KÖNIGIN ESTHER/QUEEN ESTHER

Ein Alterswerk von John Irving

Philip Roth hatte irgendwann in fortgeschrittenem Alter beschlossen, keine Romane mehr zu schreiben, da er nicht wisse, ob er den nächsten, eben begonnenen auch noch zu Ende bringen könne – so seine Aussage in einem späten Interview. Liest man den neuesten Roman von John Irving, KÖNIGIN ESTHER (QUEEN ESTHER, Original erschienen 2025; Dt. 2025, in der Übersetzung von Peter Torberg und Eva Regul) gewinnt man irgendwann zur Mitte dieser oftmals gehetzt wirkenden 550 Seiten den Eindruck, den Kult-Autor könnten ähnliche Befürchtungen beschlichen haben. Denn obwohl dies bei Weitem nicht sein umfangreichster Roman ist, entsteht doch bald der Eindruck, dass eigentlich mehr geplant gewesen war, zugleich aber Vieles untergebracht werden musste, was ein Anliegen gewesen ist, eigentlich aber nicht in die engere Geschichte gehört. Und so hat man es schließlich bei Irvings 16. Roman mit einem Buch zu tun, das unausgegoren wirkt, zugleich überfrachtet und unfertig.

Irving – auch das vielleicht dem Dasein eines Schriftstellers zum Ende seiner Karriere geschuldet – greift auf allerlei Motive und sogar Figuren zurück, die ihn während seines gesamten literarischen Schaffens beschäftigt und begleitet haben. Seltsame Zeugungen, überhaupt Sexualität in vielen, oft eher ungewöhnlichen Spielarten, Neu-England, speziell New Hampshire natürlich, aber auch einmal mehr Wien als Schauplatz, starke Frauen mit einer manchmal schon militant wirkenden feministischen Haltung zum Leben, Abtreibung, Prostitution, das Dasein an einer Schule, das Ringen als Prüfung zum Erwachsenwerden, Waisen und ihre Schicksale und – selbstverständlich – die Schriftstellerei generell und im Besonderen sowie die Literatur als Lebensbegleiter und zugleich Motivator, selber schreibend tätig zu werden.

Hier nun wird uns die Geschichte von Jimmy Winslow erzählt. Der hat zwei Mütter – Honor, jüngste von vier Schwestern aus einem Lehrerhaushalt in New Hampshire, sowie die titelgebende Esther, die das Kind für Honor austrägt, da diese weder den Zeugungsakt noch eine Schwangerschaft durchleben will -, ist literarisch stark geprägt von seinem Großvater Thomas, Lehrer und Dickens-Experte, und will selbst Schriftsteller werden. Nach einer weitgehend behüteten Kindheit geht er zum Studium für ein Jahr zu Beginn der 1960er Jahre nach Wien, wo er allerlei Abenteuer mit seinen WG-Genossen Jolanda und Claude durchlebt, während er von seiner Mutter ge-, ja be-drängt wird, bald ein Kind zu zeugen, damit er nicht im aufziehenden Krieg in Südostasien kämpfen muss. Sollte ihm das nicht gelingen, so Honor, müsse sie zu drastischen Maßnahmen greifen: Entweder sie zerschieße ihm das Knie oder sorge dafür, dass er beim Ringen eine nachhaltige Verletzung davontrage. Schließlich kehrt Jimmy nach einem Jahr zurück in seine Heimat und damit zurück in die Obhut seiner Mutter und deren Schwestern – ein starkes Matriarchat – und macht sich an eine schließlich erfolgreiche Schriftsteller-Karriere, die stark an die von John Irving erinnert. Spät, sehr spät in seinem Leben fährt er nach Israel, wo Esther lebt, die sich ihm Zeit seines bisherigen Lebens trotz mehrfacher Bitten seinerseits entzogen hat, die nie an einem festen Wohnort lebte, die ungreifbar und doch omnipräsent in seinem Leben (und im Roman) war, ein Leben, das jüdisch geprägt und doch nicht jüdisch gewesen ist. Hier nun, auf einer Lesung, begegnet er seiner leiblichen Mutter.

