89/90

Peter Richter berichtet ebenso unaufgeregt wie brillant von jenen deutschen "Schicksalsjahren"...

Erneut heißt es allenthalben, die Westdeutschen hätten sich nicht genügend mit den Befindlichkeiten der Ostdeutschen beschäftigt, kein Interesse gezeigt an den ostdeutschen Lebensläufen. Erstaunlich, bedenkt man, wie in West und Ost nahezu jeder in Filme wie GOOD BYE, LENIN! (2003) oder SONNENALLEE (1999) gerannt ist, mehr noch, daß Bücher wie Thomas Brussigs WIE ES LEUCHTET, DER TURM von Uwe Tellkamp oder Eugen Ruges IN ZEITEN ABNEHMENDEN LICHTS zu Bestsellern wurden, teils erfolgreich verfilmt, vielfach diskutiert und fast alle wohlwollend besprochen. Im Grunde wurde sich sehr viel mit ostdeutschen Befindlichkeiten und Gefühlswelten beschäftigt, dennoch fühlt man sich oftmals geradezu schuldig, das entsprechende Leben nicht gelebt und die Erfahrung des kulturellen und heimatlichen Verlustes nicht erlitten zu haben. Umso besser, wenn man als Leser westdeutscher Prägung einmal einen anderen Eindruck vermittelt bekommt.

Freibad, erste Liebe, Musik hören, möglichst wider den Mainstream – es tut gut, zu erfahren, daß eine Jugend in der ehemaligen DDR Ende der 1980er Jahre gar nicht so anders verlief als eine Jugend in der BRD während der 1980er Jahre. Peter Richters 89/90 vermag dem Wessi ein Gefühl davon zu vermitteln, wie es sich anließ, dieses Jahr 1989, das so anders endete, als man in Ost oder West gedacht hätte. Daß das Jahr 1990 für „die Jugend“ der noch bestehenden DDR dann allerdings vollkommen unerwartete und teils wirklich erschreckende Veränderungen brachte – vielleicht sollte man gar von anarchischen Zuständen sprechen? – vermittelt Richters autobiographisch gefärbter Roman dann allerdings ebenso anschaulich.

Der namenlose Ich-Erzähler – namenlos, wie alle Protagonisten in diesem Werk, die lediglich mit Buchstaben wie S., N., W. bezeichnet werden – berichtet also zunächst in einem an den frühen Thommie Beyer, ca. DAS HERZ IST EINE MIESE GEGEND (1991), erinnernden Ton, leicht ironisch, im richtigen Moment durchaus dem Ernst der Sache angemessen und vor allem sein jugendliches Sujet ernst nehmend, von einem heißen Frühjahr, in dem die kommenden Umwälzungen nur unterschwellig zu spüren sind. Eher nebenbei berichtet er von den Dresden, wo der Roman spielt, zunächst eher marginal betreffenden Umwälzungen, die Leipzig und vor allem Ost-Berlin längst schon erschüttern. Dem Erzähler und seinen Freunden sind erste erotische Erfahrungen und vor allem musikalische Erfahrungen mit ihrem Freund M., einem Alt-Hippie, der das Kommende deutlich zu erspüren scheint, weitaus wichtiger, als es politisch eher abstrakt wirkende Entwicklungen sein könnten. Wohl erfahren wir, daß die Furcht vor den staatlichen Organen nachgelassen hat, ist  im Text zu spüren, daß diese Jugend – die letzte, die noch schulische Wehrübungen und Jugendweihe erleben „durfte“ –  nicht mehr an die Obrigkeit, den Sozialismus in der dargebotenen Form und auch nicht an den Staat als Weisheit letzten Schluß glaubt. Viel mehr ist man, wie „die Jugend“ im Westen auch, daran interessiert, mit Musik und den Accessoires popmusikalischer Vorbilder seinem Widerstand und dem Unwillen, den man empfindet, Ausdruck zu verleihen. Mit seinem besten Freund S. will der Erzähler eine Band gründen, orientiert an westeuropäischen Punkbands, die man in erstaunlichem Umfang kennt und in erstaunlicher Differenz einzuordnen versteht. Wie ihren westeuropäischen Brüdern im Geiste ist ihnen der nie gefundene Bandname allerdings wichtiger als die wenig bis nicht vorhandene musikalische Befähigung. Daß die Mauer fällt, nehmen der Erzähler und seine Kumpel eher nebenbei wahr, doch schließlich reihen sie sich ein in die Auseinandersetzung mit der Staatsmacht, mit Lehrern und Stasi-Spitzeln, vor allem aber mit der zunehmend nationalistischer, rassistischer und faschistischer sich gebärenden Gegenbewegung, die sich auf den Demonstrationen schon im Oktober 1989 zusehends breit machten und schon früh aus „Wir sind DAS Volk“ „Wir sind EIN Volk“ machten und sich nicht scheuten, auch die Reichskriegsflagge zu zeigen. Mit Beginn des Jahres 1990 kippt die Stimmung in Dresden dann schlagartig und dem Leser wird teils drastisch vor Augen geführt, daß man sich als Jugendlicher in diesen Tagen geradezu entscheiden musste, ob man sich „links“ oder „rechts“ einordnen und orientieren wollte.

