DIE GESTIRNE/THE LUMINARIES
Eleanor Catton bietet nette Unterhaltung, verkauft die allerdings als etwas Größeres, als es tatsächlich ist
Wird ein Beispiel für den Begriff „prätentiös“ gesucht? Gut, hier ist es: Eleanor Cattons 1000-Seiten(und mehr)-Klopper DIE GESTIRNE (THE LUMINARIES, Original erschienen 2013; Dt. in der Übersetzung von Melanie Walz 2015). Zu einem immensen Umfang aufgebläht, wird hier eine recht einfältige Geschichte erzählt, die andauernd vorgibt, hintergründiger zu sein, als sie denn tatsächlich ist. Unterteilt in zwölf immer kürzer werdende – und damit den abnehmenden Mond symbolisierende – Abschnitte, die ihrerseits in etliche Kapitel aufgegliedert sind, wird aus den wilden Goldgräberzeiten Neuseelands, genauer: Dem Jahr 1866 und in den allerletzten Teilen des Buchs dem Jahr 1865 berichtet. Es geht also um Gold, es geht um Betrug und Erpressung, es geht um Rache und Mord und darum, wie einige Wenige viele und dann wiederum Viele einige wenige ausnehmen und gegeneinander ausspielen. Und – wie könnte es anders sein – natürlich geht es auch um die Liebe. IM ganz großen Maßstab.
Alles beginnt im mit Abstand längsten Abschnitt – der gleich einmal fast die Hälfte des Romans umfasst -, der die Grundlagen der Story aus der Sicht von zwölf Männern ausbreitet, die sich einem dreizehnten anvertrauen, der zufällig zur Versammlung der anderen hinzugestoßen ist und dann – erneut rein zufällig – selbst einiges zur Geschichte beizutragen weiß, die ihm da an diesem Abend im Kaminzimmer eines der zahlreichen Hotels der Stadt Hokitika an der neuseeländischen Westküste vorgetragen wird. Warum diese Männer sich einem Fremden so unumwunden anvertrauen, wo dies doch eigentlich eine geheime Versammlung sein soll, bleibt unklar (oder der Rezensent hat es nicht verstanden). Dies ist nicht die einzige psychologische und ganz generell logische Schwäche des Romans, aber bei diesem Umfang fällt das irgendwann nicht mehr wirklich ins Gewicht. Am Ende dieses Abschnitts fasst dann der Fremde, der nun nicht mehr ganz so fremd ist, das über Hunderte von Seiten Dargelegte noch einmal zusammen, da der Leser sonst vollends verloren wäre im Wust der Figuren und ihrer Beziehungen zueinander und man fragt sich als Rezipient*in: Wieso nicht gleich so? Wieso dieser elend lange Umweg auf sich ergänzenden Erzählpfaden? Um Verwirrung zu stiften? Um die Erzählpositionen zu schwächen, ganz postmodern prekäre Erzähler zu positionieren? Oder – ganz banal – um Schwächen in der Story hinter scheinbar ausgeklügelten Erzähltechniken zu verbergen? Vielleicht auch nur, um es spannend zu machen? Aber, denkt man so bei sich während die Seiten dahingleiten – und damit beginnen dann die eigentlichen Probleme des Romans –, so spannend ist das doch alles eigentlich gar nicht.
Catton lässt ihre Leser*innen glauben, es habe einiges auf sich mit der Orientierung an den Sternen und den astrologischen Zuschreibungen. Sie will uns glauben machen, die einzelnen Charaktere seien diesen Zuschreibungen zuzuordnen. Das mag sein, erfordert dann allerdings ein Surplus an Recherche, welches sich möglicherweise für diesen Roman, der so gern so viel mehr sein möchte, als er dann schließlich ist, kaum lohnen würde. Das ganze Brimborium um Sterne, Astrologie und Vorbestimmungen bleibt Oberfläche, reine Behauptung, in der Story wird es lediglich durch eine der zwei weiblichen Protagonistinnen aufgegriffen, die sich, auch hier weiß keiner, warum eigentlich, als Wahrsagerin versucht. Ein Handlungsstrang, der ebenfalls über Dutzende Seiten aufgebaut und dann völlig gleichgültig fallen gelassen wird.
