtile Art und Weise anzuprangern. Irgendwo zwischen diesen Filmen reiht sich der von Gerald Bush und Chritopher Renz inszenierte Thriller ANTEBELLUM (2020) ein.

Anfangs wird den Zuschauer*innen der Eindruck vermittelt, hier werde ein historisches Rassismus-Drama geboten, angesiedelt in den Südstaaten vor oder gleich zu Beginn des amerikanischen Bürgerkriegs. Der Titel – ANTEBELLUM – deutet genau das an, ist dies doch ein stehender Begriff für die Zeit zwischen ca. 1815, als der Britisch-Amerikanische Krieg (begonnen 1812) endete, und dem Ausbruch des Bürgerkriegs im Jahr 1861. Eine für schwarze Menschen extrem brutale und harte Zeit im Süden, wo die Sklaverei als „besondere Institution“ um jeden Preis aufrechterhalten werden sollte und dessen Vertreter jedes Mittel einzusetzen bereit waren, um zu schützen, was sie ihre „Lebensart“ zu nennen pflegten – bis hin zum Bruch mit der Union, von der sich schließlich elf Staaten lossagten.

Das Drehbuch und die Inszenierung durch die beiden Autoren und Regisseure bietet dem Publikum dann auch direkt zu Beginn des Films eine nur schwer erträgliche Szene, in der ein männlicher Versklavter niedergerungen und mit einer fürchterlichen Halskrause aus Stahl versehen wird, während seine Frau versucht, ihm beizustehen. Sie wird von einem der Aufseher niedergeschlagen und dann erschossen. Diese Momente setzen einen gewissen Grundton und die Zuschauer*innen wissen, dass hier nicht gescherzt und nichts beschönigt wird. Im folgenden Film wird Gewalt zwar nur sporadisch als Stilmittel eingesetzt und gezeigt, dann aber zumeist heftig; leider aber auch dem Sujet angemessen. Den Machern war ganz offensichtlich wichtig, das Leben auf einer Sklavenplantage sehr eindringlich und authentisch darzustellen. Insofern wird hier schon klar, dass man es eben nicht einfach mit einem Thriller zu tun hat, der das Thema nur als Hintergrund nutzt. Hier wird es zu einem zentralen Motiv der Handlung.

In den ersten gut zwanzig Minuten des Films wird das Leben auf der Plantage irgendwo in Louisiana geschildert. Sie wird offenbar von Südstaatensoldaten betrieben, die ein unglaublich strenges Regiment walten lassen, die Versklavten dürfen nicht einmal reden, auch nicht miteinander, bei Zuwiderhandlung tritt ein brutales Strafregister in Kraft. Wir werden Zeugen der harten Feldarbeit – hauptsächlich das Pflücken von Baumwolle -, aber auch des schrecklichen Umgangs der weißen Herrscher der Plantage – zumeist Soldaten, doch gibt es auch ein, zwei Frauen, die hier mit ihren der Armee dienenden Männern und ihren Kindern leben – und vor allem der Maßnahmen, die gegen die Versklavten ausgeübt werden. Und auch wird uns gezeigt, wie man sich mittels eines Mini-Krematoriums der Leichen derer entledigt, die diese Strafmaßnahmen nicht überlebt haben.

Es werden einige wichtige Figuren eingeführt – allen voran die von Janelle Monáe gespielte Eden/Veronica Henley, die im Kreis ihrer Leidensgenoss*innen eine besondere Rolle einzunehmen scheint, erklärt eine Neuangekommene doch sogar, sie zu kennen und bittet sie eindringlich, sie und ihr ungeborenes Kind zu schützen. Doch auch der Versklavte Eli, der sich erstaunliche Wortgefechte mit den Aufsehern der Plantage liefert und sogar in Kauf nimmt, für seine Unverschämtheiten bestraft, vielleicht sogar getötet zu werden, spielt eine wesentliche Rolle. Zudem lernen wir den sadistischen Aufseher Jasper und den auf der Plantage als ER titulierten General kennen. Letzterer scheint hier das Sagen zu haben.