Wenn man sich als Westdeutscher in den 1990er Jahren oder den frühen 2000er Jahren für das, was da im äußersten Osten Deutschlands geschehen ist, interessierte und Kontakt zu Menschen suchte, die dabei gewesen sind, dann wurden einem teils unfassbare Geschichten darüber berichtet, wie „Rechtssein“, Glatzen, Bomberjacken und Springerstiefel über Nacht zum allgemein anerkannten Stil wurden. Man erfuhr, wie groß die Enttäuschung war, als man die so lange aus der Ferne bewunderten Westbands endlich sah – beredtes Beispiel, auch in Richters Text, immer wieder die Braunschweiger Band DAILY TERROR – und die sich dann als fett und satt entpuppten. Man konnte erkennen, in welch einem Niemandsland, welch einer Niemandszeit sich viele gerade in dem schicksalhaften Jahr 1990 befanden, als lange nicht klar war, in welche Richtung sich das alles entwickeln würde und einerseits alles möglich schien, andererseits die vermeintliche Freiheit aber auch ein schier unfassbares Gut gewesen sein muß, das durchaus ängstigen konnte. Peter Richters Buch bestätigt diese Berichte und Geschichten nun auf eine Art und Weise, die man nur bewundern kann.

Es gelingt Richter auf beeindruckende Art und Weise, die schleichende Entwicklung zu beschreiben, ohne dabei je in einen allzu dramatischen oder gar alarmistischen Ton zu verfallen. Wohl versteht er es, den Ton stilistisch den Entwicklungen so anzupassen, daß allein daran spürbar wird, wo der Spaß eines scheinbar endlosen Sommers aufhört, der Ernst einer vollkommen unübersichtlichen Situation hingegen beginnt. Und doch – und das ist vielleicht das ganz große Plus dieses Romans – gelingt vor allem ein Roman über eine Entwicklung in jungen Jahren, über erste Liebe und die Ernsthaftigkeit, die sie einem abverlangt, über Freundschaft, und wie sie sich entwickelt und daß sie sich auch manchmal so entwickelt, daß sie keinen Raum mehr hat in den Leben der Freunde, über die Einsamkeit, die Erwachsenwerden eben auch bedeutet. Ein Coming-of-Age-Roman im allerbesten Sinne. Daß dies unter den verschärften Bedingungen einer historischen Ausnahmesituation geschieht, macht die Sache natürlich umso spannender und bedeutsamer, aber anders, als bspw. Jana Hensel in ZONENKINDER, bleibt Richters Werk – vielleicht weil es, erschienen 2015, aus größerer zeitlicher Distanz, weniger in jugendlichem Furor geschrieben wurde – seinem Stil und vor allem einer gewissen Unaufgeregtheit treu. Es ist frei von Gejammer, von Selbstmitleid oder Lament.

Vor allem ist es frei von all dem Dräuenden, dem Geraune, das Tellkamps hochgelobten TURM durchweht. Einem ähnlichen Milieu, der gleichen Wohngegend entstammend wie Tellkamps Protagonisten, setzt Richter einen wirklich wohltuenden Kontrapunkt. Was bei Tellkamp wie jenes berühmte Gallierdorf aus den ASTERIX-Bänden anmutet, eine letzte Bastion des Bürgerlichen, die sich heldenhaft und schier in der Zeit eingefroren einer feindlich gesonnen Umwelt aus staatlicher Repression, Denunziation, Unverständnis und Hass entgegenstemmt, bekommt bei Richter ein Gesicht der Wirklichkeit, ein Antlitz von Realität. Natürlich hat Richter auch nicht den Anspruch, sich mit einem Thomas Mann zu messen, „große“ Literatur zu schaffen und damit den deutschen Gegenwartsroman par excellence abzuliefern. Er will einfach (s)eine Geschichte, (s)eine Version der Geschichte erzählen und dabei gelingt ihm – ganz große Literatur. Vielleicht sogar „der“ deutsche Gegenwartsroman. Auf jeden Fall aber gelingt es ihm, interessierten Westlern näherzubringen, wie das damals war, 1989/90, als für einen kurzen Moment der Zipfel der Weltgeschichte noch das kleinste Leben berührte und alles möglich schien, bevor die CDU, Kurt Biedenkopf, die Treuhand und damit der Kapitalismus das politische Ruder übernahmen und der rechtsradikale Zeitgeist ich aufmachte, die Straßen zu beherrschen.

 

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