HAPPINESS FALLS

Ein intelligenter aber überkonstruierter Roman

Es gibt ja uralte Diskussionen um Kunst, Literatur, Theater und Film. Soll ein Werk didaktisch sein? Kann ein didaktisches Werk ein gutes Kunstwerk sein? Wie viel Konstruktion kann ein Roman, ein Theaterstück, ein Film vertragen? Wann ist ein Werk überfrachtet, wann erstickt es gar an seiner eigenen Konstruktion, am zugrundeliegenden Konzept? Und wann ist ein Werk gar zu klug?

All diese Fragen kommen den Rezipient*innen während der Lektüre von Angie Kims Roman HAPPINESS FALLS (original erschienen 2025; Dt.2025) nach und nach in den Sinn – und können nicht beantwortet werden. Denn dieser definitiv überkonstruierte Roman ist ausgesprochen intelligent, er ist didaktisch – was die Ich-Erzählerin zur Tugend erhebt, indem sie das ununterbrochen Belehrende, gekoppelt an einen ungeheuren Rededrang zu einem ihrer Charakterzüge erklärt -, er ist lebensklug und vor allem ist er heillos überfrachtet. Die Leser*innen sind fasziniert und zugleich enerviert ob der Erklär-Wut der Erzählerin. Wobei die Differenz zwischen der Autorin Kim und der Ich-Erzählerin Mia aufgrund der biographischen Hintergründe Kims nur schwer zu erkennen ist.

Wie die Hauptfigur des Romans ist die Autorin zur Hälfte Südkoreanerin, musste rassistische Demütigungen erleben, musste begreifen, wie Sprachkenntnisse und -unkenntnisse zu Distanz und Außenseitertum führen, auch die Interessen Mias decken sich in Vielem mit denen der Autorin, wie diese in einem ausführlichen Nachwort erörtert. All das ist natürlich kein Fehler, denn wie jeder Teilnehmer und jede Teilnehmerin eines Schreibseminars weiß, sollte eine jede und ein jeder immer von dem erzählen, was er oder sie kennt. Doch wenn die zu erzählende Geschichte derart speziell ist wie in diesem Fall, kann eine solche Vorgabe auch umschlagen und zu einem Problem werden.

Eugene ist ein Teenager mit Autismus-Spektrum-Störung, zudem leidet er unter dem Angelman-Syndrom, was dazu führt, dass der Junge immer lächelnd durchs Leben geht und deshalb häufig sowohl als schwachsinnig betrachtet als auch für immer zufrieden, wenn nicht gar glücklich gehalten wird. Eines Morgens kehrt er allein von einem Spaziergang mit seinem Vater zurück – ein Umstand, der aufgrund seiner Diagnostik nahezu unmöglich ist. Schnell wird deutlich, dass etwas nicht stimmen kann, dass der Vater offenbar verschwunden ist. In den kommenden vierundzwanzig Stunden, die der ca. 530 Seiten starke Roman hauptsächlich behandelt, fügen sich durch die Recherchen der Familie und jene der ermittelnden Polizistin etliche Mosaiksteine zu einem Bild dieser Familie zusammen, welches auch und vor allem für die Ich-Erzählerin Mia voller Überraschungen steckt. Nicht alle dieser Überraschungen sind schön, doch vor allem die Erkenntnis, dass Eugene weitaus mehr und besser kommunizieren kann, als es Mia, ihr Zwillingsbruder John oder die Mutter auch nur ahnten, trifft die Familie bis ins Mark.

Kim entwickelt ihr Werk im Stil eines Kriminalromans. Nach und nach, Kapitel für Kapitel, werden immer mehr Geheimnisse um Eugene und das Programm enthüllt, das sein Vater für ihn gemeinsam mit einer entsprechenden Sprachtherapeutin entwickelt hat, damit er mit der Außenwelt kommunizieren kann. Und da kommt ein Mensch zum Vorschein, von dem nicht einmal seine engsten Verwandten etwas ahnten. Ein Mensch mit Vorlieben und Antipathien, mit Zuneigung und Abneigung, mit Träumen, Ängsten und Wünschen. So entsteht nicht nur vor dem Leser, sondern eben auch vor den Protagonisten, vor dieser geschockten Familie nach und nach eine Persönlichkeit, mit der sie Jahre zusammengelebt, die sie aber so noch nie wahrgenommen haben. Das ist literarisch schon großartig gelöst, gar keine Frage.

