DIE VERSUNKENE STADT Z/THE LOST CITY OF Z

James Gray schildert das Leben des Südamerikareisenden Percy Fawcett in einem opulenten Film-Epos

Im Jahr 1906 beauftragt die Royal Geographic Society (RGS) den Offizier Percy Fawcett (Charlie Hunnam), nach Südamerika zu reisen und dort an der nicht wirklich definierten Grenze zwischen Bolivien und Brasilien genaue Landvermessungen durchzuführen und zugleich die Verläufe diverser Flüsse zu verfolgen und genau zu kartieren.

Fawcett, der aufgrund familiärer Probleme nicht hoch angesehen ist im Offizierskorps, hatte eigentlich auf eine Aufgabe gehofft, bei der er sich auszeichnen und die ihm fehlenden Orden verdienen kann. Dies gesteht er aber nur gegenüber seiner Gattin Nina (Sienna Miller) ein, die eine moderne Frau ist, ihrem Mann nicht untergeordnet, sondern gleichberechtigt ihre Meinung zu den Dingen sagt.

Fawcett tritt die Reise nach Südamerika an, die mehrere Jahre dauern wird. Unterwegs trifft er auf Henry Costin (Robert Pattinson), einen Abenteurer, der sich auf ein Angebot der RGS und Fawcetts beworben hatte. Gemeinsam machen sie sich auf in den Dschungel. Wochen und Monate sind sie auf den Flüssen unterwegs, dringen immer weiter in den Dschungel und damit völlig unbekanntes Gebiet vor, treffen unterwegs auf die Kolonialwarenstation von Baron De Gondortz (Franco Nero), ein zynischer, selbstverliebter Mann, der hier die Stellung hält und ein dekadentes Leben führt, bei dem die Eingeborenen ihm dienen und er unter anderem ein Opernhaus im Urwald betreibt.

Schließlich erreichen Fawcett, Costin und ihre Leute nach etlichen Strapazen, Angriffen von Indios und dem Verlust eines Begleiters die Quellen der Flüsse, die sie befahren. Einer der Indios, die der Expedition seit De Gondortz´ Station als Führer dienten, hat Fawcett gegenüber Andeutungen gemacht, daß es im Dschungel eine versunkene Stadt gäbe, wo Gold in Hülle und Fülle vorhanden sei. Und tatsächlich stoßen Fawcett und Costin auf Tonscherben, die als Indizien für eine mögliche untergegangene Zivilisation gelten können.

Zurück in London setzt sich Fawcett dafür ein, nach dieser Stadt, die er Z nennt, zu suchen. Nicht, um sie auszuplündern, sondern um weitere Erkenntnisse über menschliche Entwicklungen auf allen Kontinenten zu erlangen. Die meisten Mitglieder der RGS stellen sich diesen Ansichten jedoch entgegen, da sie darin einen Angriff auf die britische Überlegenheit und den natürlichen Anspruch Londons als Capital of the World, als Hauptstadt eines Weltreichs, des Empire, sehen. Lediglich der Vorsitzender der Gesellschaft, Sir George Goldie (Ian McDiarmid), und James Murray (Angus Macfadyen), ein weiteres Mitglied, setzen sich für Fawcett und seine Bitte ein, eine weitere Expedition in die unbekannten Gebiete im Urwald zu finanzieren und zu bestücken.

So brechen Fawcett, Costin und in ihrem Schlepptau Murray erneut in den Dschungel auf. Diesmal verläuft die Expedition weniger reibungslos, als die erste. Sie werden mit angreifenden Indios konfrontiert, denen sich Fawcett jedoch furchtlos und vor allem ohne Aggressionen entgegenstellt. Im Dorf der Indios werden die Expeditionsteilnehmer aber auch Zeugen von Kannibalismus und durchaus verstörenden Eigenarten der ihnen vollkommen Fremden. Während Fawcett sich begeistert gibt ob des Getreide- und Maisanbaus, den die Eingeborenen mitten im Dschungel kultiviert haben, ist Murray von den Riten und Sitten, denen sie begegnen, angewidert.