Die Zuschauer*innen werden massiv irritiert, wenn mitten in einer Szene ein Handy zu klingeln beginnt. Dieses uns Heutigen so vertraute, alltägliche Geräusch ist im Kontext dessen, was der Film uns bis dahin gezeigt und geschildert hat, ein Schock. Selten wurde ein solch kleiner Soundeffekt so effektiv eingesetzt. Doch schon die Tatsache, dass diese Plantage von Soldaten geführt wird und diese wiederum in ihren Rängen und Zuständigkeiten nicht deutlich erkennbar und voneinander unterscheidbar sind, kann historisch vorgebildete Zuschauer*innen zu Beginn des Films verunsichern. Und auch der Versuch des Generals, die Heldin der Geschichte zu zwingen ihren Namen – Eden – auszusprechen während sie darauf beharrt Veronica zu heißen, mutet seltsam an. Es gibt also Hinweise, dass hier irgendetwas nicht stimmt, das etwas historisch nicht ganz passt, von den historischen Tatsachen abweicht.  Die Zuschauer*innen nehmen diese kleinen Stolperfallen, diese Abweichungen, diese Störungen wahr, übersehen sie aber geflissentlich, um dem Flow der Handlung zu folgen.

Und dann klingelt dieses Handy und wir befinden uns mitten in der Gegenwart, in der die Frau, die sich eben noch weigerte Eden genannt zu werden, morgens als Veronica Henley in einem wunderschönen Bett in einer sehr ausladenden Wohnung aufwacht und ihren Tag beginnt. Sie ist eine offenbar ausgesprochen erfolgreiche Soziologin und Buchautorin, die just an diesem Morgen nach Louisiana zu einem Symposium aufbricht, bei welchem sie eine Rede halten soll. Dass sie seltsame Anrufe von angeblich an ihrer Arbeit Interessierten erhält, die sich allerdings eher bedrohlich gerieren, schiebt die sehr selbstbewusste Frau darauf, dass sie zu eben jenen Themen forscht, die bei der Rechten so unbeliebt sind: Critical Race Theory, Gender-Studies, Feminismus. Also all jene „woken“ Themen, die den schon seit Jahren tobenden Kulturkampf in den westlichen, angeblich gerade aufgrund dieser Themen zur Dekadenz neigenden Gesellschaften befeuern.

Für die Zuschauer*innen ist dieser Cut brutal. Es dauert, bis man sich mit und in der neuen Zeitebene des Films zurechtgefunden hat. Auch, weil uns eine Familie in einem Heim vorgeführt wird, die ganz offensichtlich zu den Wohlbegüterten gehört. Diese Leute haben Geld, sie haben Erfolg, sowohl monetär als auch gesellschaftlich, sie sind gefragt und sie sind sich ihrer Stellung wohl bewusst. Das ist wichtig für den Verlauf der Handlung. Es ist definitiv der denkbar größtmögliche Abstand zu den Versklavten auf der Plantage, deren Qualen wir bis gerade eben beigewohnt haben.

Natürlich beginnt man zu spekulieren, was es mit diesem Zeitsprung um ca. 160 Jahre auf sich haben mag. Eine Zeitreise? Ein Zeit-Raum-Kontinuum? Ein böser Traum, der die Heldin der Geschichte regelmäßig einholt? Es ist dann aber ein Clou, ein Twist, wie er seit M. Night Shyamalans THE SIXTH SENSE (1999) so außerordentlich beliebt ist. Dieser Twist erklärt dann auch die a-chronologische Erzählweise des Films, der den Beginn der Geschichte in die Mitte der Erzählung versetzt. Man muss dem Film zugestehen, dass die Auflösung tatsächlich zutiefst schockierend und verstörend ist und nur so in seiner ganzen perfiden Tragweite Wirkung entfalten kann. Auch, wenn es sicher wieder Viele geben wird, die behaupten, dass sie alles schon nach ca. fünf Minuten gewusst, mindestens aber geahnt hätten: Selbst wenn es so sei – hier macht die Auflösung insofern Sinn, weil sie unmittelbar mit dem Leben der Hauptfigur und somit mit den Themen Rassismus und Klassismus korrespondiert, anders als in den weiter oben genannten Beispielen wirklich unmittelbar in die Erzählung eingebettet wurde. Denn Veronica Henleys Schicksal ist nichts weiter als die ausgelebte Rache sich zurückgesetzt fühlender Weißer an einer erfolgreichen schwarzen Frau. Erfolgreich. Schwarz. Frau. Der Dreiklang ist für einige schlicht nicht zu ertragen.

