STIER

Ein recht typischer Debutroman, der den Weg weist, den Ralf Rothmann dann einschlagen sollte

Typischer Ratschlag in Schreibseminaren und Schreibwerkstätten? Man solle über etwas schreiben, das man kennt, etwas, wovon man Ahnung hat! Sicher ein guter, ein kluger Ratschlag, könnte es sonst doch arg peinlich werden. Doch wären der Weltliteratur großartige Gebilde der Fantasie entgangen, wenn sich daran alle angehenden Schriftsteller gehalten hätten. Ob wohl Ralf Rothmann je ein Schreibseminar besucht hat? Sein Debutroman STIER (1991) erfüllt jedenfalls die geforderte Vorgabe nahezu perfekt.

Rothmann, in Schleswig geboren, im Ruhrgebiet aufgewachsen und seit 1976 in Berlin beheimatet, erzählt eindringlich von einer Jugend in Oberhausen und Essen und den Gründen, die dazu führten, dass sein Alter Ego Kai Carlsen schließlich seine Heimat hinter sich lässt und zu einem Berliner Hinterhausbewohner wird. Dort, in Berlin, setzt der Roman irgendwann Ende der 80er Jahre ein. Carlsen beschreibt den Leser*innen intensiv die Beziehungen in dem Haus, in dem er eine Wohnung gemietet hat, die Auseinandersetzungen mit seinen Nachbarn, vornehmlich Klemke in der Wohnung über ihm, dem sein Ruhebedürfnis herzlich egal ist. Von dort setzt – etwas unvermittelt – Carlsens Reise in seine noch gar nicht so lang vergangene Vergangenheit ein.

Er erzählt von den frühen Jugendtagen in der Oberhausener Arbeitersiedlung, von den Streichen, die man andern gespielt, den kleinen Abenteuern, die man mit den Freunden erlebt hat. Die eher nebensächlichen Auseinandersetzungen mit den Eltern und dem bald einsetzenden Wunsch nach Unabhängigkeit. Davon, wie er eine Maurerlehre beginnt; eher, weil sein Kumpel auch auf dem Bau arbeitet, weniger aus Überzeugung. Schließlich der Ausbruch aus der Enge der frühen 70er, aus der Spießigkeit des bundesrepublikanischen Alltags, hinein in die Hippie-Alternativ-Rocker-Szene, die sich vor allem im Umfeld des Blow Up, einer Mischung aus Underground-Kneipe und Disco herausbildet. Er erlebt mit seinen Kumpeln Salzburg, Schnuff, Move und vor allem Ecki die Freuden des Alkohols, der Drogen, des Rauschs und natürlich den Rock´n´Roll – all das, was eine 70er-Jahre-Jugend eben so mit sich bringt. Erste Intimitäten, ersten Sex, erste Verliebtheit und die ersten Zweifel an der Echtheit dieses Gefühls und daran, ob es adäquat erwidert wird. Erste Leserlebnisse und erste Versuche, selbst das eine oder andere Gedicht zu Papier zu bringen. Und schließlich, nachdem die Quasi-Kommune um Ecki, der nicht nur das Blow Up betrieben hatte, sondern auch in einem angemieteten Haus seine besten Freunde – und derer sind es viele – hat unterkommen lassen, gescheitert ist, die Arbeit in den Essener Universitätskliniken, wo Ecki unter Kais Augen stirbt. Dies wird das Startsignal, um das bisherige Lebensumfeld zu verlassen, dass es dann Berlin wird, ist eher dem Zufall geschuldet.

Im Grunde erzählt Rothmann in seinem Debutroman keine geschlossene Story, keine Geschichte, nichts Kohärentes. Vielmehr mäandert die Erzählung durch die Zeitebenen und die Schauplätze, bis sie irgendwann in eine gewisse chronologisch nachvollziehbare Reihenfolge mündet. Es entsteht so eine Aneinanderreihung atmosphärisch dichter, oft packender Eindrücke des Ruhrpotts in den 70er Jahren; Anekdoten jugendlicher, oft nur pennälerhafter Rüpeleien, Streiche und Ausbruchsversuche; aber auch Beschreibungen von Freundschaften, eher Kumpeleien als wirkliche, tiefgehende Freundschaften; erste Eindrücke der Liebe und manchmal explizite Darstellungen erster sexueller Intimitäten, mal mit Prostituierten, mal mit Mädchen aus der Nachbarschaft. Manches davon ist wirklich aufschlussreich und gibt Einblicke in eine mittlerweile so lang vergangen scheinende Zeit, anderes gerinnt zur reinen Zote, manches ist schlicht abstoßend, gar ekelerregend, bietet aber null Mehrwert.

