BAMBINO
Marco Balzano legt das treffende Portrait eines faschistischen Charakters vor
Was ist wesentlicher, um eine Tyrannei, eine Diktatur, ein autoritäres Regime zu errichten? Eine Ideologie, die zumindest eine signifikante Minderheit überzeugt; genügend überzeugte Ideologen, die überzeugend agitieren können; oder genügend Opportunisten, die bereit sind, für kleine Gewinne und Vorteile, für ein wenig Macht, die Drecksarbeit zu erledigen, die Gewalt, den Terror auszuüben, um das Regime zu stützen und die vielleicht schweigende Mehrheit im Zaum zu halten?
Antonio Scurati unternimmt seit 2018 den Versuch, dieser Frage in einem gewaltigen Mussolini-Epos, einer regelrechten Faschismus-Saga nachzugehen und erzählt dabei eindeutig aus der Sicht der Machthabenden, von der Spitze der Bewegung aus, von dort, wo die Extremisten, die Radikalen, die wirklichen Ideologen, die zutiefst Überzeugten stehen; jene, die – gerade bei den italienischen Faschisten – zugleich oftmals auch Schläger, Gewaltverherrlicher und Mörder gewesen sind. Wobei es ihm aber auch gelingt, den italienischen Faschismus als etwas zu zeigen, das keinen wirklichen ideologischen Kern aufweisen kann, viel mehr eine Bewegung darzustellen, die eher der Tat – und das bedeutet vor allem in ihren Anfängen: der Gewalt – verschrieben ist, denn eines theoretischen Überbaus.
Einen anderen Weg wählt Scuratis Landsmann Marco Balzano. Auch er erkundet die Mechanik faschistischer Macht, wobei er sich vor allem deren psychologischer Bedingungen widmet. Er sucht eine Erklärung im Blick von unten, von dort aus, wo jene beheimatet sind, denen das Leben wenig Gutes zugeschanzt hat und die sich – aus sozialen wie eben und vor allem aus psychologischen Gründen – durch das Leben schlawinern, ihre Vorteile immer da suchend, wo die Macht gerade beheimatet ist. Opportunisten halt. Aber Opportunisten, die gelernt haben, dass Opportunismus am Leben hält. Menschen – vor allem Männer – die jenen Krieg erlebt haben, den wir heute den Ersten Weltkrieg nennen, brutalisierte Menschen, die gelernt haben, wie wenig ein Menschenleben tatsächlich wert ist.
Balzanos Roman BAMBINO (Original erschienen 2024; Dt. 2026) erzählt von dem jungen Mattia, der sich früh den faschistischen Schwarzhemden in seiner Heimatstadt Triest anschließt. Nach dem großen Krieg, dem Grande Gerra oder auch Gerra di Montagna, dem Gebirgskrieg, war der Status der Stadt prekär, aufgrund ihrer jahrhundertelangen kosmopolitischen Geschichte als Teil der k.u.k-Monarchie mit starkem italienischem Anteil der Bevölkerung, gab es ein langes Gezerre, bis Triest 1919 schließlich formal Italien zugeschlagen wurde. Mattia, der aufgrund seines jungenhaften Aussehens, welches er zeitlebens nicht ablegen wird, allseits „Bambino“ genannt wird, ist zutiefst nationalistisch eingestellt, hasst die Slowenen, die einen weiteren starken Bevölkerungsanteil stellen, vermutet jedoch zugleich seine Mutter unter den Slowenen. Denn die Frau, die er bisher für seine Mutter gehalten hatte, offenbart ihm auf dem Sterbebett, dass er nicht „von ihr“ sei. Eine nahezu irrational gesteuerte Suche nach seiner „wirklichen“ Mutter, über die ihm sein Vater, ein ausgesprochen schweigsamer Uhrmacher, jedwede Auskunft verweigert, wird zum Leitstern seines Lebens.
Zugleich wird diese Mutter-Obsession, anders kann man es nicht nennen, bedenkt man, wie der Roman, wie Bolzano immer wieder darum kreist, darauf zurückkommt, zur fast alleingültigen Erklärung für den widersprüchlichen und gewaltverliebten Charakter Mattias und dessen Hang zum Faschismus. In großen Schritten folgen die Leser*innen auf eher schmalen 240 Seiten der Entwicklung des Anti-Helden dieses Romans, lauschen der aus subjektiver Perspektive dargebotenen Geschichte seines Lebenswegs. Eröffnet und immer wieder unterbrochen wird diese Schilderung von kursiven Einschüben, die davon berichten, wie Mattia irgendwann nach Kriegsende von Partisanen oder aber einfach Verwandten derer, die er drangsaliert, bedroht, eingeschüchtert und letztlich auch verletzt und getötet hat, gefangengenommen, verschleppt und einem nichtswürdigen und elenden Ende entgegengeführt wird.