ANTEBELLUM – und das unterscheidet ihn von Cooglers Film – verzichtet auf jedwede übernatürlichen Aspekte, man hat es weder mit Zeitsprüngen oder ähnlichen Erklärungen zu tun. Antebellum ist keine Zeitangabe, wie der Titel suggeriert, vielmehr es eine Ortsbezeichnung. Es ist eine Plantage irgendwo im gegenwärtigen Louisiana, wo Rassisten einen Erlebnispark für vornehmlich dem Süden entstammende Bürgerkriegs-Fanatiker eingerichtet haben, der unter – zumindest für die entführten Schwarzen, die hierhin verschleppt wurden – extrem realistischen Bedingungen funktioniert. Das mag so dahingeschrieben wie ein schlechter Scherz wirken, in Anbetracht dessen, was in den USA mittlerweile wieder denk- und, ja, auch sagbar ist (in den USA war allerdings alles schon immer sagbar), ist die Auflösung des Films eben alles andere als ein Scherz. Sie ist ein Schock, weil sie ein denkbares Szenario bietet.

Der Grad des Hasses, den die Gesellschaft dieses Landes mittlerweile antreibt, ist nur schwer zu überschätzen. Weiße Männer hassen Schwarze, weiße Frauen hassen Schwarze und einige Schwarze hassen vielleicht (noch) nicht zurück, sind aber auch nicht mehr bereit, die Demütigungen hinzunehmen, die ihnen teils tagtäglich zugefügt werden. Eine Frau wie Veronica Henley ist nicht nur erfolgreich, sie ist eine wandelnde Provokation, denn ihr Erfolg gründet auch noch darauf, den Finger in eben jene gesellschaftlichen Wunden zu legen, an denen das eitrige Geschwür dieses Hasses zutagetritt. Dafür, das wird auf der Plantage überdeutlich, soll sie büßen. Sie soll schweigen – symbolisch und ganz konkret. Und wenn sie nicht mitmacht, wenn sie sich widersetzt, nicht bereit ist, den Namen anzunehmen, der ihr von einem Kind zugedacht wurde, dann brüllt der General, der sich als ihr Herr und Gebieter aufspielt, sie an und fordert Loyalität. Zeigt sich geradezu enttäuscht, dass sie ihm diese Loyalität verweigert, weil er sie doch beglücke, nachts, wenn sie bei ihm liegen muss. Dieses Verhalten erinnert unangenehm an einen Präsidenten, der ebenfalls dauernd von Loyalität faselt, gleich, wie sehr er seine Angestellten, Untergebenen und die Menschen, die ihm folgen auch beleidigt, hintergeht, betrügt.

Es gibt genügend Fanatiker, offen ihren Rassismus ausstellende US-Bürger und sogar eine ganze Reihe ironischerweise als „libertär“ bezeichnete Intellektuelle, die die Sklaverei zumindest nicht als das Menschheitsverbrechen betrachten wollen, das es tatsächlich gewesen ist. Und dessen Auswirkungen die Gesellschaft bis heute systematisch verseuchen, weil sie eben jenen strukturellen Rassismus hervorgebracht haben, der solche Ideen und Theorien überhaupt erst ermöglicht. Ein Perpetuum-Mobile kranker, hässlicher Gedanken. Ja, es gibt sogar erste Stimmen der äußersten Rechten (und auch hier sollte man sich keinen falschen Hoffnungen hingeben, diese Leute haben teils Millionen „Follower“), die über die Wiedereinführung der Sklaverei nachdenken. Dabei stützen sie sich auf Statistiken, die angeblich beweisen, dass Schwarze dümmer seien, deshalb auch ungebildeter, dass sie faul sind und dies in ihren Genen angelegt sei, dass sie exponentiell häufiger Drogen nehmen, häufiger Gewaltverbrechen begehen und überhaupt eher zu Straftaten neigen. Charakterlich verdorben, von allem Beginn an. Sämtliche soziologischen Hinweise, weshalb Schwarze strukturell benachteiligt sind und aufgrund dieser gesellschaftlichen Bedingungen über weniger Bildung, daraus resultierend schlechtere Jobs, also auch weniger Geld verfügen, aufgrund dieser sozialen Aspekte tatsächlich öfter drogenabhängig und nicht zuletzt deshalb auch straffällig werden etc., werden in all diesen vermeintlichen Theorien ausgeblendet und durch zumeist biologistische Argumente ersetzt, die seit mindestens einhundert Jahren widerlegt sind. Und auch damals schon blanker Unsinn waren.

