DAS BESTE SIND DIE AUGEN/THE EYES ARE THE BEST PART

Ein fieser kleiner Horrorthriller, der viel über eine Gesellschaft verrät, die Außenseiter nicht wirklich wahrnimmt

Typische Aussage, aufgefangen vom Nebentisch im Fischrestaurant? „Das Beste sind die Augen“. Und es stimmt ja auch, wie jeder ausgewiesene Angler – so er oder sie seinen Fang auch wirklich isst – oder sonstige Fischliebhaber begeistert bestätigen werden. Schwierig wird es erst dann, wenn sich die Vorliebe für Augen zu einer obsessiven Begierde nach den Augäpfeln vornehmlich weißer Männer entwickelt. So geschieht es Ji-won, der koreanisch-stämmigen Ich-Erzählerin in Monika Kims als „feministischer Horrorroman“ bezeichneten Debut-Werk DAS BESTE SIND DIE AUGEN (THE EYES ARE THE BEST PART, Original erschienen 2024; Dt. 2025).

Die oben zitierte Aussage trifft hier zunächst die nur Umma genannte Mutter von Ji-won und ihrer Schwester Ji-hyun, nachdem ihr Mann, der Vater der Mädchen, die Familie für eine wesentlich jüngere Frau verlassen hat. Umma hat damit begonnen, vor allem Fischgerichte zu kochen, da das Verspeisen der Augen in der koreanischen Kultur als Glücksverheißung gilt. Und Glück, so die Ansicht Ummas, Glück kann sie nun wirklich gebrauchen. Dieses Glück stellt sich dann nach recht kurzer Zeit in Gestalt von George ein, den Umma in dem Supermarkt kennengelernt hat, in welchem sie arbeitet. Der Mann zeigt reges Interesse an ihr, wie er ein ausgesprochen reges Interesse an allem Asiatischen zu haben scheint. Es dauert nicht lang, da zieht er – natürlich nur vorübergehend, in seiner Wohnung ist ein Wasserschaden aufgetreten – bei den drei Frauen ein. Umma spricht bald vom Heiraten und bei Ji-won und Ji-hyun läuten nun wirklich alle Alarmglocken. Denn beide können George nicht sonderlich leiden und beide nehmen ihm sein Interesse auch nicht ab. Und beide hassen es, ihre Mutter offenen Auges (wie sie meinen) ins Unglück laufen zu sehen.

An sich keine sonderlich originelle Situation, die Kim hier als Ausgangslage für ihren Roman hernimmt. Doch weiß sie daraus allerhand tatsächlich ebenso skurrile wie mehr und mehr auch verstörende Szenarien und Situationen zu entwickeln, die den Roman durchaus zu einem Beitrag zum Horrorgenre und darüber hinaus sehr unterhaltsam zu lesen machen. Ob es nun ein feministischer Roman ist sei einmal dahingestellt, dieses Urteil sollte sich jede Leserin besser selbst bilden. Tatsache ist, dass die meisten Männer in diesem Roman nicht sonderlich gut wegkommen. Appa, der Vater von Ji-won und Ji-hyun glänzt durch Abwesenheit und taucht in dem gesamten Buch nicht einmal auf, auch dann nicht, als bei einer seiner Töchter ein Hirntumor diagnostiziert wird. George entpuppt sich als Schmarotzer und letztlich als Schwindler, wie Ji-won bei ihren Recherchen feststellt, und ihr Studienkollege Geoffrey, der sich sehr darum bemüht, Ji-wons Aufmerksamkeit und Freundschaft zu gewinnen, wird der Erzählerin zusehends lästig. Bis sie ihn dann doch braucht, nur anders, als von ihm erwünscht. Ji-won selbst – und das ist der eigentliche Clou des Romans – ist uns ebenfalls nicht sonderlich sympathisch, obwohl wir sie und ihre Wut in ihrer spezifischen Situation schon verstehen können. Und sie es immerhin selbst ist, die von sich erzählt.