Murray wird bei einem Unglück mit den Flößen, auf denen man reist, am Bein verletzt, er fiebert und halluziniert, macht Fawcett fürchterliche Vorwürfe, lediglich an Ruhm interessiert zu sein und kippt schließlich Petroleum über den wenigen verbliebenen Proviant. Schließlich schicken Fawcett und Costin Murray mit einem Führer und dem letzten Pferd zurück, da sie nicht mehr garantieren können, daß der Mann im Urwald überlebt.

Die verbliebene Expedition trifft schließlich auf Malereien, Ornamente, auch Götzenstatuen, die den Verdacht, daß es hier im Dschungel wirklich eine Hochkultur gegeben haben könnte, bestätigen und verdichten. Doch bevor es den Männern gelingt, ihr Ziel zu erreichen, müssen sie einsehen, daß sie nicht weiterkönnen, da sie nicht mehr über genügend Vorräte verfügen. So kehren sie unverrichteter Dinge um.

In London kommt es zu einer Konfrontation mit Murray, der es wider Erwarten lebend aus dem Dschungel und nach Hause geschafft hat. Er verlangt von Fawcett eine öffentliche Entschuldigung, da er sich von ihm schlecht behandelt fühlt. Fawcett lehnt dies ab und tritt unter Protest aus der RGS aus.

Er plant bereits eine weitere Expedition nach Südamerika, was zu Konflikten mit seiner Frau führt, aber auch mit seinem ältesten Sohn Jack (Tom Holland), der seinem Vater dessen ewige Abwesenheit übelnimmt. Doch bevor die Pläne – unter anderem besteht Nina, die für Fawcett ein bedeutendes Dokument entdeckt hatte, in dem schon ein Konquistador im 18. Jahrhundert von einer Stadt im Dschungel sprach, darauf, die Expedition zu begleiten – verwirklicht werden können, bricht der Weltkrieg aus. Fawcett, nominell immer noch Offizier der britischen Armee, wird eingezogen und an die Front in Frankreich abkommandiert, wo er unter anderem an der Somme kämpft. Schließlich wird er schwer verletzt, als sein Regiment in einen Giftgasangriff gerät.

Nina und die Kinder besuchen ihn im Lazarett, wo ein Arzt ihnen mitteilt, daß Fawcett zwar sein Augenlicht zurückerhalten wird, aber an keinen weiteren Expeditionen mehr wird teilnehmen können.

Der Krieg geht zuende und Fawcett kehrt heim. Geldprobleme und die Verletzung zwingen die Familie dazu, in Devon in ein recht einfaches Haus zu ziehen. Hier kommen sich Fawcett und sein Sohn Jack wieder näher. Je älter der Junge wird, desto mehr macht sich auch bei ihm der Entdecker- und Forschergeist bemerkbar. Als er schließlich vorschlägt, eine gemeinsame Expedition auf die Beine zu stellen, um einen weiteren Versuch zu unternehmen, die Stadt Z zu finden, von der sein Vater träumt, die geradezu eine fixe Idee für ihn geworden ist, stellt Nina sich dem Plan nicht entgegen. Erneut gelingt es, die Finanzierung zu sichern, auch die RGS erklärt sich diesmal wieder bereit, Fawcett zu unterstützen.

Während eines Treffens der RGS gibt Sir John Scott Keltie (Clive Francis), der die Gesellschaft seit einigen Jahren führt, aber schon in führender Position tätig war, als Fawcett seine erste Expedition vorbereitete, Fawcett einen Kompass. Fawcett verspricht, diesen, sobald sie ihr Ziel erreicht hätten, an Keltie als Zeichen des Erfolgs zu schicken.

Costin, den Fawcett bittet, wieder mit von der Partie zu sein, will nicht mehr auf weite Reisen gehen und wünscht seinem alten Freund alles Gute.

Am 20. April 1925 bricht die Expedition schließlich von Cuiabá auf. Fawcett und Jack haben diesmal nur leichtes Gepäck und wenige Helfer dabei. Diese schicken sie am 29. Mai zurück in die Stadt. Ein letztes Lebenszeichen spricht davon, daß sie guter Dinge und zuversichtlich seien, ihr Ziel zu erreichen.