Der – im positiven Sinne – eigentliche Skandal des Films, der wirkliche Twist hier, ist die Idee, eine beruflich, somit auch finanziell äußerst erfolgreiche, selbstsichere, selbstbewusste und darüber hinaus gutaussehende und sehr elegante schwarze Frau als Selbstverständlichkeit zu präsentieren. Es wirkt wie eine Provokation gegenüber eben jener überwiegend weißen Rechten, die in den vermeintlichen Privilegien, die Minderheiten eingeräumt werden, um nach Jahrzehnten der Unterdrückung zumindest annähernd einen gesellschaftlichen, kulturellen und sozialen Gleichstand herzustellen, die eigene Vorrangstellung, die ihnen „naturgemäß“ zustehe, als gefährdet betrachtet. Doch belässt es der Film ja nicht dabei, Veronica Henley in ihrem universitären – und also als elitär wahrgenommenen – Kontext zu zeigen; nein, er zeigt sie auch noch im Kreis ihrer Freundinnen, mit denen sie sich in Louisiana trifft, um endlich mal wieder einen „Mädels-Abend“ zu verbringen, also als eine auch in einer erweiterten Öffentlichkeit selbstbewusst auftretende Frau.

Diese Sequenzen, in denen Veronica mit ihren Freundinnen essen geht und sie erneut strukturelle Benachteiligung als Frauen und als Schwarze erleben (wobei eine ihrer Freundinnen tatsächlich weiß ist), als sie sich in dem Restaurant, in welchem sie einen Tisch reserviert hatten, direkt neben der Toilette an einem äußerst schmalen Tischchen wiederfinden, machen das Herzstück des Films aus. Dabei ist Veronicas Freundin und enge Verbündete Dawn die treibende Kraft. Diese nach den herkömmlichen Maßstäben der Schönheitsfanatiker sehr übergewichtige Frau will alles: Gutes Essen, eine gute Zeit und guten Sex. Und sie formuliert diese Ansprüche sehr direkt und herausfordernd. So nimmt ANTEBELLUM auch gleich noch die amerikanischen Schönheitsideale aufs Korn. Und der Film spielt auf hintergründige und damit ein männliches Publikum bedrohende Art und Weise mit Geschlechteridentitäten. Denn gewiss – Veronica entspricht in Aussehen und Auftreten sehr genau dem, was gemeingültig als „schön“ und „elegant“ gilt – dass Schauspielerin Janelle Monáe selbst jedoch eine nicht-binäre Person ist, unterläuft dieses Ideal fundamental, indem sie die damit verbundenen Geschlechtszuschreibungen in Frage stellt, ja, im Grunde obsolet werden lässt. Diese Tatsache mag im Film keine Rolle spielen, dennoch ist es ein subversiver Akt, diese wunderschöne Frau von einer Frau (?) spielen zu lassen, die sich nicht als solche definiert. Vor allem für männliche Betrachter des Films eine Herausforderung, denn dieser Fakt unterläuft den männlichen Blick, macht in prekär. Mann kann sich auf einmal nicht mehr auf seinen Instinkt verlassen. Der gleiche Instinkt, der auf der Leinwand diese weißen Soldaten so sicher erscheinen lässt.

Die eigentliche Sensation in diesem Abschnitt des Films ist Gabourey Sidibe, die schon für ihre erste Rolle in PRECIOUS (2009) für den Oscar als beste Hauptdarstellerin nominiert gewesen ist und diesen damals auch hätte bekommen sollen. Bekommen müssen. Hier gibt sie lebenslustige und äußerst selbstbewusste Dawn. dieser Auftritt ist nicht nur lustig – das ist er tatsächlich, in einen ansonsten durch und durch ernsthaften und manchmal nur schwer auszuhaltenden Film bringt sie ein wenig Leichtigkeit, Hoffnung und vor allem Witz – sondern tatsächlich zutiefst beeindruckend. Wie diese Frau sich ganz selbstverständlich als attraktiv präsentiert, wie sie darauf beharrt, in dieser Nacht einen Mann aufzutreiben, der es mit ihr treibt, wie sie ihren Humor auslebt, dabei durchaus vulgär und manchmal sogar verletzend, auch gegen die Freundinnen, wie sie sich durchsetzt, nicht nur gegen abweisende Kellner oder freche Taxifahrer, sondern ebenfalls gegen ihre Freundinnen, denn sie bestimmt, wo es an diesem Abend langgeht, all das ist derart authentisch und überzeugend gespielt, es hätte erneut eine Oscar-Nominierung und vielleicht auch den Gewinn der Statuette für die beste Nebenrolle verdient gehabt. Tatsächlich war sie bei den Black Reel Awards und gemeinsam mit Janelle Monáe bei den NAACP Image Awards nominiert. Tatsächlich – die Titel sagen es – sind dies dezidiert schwarze Preise. Was insofern bezeichnend ist, da diese Leistung scheinbar nur in der Community wahrgenommen wird.

