M. DIE LETZTEN TAGE VON EUROPA/M. GLI ULTIMI GIORNI DELL´EUROPA
Der dritte Band von Antonio Scuratis Faschismus-Saga führt stark komprimiert in die Katastrophe des 2. Weltkriegs
Mussolini zum Dritten also. Antonio Scurati schreibt in M. DIE LETZTEN TAGE VON EUROPA (M. GLI ULTIMI GIORNI D´EUROPA, Original erschienen 2022; Dt.2023) seine Saga um den „Duce des Faschismus“, den Diktator und Möchtegern-Cäsaren Benito Mussolini fort. Deutlich geringer im Umfang als die beiden Vorgänger-Bände, beschränkt auf die Jahre 1938, 1939 bis Mitte des Jahres 1940 wird komprimiert erzählt, wie es zwischen Mussolini und Adolf Hitler zu einer Art Umkehrung der Gewichtung kam, wie der Deutsche langsam die Zügel in die Hand nahm und die Oberhand in diesem so ungleichen, lediglich ideologisch eng verbundenen Duo gewann, sich zusehends über jedwede Absprache mit seinem italienischen Kollegen hinwegsetzte und eben nicht nur die von ihm verachteten Politiker des demokratischen Westens, sondern eben auch seinen Co-Diktator immer wieder vor vollendete Tatsachen stellte. Sei es die Angliederung Österreichs an das Deutsche Reich, sei es die Sudetenkrise 1938, die Neville Chamberlain mit seiner Appeasement-Politik des Münchner Abkommens beendet zu haben glaubte, eine Fehlannahme, der auch Mussolini nur allzu gern aufsaß, war er doch wahrhaftig der Ansicht, selbst der Vermittler im Streit der Nationen und Weltanschauungen zu sein, bis hin zum sogenannten Hitler-Stalin-Pakt 1939 und dem kurz darauf beginnenden Überfall auf Polen – Hitler nahm keine Rücksicht auf niemanden, gleich ob Feind oder Freund. Wobei der Begriff „Freund“ in diesem Zusammenhang sehr dehnbar gewesen ist.
Scuratis Werk, das in den ersten beiden Bänden stark prosaisch ausgelegt war, wodurch gelegentlich unklar blieb, wie der Autor eigentlich genau zu den Objekten seiner Beschreibung stand, bediente er sich doch hin und wieder exakt der Sprache, derer sich eben auch Mussolini befleißigte, wodurch eine gewisse Unschärfe entstand, driftet hier, im dritten Band, eher in den Bereich eines erzählenden Sachbuchs. Der Autor überspringt einige Jahre in der Entwicklung des italienischen Faschismus, lässt bspw. den fürchterlichen und auf äußerst brutale, ja grausame Art und Weise geführten Abessinienkrieg nahezu unbehandelt, lediglich in Erinnerungen einiger der Protagonisten blitzt er hier und da auf. Dafür durchdringt er die im Buch beschriebenen Jahre umso eindringlicher und genauer. Der Fokus liegt nicht mehr so stark auf Mussolini, andere Protagonisten, die in den Vorgänger-Bänden wesentliche Rollen spielten, verschwinden sogar gänzlich aus der Handlung, dafür rückt vor allem Mussolinis Schwiegersohn Galeazzo Ciano in den Mittelpunkt. Er wurde von Mussolini als Außenminister eingesetzt, war einer der glühendsten Verfechter der italienischen Beteiligung am Spanischen Bürgerkrieg, allerdings – ähnlich wie sein Schwiegervater – im Grunde nicht an einem erneuten großen europäischen Krieg interessiert, einem Krieg, in dem Italien, wie beide – Schwiegervater und Schwiegersohn – nur zu genau wussten, nicht würde bestehen können.