Es ist der literarischen Kunstfertigkeit der Autorin zu danken, dass sie ihre Erzählung so subjektiv wie möglich und dabei doch offen genug gestaltet, um uns immer mehr in Ji-wons tatsächlich sehr dunkle Gedankenwelt hineinzuziehen. Dass sie durch ihre charakteristische Art für ihre Umwelt nicht immer ganz einfach zu ertragen ist, wird in jenen Szenen deutlich, in denen sie einen länger schon schwelenden Konflikt mit ihren Freundinnen von der Highschool beschreibt. Die sind alle bei renommierten Universitäten an der Westküste angenommen worden, während Ji-won als einzige in Los Angeles zurückbleiben und dort an einer der Durchschnittsuniversitäten studieren muss. Nun, während der vorlesungsfreien Zeit, kommen sie alle zurück, um mit Ji-won ein klärendes Gespräch darüber zu führen, wie sie sich damals verhalten hat, als die Ergebnisse der Aufnahmeprüfungen eintrafen. Nett war ihr Verhalten definitiv nicht. Eher spalterisch, von Neid getrieben und zutiefst hinterhältig, wie die Erzählerin es selbst schildert. Sie hat aber immer auch eine Erklärung parat, die ihre Verletztheit und damit auch ihr Gebaren erklärt und uns zumindest einleuchtet, wenn auch kein Mitleid entlockt. Und auch nun, in einer Situation, in der Ji-won die Chance bekommt, sich zu entschuldigen, weist sie ihre Freundinnen lieber zurück und bricht scheinbar endgültig mit ihnen, als dass sie sich einfach entschuldigt.

Doch zu diesem Zeitpunkt wird ihre ganze Aufmerksamkeit aber auch längst schon von Georges blaue Augen beherrscht. Die haben eine ungeheure Anziehung auf die junge Frau, eine Wirkung, die vordergründig allerdings nie – damit hier keine falschen Eindrücke entstehen – sexuell konnotiert ist. Vielmehr ist es ein Heißhunger, ein ungeheurer Appetit auf diese Augen. Denn die sind ja bekanntlich das Beste. Oder geht Liebe durch den Magen und Ji-won wird doch von einer gewissen Eifersucht auf das vermeintliche Glück der Mutter und doch auch körperlichem Begehren getrieben? Es gelingt Kim gut, die Leser*innen in Ji-wons Gedankenwelt und auch in die Welt ihrer Gelüste und letztlich ihrer Triebe zu entführen. Auh dann noch, als ihre Gedanken immer stärker in nicht mehr nachvollziehbare Regionen abdriften und immer radikaler, immer gefährlicher wird. Das beschert dem Publikum einige doch eher unangenehme Beschreibungen von Ji-wons Vorstellung wie es sich anfühlen mag, einen Augapfel zu zerbeißen, ihn langsam zwischen den Zähnen zu zerdrücken und das hinunterzuschlingen, was sich da in ihren Mund ergießt. Natürlich ist da auf einmal dann doch eine – wenn auch nur angedeutete und vor allem pervertierte – sexuelle Komponente.

Wie dem auch sei – es kommt der Moment, da Ji-won die Grenze von der Fantasie zur Realität über- und in dieser zur Tat schreitet. Was einige männliche Wesen in Los Angeles – manche ihr unbekannt, andere durchaus aus ihrem näheren Umfeld – das Leben und anschließend die Augen kostet. Gelegentlich verhält es sich auch genau anders herum. Schön ist es so oder so nicht. Denn Kim kann es sich nicht verkneifen, sowohl das Töten, als auch das Herauslösen und anschließende Verspeisen der betreffenden Körperteile – wenn dies dann keine Idee mehr ist, siehe oben – recht explizit zu beschreiben. Da macht sie ihren Kollegen von Stephen King bis Jack Ketchum tatsächlich alle Ehre.

Doch dass auch davon kein falscher Eindruck entsteht: DAS BESTE SIND DIE AUGEN ist kein Splatter, der es darauf anlegt, das Publikum übermäßig zu ekeln und dadurch zu vergraulen. Im Gegenteil. Diese Momente ergeben sich aus der Handlung und machen in ihrer Drastik Sinn, da wir anhand ihrer das Maß erkennen, in welchem sich Ji-won von der Norm, auch ihrer höchst eigenen Norm, entfernt. Hier wird, neben einigem anderen, auch das langsame Abgleiten einer Serienmörderin psychologisch recht genau beschrieben. Wie ein gewisser Drang sich steigert, wie die Betreffende sich ihre Gier zunächst nicht zu erklären weiß, ihr aber zusehends nachgibt und schließlich erliegt. Vielleicht einer der wenigen Schwachpunkte, dass uns der Ursprung dieses Drangs, dieser Gier, dieses Verlangens nach blauen Augen, nicht wirklich nähergebracht wird. Allerdings gibt es eine Bruchstelle im Roman, an dem Ji-won, die immer mal wieder Absenzen zu erleiden hat, zusammenbricht und sich in einer Klinik wiederfindet, wo ihr ein – vergleichsweise schnell diagnostizierter – Hirntumor entfernt wurde. Das also bleibt die einzige physische oder wissenschaftliche Erklärung. Wenn es denn überhaupt eine sein soll.