Doch gleich, ob sie etwas gewonnen hat oder nicht – dieser Auftritt Sidibes spricht vollkommen für sich. Und zwar keineswegs nur künstlerisch, sondern eben darüber hinaus auch als Statement. Mehr noch als die Darstellung Veronica Henleys als erfolgreiche Wissenschaftlerin und Publizistin – was ja im Kontext des Films eine Behauptung bleibt, da wir nur Teile ihrer Rede hören, die eindeutig kein wissenschaftlicher Vortrag sind, sondern eher eine Aufmunterung an andere Frauen, selbst erfolgreich zu sein und damit eher den Aufruf einer Aktivistin erinnern – ist es das reine, das pure Auftreten von Dawn in den leider nur wenigen Szenen, die das Drehbuch ihr zugesteht, welches eine Grundaussage des Films definiert. Hier ist eine schwarze Frau, die nicht mehr kämpfen muss, weil sie ihre Bedingungen der Welt diktiert, eine Frau, die mit sich im Reinen ist, die längst über das Stadium der Ich-Werdung, der Selbstermächtigung, des Aufstehens hinweg ist. Dawn ist ganz bei sich, immer und in jeder (uns gezeigten) Situation. Wäre sie entführt worden, sie hätte in Antebellum sicher keinen halben Tag überlebt, denn sie hätte sich nichts von dem gefallen lassen, was Schwarzen dort widerfährt. Sie hätte gesprochen, Sie ist die Frau der Zukunft.

So also ist es Veronica, die am Ende dieses wunderbaren Abends mit ihren Freundinnen entführt und verschleppt wird. In dieser Szene wird dann auch letztgültig klar, dass wir uns die ganze Zeit in der Gegenwart befinden, denn es sind Gestalten, die hier zugreifen, denen wir zuvor auf der Plantage begegnet sind. Der abschließende dritte Akt des Films, der dann wieder komplett auf der Plantage spielt und uns zunächst – trotz des Handys, das nun auch häufiger in der Handlung auftaucht und wichtig für Veronicas Flucht wird – immer noch etwas verwirrt ob der zeitlichen Einordnung, handelt von der Befreiung aus der Sklaverei. Es ist eine gewaltsame Befreiung, die für einige der Aufseher brutal mit dem Tod endet, vor allem für jene, die Veronica in dem Krematorium einsperrt und bei lebendigem Leibe verbrennt. Schließlich kann sie ein Pferd besteigen und reitet los, bis sie an einen Highway gelangt. Zuvor muss sie sich noch der „Herrin“ der Plantage stellen – eben jene Dame, die ihr anfangs angeblich an ihrer Arbeit interessierte Fragen stellte, sich zugleich aber schon herablassend und arrogant gab. Dieser Abschluss oder Showdown, wenn man so will, ist eher herkömmliches Genrekino, bedient sich der üblichen manipulativen Mittel, um uns auf seine Seite zu ziehen, so dass wir Veronicas Maßnahmen bspw. in jener Szene, in der sie die Männer im Krematorium verbrennt, nicht verabscheuen, sondern im Kontext dessen, was ihr angetan wurde, zumindest nachvollziehen können, wenn nicht gar gutheißen.

Sei´s drum. Der Film muss zu einem Abschluss kommen und er wählt ein halbes Happyend, was man ihm zugutehalten sollte. Er ist – als Thriller – rund, er bietet Spannung und Aufregung, er ist als solcher dann auch unterhaltsam. Vor allem aber ist dies ein zutiefst subversiver Film, der sich sehr gekonnt die Mittel des Genrekinos zunutze macht, um sehr ernsthaft und auch wirklich schmerzhaft darauf abzuzielen, sein Publikum spüren zu lassen, was es wirklich bedeutet, in dieser sich zusehends radikalisierenden Gesellschaft schwarz zu sein, bzw. ununterbrochen rassistischen Anfeindungen ausgesetzt zu sein. ANTEBELLUM tut weh, und das ist in diesem Falle unbedingt als Kompliment zu verstehen.

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