Scurati schildert diesen Mann so, wie die Geschichtsschreibung ihn sieht: Als reichen, verwöhnten, sich den schönen Dingen des Lebens hingebenden Snob und Möchtegern-Dandy, der die Vorteile seiner Stellung zu nutzen weiß und das Leben zu genießen versteht. Die Ehe mit Edda Mussolini muss für beide Beteiligten die Hölle gewesen sein, doch waren sie auf Gedeih und Verderb aneinandergebunden. Scurati lässt Ciano insofern Gerechtigkeit widerfahren, als dass er ihn – gestützt auf dessen sicherlich mit dem Kalkül einer späteren Leserschaft geschriebenen Tagebucheinträge – als einen der wenigen klar sehen lässt, in welche Katastrophe Hitlers Gebaren Italien, ja ganz Europa führen wird. Ciano und Mussolini haben wohl tatsächlich lange geglaubt, die Deutschen über ihre doppelbödigen Absichten sich Türen für alle denkbaren Pakte und Verträge aufzuhalten, hinwegtäuschen zu können. Doch wussten beide auch, dass die Deutschen den Italienern nicht trauten, sie für feige hielten nach den Erfahrungen des 1. Weltkriegs, der damals allgemein noch der „große Krieg“ gewesen ist. Auch wussten beide, wie unbeliebt die Deutschen in Italien waren. So kann Scurati durchaus überzeugend die inneren Widersprüche und Spannungen im Pakt der Achsenmächte verdeutlichen (wobei der Dritte im Bunde, Japan, hier keine Rolle spielt, ja lediglich nur einmal am Rande erwähnt wird). Deutlich wird aber eben auch, dass Mussolinis Herrschaft immer auch etwas Operettenhaftes hatte, von den in tödlichem, wagnerianischem Ernst erstarrten Deutschen wenig bis gar nicht ernst genommen.
Hinweis ist hier vor allem auch Mussolinis wiederholte Klage, Italien, die Italiener, zwanzig Jahre lang zu einem Land, einem Volk – er glaubt sogar, einer Rasse – von Kriegern herangezogen zu haben, nur um nun feststellen zu müssen, dass dieses vermeintliche Kriegervolk überhaupt keine Sehnsucht verspürt, erneut den Heldentod für was oder wen auch immer zu sterben. Zudem wissen sowohl Mussolini als auch seine treuesten Vasallen, dass die italienische Kriegsproduktion noch keinesfalls soweit ist, mit den Deutschen gleichziehen zu können. Also erklärt der Führer des Faschismus seinem deutschen Amtskollegen mehrfach, dass Italien erst einzuschreiten und an den Kampfhandlungen teilzunehmen gedenke, wenn der Sieg praktisch schon errungen ist. Dann wolle man gern an den Siegesparaden teilnehmen, um seine uneingeschränkte Solidarität mit dem deutschen Nationalsozialismus zur Schau zu stellen. Es sind natürlich Winkelzüge wie dieser, die das Misstrauen der Deutschen gegen ihre südländischen Verbündeten schürten.
Allerdings sollen all diese Volten und Täuschungsmanöver, die in Scuratis Beschreibungen manchmal anmuten wie aus zweitklassigen Weltkriegsklamotten, eben nicht bedeuten, dass dieses scheinbar so operettenhafte Regime nicht fürchterlich für jene gewesen ist, die es sich – aus welchen Gründen auch immer – zu Feinden auserkoren hatte. Das gilt auch und vor allem für die Juden. Im Kern war Mussolinis Faschismus nicht zwingend antisemitisch, nicht mehr zumindest, als es überall in Europa üblich gewesen ist. Was schlimm genug war. Doch entsprach dieser keinesfalls dem von allem Anfang an gewollt eliminatorischen Antisemitismus der Nationalsozialisten.
Um Hitler und seinen Rassegesetzen zu entsprechen und dem Deutschen zu gefallen, gab sich Italien unter Mussolini aber die vorübergehend strengsten antisemitischen Gesetze und Erlasse ganz Europas. Anhand der – fast ironisch anmutenden – Geschichte von Margherita Sarfatti Grassini, einst Muse des Faschismus im Allgemeinen und des Duce im Besonderen, Patin des Novecento, der so angestrengt gewollten faschistischen Staatskunst, Leiterin des faschistischen Blatts Gerarchia, die in den ersten beiden Bänden der Saga noch eine zentrale Rolle einnahm, wird auf das Schicksal der Juden Italiens hingewiesen. Die zum Katholizismus konvertierte Jüdin muss fliehen, was ihr mehr oder minder – dabei auf internationale Beziehungen vertrauend – auch gelingt. Währenddessen muss Renzo Ravenna, einst glühender Nationalist und darüber hinaus und dadurch erst recht überzeugter Faschist, enger Freund und Vertrauter Italo Balbos, einem der ältesten Weggefährten Mussolinis, mehr und mehr um seine Sicherheit fürchten. Seine Verdienste sind angesichts des zunehmend grassierenden Antisemitismus nichts mehr wert – und erst recht keine Sicherheitsgarantie für ihn und seine Familie mehr. So wird hier anhand zweier Schicksale geschildert, wie willkürlich und oft sinnfrei das italienische Regime handelte. Leider bleibt dabei unerwähnt, dass es eine Menge italienischer Juden gab, die nicht mit dem Duce oder anderen Faschisten verbandelt waren und einem launigen Zug Mussolinis, eben Hitler zu gefallen, zum Opfer fielen.
