RÜCKKEHR NACH REIMS/RETOUR À REIMS

Die ehrliche und tiefgreifende Studie eines Linksintellektuellen über sein angestammtes Milieu und den Weg, den er von dort gegangen ist

Als Donald Trump das Weiße Haus enterte und – als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika bestätigt – sich daran machte, sämtliche liebgewonnenen Gewohnheiten Washingtons auf rüdeste Art und Weise zu zertrümmern, war die Aufregung über die Frage, wie es „so jemand“ auf einen solchen Posten schaffen konnte, groß. Vielerlei Studien und Analysen wurden geschrieben, doch vor allem J.D. Vance´ HILLBILLY ELEGY wurde als Erklärungsansatz gefeiert, weil hier einer berichtete, der sich aus dem Prekariat herausgearbeitet hatte und doch bereit war, zurück zu schauen und aus den Niederungen jener Bevölkerungsschichten zu berichten, die Trump angeblich vornehmlich gewählt hätten. Leider blieb das Buch – gerade für europäische Maßstäbe – weit hinter seinen Möglichkeiten zurück, fehlen Vance doch offensichtlich die wissenschaftlichen Analysemittel der Soziologie, aber auch die der Historiker oder Psychologen, um seine Geschichte genügend zu distanzieren und zu differenzieren. So entstand eine teils durchaus erhellende, meist jedoch sentimentale und oft auch larmoyante Beschreibung der Verhältnisse, in denen jene leben, die gemeinhin als „white trash“ bezeichnet werden, die Hillbillys und die Rednecks.

In Europa sind es –  durchaus nicht mit Trump und seiner Bewegung vergleichbar – die populistischen Rechtsparteien, die uns schaudern lassen und die Frage aufwerfen, wer „die“ wählt? Wer sind die, die sich einfangen lassen von meist eher dumpfen Parolen und dem Hass und der Hetze gegen Minderheiten, Fremde, Schwächere? Nun ist die Frage in Deutschland, Frankreich oder Großbritannien sicherlich jeweils eigen zu untersuchen und zu beantworten, dennoch gibt es gewisse Schnittmengen. In allen westlichen Ländern ist zu beobachten, daß die traditionelle Linke ihre Milieus verliert und ein Großteil der Wähler, die einst sogar (in Frankreich mit größerer Selbstverständlichkeit, als bspw. in Deutschland) die Kommunisten wählten, zur extremen Rechten übergelaufen ist. In Deutschland ist es die sogenannte Alternative für Deutschland, kurz: AfD, in Großbritannien, vor allem in England, die UKIP, jene Partei, deren einziges echtes Merkmal der Kampf für den Brexit gewesen ist, in Frankreich der Front National (FN), der sich seit den frühen 1970ern als extrem rechts, teils faschistoid, darstellt und erst in den vergangenen 10, 15 Jahren unter der Führung von Marine Le Pen, der Tochter des Parteigründers Jean-Marie Le Pen, einen wenn auch nur leicht gemäßigten Ton anschlug.

Dieselben Fragen: Wieso dreht sich gerade im Norden Frankreichs, wo die kommunistische Partei traditionell ihr Stammland hatte, der Wind derart? Wieso fährt der Front National gerade hier seine größten Gewinne ein, sieht man einmal von seinen starken Stimmanteilen in der Provence ab? Erneut gibt es viele Antworten, Studien und Analysen. Und mit Didier Eribons RETOUR À REIMS liegt auch eine die Innenansicht dieses Milieus beschreibende Lektüre vor, die sich von Vance´ Werk dadurch angenehm absetzt, daß der Autor in diesem Fall eben über genau das soziologische, literarische und historische Vorwissen, die Mittel und Werkzeuge verfügt, die es ihm erlauben, das eigene Leben, den eigenen Werdegang  exemplarisch zu analysieren.