Im Dschungel begegnen sie schließlich Eingeborenenstämmen, die offenbar bisher keinen Kontakt zu Nicht-Indios hatten und anders, als die Stämme, die Fawcett zuvor traf, nicht einmal rudimentäre Kenntnisse des Spanischen besitzen. Fawcett begreift, daß die Situation gefährlicher ist, als all seine Begegnungen mit Indios zuvor. Er und Jack werden gefangen genommen, der Häuptling berät mit seinen Stammesältesten, daß man für die Fremden eine Behausung für ihre Seelen finden müsse. Dann wird Fawcett und Jack ein Trank verabreicht, der sie offenbar in eine Trance versetzt. Die Indios heben sie hoch und tragen sie durch den Dschungel auf einen Hügel zu, der in der Dunkelheit von etlichen Lichtern erleuchtet ist – was den Eindruck einer Stadt erweckt. Fawcett streckt die Hand in den Himmel, er imaginiert Nina und Situationen aus ihrem gemeinsamen Leben. Dann werden er und Jack fortgetragen.

Jahre später trifft sich die deutlich gealterte Nina mit Sir Keltie. Ein Brasilianer habe sie aufgesucht und ihr etwas mitgebracht. Er habe behauptet, Fawcett und Jack im Dschungel getroffen zu haben, sie lebten bei einem unbekannten Stamm. Fawcett habe ihm den Gegenstand anvertraut und gebeten, ihn über Nina an Keltie weiter zu reichen. Es ist der Kompass, den Keltie sofort wiedererkennt. Nina bittet ihn, den Gegenstand untersuchen zu lassen. Keltie sagt ihr das zu.

Nina geht die Stufen der Eingangshalle der Royal Geographic Society hinunter, tritt durch die Tür und verschwindet in einem dschungelähnlichen Wald.

Eine Texttafel informiert darüber, daß Nina bis zu ihrem Lebensende glaubte und hoffte, ihr Mann und ihr Sohn würden zurückkehren. Schließlich erfahren wir auch, daß archäologische Ausgrabungen zu Beginn des neuen Jahrtausends bestätigt haben, daß es ein riesiges Siedlungsgebiet im Dschungel gegeben haben muß, das eine vorzeitlichen Hochkultur hervorgebracht hatte. Jene Gebiete, die Fawcett benannt hatte, gehören dazu.

Die Welt zu erkunden, die weißen Flecken auf den Weltkarten des Mittelalters und der frühen Neuzeit, die sogenannte Terra Incognita, mit Kenntnis zu füllen, war immer ein Bestreben der Menschen, vor allem aber seit der Aufklärung ein ehrbares wissenschaftliches Anliegen vieler englischer, deutscher oder französischer Forscher. Ein Alexander von Humboldt wollte die Welt erkennen, erkunden, Weltreisende wie Georg Forster, der mit James Cook die Südsee durchquerte, staunten ob der Wunder ihnen vollkommen fremder Welten – von denen man damals noch sprechen konnte, betraten Männer wie Vater und Sohn Forster doch wirklich noch Erdteile, Länder, Regionen, die zuvor kein westlicher Mensch gesehen oder betreten hatte. Es war im Grunde der Beginn der Globalisierung, den man natürlich auch bereits 1492 mit der Entdeckung des nordamerikanischen Kontinents ansetzen kann. Es mutet in der Rückschau nahezu folgerichtig an, daß daraus Kolonialismus und Imperialismus erwuchsen, die für mindestens 300 Jahre den Westen mit seinen Werten, seinen Waffen und technischen Wundern als globaler Hegemon definierten. Was zunächst wirklicher Wille zum Wissen war, entwickelte sich vor allem zu einem ökonomischen Ausbeutungssystem.

