AN JEDEM VERDAMMTEN SONNTAG/ANY GIVEN SUNDAY

Oliver Stone widmet sich einer der uramerikanischen Sprotarten, dem American Football

Wenn es schlimm kommt, dann kommt immer alles zusammen: Das Team der Miami Sharks unter Trainer Tony D´Amato (Al Pacino) droht nach mehreren verlorenen Spielen, die Playoffs zu verpassen. Ausgerechnet jetzt verletzt sich nicht nur Star-Quarterback Jack Rooney (Dennis Quaid), sondern auch noch dessen Ersatzmann. So muss der etatmäßig dritte Mann, Willie Beamen (Jamie Foxx) ran, der allerdings ein durch und durch rebellischer Geist ist. Da er sich immer verkannt fühlte, mal aufgrund seiner Hautfarbe, mal aufgrund seines gesellschaftlichen Hintergrunds, kann er Autoritäten nur schwer akzeptieren. Das führt bald zu Auseinandersetzungen mit D´Amato, da Beamen beginnt, dessen Anweisungen zu missachten und seinen Mitspielern eigene Spielzüge aufzuzwingen, die diese teils nicht verstehen können, teils nicht verstehen wollen.

Doch nachdem die Sharks auch das erste Spiel mit Willie auf der verantwortlichen Position verloren haben, kann er seine Kollegen zusehends von seinen Qualitäten überzeugen. Tatsächlich hat er oft die richtigen Ideen auf dem Spielfeld. Das Team beginnt, Spiele zu gewinnen und rückt doch wieder an die Playoff-Plätze heran. Durch seine unorthodoxe Art steigt Willie in den Rang des neuen Stars des Teams auf, was ihm zu Kopfe zu steigen scheint. Seine bodenständige Freundin Vanessa (Lela Rochon), die ihn bisher gut im Griff hatte, gibt ihm den Laufpass, was Willie zunächst aber nicht zu stören scheint. Doch auch mit dem Trainer und erst recht mit seinen Mannschaftskameraden, die er offensichtlich verachtet, gerät Willie immer häufiger aneinander. In den Medien, hauptsächlich vertreten durch den immer am Trainingsgelände anwesenden Jack Rose (John C. McGinley), kommt Willie immer größer heraus, schnell winken ihm gesonderte Werbeverträge, er nimmt ein Rap-Album auf und vermarktet es mit Videodrehs u.ä. Auch dadurch ruft er den Widerwillen seines Trainers hervor, der befürchtet, dass Willie nicht mehr die gebotene Aufmerksamkeit auf den Sport richtet.

Zugleich droht dem Klub aber auch von anderer Seite Ungemach: Nachdem der alte Patriarch der Sharks, mit dem D´Amato gut befreundet war und gemeinsam das Team aufgebaut hatte, gestorben ist, hat dessen Tochter Christina Pagniacci (Cameron Diaz) die Macht im Klub übernommen. Allerdings betrachtet sie den Verein noch mehr als ihr Vater als reines Wirtschaftsunternehmen. Deshalb gibt es Unruhe, da sie nach und nach immer wieder die besten Spieler verkauft, um den monetären Wert des Klubs zu steigern. Man munkelt, dass sie den gesamten Verein entweder verkaufen oder aber in einen anderen Staat transferieren will. Mit Football im eigentlichen, im sportlichen Sinne, hat sie weniger am Hut.

Für Tony D´Amato ist diese Entwicklung insofern bedrohlich, da er weiß, dass Christina, die er von klein auf kennt, ihn und seine zugegeben konservative Auffassung des Spiels nicht wirklich schätzt. Er spielt in ihren Zukunftsüberlegungen keine Rolle mehr. Da er aber ein Kind der Liga und dieses Sports ist – seine Ehe ist über seinem Job zerbrochen, er hat kaum Kontakt zu seinem Sohn, der ihn nur gelegentlich anruft, Tony verbringt seine Abende entweder mit Huren oder allein trinkend in Bars – fühlt er sich in seiner Ehre gekränkt. Er will es Christina und all jenen noch einmal zeigen, die an ihm zweifeln, darunter auch Rose, der schon länger daran arbeitet, dass D´Amato entlassen wird. Doch auch die Auseinandersetzung mit Beamen macht ihm zusehends zu schaffen.

