DIE JAHRE DER WAHREN EMPFINDUNG. DIE 70ER – EINE WILDE BLÜTEZEIT DER DEUTSCHEN LITERATUR

Helmut Böttiger entführt in das "rote Jahrzehnt" und führt dem Leser noch einmal die Literatur jener Jahre vor Augen

Gibt es Besseres als ein gutes Buch zu lesen? Wohl kaum. Aber Texte über gute Bücher können – wohl formuliert und spürbar der Begeisterung geschuldet – schon nah an das Lektürevergnügen eines guten Buchs herankommen. Helmut Böttiger beweist es einmal mehr mit seiner Studie DIE JAHRE DER WAHREN EMPFINDUNG (2021), in welcher er sich der deutschsprachigen Literatur der 70er Jahre widmet. Also, der wesentlichen natürlich.

In einem weiten Streifzug von den 60ern bis hinein in die 80er Jahre lässt sich hier nachvollziehen, welche Entwicklung die deutschsprachige Literatur von den Nachkriegsjahren, geprägt durch die Gruppe 47 und Autoren wie Grass, Böll oder Andersch, hin zu den 70ern und der „neuen Innerlichkeit“ genommen hat, die keineswegs so unpolitisch war, wie sie heute gern dargestellt wird. Im Gegenteil: Analog zur Entwicklung der Theorien – man greife zu Philipp Felschs DER LANGE SOMMER DER THEORIE. GESCHICHTE EINER REVOLTE 1960-1990 (2015) und lese dort noch einmal nach, wie mit den „Franzosen“, also den Strukturalisten und Poststrukturalisten um Roland Barthes, Michel Foucault, Jean-François Lyotard, Jacques Derrida oder Jean Baudrillard eine Ästhetik des Denkens einzog, die auch einen Angriff auf die deutsche Sachlichkeit und Nüchternheit um Adorno oder Habermas bedeutete – scheint auch die Literatur in Deutschland, der Schweiz und – natürlich – Österreich den schmalen Grat, der sich scheinbar zwischen dem Politischen und dem Privaten erhob, bestiegen und diesen überwunden zu haben.

Böttiger, der sich mit so unterschiedlichen Themen wie dem Niedergang des deutschen Fußballs, der Nachkriegsliteratur um die Gruppe 47, mit Paul Celan und auch der deutschen Literatur „nach den Utopien“ beschäftigt hat, zeigt hier einmal mehr, wie ungeheuer bewandert er im Metier ist. So kann er ein weites Panorama ausbreiten, das es ihm erlaubt, jene Jahre einzufangen und zugleich zu verdeutlichen, daß die Literatur der 70er eben auch immer diverser wurde, immer heterogener, sich analog zu den Entwicklungen ähnlich der Studentenbewegung nach 1968 in viele verschiedene, unterschiedliche, manchmal auch gegenläufige Richtungen entfaltete. Beginnend mit einem „Vorspiel“ um Uwe Johnson, die Kommune I und das dort geplante Puddingattentat auf den amerikanischen Vizepräsidenten Hubert H. Humphrey, womit er den Zirkelschlag zwischen Literatur und Politik belegt, über Peter Schneiders für seine Generation so wesentliche Novelle LENZ (1973), die nicht nur die Verwurzelung der deutschen Literatur in ihrer eigenen Geschichte belegt, sondern auch deren Möglichkeiten, diese Geschichte in aktuelle Bezüge zu kleiden, einen Exkurs über all jene in den frühen 70ern entstehenden Kleinverlage (Wagenbach, Merve, März; um nur die bedeutendsten zu nennen), Zeitschriften, Buchläden, die zugleich auch Austauschbörsen für Informationen, seltene Werke und die Organisation von Symposien, Demonstrationen oder Aktionen waren, einen weiteren Exkurs zur aufkommenden feministischen Literatur jener Jahre, bis zu Peter Handke – von dessen Band DIE STUNDE DER WAHREN EMPFINDUNG (1975) Böttiger den Titel seines Werks entliehen hat – reicht der erste Kreis dieser Werkschau.

Brillant gelingt es Böttiger, die Veränderungen und die Spiegelung dieser Veränderungen in der Literatur spürbar und nachvollziehbar zu machen. Denn zu Beginn der 70er setzte, nach den wilden Jahren, eben auch eine Ernüchterung ein. Die Studentenbewegung zerfiel in Klein- und Kleinstgruppen, es begannen die Jahre jener K-Gruppen, die sich wahlweise (und meistens) als maoistisch oder (seltener) moskautreu betrachteten. Frauen machten sich auf, ihre eigene Agenda zu setzen, waren sie doch auch in der ach so aufgeklärten Studentenbewegung eher zierendes Beiwerk und hatten meist wenig Chancen, sich zwischen den männlichen Alphatieren Gehör zu verschaffen. Analog dazu waren auch Schwule und Lesben bereit, sich gegen die Unterdrückung, die ihnen gesetzlich immer noch zuteilwurde, aufzulehnen. Und nicht zu vergessen die Ökobewegung, die schließlich Ende des „roten Jahrzehnts“ (Gerd Koenen) zur Gründung einer neuen Partei – der Grünen – führte und eines der zentralen Anliegen direkt in den politischen Prozeß der Bundesrepublik einspeiste.

Schneider hatte im LENZ dieser Ernüchterung Ausdruck verliehen. Er hatte aber auch einen Sehnsuchtsort imaginiert und definiert, der für jene politisch links Orientierten wesentlich wurde, die (noch) nicht bereit waren, von den Utopien oder zumindest der Revolution abzulassen – Italien. Dort wurde der Kampf immer radikaler und leider auch brutaler, dort gab es eine Kommunistische Partei, die nicht nur die größte in Europa war, sondern auch die radikalste, wenn es um die Ausrichtung gen Osten, gen Moskau, ging. Italien als linkes Arkadien – nicht nur Schneider sah es so.