Das 19. Jahrhundert, jenes Jahrhundert, das die Macht Europas bereits gefestigt sah, brachte dann jene Abenteurer hervor, die immer waghalsigere Expeditionen in immer abgelegenere Gegenden führten. Die letzten Flecken sollten erkundet werden, vor allem aber hatten Entdeckungen Ruhm, Ehre und oftmals auch monetäre Vorteile zur Folge. Wüsten mussten durchquert, Quellen gefunden, Berge erklommen werden. Wirklichen wissenschaftlichen Zugewinn hatte man davon kaum mehr – wenn man nicht gerade Charles Darwin war. Natürlich wurden diese Expeditionen finanziell unterstützt; und die, die die Finanzierung stellten, versprachen sich meist weiterführende ökonomische Vorteile davon. Wirklich unabhängige Entdeckung und Forschung gab es kaum mehr. Auch das 20. Jahrhundert kannte diese Expeditionen, die großen Entdeckungen und Expeditionen zu den Polen, ins Herz Afrikas und auf die Höhen Asiens wurden auch und gerade in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg und zwischen den Kriegen geleistet.

Einer dieser Entdecker war der Engländer Percy Fawcett. Er unternahm zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehrere Expeditionen in den südamerikanischen Dschungel, zunächst im Auftrag der Royal Geographic Society (RGS), die ihn anwies, Flußläufe zu vermessen, was unter anderem dazu dienen sollte, die Grenzen zwischen verschiedenen südamerikanischen Ländern zu klären und somit den internationalen Handel zu sichern, der durch Kriegshandlungen gefährdet gewesen wäre. Auf diesen Reisen stieß er auf Erzählungen von einer geheimnisvollen Stadt im Urwald, später fand er verschiedene Artefakte – darunter Tonscherben – die diese Berichte zumindest indizienweise stützten und auf eine mögliche frühere Hochkultur in den Tropen hindeuteten. Statt, wie die klassischen Sagen, von einem El Dorado zu sprechen, jener legendären Stadt des Goldes, gab er seinem Ziel den Namen Z, weil er mit dem letzten Buchstaben des Alphabets letzte Erkenntnisse menschlicher Kultur zu erforschen hoffte. Seine späteren Reisen musste er meist unabhängig finanzieren, seine siebte Reise, die wiederum auch von der RGS unterstützt wurde, wurde dann seine letzte. Begleitet von seinem Sohn Jack, verschwand Fawcett im Dschungel und wurde nie wieder gesehen.

Bis heute ranken sich etliche Geschichten und Gerüchte um dieses Verschwinden: Die vergleichsweise kleine Expedition sei Eingeborenen in die Hände gefallen und wahlweise getötet, entführt, gefangen worden oder aber habe sich dem Leben der Indios angepasst und lebte als Mitglieder verschiedener Stämme irgendwo im Nirgendwo. Bis heute gibt das Verschwinden von Vater und Sohn Fawcett Anlaß zu Mutmaßungen und Theorien. Im Laufe der Dekaden tauchten immer einmal Gerüchte auf, verschiedene Publikationen glaubten endgültig Licht in das Geheimnis um das Verschwinden zu bringen. Ein Beispiel jüngeren Datums ist ein von David Grann verfasstes und 2009 erschienenes Sachbuch, basierend auf seinen eigenen Forschungsreisen in die Amazonasgebiete, welches sich auch mit dem Verschwinden von Fawcett, dessen Sohn und der wenigen Begleiter befasst. Auf diesem beruht der Film THE LOST CITY OF Z (2016) von James Gray.

Vordergründig liefert Gray einen Abenteuerfilm, wie man ihn kennt, lediglich auf den produktionstechnischen Stand des 21. Jahrhunderts gehoben und inhaltlich angemessen realistisch. Er liefert, unterstützt durch Kameramann Darius Khondji, klassisch schöne Bilder des Urwalds, aber auch – in Kontrast dazu – aus den ländlichen Regionen Englands, teils zauberhaft schön, manchmal unergründlich und bedrohlich. Inhaltlich ist Gray, der das Drehbuch selber schrieb, darum zu tun, Fawcetts Bemühungen um Finanzierung, seine Kämpfe mit der RGS und den Skeptikern, aber auch seine persönlichen und innerfamiliären Konflikte mit seiner stolzen, modernen und sehr eigensinnigen Frau, mit seinem pubertierenden Sohn Jack und das Ringen mit sich selbst, darzustellen.

