DIE TAGESORDNUNG/L´ORDRE DU JOUR

Eine andere, eine literarische Geschichtschreibung

Wie greifen wir auf die Geschichte zu? Wer entwirft die Geschichtsbilder, derer wir uns bedienen, um uns das Gewesene zu vergegenwärtigen? Welche Informationen, welche Quellen, welche Bilder, Schriften und Akten nutzen wir? Gemeinhin wird gern behauptet, die „Sieger schreiben die Geschichte“. Aber ist das so?

Die deutsche Wehrmacht marschiert in Österreich ein, genannt wird das Ganze „Anschluß“. Auch heute noch. Triumphal Hitlers Empfang in Wien, Massen von Wienern und anderen Österreichern, Jubel, Trubel, große Freude. Nahtlos? Lord Halifax eilt 1937 gen Deutschland, trifft sich mit Göring und schließlich mit dem kleinen Reichskanzler, weiß dem aber nicht wirklich zu entnehmen, was die Herren vorhaben. Und schon 1933 sind es die Größen des deutschen Kapitals, die bereit sind, die NSDAP, fast pleite und somit kaum in der Lage, die nötigen Vorbereitungen für die Wahl im März zu treffen, großmütig mit Geldmitteln zu unterstützen. Daten jüngerer deutscher Geschichte, scheinbar gesichert, scheinbar unumstößlich in den Quellen verankert. Quellen, die in Wort und Bild – immerhin schon Quellen des 20. Jahrhunderts – festgeschrieben und also wahr sind. No fake news.

Éric Vuillard schildert in seinem schmalen, mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Band DIE TAGESORDNUNG diverse, u.a. die oben genannten, Momente, die maßgeblich zum Aufstieg der Nationalsozialisten beigetragen haben und stellt sie in neue, andere und scheinbar ebenfalls umumstößlich wahre Zusammenhänge. Daß sich die Herren des Großkapitals von einem kleinen Gefreiten vorführen ließen; daß Halifax in seiner Autobiographie weinerlich bekennt, Görings soziopathische Störung nicht bemerkt zu haben; daß die Wehrmacht, 1938 noch weit von jener geschmierten Kriegsmaschine entfernt, die anderthalb Jahre später in den berüchtigten „Blitzkriegen“ halb Europa erobern und besetzen sollte, nach dem Einmarsch in Österreich zunächst wegen Benzinmangels und Kolbenfraß am Straßenrand stehen blieb und Hitler keineswegs so triumphal in Wien einzog, wie es vor allem die deutsche Wochenschau glauben machen wollte – es sind diese Grauzonen, die Risse in der Geschichtsschreibung, die Vuillard aufstöbert und ausstellt.

So entsteht unter seiner Feder weder Roman noch Essay (dieser noch am ehesten), sondern eine Form von Geschichtsschreibung, die sich bemüht, sowohl die Haltung des Schreibenden – also des Autors – als auch die Unsicherheit der Quellen mitzudenken, auszustellen und aufzuzeigen. Auf welche Bilder greifen wir eigentlich zurück, wenn wir uns die angeblich so „wahren“ Quellen zu den euphemistisch „Blitzkrieg“ genannten Eroberungen der Jahre 1939 und 1940 aneignen? Letztlich sind es die der damaligen Sieger, also die Bilder der deutschen Wochenschau. So gesehen stimmt es also: Die Sieger schreiben die Geschichte. Aber vergessen sei eben nicht, daß jede ZDF-Dokumentation zu „Hitlers Frauen“, „Hitlers Helfern“ oder „Hitlers Siegen“ eben auch auf genau diese Quellen zurückgreift;  ein kritischer Film wie Yael Hersonskis GEHEIMSACHE GHETTOFILM (SHTIKAT HAARCHION. A FILM UNFINISHED; 2010) thematisiert genau dieses scheinbare Paradoxon und unterliegt dennoch genau der Problematik, derer er sich annimmt; jedes Bild aus dem Deutschland der Jahre 1933 bis 1945 sind Bilder, die die damals vermeintlichen Sieger, die späteren „Verlierer“ der Geschichte, produziert haben.

Vuillard schickt sich an, in einer manchmal fast poetischen Sprache, die Nicola Denis kongenial ins Deutsche zu übertragen versteht, seinen Lesern durchaus auch die eigene Wut im Angesicht der historischen Verlogenheit verständlich zu machen. Dabei scheut er sich nicht, zu urteilen, was den Text gelegentlich schwierig macht. Da denkt man an Erich Hackls Texte wie ABSCHIED VON SIDONIE (1987), DIE HOCHZEIT VON AUSCHWITZ (2002) oder auch ALS OB EIN ENGEL (2007), die in ihrer gnadenlos dokumentarischen Sprache enorme emotionale Wirkung erzielen, mehr noch aber an ein Werk wie Herbert Rosendorfers DIE NACHT DER AMAZONEN (1989), der sich ebenfalls nicht scheut, den Marsch auf die Feldherrnhalle im November 1923 mit Sarkasmus und Ironie als das Werk von Dilettanten darzustellen. Vuillard enthält sich jedoch aller erzählerischen Mittel, sein Text ist reine Reflektion. Gerade in seinen Urteilen zu jenen, die hätten sehen müssen, was kommt – die deutschen Kapitalisten, Lord Halifax, Schuschnigg, der bei Vuillard zu einem kleinen Krauter der Macht verkommt und das wahrscheinlich auch war – klingt auch seine ungeheure Wut an.

Beim Lesen will man manches Mal aufstöhnen und rufen: Ach was, das ist zu einfach, auch wir gehen doch sehenden Auges in den Untergang, auch unsere Aufsichtsräte und Konzernchefs lassen sich von einem dahergelaufenen Dummkopf, den der historische Zufall ins höchste politische Amt der Erde gespült hat, vorführen; auch wir wissen, daß es bereits 12 ist, nicht 5 vor, und fressen weiterhin Billigfleisch um unsere sommerlichen Grills zu füllen, fliegen 3 mal jährlich in den Fernurlaub, weil man die Kälte ja doch nicht aushält; auch wir führen Kriege und liefern Waffen und verlasen uns auf Schimären! Aber dann kommen die letzten Kapitel und Vuillard gelingt es, das Ruder vollkommen herumzureißen, wenn er uns Schicksale, historisch unbekannte, weil scheinbar uninteressante Schicksale vor Augen führt: Vier Beispiele von Menschen, die das Kommende genau begriffen haben und dem nichts mehr entgegen zu setzen wussten. Nichts außer dem eigenen Leben. Menschen, die ihren Freitod als Fanal wählten, Fanal gegen eine historische Entwicklung, die sichtbar in eine Katastrophe führen würde. Diese Menschen waren in der Lage, das Kommende zu sehen, aber die Krupps, die Halifax`, die Schuschniggs nicht? Und auf einmal versteht man Vuillards ungeheure Wut und ist froh, daß sie noch zu spüren ist, in Zeiten wie diesen: Die Empörung über jene, die erst ihre Geschäfte mit dem Teufel gemacht haben und dann nicht gewusst haben wollen, mit wem sie es zu tun hatten.

Ja, dazu ist Literatur da und das unterscheidet sie eben vom akkuraten Geschichtswerk und der Quellenversessenheit derer, die „Geschichte schreiben wollen“. Die Literatur hat das Recht, sich zu empören, sie hat das Recht, einen eigenen, ureigenen Blick auf die Geschichte und ihre Protagonisten (oder was sich dafür hält) zu werfen und sie hat das Recht zu urteilen, und wenn es sein muß, darf sie auch verurteilen.

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