Man hat es stattdessen mit einem Sammelsurium an relativ blassen Typen zu tun, die diese kleine Stadt bevölkern, und die man zunächst kaum voneinander zu unterscheiden weiß. Allerdings füllen sie Funktionen aus. Da ist der Reeder und der Käpt´n, da sind zwei Chinesen – einer davon betreibt selbstverständlich eine Opiumhöhle – und zwei Ladies, die als Antagonistinnen dienen, da ist ein zwar undurchschaubarer aber letztlich edler Eingeborener, es gibt einen Politiker und einen Gouverneur, der zugleich ein Gefängnis betreibt, einen Juristen, der lieber Gold sucht, natürlich ist da auch ein Bankier und ein Hotelier und noch ein Goldsucher, der ist allerdings tot, zugleich Dreh- und Angelpunkt eines wesentlichen Teils der Handlung, ohne das man recht begreift, weshalb…und so weiter und so fort. Die Zeitung leitet ein Jude, dessen Jüdischsein zwar betont wird, weiterhin aber keine Rolle spielt; einige dieser Männer sind schwer in die eine Lady verliebt, der eine, der in die andere Lady verliebt ist, ist ohne Wenn und Aber der Bösewicht dieser Räuberpistole und keine Sorge – keine dieser Figuren durchläuft eine sonderlich zu betonende Wandlung oder gar Entwicklung. Alles bleibt hübsch übersichtlich, hat man es erst einmal – so ca. nach 600 Seiten – durchschaut.
Hokitika erinnert ihrerseits an jene Städte, die uns einst Jack London oder auch B. Traven in ihren Abenteuerromanen beschrieben haben. Grenzstädte und An-, bzw. Neusiedlungen am Ende der Welt, in denen sich die unterschiedlichsten Typen treffen, Abenteurer, Glückssucher, Nutznießer und Verlorene, die typologisch kaum zueinander passen, die das Schicksal aber aneinander gekettet hat. Was ja an und für sich durchaus Spannung verspricht. Dass in diesem Fall viele davon einander irgendwie schon mal begegnet sind – nun, wir haben es schließlich mit den Gestirnen zu tun, Zufall wird, Zufall kann das also wohl kaum sein. Zufall als Prinzip wäre für einen Roman wie diesen natürlich auch unschicklich. Weil Zufall für die große Literatur ja nie schicklich ist.
Catton, davon darf man wohl getrost ausgehen, hat die historischen Hintergründe ordentlich recherchiert, um ihren Roman möglichst authentisch wirken zu lassen und so kann man hier eine recht gute Beschreibung dieses Grenz-, des Frontierlebens finden, allerdings jenseits der amerikanischen Frontier. Hier ist alles am Mutterland ausgerichtet, also Großbritannien, besser: zumeist England, ein wenig Schottisches ist beigemischt mit einem Spritzer Irland; definitiv sehnt sich hier der ein oder andere zurück zu den grünen Auen Albions. Andere hingegen scheinen schon Menschen der neuen Zeit – entwurzelt, da zuhause, wo das Leben sie hinwirft. Im asiatischen Raum, in die Südsee, Australien, Tasmanien, Neuseeland, ganz gleich. Und wieder andere waren schon überall – in den Staaten, in der Arktis, in Indien und China – und versuchen ihr Glück nun einmal hier, auf diesen Inseln am Ende der Welt. Oder auch am Arsch der Welt, wie man so schön sagt, darüber ließe sich streiten.