Er lädt den jungen Mann zu sich nachhause ein, um ihm ins Gewissen zu reden. Denn obwohl die Sharks die Playoffs noch erreichen konnten, haben sie das letzte Spiel der Regular Season und dadurch das Heimrecht verloren. Die Niederlage wurde durch das Team selbst verschuldet, da seine Mitspieler Willie nicht mehr vor den Angriffen der Gegner schützten – zu sehr hatte er sie gegen sich aufgebracht. Tony versucht ihm klar zu machen, dass es gerade im Football um Teamgeist geht, dass ein Quarterback ein Spiel niemals allein gewinnen kann, dass es auf Demut und Unterwerfung ankomme. Doch Willie will nicht hören, er unterstellt Tony, dass er nur so mit ihm spreche, weil er schwarz sei. Das wiederum kränkt Tony zutiefst, ist er doch überzeugt, nie nach Hautfarbe geurteilt zu haben, immer nur danach, wie gut oder schlecht ein Spieler war.

Auf dem Trainingsplatz kommt es zu einem Eklat, als zunächst herauskommt, dass der Mannschaftsarzt Harvey Mandrake (James Woods) einzelne Spieler, teils ohne deren Wissen, dopt, zudem Rooney und D´Amato die Schwere der Verletzung, die der Quarterback davongetragen hatte, verschwieg. Es sind letztlich wirtschaftliche Gründe, die Mandrake, der seinerseits unter Druck der Vereinsspritze steht, so handeln ließen. Allerdings hatte dessen Assistent Dr. Ollie Powers (Matthew Modine) mehrfach darauf hingewiesen, dass es für Rooney tatsächlich lebensgefährlich sein könnte, erneut zu spielen. D´Amato schmeißt Mandrake umgehend raus und macht Powers zum ersten Mannschaftsarzt. Während dieser Situation, deren Zeuge der wie immer am Trainingsgelände herumlungernde Jack Rose wird, rempelt Tony den Reporter so stark an, dass dieser stürzt und eine mittelschwere Verletzung davonträgt. Ab nun steht Tony D´Amato erst recht auf der Abschussliste der Medien.

Bei einer Unterredung mit Christina in den Chefetagen des Klubs kommt es zu einer Aussprache zwischen den beiden, die dabei auch offen aneinandergeraten. Einmal mehr muss Tony begreifen, dass seine Zeit – die Zeit alter Haudegen, die das Spiel noch um seiner selbst willen geliebt haben – zu Ende geht. Die Vereinsführung setzt D´Amato unter Druck – auch er habe sich den Gegebenheiten des Marktes anzupassen. Es geht so weit, dass Chrsitina meint, Einfluss auf die Aufstellung der Mannschaft nehmen zu können. Tony setzt sich zur Wehr und macht Chrsitina klar, wofür ihr Vater stand, wie sie gemeinsam den Klub aufgebaut hätten und er nun, am Ende seiner Karriere nicht vor den Gesetzen des Markts einknicken werde. Dennoch ist ihm, als er das Treffen verlässt, endgültig klar, dass seine Zeit abläuft.

Vor dem anstehenden Spiel gegen die Dallas Knights gibt Tony vor der Presse eine Erklärung ab und liest lustlos eine Entschuldigung für seinen Ausrutscher gegen Rose vom Blatt ab. Es ist seine Konzession an das, was Christina mit den Gesetzen des Markts meint – sich gut zu stellen mit denen, die die Meinungsmacht besitzen. Auch der sich bisher als sauberer Mediziner gebende Dr. Powers gibt klein bei und spritzt medizinisch nicht erforderliche Mittel an schmerzmittelabhängige Spieler.