Gut beschrieben – oder gut konstruiert – sind auch die Charaktere in dieser Familie, wobei allerdings Zwillingsbruder John etwas blass bleibt. Doch sowohl die Mutter als auch der verschwundene Vater sind plastische, greifbare und authentische Charaktere, Menschen mit Stärken und Schwächen, die nicht durchgehend sympathisch und somit äußerst realistisch entworfen und geschildert werden. Die Angst einer Frau um den verschwundenen Mann und zugleich der Zorn, als nach und nach herauskommt, dass der offenbar ein geheimes Leben geführt hat – zunächst entsteht gar der Eindruck, er könnte mit einer anderen Frau das Weite gesucht haben; ein Strang, der dem Kriminalcharakter des Aufbaus geschuldet ist – sind hervorragend in den Roman eingebunden, ohne dabei allzu viel Raum einzunehmen. Kim versteht es durchaus, das Timing und ihre Themen so zu setzen, dass die Leser*innen am Ball bleiben, sich nicht allzu sehr in Nebenhandlungen verlieren.

Dazu trägt auch bei, dass sie sich auch mit Nebenfiguren enorme Mühe gegeben hat, diese sehr genau entwirft und beschreibt. Vor allem die ermittelnde Polizistin sticht dabei heraus. Deren Verhalten ist von Argwohn geprägt und in mindestens einer Situation interpretiert sie Eugenes Verhalten falsch, was zu einer mittleren Katastrophe führt. Zugleich kann Kim anhand des Verhaltens dieser Frau in Bezug auf einen Jungen wie Eugene aufzeigen, wie schwierig der Umgang mit Autismus-Störungen ist. Da die Familie auch koreanische Wurzeln hat, schwelt immer auch das Rassismus-Thema unterschwellig in der Beziehung der Familie zur Außenwelt. Allerdings wird gerade in den Begegnungen der Familie mit der Polizei überdeutlich, wie schnell man gerade in den USA von der Opfer- in eine (Mit)Täterrolle geraten kann. Polizeiliche Willkür, Übereifer, Misstrauen – all diese Aspekte werden hier mitverhandelt, ohne dass sie das eigentliche Thema verdrängen oder überlagern würden.

Kim hat allerdings mehr zu erzählen als die Story eines verschwundenen Mannes. Es ist ein ganzes Bündel an Themen, das hier abgehandelt wird. Angie Kim hat offensichtlich Anliegen. Mia und John – so erfahren wir es eher nebenbei, nach Dutzenden von Seiten – sind hochbegabt, was erklärt, weshalb sich vor allem Mia mit Dingen beschäftigt, die eine Anfang Zwanzigjährige so vielleicht eher nicht interessieren würden, mehr aber noch, wie tief sie diese Fragen durchdrungen hat. Und diese Interessen definieren den Stil, in dem dieser Bericht (um den Roman einmal so zu nennen) aufgezogen ist – akribisch, übergenau und in diesen Zusammenhängen gelegentlich abdriftend in höchst abstrakte Bereiche. Mia beschreibt die Stunden nach dem Verschwinden des Vaters mit einer Genauigkeit, die zunächst pedantisch wirkt, bevor die Leser*innen begreifen, dass diese Akribie exakt das ist, worum es geht. Denn es sind Reaktionsschemata, falsche Interpretationen, selektive Wahrnehmung und – Achtung: Fachbegriffe – „Ankereffekte“ und die sogenannte „heuristische Verzerrung“, die einen Großteil dessen ausmachen, worum sich dieser Roman dreht.

Es geht also darum, wie wir wahrnehmen – auch und gerade jene, die uns besonders nahestehen -, wie wir Situationen interpretieren und wie wir sie antizipieren, wie wir aus uns bekannten Schemata Reaktionen ableiten und wie wir uns dabei immer wieder massiv verschätzen. Und welche teils fatalen Folgen diese Fehleinschätzungen haben können. Es ist natürlich brillant, wie es Kim gelingt, diese extrem abstrakten und wissenschaftlichen Thesen und Theorien in eine stringente Handlung zu übersetzen. Doch ist der Roman eben nicht frei von Erläuterungen, von Umwegen, von Vertiefungen in die Materie, um die Leser*innen mit den theoretischen Grundlagen dessen zu versorgen, was Mia beschäftigt und wie sie die wechselseitigen Missverständnisse zwischen den Familienmitgliedern einerseits, zwischen ihnen und Eugene andererseits und denen der Familie und der Außenwelt wahrnimmt und erklärt. Das strengt an und gelegentlich fragt man sich, ob ein als Kriminal- oder Spannungsroman angelegtes Werk das richtige Vehikel für solch schwierige und herausfordernde Themen ist? Denn so muss die Autorin genau diesen Bogen im Erzählspektrum immer beachten, muss immer bedenken, wie sie ihre Leser auf der reinen Spannungsebene bei der Stange hält.