Ob Catton dabei wirklich die raue Realität solcher Grenzstädte einfängt, das sei einmal dahingestellt. Sie deutet Rassismus an, lässt aber auch solch ein Thema fallen, sobald sie auf chinesisches Personal oder einen Maori zurückgreifen muss, um ihre Handlung voranzutreiben. Mal werden diese Fremden in ihrem eigenen Habitat zurückgestellt, mal werden sie als ebenbürtig akzeptiert. Die Wirklichkeit des 19. Jahrhunderts dürfte anders ausgesehen haben. Catton möchte viel; sie möchte die Abenteuergeschichte ebenso, wie sie eine Liebesgeschichte erzählen will; sie will einen Gesellschaftsroman von Relevanz und zugleich eine Räuberpistole; sie möchte wilde Kerle, die direkt mit dem Seewolf verwandt sein könnten, sie möchte starke Frauen, die das älteste Gewerbe der Welt betreiben, ohne dabei auch nur ein Gran Schaden an Leib oder Seele zu erleiden – ach nein, stimmt nicht, die eine oder andere verfällt ja dem Opium, von welchem sie sich dann aber recht bald auch wieder zu lösen versteht. Es ist schlicht zu viel und es ist zu umständlich und zugleich ist zu Vieles hier zu einfach, wird angerissen und wieder fallen gelassen, wirkt sich nie auf die Figuren, manchmal nicht einmal auf die Handlung aus. So changiert dieses Buch zwischen aller trivialstem Kitsch und ernsthafter historischer Beschreibung, zwischen Kammerspiel und Gesellschaftsroman, ohne sich je mit sich selbst einigen zu können, was es nun eigentlich sein soll.
Aber wieso liest man das dann, über 1000 Seiten lang? Tja, das ist eine gute Frage. Einmal davon abgesehen, dass einige einmal begonnene Bücher einfach nicht weglegen können und sich dann eher ärgern, als aufzugeben, muss man Catton zumindest attestieren, dass sie von wirklicher Fabulierlust getrieben scheint, ihre Phantasie sprüht nur so und so gelingt es ihr, ein Neuseeland in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts zu zeichnen, das man ihr abnimmt, gleich ob es historisch stimmig ist oder nicht. Atmosphärisch ist es stimmig. Offenbar geschult an etlichen Serien, versteht sie es, ihre Cliffhanger perfekt zu platzieren. Man bleibt also dran, weil irgendwie, man weiß gar nicht warum, fesselt einen diese Story dann eben doch. Man will dann doch wissen, wie es weiter geht mit der Hure Anna Wetherell und der Möchtegern-Wahrsagerin Lydia Wells, mit dem schurkischen Francis Carver und dem glücklichen Emery Staines. Und sogar das weitere Schicksal Walter Moodys, der als 13. Mann zu jenem Treffen, welches die ersten fast 500 Seiten des Romans bestimmt, dazugestoßen war, interessiert einen.
So muss man also bei aller Kritik und aller aufgesetzten Bedeutung und aller Preziosität konstatieren, dass es Catton doch gelingt, ihre Leserschaft zu fesseln. Ihre Geschichte entwickelt einen gewissen Sog und dieser Sog zieht einen dann doch tatsächlich mit, über die gesamte Strecke. Die Autorin erhielt für dieses Werk als jüngste Gewinnerin den äußerst renommierten Booker Prize. Ob zurecht, auch das sei einmal dahingestellt, aber über Preisgewinner lässt sich ja immer trefflich streiten. Wer einfach einen Schmöker sucht, bspw. für den Urlaub am Strand oder für lange Stunden auf der Couch im ja auch bald wieder anstehenden Herbst, wer dabei unterhalten werden will, ohne sich allzu tiefgreifende Gedanken machen zu müssen, es zugleich literarisch ein wenig tiefschürfender mag, der ist hier gut bedient. Dass es weitaus bessere, treffendere und auch – das muss angemerkt sein, gerade in Bezug auf das Personal dieses Romans – schmerzhaftere und also wahrhaftigere historische Romane gibt, muss allerdings nicht mehr extra angemerkt werden.