Tony weiß, dass sein Team eigentlich keine Chance gegen die Knights hat, die als extrem defensivstark gelten. Auch das interne Betriebsklima lässt nichts Gutes erahnen. So hält er eine Ansprache, in der er beschwört, dass man um „jeden Inch“ des Spielfelds zu kämpfen habe – als Team. Mit Zusammenhalt. Rooney führt das Team aufs Feld, obwohl alle wissen, dass er eigentlich nicht spielen sollte. Doch Tony höchstselbst hatte ihn zuhause besucht und regelrecht unter Druck gesetzt, indem er an seine Ehre als Spieler und seine Loyalität dem Team und ihm, dem Trainer gegenüber appelliert hatte. Rooney gelingt tatsächlich ein Touchdown, der das Team in Führung bringt. Zur Pause wechselt Tony ihn dann gegen Beamen aus, der sich geläutert zeigt, nachdem er feststellen musste, wie sehr er das Ansehen seiner Mitspieler verloren hatte. Dass er Vanessa wiedergesehen hat, die wohl mit neuem Freund unterwegs war, hat ein Übriges getan. Mit einer schier übermenschlichen Willensanstrengung gelingt es dem Team, das Spiel zu gewinnen.

Während sich das Drama auf dem Spielfeld entfaltet, erlebt Christina Pagniacci ihre eigene Niederlage in den VIP-Räumen des Stadions, wo ihr der Commissioner der Liga (Charleton Heston) zu verstehen gibt, dass sie nur ein kleines Licht im Konzert der ganz Großen sei und die Liga prüfe, gegen sie vorzugehen, da sie ohne Lizenz versucht habe, das Team nach Kalifornien zu transferieren.

Durch den Sieg stehen die Miami Sharks nun also tatsächlich im Finale um die Meisterschaft. Doch das Spiel, in dem sie so oder so nur ein krasser Außenseiter waren, geht verloren. Pagniacci hält eine Saisonabschlussrede, auf der sie klar macht, dass sie eigentlich nie vorgehabt habe, das Team zu verkaufen und man nun zur neuen Saison gemeinsam wieder angreifen wolle. Wie selbstverständlich geht sie davon aus, dass Tony der Trainer bleibt. Doch der überrascht alle, als er in seiner Rede seinen Abschied ankündigt. Er wolle noch einmal etwas Neues probieren und habe das Angebot des neu geformten Teams der Albuquerque Aztecs angenommen, die ihm uneingeschränkte Macht als Teammanager eingeräumt hätten. Als erste Amtshandlung habe er Willie Beamen als neuen Quarterback verpflichtet. Dann verlässt D´Amato die Feier und seine bisherigen Arbeitgeber.

 

 

Oliver Stone ist vieles – aufregender und experimentierfreudiger Drehbuchautor, Geschichtenerzähler und Regisseur; Analyst Amerikas; Vermittler jüngerer amerikanischer Historie; politischer Provokateur – aber auch ist er ein Chronist der USA, der sich immer wieder der amerikanischen Geschichte, ihrer Politik und der Gesellschaft widmet. So entwarf er im Laufe seiner Karriere ein Portrait dieses Landes, das den Fokus sehr stark nach innen, selten nach außen richtet. Und wenn er den Blick nach außen wendet, landet Stone letztlich doch immer wieder in den USA. Dass dieser Mann sich irgendwann auch einmal einer der großen amerikanischen Thematiken neben der Gewalt und den Medien, die er kongenial in NATURAL BORN KILLERS (1994) enggeführt und miteinander verbunden hatte, und sich also dem Sport widmen würde, lag geradezu auf der Hand.

Mit ANY GIVEN SUNDAY (1999) war es dann soweit und Stone beschäftigte sich mit dem American Football, diesem Spiel, das Außenstehenden so unfassbar primitiv erscheint, weil da Männer scheinbar sinnlos aufeinander losgehen, aufeinanderprallen und etliche verletzt vom Feld getragen werden. Dass diese uramerikanische Sportart weitaus mehr zu bieten hat, dass dies eine Art Rasenschach mit lebenden Figuren ist, dass die Regeln vielschichtig sind, dass es ausgeklügelter Pläne bedarf, um ein Spiel zu gewinnen, dass das Zusammenspiel aus Zeit, Bewegung, genauen Spielzügen, kalkulierten Fouls und einer enormen Athletik aufregend und spannend sein kann, auch wenn die Pausen zwischen den Spielzügen oft Minuten dauern und dadurch der amerikanischen – sprich: durchkommerzialisierten – Art des Profisports nahezu perfekt entgegenkommen und gerecht werden, dass weiß, wer sich je näher mit dem Spiel beschäftigt hat. So konnte man, als Stone seinen Film über die modernen Gladiatoren annoncierte, nur hoffen, dass das Wesen des Spiels etwas besser vermittelt werden würde.