Zudem sind die genannten Themen eben nicht die einzigen, die Kim umtreiben. Es kommen linguistische Fragen hinzu – dazu schweift die Erzählung in Mias Erinnerungen an die Jahre in Südkorea und an ihre Großmutter und deren Freundinnen, die die in Amerika aufgewachsenen Kinder für dumm hielten, da sie kein Koreanisch sprachen – und, ausgelöst durch die Unterlagen des Vaters, die die Familie findet und nach und nach zu entschlüsseln trachtet, Fragen nach Glück und Indikatoren, wie man Glück definieren und messen kann. „Glücksquotient“ wird zu einem Schlüsselbegriff des Romans. Ist es sinnvoller, etwas Gutes zu erwarten und dann enttäuscht zu werden? Oder fällt es leichter, sowieso nichts Gutes zu erwarten und dann – vielleicht – positiv überrascht zu werden? Statistiken und wissenschaftliche Untersuchungen und Analysen werden zitiert und diskutiert und nach und nach fühlt man sich dann doch sehr belehrt. Und als europäische Leser*in auch in eine Diskussion gezogen, die doch sehr amerikanisch anmutet – und zudem in die seichten Gewässer der Ratgeber abdriftet: Das Glück und das Glücklich-Sein. Denn diese fast obsessive Fokussierung ist nur teilweise nachzuempfinden. Gibt es nicht doch noch eine ganz andere, weitreichendere Agenda zum „geglückten Leben“? Muss es wirklich das „Glück“ sein, das auch nur zu definieren an sich schon schwerfällt? Und ist etwas als flüchtig Wahrgenommenes wie Glück überhaupt exakt zu bemessen? Und wenn ja – wollen wir das wirklich? All diese Fragen, Fragen eher philosophischer Natur und weniger der naturwissenschaftlichen Klassifizierungswut entsprechend, streift der Roman allenfalls. Wenn überhaupt.

Auch an solchen Stellen kippt das Buch dann doch auch immer wieder unangenehm ins Didaktische, ja, es wird und wirkt gar belehrend. Und zu allem Überfluss flüchtet sich die Autorin, also die Ich-Erzählerin, in neunundzwanzig über den gesamten Roman verteilte, teils sehr lange Fußnoten, die entweder Überlegungen der Erzählerin vertiefen oder aber weiterführendes wissenschaftliches Material präsentieren. Diese Fußnoten unterstreichen den Charakter eines Berichts, der den ganzen Roman grundiert. So wird die Lektüre von HAPPINESS FALLS zunehmend anstrengend und fordernd. Das unterscheidet den Roman dann natürlich von einem herkömmlichen Kriminalroman, die geschilderte Akribie hebt ihn zudem aus dem momentanen literarischen Angebot heraus. Denn hier werden zwar durch und durch menschliche Gefühle, Regungen, Ängste und Hoffnungen verhandelt, doch immer vor dem Hintergrund fast schon kühler Analyse und distanzierter Betrachtung. Zu diesem Eindruck trägt auch die häufige Sprachwendung bei, dies oder jenes habe sich dann in der Rückschau anders dargestellt, sei von den Betreffenden anders bewertet worden, hier und da habe man Abbitte leisten müssen. Ein geradezu wissenschaftliches Wägen und Abwägen wird suggeriert.

So bleiben die Lesenden nach der Lektüre mit einem seltsam doppeldeutigen Gefühl zurück. Man hat es mit einem seltsamen Hybrid zu tun, einem Roman, der in seiner Konstruktion auf Spannungsmomente und sogar Cliffhanger setzt, der sich aber sehr ernsthaft mit sehr schwierigen und abstrakten Themen und Theorien beschäftigt. Ein Roman, der eine Familie präsentiert, die ausgesprochen ungewöhnlich ist – halb amerikanisch, halb koreanisch, alle Kinder mit besonderen Fähigkeiten und Begabungen ausgestattet, zudem aber, Bruder John wird zwischendurch auch noch als ADHSler geoutet, auch mit bestimmten Einschränkungen – und dadurch in der literarischen Konstruktion zu thesenhaft, zu gewollt und zu entworfen wirkt, die aber dennoch enorm genau und authentisch in ihren emotionalen Zusammenhängen und Beziehungen geschildert wird. Das ist einerseits packend, andererseits aber auch schlicht von allem zu viel. Das ist gut lesbar und zugleich ermüdend, weil gezwungen. Schwer, das zu beurteilen, weshalb man geradezu gezwungen ist, eine Leseempfehlung auszusprechen, damit sich möglichst viele Leser*innen ein eigenes Bild machen.

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