Larmoyant, verbittert, selbstmitleidig, sich verteidigend, sich in Widersprüchen verwickelnd, sich immer wieder rechtfertigend, wo es schlicht keine Rechtfertigung mehr gibt und darob in teils haarsträubende, manchmal unfreiwillig komische Konstruktionen der Selbst-Apologie verfallend, heischt dieser Erzähler, Mattia, Bambino, wie auch immer er genannt werden will, um unsere Aufmerksamkeit und unser Verständnis. Das Üble daran ist, dass es ihm – also, dass es Bolzano – hin und wieder gelingt, sein Publikum, also uns, tatsächlich einzuspinnen und dieses Mitgefühl wachzurufen. Aus Mattias Sicht ein grässlicher und selbstentwürdigender Versuch, sich einzuschmeicheln, aus Bolzanos Sicht ein allerdings gelungener literarischer Kniff. Wenn es denn einer ist. Doch sollte man davon ausgehen, dass der Autor sicherlich nicht die Position teilt, die er seinem Protagonisten und Ich-Erzähler angedeihen lässt. Doch kann Bolzano so tatsächlich eine faschistische, weil schwache Persönlichkeit, einen faschistischen, weil schwachen Charakter zeichnen, den man weder mag noch gutheißt, den man aber zu verstehen beginnt. Und das ist ja letztlich immer schon ein Teil dessen, was Literatur ausmacht: Die Leser*innen verstehen zu lassen, ohne zwangsläufig Verständnis zu generieren.
Dieser Mann, Mattia, ist kein Ideologe. Er mag von einem dumpfen Nationalgefühl getrieben sein, doch vor allem dient dieses Gefühl als Rechtfertigung wahllos Menschen, das bedeutet hier: Slowenen, anzugreifen, zu bedrohen, einzuschüchtern und zu verprügeln. Irgendwann auch zu töten. Das ist textlich geschickt gestrickt, dieses Doppelbödige, das die Leser*innen immer wieder einholt, dieses Gewebe, in das sie sich immer wieder verwickeln. Wir folgen Mattia mit seiner Einheit nach Griechenland und auf den Balkan und erleben mit ihm, wie diese jungen Männer, die entweder glühend an Mussolinis Versprechungen geglaubt haben oder aber sich Vorteile und Zuwachs an Männlichkeit, dementsprechend Ruhm und Ehre versprochen hatten, gnadenlos verheizt werden. Nach und nach geht Mattias letztlich eben nicht sehr ausgeprägter Glaube an den Duce und dessen System verloren, zugleich merkt er aber auch – das auch schon in den Jahren vor dem Krieg –, dass Mitglied bei den Schwarzhemden zu sein, den einzelnen nicht davor bewahrt, von den eigenen Kameraden ausgegrenzt und gedemütigt zu werden. Wie sie ihn daheim in Triest drangsaliert haben, weil der Vater kein Mitglied in der Partei ist und auch keins werden will, so drangsalieren sie ihn nun auch an der Front, weil sie ihn nicht mögen, ihn, den Unberechenbaren, den Gewalt-Aficionado, den Eigenbrötler.
Balzano entwirft hier literarisch fein das Psychogramm eines Täters, der sich praktisch aus sich selbst heraus erklärt. Die Erklärungen – der Mutter-Komplex, der Hass auf den schweigenden, passiv-aggressiven Vater, der dem Sohn dessen Haltung, den Faschismus, übel nimmt, wobei wir nie wissen, ob er das aus Überzeugung heraus so sieht, oder aber, weil die Machenschaften Mattias ihm die Kunden vergraulen – mögen etwas unterkomplex sein, doch kann Balzano einen alles in allem überzeugenden faschistischen Charakter entwerfen und damit der Frage auf den Grund gehen, wieso Führerpersönlichkeiten wie Mussolini, aber Gleiches gilt sicher auch für Hitler in Deutschland, immer wieder Unterstützer finden, auf welchen Typus sie sich verlassen können. Was man Balzano vorwerfen kann – aber geschickt lässt er ja Mattia erzählen und somit ist es dessen Geschichte und er entwickelt Narrativ, Tempo und setzt die Schwerpunkte – ist, dass er sehr viel mehr Zeit und Raum darauf verwendet, von Mattias sentimentalen Momenten zu erzählen, die dieser in seinem kurzzeitigen Exil in den Bergen nach dem Krieg erlebt, als bspw. den Opfern. Doch versteht Balzano eben auch immer wieder, manchmal nur in einer Nuance, Mattias Wirken in der Welt und dessen Folgen darzustellen. Und mit einer kleinen Liebesgeschichte, die er Mattia angedeihen lässt und von deren nahezu kafkaesken Entwicklung dieser frank und frei erzählt, desavouiert Balzano dann auch noch das letzte bisschen Menschlichkeit und Empathie, dass man diesem Burschen zugestehen wollte.
Die Zeitzeugen sterben weg, die, die uns berichten können, wie sie waren, die Schlächter und Menschenverächter. Es beginnt die Zeit der Historisierung, ob einem das nun gefällt oder nicht. Wir werden uns unsere eigenen Gedanken machen müssen, wer die Leute waren, die „das“ möglich gemacht haben und wie sie beschaffen waren. Jonathan Littell hatte mit DIE WOHLGESINNTEN (2006) einen guten Anfang gemacht. Marco Balzano tut es ihm in Bezug auf sein Heimatland Italien nun gleich.