Diese Hoffnung erwies sich allerdings als unbegründet. Stone, der, wie meist bei den von ihm inszenierten Filmen, auch hier am Drehbuch beteiligt gewesen ist, interessierte sich mehr für die Politik, die einen Club bestimmt, ihn beherrscht, weniger für die Mechanismen des Spiels. Das stellt er selbst letztlich ähnlich klischeehaft dar, wie es oben bereits beschrieben wurde. Offenbar durch Steven Spielbergs tatsächlich atemberaubende Inszenierung der alliierten Landung in der Normandie in seinem Weltkriegsepos SAVING PRIVATE RYAN (1998) inspiriert, warf Stone den Kameramann Salvatore Totino, der hier sein Spielfilmdebut geben durfte, mit der Handkamera mitten hinein ins Geschehen, mitten hinein ins Getümmel; seine Bilder, die mal wie die hochaufgelösten der modernsten Sportkanäle im Fernsehen wirken, dann wieder an Liveberichterstattung aus Katastrophengebieten gemahnen, fangen Schlachten ein, deren Verlauf das Publikum nicht mehr erfassen, nicht mehr folgen kann. Da sind Menschenknäuel, die ineinander verkeilt, übereinander getürmt, durcheinandergeworfen nur noch anhand der Farben der Helme und Rüstungen der Football-Fighter auseinanderzuhalten sind. Wenn überhaupt. Durch Schnitt und Montage und die von Stone so geliebten unterschiedlichen Film- und Aufnahmeverfahren, durch extreme Slow-Motion- und plötzliche, exzessive Beschleunigung der Bilder, wird ungeheure Verwirrung gestiftet und zugleich versucht, einen Eindruck davon zu vermitteln, wie sich die Situationen auf dem Spielfeld, unter sengender Sonne oder im strömenden Regen, für die Spieler anfühlen. Ob der Versuch geglückt ist, können letztlich wohl nur die Betreffenden selbst beurteilen. Auf der Leinwand wirken diese Einstellungen und Sequenzen schon nahezu abstrakt, bieten sie doch kein nachvollziehbares Narrativ mehr, sondern lediglich Eindrücke, die das Auge aufgrund der enorm hohen Schnittfrequenz nur instinktiv erfassen kann. Augenblicklich, sozusagen.

Dass diese Momente wie Ausschnitte aus dem Krieg, aus Gefechten, Kampfhandlungen gleich wirken, entspricht Stones Wirklichkeitswahrnehmung, dass das Leben Krieg, ewige Auseinandersetzung, ewigen Kampf bedeutet. Eine Haltung, die er nicht goutiert, die er oft desavouiert und auch diffamiert hat, die aber in seinen Filmen – gleich ob im Revolutionsdrama SALVADOR (1986), im Vietnam-Gemetzel PLATOON (1986), dem Kapitalismus-Thriller WALL STREET (1987) oder in Werken wie der Rock´n´Roll-Sause THE DOORS (1991) und erst recht in einer Thriller-Farce wie dem bereits erwähnten NATURAL BORN KILLERS – immer wieder bestätigt wird und als Motivation für die Helden und Antihelden seiner Geschichten herhalten muss. Was er da ganz konkret und brutal und effektiv als Kampf auf dem Spielfeld inszeniert, das überträgt Stone im Film dann auf die Politik der Spieler untereinander, das Verhältnis des Trainers zum Club und schließlich auf den ganzen Club, der hier Miami Sharks heißt, auf die Politik der Führungsebene gegenüber der Liga, auf den Versuch, das gesamte Team in eine andere Stadt, eine andere Region, in einen anderen Staat zu transferieren – weil da besseres Wetter, bessere Trainingsmethoden, bessere Benzinpreise locken. American Football als das, was es tatsächlich im Kern ist – ein Geschäft. Das ist der Clou hinter diesem Film.