Weitaus wichtiger sind die kulturellen und psychologischen Hinweise, die die Autorin gibt und die dem Buch das Attribut „feministisch“ eingetragen haben. Oder, besser: eingebrockt. Denn es ist vor allem sowohl Ji-wons Reaktion auf die Wahrnehmung als koreanisches Mädchen in einer doch immer noch größtenteils weißen Umgebung, obwohl die Familie in Koreatown, dem großen koreanischen Viertel in L.A., lebt. Doch so sehr sich Ji-won hier auch unter ihresgleichen sicher fühlen mag – die herrschenden Strukturen, die Kim geschickt eher nebenbei in ihre Erzählung einfließen lässt, so aber zu einer Bedingung der Handlung macht, sind ebenso patriarchal, wie die der Weißen. Oder der Mexikaner. Oder auch der Schwarzen. Es sind letztlich alles Macho-Kulturen, in denen Frauen eine bestimmte, in den allermeisten Fällen untergeordnete Rolle zugewiesen ist. Da spielt es keine Rolle, dass Ji-won und ihre Freundinnen, die ebenfalls allesamt migrantische Hintergründe haben, nun studieren dürfen – sie sind alle in ihren (kulturellen) Rollenbildern als Frau definiert. Von Männern.

Dies verdichtet sich in der Figur von Ummas Geliebten George, der vielleicht ein wenig zu klischeehaft geraten ist. Er ist einer der wenigen eindeutig als weiß erkennbaren Protagonisten hier und er wird als ausgewiesener Freund der asiatischen Kultur dargestellt. Dass es ihm dabei einerlei zu sein scheint, ob die Asiatin, mit der er sich gerade einlässt nun Koreanerin, Chinesin oder japanischer Abstammung ist, repräsentiert einen alltäglichen Rassismus, der die amerikanische Gesellschaft leider nach wie vor prägt. Und es charakterisiert Georges Oberflächlichkeit. Ji-wons Ablehnung speist sich aus verschiedenen Quellen, die in George zusammenfließen. Denn er ist zudem der typische Kerl, der sich unter einem fadenscheinigen Vorwand – Wasserschaden! – alsbald ins gemachte Nest setzt und von vorn bis hinten bedienen lässt. Um sich zugleich als Wohltäter aufzuspielen. Und dennoch auf Ji-won eine seltsame Anziehung zu haben scheint.

Kim ist mit dieser Gestalt, der Ich-Erzählerin Ji-won, wirklich ein kleines Meisterstück gelungen, denn in ihrem scheinbar so naiven Erzählen kommt doch immer wieder etwas zutiefst Verstörendes und auch Verstörtes zum Ausdruck. Es ist die Sprache, die Ji-won nutzt, die sie als Schutzschild und Verharmloser nutzt, um ihre Taten zu versimpeln und zu verschleiern, die sie aber doch nach und nach auch verrät. Nicht nur ihr Tun und die dahintersteckenden Gedanken, sondern eben auch ihre tiefer liegenden, geheimen und ihr selbst vielleicht nicht immer bewussten Motive. Denn da ist sehr wohl eine unterdrückte und in gewisser Weise sogar masochistische sexuelle Komponente, die in einem ausgewiesenen Sadismus ausbricht. Es sind verletzte Gefühle, Gefühle der Zurückweisung – durch den Vater, durch die Freudinnen, durch die Gesellschaft, die ihr nicht den von ihr verlangten Platz gewährt, und auch durch Umma, ihre Mutter, die an einem bestimmten Punkt ihres Lebens lieber einen George heiratet, statt sich schützend vor ihre Töchter zu stellen – die sich Bahn brechen. Und die Ji-won dann auch nicht mehr kontrollieren kann, als ihr in Geoffrey vielleicht der einzige Mensch begegnet, der ihr tatsächlich wohlgesonnen ist. Eine – angedeutete – Liebelei mit ihrer Kommilitonin, mit der sie sich anfreundet, ist da fast schon überflüssig, bietet aber ein Gegengewicht zu den nur negativ dargestellten Beziehungen zu nahezu allen anderen Menschen, einmal abgesehen von ihrer Schwester Ji-hyun.

Dass Ji-won schließlich ihre ganze Durchtriebenheit unter Beweis stellt, indem sie den sie anschmachtenden Geoffrey als Prügelknaben und letztlich Sündenbock hernimmt, um der ihr immer mehr auf den Leib rückenden Polizei und damit einer Entdeckung und Verhaftung zu entgehen, deutet auf ihre endgültige Entfaltung als vollwertiges Mitglied in der Gesellschaft der anerkannten Serienmörder*innen hin. Diese Figur rächt sich – an den Männern, seien sie nun schuldig oder nicht, ebenso wie sie sich an einer Gesellschaft rächt, die ihre eigentlich nichts getan hat. Ji-won scheitert tatsächlich an ihren eigenen Unzulänglichkeiten. Aber da kann sie ja nun auch nichts dafür.

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