WAS DER HIMMEL ERLAUBT/ALL THAT HEAVEN ALLOWS

Douglas Sirks Melo für die Ewigkeit

Ron Kirby (Rock Hudson) unterhält eine gut gehende Gärtnerei und betreibt nebenher eine Baumschule. Sowohl im Frühjahr wie im Herbst kümmert er sich um die Gärten in einer vornehmen Vorstadtsiedlung. Unter anderem den der Witwe Cary Scott (Jane Wyman), die sich seit dem Tod ihres Mannes zusehends abschottet. Deren Freundin Sarah (Agnes Moorehead) gibt sich redlich Mühe, sie wieder in die Gesellschaft einzubeziehen, auch Carys Kinder Kay (Gloria Talbott) und Ned (William Reynolds) mühen sich, die Mutter wieder auf fröhlichere Gedanken zu bringen. Umso erschütterter sind sie alle, als sich zwischen Cary und Ron eine zarte Romanze anzudeuten beginnt. Nur die zupackende Sarah ist ernsthaft daran interessiert, den Freund ihrer Freundin zu integrieren. Doch Klatsch und böse Nachrede sowie der Dünkel auch der eigenen Kinder, die das Idyll der eigenen Kindheit bedroht sehen, lassen Cary zu der Überzeugung kommen, daß eine ernsthafte Beziehung zu Ron keine Zukunft habe. Sie verstößt ihn. Doch wissen weder Ned noch Kay das Opfer der Mutter richtig einzuschätzen und was eben noch bedroht erschien, sind beide nur allzu schnell bereit aufzugeben, als es um die eigenen Belange geht. Cary, die unter anhaltenden Kopfschmerzen leidet, sucht auf Geheiß ihres Arztes, der erkennt, wie sehr die Trennung von Ron ihr zusetzt, Rons Haus auf, doch bevor sie schellt, beschließt sie, umzukehren und heim zu fahren. Ron, der gerade von der Jagd kommt, sieht die abfahrende Cary, will sie aufhalten, kommt ins Rutschen und stürzt unglücklich. Als Cary von seinem Mißgeschick erfährt, eilt sie an sein Krankenbett und versichert ihm, nun „zuhause“ zu sein.

ALL THAT HEAVEN ALLOWS (1955), der 18 Jahre später das deutsche Genie Rainer Werner Fassbinder bei dessen ANGST ESSEN SEELEN AUF (1973) maßgeblich beeinflussen sollte, war das Werk im Ouvre seines Regisseurs Douglas Sirk (Detlef Sierck), welches dessen Ruf als Großmeister des Melodramas begründen sollte.

Man muß es schon mögen, das Melo, das ganz große Gefühl, das allertiefste Leid und die rechtzeitige Erkenntnis, worauf es eigentlich ankommt im Leben, sonst wird man Filme wie diesen schlicht als Kitsch wahrnehmen. Angefangen beim Licht, das immer Morgen- oder Abendrot suggeriert (an einer Stelle werden Ron und Cary sogar frontal vom Abendrot beschienen, während Ron erklärt, dort drüben – er zeigt in die Richtung, aus der das Licht fallen muß – ginge immer die Sonne so schön auf), über den falschen Schnee, der offensichtlich aus Schaum und Styropor besteht, bis hin zu den Eisblumen an den Fenstern, die so überdeutlich aus Plastik gearbeitet sind und dem Städtchen, welches wie die Fabelstadt des amerikanischen Traums der 50er Jahre aussieht, wirkt kaum etwas in diesem Film echt. Alles ist überlebensgroß, nicht nur die Kulissen, auch die Gefühle. Der Konflikt reicht tief und es geht grundsätzlich ums Existenzielle. Man muß also bereit sein, all den Kitsch, das Unrealistische und Artifizielle hinzunehmen, um darunter die eigentlichen Qualitäten eines Films wie ALL THAT HEAVEN ALLOWS zu entdecken.

Sirk zeichnet seine Figuren für unsere Verhältnisse arg klischeehaft, doch sollte man sich nicht vertun – das Publikum, das eine Douglas-Sirk-Produktion der 50er Jahre ansprach, konnte sich in den manchmal karikaturhaft überzeichneten Upper-Class-Vertretern sicherlich gut wiederfinden. Cary Scott, die die auch damals nicht unbedingt schöne, dadurch aber der durchschnittlichen Zuschauerin nie gefährliche Jane Wyman zurückhaltend und damit sehr überzeugend spielt, steht stellvertretend für eine Generation von Frauen, die nach dem Krieg mehr oder weniger freiwillig bereit gewesen war, zurück zu kehren an den heimischen Herd und das Geschäft des Geldverdienens wieder den Männern zu überlassen. Diese Männer wiederum zeigt der Regisseur – und natürlich das von Peg Fenwick verfasste Script – als Verhandlungspartner in allen Belangen. Sobald Mrs. Scott sich auf einer Dinerparty zeigt, die ihre Freundin Sarah ausrichtet, wird sie von verschiedenen Herren umgarnt, die ihr zwar alle keine Liebe versprechen, dafür aber ein sicheres Auskommen. Wie in einem Roman von Jane Austen, werden Gefühlsdinge in dieser Welt zur Verhandlungsmasse. Nicht, was ein Mann für eine Frau empfindet, nicht die Stärke oder Tiefe seines Gefühls sind ausschlaggebend, sondern seine „Pfründe“ – Job, Einkommen und Vermögen.