Dass den Regisseur durchaus auch die Binnenelemente der Mannschaft, die Psychologie der Spieler und jener, die hinter den Spielern stehen, die zugrundeliegende Ökonomie und deren Auswirkungen auf das Gebaren der Beteiligten – bspw. der Ärzte des Teams – sowie die gesellschaftsimmanenten Komponenten wie der Rassismus und die Empfindlichkeiten einzelner, der Größenwahn, der die Stars des Sports befallen kann und ihr tiefer Fall, wenn die Dinge nicht laufen, wie geplant, dass all das einen Mann wie Oliver Stone fasziniert und er all das in seinem Film unterbringen will, liegt auf der Hand. Wann wäre dieser Regisseur nicht aufs Ganze gegangen in seiner langen Karriere?

Das Problem ist, dass Stone dementsprechend etliche Stränge auslegt, Themen anschneidet, Beziehungen andeutet, letztlich aber nichts davon tatsächlich ausspielt, durchkomponiert, zueinander in Beziehung setzt oder wirklich zu einem (dramaturgischen) Ende führt. Alles bleibt angerissen, angedeutet, behauptet, wenig wird belegt, ist relevant, kann überzeugen. Trotz seiner – im Director´s Cut immerhin 157 Minuten betragene – Überlänge scheint der Film vollkommen überfrachtet und nie die notwendige Ausdauer für die einzelnen Themen zu haben. Da sich immer wieder ellenlange Spielszenen aneinanderreihen, die sich durch die oben beschriebenen Verfahren oftmals extrem dehnen, bleibt für das, worauf es Stone anzukommen scheint, im Grunde nicht genügend Zeit. Es kann aber auch sein, dass dem Regisseur und Drehbuchautor, dem großen Analytiker und Chronisten des American Way of Life einfach nichts wirklich Originelles zum Thema American Football einfallen wollte.

Und so greift Stone auf Klischees zurück: Der Sport als hypermaskuline Angelegenheit, ja, toxisch im mittlerweile häufig bemühten Sinn; die NFL (die hier aus rechtlichen Gründen nicht so heißen durfte, weshalb im Film eine Konkurrenzliga gezeigt wird, die letztlich aber nach den Gesetzen der NFL funktioniert) als Haifischbecken von Großmagnaten, die sich zur persönlichen Unterhaltung Football-Teams halten, ein Menschenzoo; die Vereine als knallhart nach ökonomischen Maßstäben regierte Königreiche oder Wirtschaftsunternehmen, in denen es weder Freund noch Feind gibt. Sicher, all diese Klischees entbehren nie eines wahren Kerns, doch so, wie Stone es darstellt, hat man es dann auch schon zu häufig gesehen und gelesen. Um dem Ganzen also einen eigenen Dreh zu verpassen, greift Stone auf die Strategie zurück, die er bspw. in NIXON (1995) anwendete und überzuckert seine letztlich banale Story mit Shakespeare´scher Dramatik, bzw. bläht sie zu einer Tragödie Shakespeare´schen Ausmaßes auf. Nur: Was im dem Präsidenten/Königs-Drama nahezu perfekt funktionierte, ist nicht eins zu eins auf einen Football-Club zu übertragen. Da liegen die große (Welt)Politik und das Showgeschäft des Bälle-in-die-Endzone-Tragens doch zu weit auseinander. Was dort als Erklärung taugt, wirkt hier nur noch banal, bzw. zwei Nummern zu groß geraten. Höchstens, dass es die amerikanische Sehnsucht nach klassischer Tragödie, nach altem Europa, nach Weltuntergang und Auferstehung bedient.