Eribon entstammt dem Arbeitermilieu seiner Heimatregion um Reims, im Norden Frankreichs. Hier wird traditionell links gewählt und gedacht: Man sieht sich in einer Solidargemeinschaft der „kleinen Leute“, man hängt vulgärkommunistischen Ideen an (kaum wer hier wird Marx, Lenin oder einen anderen der kommunistischen Vordenker je selber gelesen haben), viele sind ungelernte Arbeiter in Fabriken, manche kaum des Schreibens und Lesens mächtig. Zugleich herrscht ein ruppiger und rauer Ton: „Schwuchtel“, „Tunte“ – sexuell abwertende Schimpfereien sind an der Tagesordnung. Eribon, mittlerweile weit entfernt von seinem Ausgangspunkt in Reims als offen homosexueller Intellektueller und Autor in Paris lebend, kehrt anlässlich des Todes seines Vaters, den er praktisch Jahrzehnte nicht gesehen hatte, in seine Heimatstadt zurück und beginnt, über sich und seinen Werdegang zu reflektieren. Wie  konnte es gelingen, sich aus den Fängen einer Schicht, in der das Leben, der Lauf des Lebens, so häufig vorgezeichnet scheint, zu befreien und wider alle Umstände, vor allem aber wider alle Voraussagen empirischer, sozialer wie psychologischer Art, ein Leben zu gestalten, daß ihn in die „gebildeten“ Kreise der Hauptstadt und die manchmal geheimen, manchmal offenen Zirkel selbstbewusst zur Schau gestellter (Homo)Sexualität führte?

Weil Eribon die wissenschaftlichen Instrumente zur Analyse gerade der Soziologie zur Verfügung stehen, kann er sich und seinen Standort sehr genau verorten. Er weiß um die Barrieren und Fallstricke, gegen die Kinder der Arbeiterschicht schon durch ihre sprachliche und häusliche, oft bildungsferne Prägung oft anrennen müssen und in denen sie sich meist gnadenlos verheddern. Er schildert das Schicksal seiner Familie, seines etwa gleichaltrigen Bruders und das seiner jüngeren, viel später geborenen Brüder, die alle als entweder ungelernte oder aber Facharbeiter in den lokalen Fabriken untergekommen sind und so das Leben der Eltern repetieren. Er spürt der Frage nach, wieso es ihm gelungen ist, diese Barrieren zu überwinden und den Fallen zu entgehen, die sich für ihn auftaten. Lehrer, denen seine Sprachbegabung auffiel, seine Versuche, sich wie die Kameraden als harter Kerl zu inszenieren, wie er genau die gleichen Schimpfwörter und Herabwürdigungen im Munde führt und doch merkt, daß es nicht stimmig ist, was er da von sich gibt, spürt er doch vergleichsweise früh, daß er sexuell selber Männern zuneigt. Er  beschreibt, wie er auf ein Gymnasium geschickt wird – wenn schon kein Novum (in seiner Familie allemal), so doch ein recht ungewöhnliches Verfahren für ein Arbeiterkind in den 1960er Jahren – und dort zunächst einmal den Kulturschock einer vollkommen anderen Sprache, ja eines anderen Sprachgebrauchs überwinden muß. Wie eine frühadoleszente Verliebtheit in den Sprössling einer bourgeoisen Familie ihm den selbstverständlichen Umgang mit Literatur und Texten allgemein lehrt und wie er schließlich – an der Universität in Reims gelandet – beginnt, Sartre, Gramsci, Marx und später schließlich die Strukturalisten um Foucault, Barthes, Levi-Strauss, aber auch Theoretiker wie Lacan und Deleuze zu lesen. Eribon vermittelt sehr gut, wie diese Lektüren, vermischt mit Romanen von Genet oder Beauvoir, ihm ganze Denkräume, ja Räume des Da-Seins, neu erschlossen haben. Und zugleich dazu beitrugen, den eigenen Herkunftsort nicht nur zu verlassen, sondern auch zu verachten und zu verheimlichen.