Dem gegenüber steht Ron Kirby als eine Art Naturbursche da, der, so versichert seine Freundin Alida (Virginia Grey), nie eine Zeile gelesen habe, dafür aber praktisch aus sich selbst heraus eine Philosophie lebe, die sich andere, wie Alida und ihr Mann Mick (Charles Drake) erst langwierig haben anlesen müssen – und zwar mit Thoreaus WALDEN. Wir haben es bei Ron und seinen Freunden also – eine Party, auf die er Cary mitnimmt, bestätigt uns das – mit einer Art Bohème zu tun, die keinen Standesdünkel kennt und die offensichtlich einer anderen Klasse entstammende Cary problemlos in ihrer Mitte akzeptiert. Nun kann man dies als eine etwas einfache Darstellung betrachten, wissen wir nach 1968 Lebenden doch allzu genau, wie spießig und engstirnig gerade die sein können, die mit aller Gewalt meinen, einen alternativen Lebensentwurf verteidigen zu müssen. Doch Mitte der 50er Jahre, als Angriff gegen eine verknöcherte Mittelklasse, die ihre Kinder studieren läßt und will, daß es denen mal besser geht, funktionierte diese Aufstellung durchaus noch. Das Problem, das macht der Film unumwunden deutlich, ist nicht Ron, es sind nicht seine Freunde und auch nicht seine Lebensumstände (immerhin führt er einen gutgehenden mittelständischen Betrieb), das Problem sind Cary und ihre Lebensumstände, ihre Klasse, ihre Familie. Es ist der Dramaturgie des Melos geschuldet, daß ein Unglück (hier immerhin kein Schicksalsschlag, lediglich ein mittelschwere Gehirnerschütterung) für den Wendepunkt, das Umdenken, zur Einsicht des entscheidenden Protagonisten/der entscheidenden Protagonistin führt. So kann sich Cary schließlich befreien – vom Druck der Konvention, vom Druck der Familie, vom eigenen Druck, die perfekte Mutter und…Witwe sein zu müssen.

Sirk, anders als viele seiner Kollegen im Fach, schafft es jedoch meist, den Gefühlswallungen und Konflikten entweder Ironie oder Humor generell entgegen zu stellen. So ist ein Hirsch, der in Rons winterlichem Garten direkt vor dessen Wohnzimmerfenster äst, Zeuge der innigen Umarmung am Ende des Films und somit nicht nur Symbol des Friedens, der in dieses Haus nun einziehen wird, sondern auch Pate der jungen Beziehung des nicht mehr so jungen Paares – und ironischer Kommentar/ironische Überhöhung des Sentiments, das dieser Szene zwangsläufig innewohnt. Doch ist es nicht nur diese offensichtliche Ironie (die David Lynch später im Bild des Rotkehlchens, das in den entscheidenden Momenten emotionaler Erklärungen in BLUE VELVET [1986] auftaucht, erstaunlich unironisch aufgreift), die das Sentiment und den Kitsch des Films unterlaufen, es ist auch ein manchmal brachial ausgespielter, manchmal hintergründiger Humor, der sich vor allem in den Dialogen zeigt, der die scheinbare Ernsthaftigkeit des Films unterläuft und bricht. Allen voran die dauerhaft klugschei*ernde Tochter Kay, offensichtlich schwer angetan von ihrem Psychologiestudium (oder wie man sich sowas 1955 eben vorgestellt hat), darf, wenn sie nicht gerade auf dem Bügel ihrer Brille herumkaut, Sentenzen von sich geben, die auch schon zur Entstehungszeit des Films deutlich als Übertreibung erkennbar waren. Doch zieht sich dies wie ein roter Faden durch die Dialoge, vor allem die zwischen Cary und den Männern ihrer Klasse. Die Anbiederei derselben ist nur laut lachend zu ertragen, ob Sirk das so gewollt hat oder nicht.

Generell muß man sagen, daß der Film auch heute noch zu unterhalten versteht. Es ist ein Tearjerker erster Klasse, aber es gibt eben auch viel zu lachen, vor allem für uns Heutige, die wir wissen, daß die Kämpfe, die ein Film wie ALL THAT HEAVEN ALLOWS überhaupt erst mit angestoßen hat, weitestgehend zu Gunsten einer Cary Scott und eines Ron Kirby entschieden sind. Heute sind jene Milieus, in denen Standesdünkel noch eine wirkliche Rolle spielt, eher die Ausnahme. Allerdings muß das nicht zwingend so bleiben, weswegen wir zwar wachsam sein, uns aber vom Happy End dieses Films auch immer wieder das Versprechen geben lassen sollten, daß man noch der engsten Gesellschaftskonvention die Stirn bieten und dabei gewinnen kann.

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