Um die dramatische Fallhöhe angemessen zu gestalten, zieht Stone drei Ebenen in seinen Film ein, die teilweise ineinanderfließen. Innerhalb der Mannschaft gibt es ein Drama um den etatmäßig ersten Quarterback – also mehr oder weniger den wichtigsten Spieler eines Teams –, den von Dennis Quaid gespielten Jack Rooney, der ausfällt, nachdem er sich schwer verletzt hat. Da das Team die Playoffs zu verpassen droht und Rooney bereits in fortgeschrittenem Alter ist, droht seine Karriere zu versanden. So hat man es hier mit dem persönlichen Drama eines Mannes zu tun, der sein Lebensziel entschwinden sieht. Ersetzt wird er durch den dritten Quarterback, einen jungen Schwarzen, den Jamie Foxx als vor Selbstbewusstsein strotzenden Ultra-Macho Willie Beamen gibt, der sich über die Anweisungen des Trainers hinwegsetzt und auch sonst überall aneckt. Dieser Trainer – ein alternder Al Pacino in der Rolle des triefäugigen Tony D´Amato – verbreitet sein ganz eigenes Drama, ist der Sport doch nicht mehr das, was er einmal war. Die Spieler ohne Demut, die Strategien ohne Fairness und überhaupt, wo sind sie geblieben, die guten alten Zeiten, in denen man nach der Schlacht ein Bier miteinander trinken ging? Die Klagen alternden Männer. Auf der Führungsebene des Vereins überlegt die junge Managerin Chrsitina Pagniacci, eiskalt gegeben von Cameron Diaz, die auf Rollen wie diese lange abonniert schien, wie sie den Wert des Vereins durch Spielerverkäufe steigern kann, um ihn dann gewinnbringend zu entäußern. Sie ist aber die Tochter des ehemaligen Präsidenten, der seinerseits eng mit D´Amato befreundet war, und kennt den Trainer von Kindestagen an. Für Football hat sie sich tatsächlich aber nie wirklich interessiert. Für das Geschäft hingegen schon. Schließlich wird die dritte Ebene eingezogen, wenn sich die junge Dame mit der Liga anlegt und verliert. Zudem werden etliche Nebenschauplätze um den Mannschaftsarzt, die Medien und die Ehe- und Drogenprobleme der Spieler eröffnet. Der dem Sport immanente Rassismus wird angedeutet, die Art, wie hier Menschen verheizt werden, ebenfalls.

Doch wirkt das alles im Endeffekt recht leb- und lieblos aneinandergereiht und, notdürftig, ineinander verzahnt. Die Summe der Einzelteile ergibt kein sinniges Ganzes. Zwar bemüht Stone sich mit allen ihm zur Verfügung stehenden filmischen und dramaturgischen Mitteln, Relevanz herzustellen – oder gar nur vorzutäuschen? -, doch kann der Film nie packen, wie dies selbst so abstruse Werke wie JFK (1991), der eine wilde Verschwörungstheorie zum Mord an Kennedy bot, oder auch weit weniger ambitionierte Filme wie der Neo-Noir-Thriller U-TURN (1997) taten. Und auch, wenn Kritiker hier eine in sich stimmige Gesellschaftsanalyse und -kritik erkennen wollten, die mit einem brachialen Soundtrack aus Hip-Hop, Rap, hartem Metal, süßlicher Country-Musik, schamanisch angehauchter Meditationsbegleitung und einem Original-Score von Richard Horowitz und Paul Kelly unterlegt (oder überwalzt?) die Zuschauer*innen geradezu überwältigt und von jedem klaren Gedanken abhält, wird man Oliver Stone schon sehr gewogen sein müssen, um hier das Gesamtkunstwerk bewundern zu können.

Sport dient häufig als gesellschaftliche Blaupause, anhand der Entwicklungen im Sport kann man durchaus gesellschaftliche, kulturelle, manchmal politische, oft wirtschaftliche Entwicklungen ablesen. Doch funktioniert das meist, indem man bestehende Verhältnisse untersucht. Seltener, wenn man erst eine komplexe Struktur erschaffen muss, anhand derer man dann exemplarisch durchexerzieren kann, was man eigentlich ausdrücken möchte. Entweder wirkt das Ganze dann thesenhaft oder aber überspritzt und dadurch übertrieben und banal. Banal – der Begriff wurde nun bereits mehrfach verwendet – muss man diesen Film dann letztlich nennen. Denn gleich, welche Handlungsstrang, welche Geschichte, welche Figur man herausgreift und näher betrachtet – sie alle bleiben eindimensional und stereotyp. Da ist der einsame Trainer, der sich Nacht für Nacht allein betrinkt oder mit Huren schläft, eigentlich aber seiner Ehe und dem ihm entglittenen Sohn hinterher weint; das eiskalte Luder, das das väterliche Erbe verscherbelt; der in Machismo erstarrte, immer verkannte Sportler, der sich erst widersetzt und dann läutert, wenn er begreift, dass sein Trainer recht hatte; die brutalen, dümmlichen Defense-Spieler, alles Weiße, versus die Offensive, die nahezu ausschließlich aus Schwarzen besteht, sieht man einmal von Rooney ab; der wiederum ist ein alternder Quarterback, der eigentlich weiß, dass seine Zeit vorbei ist…man könnte die Reihe weiter durchgehen.