Es ist ihm besonders hoch anzurechnen, daß  er nicht so tut, als sei er am Ende einer glücklichen Erzählung (ein Dreh, der Vance´ amerikanischen Text unangenehm und ärgerlich macht) angelangt. Mit manchmal schwer erträglicher Ehrlichkeit berichtet Eribon davon, seine Familie Dekaden nicht gesehen zu haben – ein Befund, der psychologisch ganz sicher auf  keine gesunde oder letztlich zumindest gelungene Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft verweist – und daß seine RÜCKKEHR NACH REIMS die Widersprüche und schmerzhaften Risse und Klüfte nicht wird schließen können. Wohl versteht er mit dem Abstand der Jahre die eigenen Eltern besser, es gelingt ihm vor allem bravourös, den Weg der „kleinen Leute“, der Arbeiter aus einem gefestigten sozialen (linken) Milieu in eine offene, unsichere Struktur nachzuvollziehen, die im Zuge der neoliberalen Revolution der 80er und 90er Jahre entstanden ist und die tradierten Zusammenhalte zerstört hat. So kann  man gerade am exemplarischen Werdegang dieser „ganz normalen“ Familie nachvollziehen, wie es einer rechtspopulistischen Bewegung gelungen ist, ihre stärksten Wählerbindungen ausgerechnet dort zu etablieren, wo es immer starke linke, ja kommunistische Bande gegeben hatte. Eribon gibt dabei scheinbar nebensächliche Hinweise, die doch Auskunft über tiefgreifende Veränderungen sind, wie bspw. die Tatsache, daß  man früher ganz selbstverständlich dazu stand, die Kommunistische Partei gewählt zu haben, heutzutage aber kaum wer offen zugibt, den Front zu wählen. Es sind diese Nebensächlichkeiten, die das Buch lebendig und zu mehr als einem trocken-soziologischen Pamphlet machen.

Eribon lässt den Leser an seiner doppelten, entgegenwirkenden Wandlung teilnehmen und stellt sich dennoch als Einzelfall, nicht als Exempel dar. So sehr er sich von seiner sozialen Herkunft entfernen, sich als „Intellektueller“ neu erfinden musste, so sehr musste er zugleich auf seine sexuelle Identität zugehen. Das eine bedingt das andere, die Entfernung aus seinem angestammten Milieu korrespondiert mit seiner Ankunft im homosexuellen Milieu, das sich zu Beginn der 1970er Jahre natürlich noch viel versteckter präsentierte als heute, wo es ein selbstbewusstes und sich auch offen gebendes kulturelles Milieu ist. In dieser Doppelbewegung wird aber auch das Dilemma deutlich, welches für viele angestammte Milieus, Schichten und – in Deutschland weniger – Klassen gilt: So sehr die Schranken fallen, umso leichter es wird, aus den Begrenzungen der eigenen Herkunft auszubrechen, so zerfließen zugleich die Grenzen und damit auch die tradierten Zuordnungen. Es bleibt eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft, dafür  zu sorgen, daß daraus keine Orientierungslosigkeit entsteht, die schließlich hinter den Flaggen derer wieder zu einer Einheit wächst, die ganz sicher nicht die Freunde des „kleinen Mannes“ sind, nie waren und niemals sein werden. All die rechtspopulistischen Bewegungen werden die „kleinen Leute“ nur exakt so lange brauchen, um sich an die Macht zu bringen, spätestens dann werden sie schnell vergessen, wem sie ihre Siege zu verdanken haben und ebenso schnell werden eben diese „kleine Leute“ wieder zu Opfern der Großmannssucht der Ewiggestrigen.

Ein Buch wie Eribons ist ein Meilenstein im Verständnis dieser Zusammenhänge und sollte deshalb unbedingt gelesen werden. Es verrät uns viel, viel mehr über uns selber, als wir zunächst ahnen. Es ist erschreckend und dennoch in seiner unbedingten Liebe zur Intelligenz, zum Intellekt, zur Literatur und den Wissenschaften auch voller Hoffnung, daß die Wege nicht zuende gegangen, die Gedanken nicht zuende gedacht sind und uns noch ein gut Stück bleibt, um diese an sich so aufgeklärten und demokratischen und befriedeten Gesellschaften, in denen wir leben dürfen, weiterhin als den Ort zu gestalten, der sie sind: Ein Hort der Zivilisation.

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