Fawcett wird als ein sehr unabhängiger Mensch beschrieben, als Eigenbrötler, der sich einerseits fast schwärmerisch in die Idee der versunkenen Stadt Z verliebt hatte, zugleich aber als militärisch geprägter Mensch zu Pedanterie, sachlich-nüchterner Genauigkeit und Zurückhaltung neigte. Er war wohl wenig interessiert daran, persönlichen Ruhm zu erlangen und verzichtete, anders als die Gelehrten des 18. Und frühen 19. Jahrhunderts, darauf, Universalbetrachtungen der Landstriche, die er durchstreifte, anzustellen. Er hielt sich an seine Aufträge und gab Berichte an seine Vorgesetzten. Gray stellt Fawcett in etwa auch so dar. Allerdings nutzt er die Figur und ihre Kämpfe mit eben jenen Vorgesetzten, mit Mitstreitern und Gegnern, um ein feines, hintergründiges Bild einer britischen Gesellschaft zu zeichnen, die, sich eines Weltreiches, des sogenannten Empire, sicher, dazu neigte, sich selbst, die eigene Lebensart, Kultur und Zivilisation, für die Krone der Schöpfung zu halten. Der Fawcett im Film läuft zwar nicht gerade dagegen Sturm, wendet sich aber gegen diese Hybris und kämpft für seine Idee einer noch nicht entdeckten, frühen Hochkultur, die, wie China und Ägypten auch, auf dem südamerikanischen Kontinent entstanden und wieder untergegangen sein könnte. Dabei besteht er auch darauf, die Indios als gleichberechtigte menschliche Wesen zu betrachten, was auf besonders erbitterten Widerstand bei seinen Kollegen in der RGS stößt.

Es sind drei Reisen, die Gray in seinem Film beschreibt, wobei die erste ein wenig flüchtig behandelt wird, bedenkt man, welch ein Triumph es für Gray und seinen Freund und Begleiter Henry Costin bedeutet haben muß, als sie wirklich als erste westliche Menschen an den Quellen jener Flüsse standen, die sie Monate im Dschungel vermessen hatten und denen sie immer tiefer in unbekanntes Terrain gefolgt waren. Doch spätestens mit Abschluß dieser ersten Reise und der Rückkehr nach England, findet der Film sein Tempo, das richtige Timing und einen Rhythmus, in dem er schließlich Entwicklungen beschreibt, die einen Zeitraum von nahezu 20 Jahren umfassen. Dann nämlich gelingt es dem Film, nicht nur Fawcetts persönliche Entwicklung nachvollziehbar zu machen, sondern auch, anhand kurzer Dialogstellen, von Blicken und Gesten, die Konflikte aufzuzeigen, denen er sich ausgesetzt sah.

Es entsteht ein stilles, manchmal fast trauriges Familienportrait, das spürbar macht, wie das Leben in jenen Jahren des Empire für Angehörige der Armee generell gewesen sein muß: Jahrelange Abwesenheit, Kinder, die den Vater eher als Fremden wahrnahmen, Ehefrauen, die Heim und Familie zusammenhielten und dabei bereit sein mussten, sich vollkommen zurück zu nehmen. Immer wieder erhält man als Zuschauer Einblicke in ein imperiales Denksystem – dies vor allem in den Szenen in der Royal Geographic Society und der Auseinandersetzungen der Mitglieder untereinander – , das strukturell rassistisch, kolonialistisch und natürlich zutiefst ausbeuterisch war. Sich vordergründig wissenschaftlich interessiert zu geben und zugleich den knallharten ökonomischen Interessen des Mutterlandes zu dienen – dieses Spannungsfeld wird hier immer wieder spürbar.