Immer stößt man auf Figuren, die man so bereits kennt, entweder aus ähnlichen Kontexten oder aber vergleichbaren anderer Genres entliehen. Keine dieser Figuren macht wirklich überraschende Moves, um im Jargon des Spiels zu bleiben, und die ihnen zugedachte Story entspringt letztlich dem Schema aller Sportlerfilme. Man muss sich überwinden, der einzelne muss sich dem Ganzen unterordnen, erst wenn man Demut lernt, kann man gewinnen, Läuterung und schließlich Sieg nicht garantiert, aber wahrscheinlich. Ganz so weit im Kitsch eines nach all dem Drama unglaubwürdigen Happyends zu versinken geht der Film dann allerdings nicht – das Spiel um die höchste Krone des American Football, in der Realität der Super Bowl, hier der Pantheon Cup, verlieren die Sharks, dies aber ehrenvoll, und anschließend sind sich alle wieder grün. Bis dann in der letzten Szene D´Amato bekannt gibt, den Verein – obwohl sich auch seine interne Widersacherin Pagniacci, analog zum Quarterback Beamer, geläutert und zum Club bekannt hat – zu verlassen und noch einmal ganz von vorn anzufangen. Seinen so lange widerspenstigen Starspieler nimmt er gleich mal mit. Das wollte sich der Regisseur dann wohl doch nicht nehmen lassen und gab Al Pacino diese letzte kleine Bühne, auf der er noch einmal reüssieren durfte. Dass Pacinos Darbietung wie ein Potpourri, eine Art Best-Of seiner, bis dato letzten Rollen wirkt, sei nur am Rande angemerkt. Die Kritik wollte auch die Performance aller Beteiligten als hervorragend gesehen haben. Doch stellt sich die Frage, was hier genau hätte schief gehen sollen in den schauspielerischen Leistungen? Diese Figuren kann jeder bessere Hollywood-Laie im Schlaf spielen.

So bleiben einzelne Momente, die man getrost als gelungen hervorheben darf. Da sind die schon Ende der 90er auffällig pornographischen Rap-Videos, die hier durch die Darstellung Willie Beamers, der nach und nach zum Star und Liebling der Medien aufsteigt, gleichsam überhöht und dadurch parodiert werden (wobei Jamie Foxx den Song, den Willie darbietet, tatsächlich selbst gerappt hat); da ist eine bemerkenswerte Szene in der Umkleide, die von Pagniacci besucht wird und in der Stone sich nicht scheut, nicht nur komplett nackte Männer full frontal zu zeigen, sondern auch deren körperliche Reaktion auf das plötzliche Erscheinen der Klubchefin in der Kabine; die weiter oben ausführlicher beschriebenen Spielszenen sind beeindruckend gefilmt und auch, wenn es zu viele sind und sie gelegentlich zu lang geraten, muss man Stone und Totino hier wirklich gute Arbeit attestieren. Auch muss man Stone zugutehalten, dass er sich Mühe gibt, möglichst viele Aspekte rund um diesen Sport einzubauen. Der Rassismus in der Kabine, die Abfälligkeiten, die als Jargon verklausuliert werden, der Hass, der teils zwischen den Mannschaftsteilen herrscht, die Versuche, in einer Machowelt Mensch zu bleiben – all das wird zumindest angerissen.

So ist ANY GIVEN SUNDAY letztlich ein in sich unstimmiges, unentschlossenes Produkt geworden, dem man seine gewollt kritische Haltung immer ansieht, das aber doch auch immer wieder zu einer Huldigung eben dessen wird, was es zu kritisieren vorgibt. Der Ästhetik des Spiels, seinem rauen, ja rohen Charme erliegen Buch und Regie dann eben doch. Und dann rutscht Stone die Darstellung gelegentlich doch nah an die Verherrlichung des Körpers, wie er einer Leni Riefenstahl einst vorschwebte und auf so perfide Art und Weise ja auch gelang. Dieser Film ist ein nicht wirklich überzeugendes Werk, das aus dem Oeuvre seines Regisseurs nicht zwingend hervorsticht. Interessanterweise sind dem Meister danach auch nur noch wenige wirklich zwingende Spielfilme gelungen.

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