Was wirklich verwundert, ist die Distanz, mit der Rothmann, der in jenen Jahren, in denen er das Buch geschrieben haben müsste, die Dreißig bereits überschritten hatte, hier schreibt. Man hat selten, fast nie das Gefühl, dass der Autor das, was er da beschreibt, wirklich fühlt. Immer bleibt er in einer Halbdistanz, so dass auch dieser Kai Carlsen emotional eher verarmt erscheint. Dafür deckt Rothmann allerdings ein weites Spektrum literarischer Stile ab. Manches ist so profan geschildert, dass es fast schon enerviert, anderes wird mit solcher Poesie – einer Poesie des Alltags, des Drecks, der Hinterhöfe und Arbeitersiedlungen, aber auch des sprachlichen Höhenflugs, erstaunlicher Metaphern und Bilder – beschrieben, dass durchaus zu spüren ist, wie sehr dieser Autor seine Kindheit wohl auch mochte. Dass er zum Ruhrpott ein gespaltenes Verhältnis hat, ist dem Erzählten allerdings auch anzumerken. Manchmal verliert sich Rothmann in all den Metaphern, manches Bild ist etwas schief geraten, einige Adjektive und Adverbien zu viel schmücken hier die Sätze, doch sind dies eben die typischen Schritte erster Bücher, die Versuche in Debutromanen.

Es ist interessant, dass Rothmanns Werke im Laufe der Jahre immer schmaler, sein Stil immer prägnanter, seine Sprache immer eindeutiger, zugleich aber auch griffiger wurde. Als habe Rothmann sich zusehends entschlackt, sich aller übertriebenen Bilder, aller Worte, die überschüssig sind entledigt und habe sich und sein Schreiben immer mehr aufs Wesentliche, auf den eigentlichen Kern dessen, was es zu erzählen gilt, reduziert.

Hier bleibt Vieles ungefähr, manches reine Behauptung, die Erzählung, die eben keine ist, bleibt inkohärent. Warum der Erzähler aus seinem Berliner Hinterhof-Alltag und den nachbarlichen Gefechten um Lautstärke und Belästigung berichtet, bleibt unklar. Es sind eben nachbarliche Schwierigkeiten, wie sie jeder kennt – erst recht jeder, der Kreuzberger Hinterhöfe kennt. Sicher – und das wäre die einzige nachvollziehbare Erklärung -, der Erzähler ist ein Schriftsteller, ein Künstler, der Ruhe, innere Einkehr braucht, die Klemke, der Mann in der Wohnung über ihm, ihm nicht gewährt. Dieser Klemke hingegen ist ein Mann mit Geschichte, einer tragischen Geschichte, er hat Frau und Kind verloren, und insofern sakrosankt. Und eigentlich Stoff für eine tiefgreifende Erzählung davon, wie das Leben einem mitspielen kann. Doch das scheint den Erzähler nicht wirklich zu interessieren. Vorerst nicht. Vielleicht will Rothmann seinen Kai Carlsen ermahnen, auf genau dies zu achten: Das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen. Und das Wesentliche vor allem zu erkennen, wenn es ihm begegnet.

Die Kunst, der Wille zur Poesie, den Kai Carlsen angeblich empfindet, der ihn drängt, der in ihm dräuen mag, der wird hier immer wieder behauptet. Schon während seiner Tage auf dem Bau liest Kai, teils anspruchsvolle Literatur, was bei seinen Kollegen und Kameraden natürlich auf Unverständnis stößt und zu dem ein oder anderen gemeinen Witz, der ein oder anderen hinterhältigen Bemerkung führt. Erst als er in der Klinik als Pfleger arbeitet und dort Dr. Hernandez kennenlernt, scheint jemand in Kais Umgebung nicht nur seine Leidenschaft, sondern auch seine Begabung – er schreibt nun immer mehr, vor allem Gedichte – zu bemerken und auch fördern zu wollen. Doch scheint auch diese Leidenschaft seltsam abgelöst von Kais alltäglichen Leben. Nie spürt man den Einfluss, den sowohl die Literatur, also die gelesene, als auch das eigene Schaffen auf diesen jungen Mann haben sollte.

So kommt in diesem Roman nicht wirklich zusammen, was er den Leser*innen anbietet. Und das ist ja einiges. Die Sprache, die Bilder, die Atmosphäre, die Figuren, die durchweg Originale sind, die man sich gut an einem Oberhausener oder Essener Kiosk vorstellen kann, die Musik, die Drogenerfahrungen, die Stimmung zur Mitte dieses seltsam staubigen Jahrzehnts, das die 70er eben auch waren – all das stimmt ja. Nur findet sich das alles nicht in einem stimmigen Ganzen. Leider.

STIER ist also ein gutes Beispiel für das Erstlingswerk eines hochbegabten Schriftstellers, der seinen Weg in die und in der deutschen Literatur gemacht hat. Ein Außenseiter, ein Einzelgänger, einer, der seinen ganz eigenen Pfad beschritten hat. Hier kann man beobachten, wie sich noch findet, was später so passend wurde. Hier kann man beobachten, wie einer tastet, sucht, auch findet, wie einer Szenarien und Figuren entwirft, Figuren, die er wahrscheinlich aus dem direkten eigenen Umfeld genommen und nur leicht verfremdet hat. Da schreibt einer über das, was er unmittelbar erlebt, aus seinem direkten Erleben. So, wie es die klassischen Schreibseminare und -werkstätten ja immer fordern. Ob Ralf Rothmann je ein solches Seminar besucht hat? Wahrscheinlich nicht, aber die Regeln scheint er, ganz instinktiv, befolgt zu haben.

 

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