Während der ersten Reise treffen die Expeditionsteilnehmer auf eine Kolonialwarenstation, in der der Baron De Gondortz residiert, der sich unter anderem ein primitives Opernhaus in den Urwald hat bauen lassen. Hier werden natürlich Erinnerungen an Werner Herzogs Film FITZCARRALDO (1982) evoziert, in dem die Hauptfigur von dem Traum, gleichsam einer Obsession, getrieben wird, ein Opernhaus im Dschungel zu errichten. Zugleich wirkt De Gondortz aber auch wie ein ferner Verwandter jenes Colonel Kurtz, den Joseph Conrad in seinem Kolonialismus-kritischen Werk HEART OF DARKNESS (erschienen 1902) eine Art Schreckensherrschaft am Kongo errichten ließ. Gondortz, der im Film nur einen Kurzauftritt hat, in diesen wenigen Leinwandminuten aber von Franco Nero mit nachhaltiger Präsenz ausgestattet wird, ist ein resignativer und zugleich zynischer Vertreter eines Eurozentrismus, der Fawcetts Anliegen, die Grenzziehungen zwischen Bolivien und seinen Nachbarländern mit seinen Vermessungen zu sichern, allein deshalb begrüßt, weil dies ungehinderten Warenverkehr garantiert, Krieg verhindert und damit die koloniale Vormachtstellung der Europäer sichert. Auch in dieser Szene gelingt es Gray, mit wenigen Szenen und eher angedeuteten Argumenten koloniales Denken und Handeln auszustellen und kritisch zu reflektieren. Überhaupt baut er einige Reminiszenzen an das klassische Abenteuerkino und die klassische Abenteuerliteratur ein und dekonstruiert diese hintergründig und auf eher stille Art und Weise als oftmals propagandistische Untermauerung kolonialen Denkens.

Besonderes Augenmerk liegt auf der zweiten Reise (im Film), der sich das Mitglied der RGS James Murray anschloß. Er war weder physisch, noch, wie sich herausstellt, psychisch in der Lage, eine solche Strapaze durchzustehen, bringt die Expedition in Gefahr, wird schwer verletzt und von Fawcett schließlich auf dem letzten Pferd, das die Entdecker mit sich führen, zurück in die Zivilisation geschickt. Anhand des daraus resultierenden Konflikts nach Fawcetts Rückkehr, wird noch einmal das englische Klassen- und Schichtensystem verdeutlicht, in dem Begriffe wie „Satisfaktion“ als Ehrbezeugung eine enorme Rolle spielten. Zugleich wird aber auch angedeutet, wie dieses System sich selbst im Wege stand, zu Unehrlichkeit und Zerwürfnissen führte und zwangsläufig dazu beitrug, daß ein solches, weit überspanntes Netz aus weltweit miteinander verwobenen Kolonien schließlich in sich zusammenfallen musste. Gray baut schließlich auch die Jahre des Ersten Weltkrieges in seinen Film ein, in denen Fawcett, der nominell immer Angehöriger des britischen Militärs war, in den Schützengräben der Westfront diente und bei einem Chlorgasangriff schwer verletzt wurde. Mit diesem Abstecher in die Untiefen der Weltgeschichte entsteht das Panorama einer Zeit und ihrer Bewohner, die prägend für die Entwicklung des 20. Jahrhunderts war, die zugleich aber selbst noch geprägt wurde von den Hoffnungen, Ideen und (Alb)Träumen des 19. Jahrhunderts.

Das Schlußdrittel des Films widmet sich dann Fawcetts letzter (im Film der dritten) Reise, die er gemeinsam mit seinem Sohn Jack unternahm und von der beide nicht mehr zurückkehrten. Die dieser Expedition vorausgehende Entwicklung zwischen Vater und Sohn, die sich zuvor nicht immer innig zugewandt waren, wird zu einem feinsinnigen, stillen Vater-Sohn-Drama, das der Film dann ebenfalls erstaunlich mühelos stemmt. Es ist dem Buch, aber auch den Schauspielern, die es umsetzen, hoch anzurechnen, daß all diese unterschiedlichen Facetten und Nuancen der Geschichte angemessen umgesetzt werden.

James Gray, der zuletzt mit dem Science-Fiction-Drama AD ASTRA (2019) auf sich aufmerksam machte, gelingt ein gut gespieltes, in vielerlei Hinsicht konventionell wirkendes, opulent ausgestattetes, um historische Akkuratesse bemühtes, zugleich aber kritisch auf Kolonialismus und Imperialismus blickendes Drama, dem man weitaus mehr Erfolg an den Kinokassen gewünscht hätte, als ihm vergönnt war.

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