Scurati lässt, wie auch schon im direkten Vorgängerband, keine Zweifel daran aufkommen, wie brutal, ja grausam der italienische Faschismus gewesen ist, der historisch betrachtet oft erstaunlich gut wegkam im Vergleich mit den Menschheitsverbrechen des Nationalsozialismus. Doch verdeutlicht Scurati eben nicht nur, dass dem Faschismus, gleich welcher Couleur, gleich welchen Grades, immer die Gewalt, ja, wie Umberto Eco uns einst lehrte, der Todeswunsch, die Todessehnsucht selbst schon eingeschrieben ist und deshalb der Krieg und der ihm immanente gewaltsame Tod, der vermeintliche „Heldentod“, sein natürliches Endziel sein muss, nein, Scurati bezeugt gerade dem italienischen Faschismus unter Benito Mussolini einen tiefgreifenden Opportunismus, der ihn auf eine so willkürliche, unberechenbare Art und Weise gefährlich machte. Allerdings auch lächerlich erscheinen lässt in seinem theatralischen Gehabe, dem ewigen Pathos, dem pompösen Gewese und ebensolchem Gerede vom „Imperium“, welches man sich mit den afrikanischen Kolonialkriegen und dem Überfall auf Albanien errichtet zu haben glaubte.
Inhaltlich geht es hier also sehr viel mehr um konkrete Politik, weitaus weniger als In Band I und Band II spielen Mussolinis Befinden, seine Liebschaften, die Ansprachen an seine Gefolgsleute oder seine Magen-Darmprobleme eine Rolle. Der Ton, den der Autor anschlägt, ist teils sarkastisch, er ist unpersönlicher, weitaus distanzierter gegenüber dem Personal, das Buch wirkt als Ganzes fast schon gehetzt. Das allerdings mag ein Stilmittel sein, um die gehetzte Atmosphäre dieser Jahre einzufangen und wiederzugeben. Sollte das tatsächlich so gewollt sein, dann ist es gelungen. Zudem ist dieser dritte Band der Faschismus-Saga gedrängter, stringenter und brutaler als die Vorgänger, aber auch klarer, näher, fokussierter an seinem Sujet. Der zunächst nur am Horizont flimmernde Krieg, die Möglichkeit eines Krieges, welche dann sehr schnell sehr konkret zu einer Tatsache mutiert, lässt den Blick aller beteiligten fokussieren und auch klarer werden. So kann von hier aus der Weg nur noch in eine Richtung weisen – in den Abgrund.
Das vielleicht ist das große Manko dieser ganzen gewaltigen Unternehmung: Wer sich nur ein wenig mit der Geschichte Europas während des 20. Jahrhunderts auseinandergesetzt hat, weiß, was kommt. Spätestens ab hier, ab dem Sommer 1940, verlaufen die Geschichte Italiens und Deutschlands gleich einer Engführung stark ineinander verwoben. Und so weiß der geneigte Leser natürlich, was geschehen wird. Man liest also weiter, aber es stellt sich doch ein gewisses Gefühl ein, dies pflichtschuldig zu tun. Da ist es umso besser, wenn Scurati hier und da Parallelen zur Gegenwart andeutet. Es sind Sätze wie dieser: “In der Hoffnung oder Einbildung, dass Worte die zu benennenden Dinge heiligen, geht die politische Herausforderung wie jedes Mal mit der Erfindung des Begriffs einher.“, die natürlich an die unmittelbare Gegenwart gemahnen, in der ein vermeintlich die westliche Welt anführender Präsident der Vereinigten Staaten glaubt, durch das ununterbrochene Rühren der Diskurstrommel Wirklichkeit jenseits aller statistischen Wahrscheinlichkeit zu schaffen. Ob Antonio Scurati in den Jahren seit 2016, seit er an seinem Werk gearbeitet haben wird, diese Parallelen bedacht hat? Fast scheint es so. Dies ist – bei allen kritischen Anmerkungen, die es verdient – ein Werk, das überdeutlich vor dem erneut erstarkenden Populismus warnt und zeigt, dass sich, in anderer Gestalt, wiederholen kann, was einmal geschah.