Doch Böttiger geht weiter. Er nimmt sich eben auch jener Literaten, Dichter und Autoren an, die eine andere Richtung einschlugen. Rolf Dieter Brinkmann bspw., wie später auch der im letzten Kapitel behandelte Jörg Fauser, der dann den Übergang zu den ironischen aber auch zynischen 80er Jahren markierte, orientierten sich deutlich an den amerikanischen Beat-Autoren und deren Nachfolgern. William S. Burroughs in seinem Heroin-Chic, Raymond Carvers frühe Short Stories oder die sich immer weniger ernsthaft gebenden Schriftsteller wie Kurt Vonnegut wurden hier zu Referenzgrößen. Böttiger untersucht mal einzelne Autoren, begibt sich auf das Territorium der DDR – eines seiner Spezialgebiete – und deren wesentlichen Autoren (obwohl es verwundert, daß der Name Brigitte Reimann nicht einmal Erwähnung findet) wie Christa Wolf, Fritz Rudolf Fries oder Heiner Müller, und wendet sich auch einzelnen komplexen Themen zu, u.a. der Auseinandersetzung mit den Nazi-Vätern, wie sie bei Bernward Vesper, Christoph Meckel oder Hermann Peter Piwitt stattfand. Böttiger kann auch hier die Unterschiede herausarbeiten zwischen einem auftrumpfenden Autor wie Meckel und einem tragisch Scheiternden wie Vesper, dessen Roman – oder Romanessay – DIE REISE (aus dem Nachlass 1977 veröffentlicht) bis heute eines der authentischsten und leider auch unzugänglichsten Dokumente direkt aus dem Herzen der Revolution darstellt. Böttiger greift die großen Debatten und auch Streitereien auf – Klaus Wagenbach und Friedrich Christian Delius seien ebenso genannt wie Walser und Reich-Ranicki – , schweift zu jenen Solitären wie Hubert Fichte, der erstmals Homosexualität literarisch offensiv darstellte und aufarbeitete, oder Thomas Bernhard, der eigentlich der Meinung gewesen sei, daß Suhrkamp außer ihm keine weiteren Autoren verlegen müsste.

Peter Weiss und seine monumentale ÄSTHETIK DES WIDERSTANDS (erschienen in 3 Bänden 1975, 78 und 1981), Arno Schmidt, dessen heute als Hauptwerk betrachteter ZETTELS TRAUM (1970) tatsächlich erst in den frühen 70ern veröffentlicht wurde, nicht in den 50ern, dem eigentlichen „Schmidt-Jahrzehnt“, noch einmal Uwe Johnson, der so anders erschien als seine Generationskollegen und mit den JAHRESTAGEN (4 Bände erschienen 1970, 71, 73 und 1983) eines der letzten Groß- und Jahrhundertwerke des 20. Jahrhunderts geschrieben hatte – sie alle finden hier Erwähnung und werden in Einzelkapiteln behandelt, aber auch eher abseitige Autoren wie Manfred Esser oder Fritz Zorn werden behandelt. Und natürlich auch, wie sich die alten, vielleicht etwas müden Helden wie Grass und Böll schlugen, als ihre Reputation nicht mehr einhellig positiv war und sie auch aus linken Kreisen angegriffen wurden.

DIE JAHRE DER WAHREN EMPFINDUNG sind eine wahre Fundgrube, eine Stöberkiste, die manches in Erinnerung ruft, was man (fast) vergessen hatte, anderes, bekanntes, noch einmal in neuem Licht erstrahlen lässt und auch einige unbekannte Werke neu einführt. Man kann schwelgen, sich informieren und vor allem – was vielleicht die größte Leistung dieses Buchs ist – man kann noch einmal einer Zeit nachspüren, die so lange vergangen scheint, deren Wesen den Heutigen, den Post-Postmodernen, nahezu unergründlich erscheinen mag. Einmal mehr kann man begreifen, wie wesentlich Literatur gewesen ist, daß sie gesellschaftspolitisch wirkliche Relevanz hatte, sich erinnern, daß Intellektuelle einmal wirklich eine Stimme in diesem Land hatten und diese Intellektuellen auf sicherem Grund standen, was bedeutet, daß sie über umgreifende Bildung verfügten, zugleich aber auch keine Berührungsängste hatten und sich durchaus in Bezug zu den Größen der deutschen Geistesgeschichte zu setzen wussten. Man kann hier noch einmal nachempfinden, wie das so war, als das Politische privat und das Private politisch wurde und eine Generation sich aufmachte, nicht nur in der Theorie, sondern – auch durch die Schocks der Wirklichkeit, u.a. die RAF und ihre maßlosen Ansprüche oder die Erkenntnis, daß sich die Arbeiter in Rüsselsheim nicht wirklich agitieren lassen wollten – auch realistisch den Gang durch die Institutionen anzutreten. Daß von ihnen allen nur Elfriede Jelinek und Peter Handke letztlich höchste Weihen in Form des Nobelpreises erhielten, kann man bedauern, vielleicht aber auch nur gutheißen, sind solch bürgerliche Auszeichnungen doch vielleicht gerade für diese Kreise, diese Generation unerheblich. Sieht man allerdings Handke in Stockholm in seinem Smoking, dann sieht man auch, daß selbst die, die einst ein Dagegen definierten, heute eben in der Hochkultur angekommen sind. Zurecht.

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