Irving bietet seinem Publikum so ziemlich genau das, was ein Irving-Publikum erwartet. Ebenso skurrile Figuren wie teils schreiend komische und eben oft auch sehr skurrile Situationen; Zeitkolorit; er grundiert seine Geschichte mit einer gewissen Melancholie, die seinen Werken immer schon zu eigen war, hier aber möglicherweise stärker zutage tritt, weil ein Autor nun doch im gesetzten Alter von 84 Jahren stark autobiographisch geprägt zurückblickt. In eben diesem Rückblick scheint er zu erkennen, was er noch nicht erzählt hat. Und so verliert er sich ein wenig in den Zeiten und zwischen seinen Figuren und in den Themen, fokussiert nicht – was er freilich so oder so selten getan hat in seinen Werken – und lässt seine Story recht frei mäandern. Was insofern schade ist, als dass sie viel Interessantes zu bieten hat, aber ebenso viel Interessantes kurz anreißt und dann fallen oder versanden lässt. Anderes macht schlicht keinen Sinn. So baut er in die den Roman über weite Strecken bestimmende Wien-Episode eine Räuberpistole ein, in der Jimmy seine Ringerfreunde – Sowjets und Israelis, an sich schon eine seltsame Mischung im Jahr 1964 – bittet, ihm einige zwielichtige Figuren vom Hals zu schaffen, was dann sehr final erledigt wird. Spielt aber keine weitere Rolle, außer dass uns mitgeteilt wird, dass wohl dunkle Kräfte – Jimmys Deutschlehrerin Annelies scheint in ständigem Austausch mit der für Jimmy unerreichbaren Esther zu stehen – über unseren so passiven Helden wachen.

Passivität ist eine der herausstechenden Eigenschaften dieses Jimmy Winslow, der eigentlich nie eine eigene Entscheidung trifft, außer vielleicht der, Schriftsteller zu werden, womit er allerdings vor allem seinem Großvater gefallen will, der dann auch die Hauptfigur seines ersten Romans wird. Ansonsten scheinen Honor, deren Schwestern und als graue Eminenz im Hintergrund eben jene „Königin Esther“, die wohl für den Mossad tätig ist und ganz offensichtlich in den diversen israelischen Regierungen immer auf offene Ohren stößt, darüber zu bestimmen, wie das letztlich glückliche oder – besser – gelungene Leben dieses Jungen verläuft. Dass es sich Irving auf den letzten 60 bis 70 Seiten des Romans nicht nehmen lässt, den Konflikt zwischen Israelis und den Palästinensern aufzuarbeiten und dabei suggestiv unterstellt, das israelische Vorgehen in Gaza sei gerechtfertigt, wenn er die ansonsten schweigsame Haushälterin von Jimmys Gastfamilie – sein israelischer Lektor und Verleger – bei der einzigen Gelegenheit, bei der sie eine Sprechzeile im Roman erhält, bestätigen lässt, dass sie – also die Palästinenser – die Juden tatsächlich ins Meer zurücktreiben werden. Damit ist die zuvor im Roman getätigte Aussage einer anderen, jüdischen Figur gerechtfertigt, dass die Israelis die Palästinenser zu kontrollieren hätten und diese niemals zu stark werden dürften. Ohne hier einen Diskurs über diesen so komplizierten, so komplexen Konflikt eröffnen zu wollen, lediglich im Kontext des Buchs, muss man konstatieren, dass das sehr angelesen und sehr oberflächlich verarbeitet wirkt. Möglicherweise (oder ganz sicher) wurde Irving während der Arbeit am Roman von den entsetzlichen Geschehnissen des 7. Oktober und dem danach entfachten Gaza-Krieg derart überrascht und eingenommen, dass er der Meinung war, sich dazu verhalten zu müssen; so, wie er sich dazu verhält, ist es aber definitiv nicht gelungen, weil es der Komplexität des Konflikts schlicht nicht gerecht wird.

Anderes gelingt ihm dafür umso besser. Die Beschreibungen Wiens in den 60er Jahren und damit in einer Zeit des Wandels, sind oft treffend, häufig witzig und zugleich gelingt es ihm, einen gewissen Zeitgeist einzufangen. Womit nicht nur der Kalte Krieg einerseits und der sehr heiße und immer heißer werdende in Vietnam gemeint sind. Jimmy, Jolanda und Claude kommen bei der Witwe Holzinger unter, die in ihrer ausgreifenden Wohnung, in der sie mit ihrer Tochter Irmgard, einer Prostituierten, und deren Sohn Siegfried lebt, Zimmer an Studenten vermietet. Eine damals durchaus gängige Praxis. Mit dieser Familie und ihrem Zusammentreffen mit den jungen ausländischen Mitbewohnern gelingt es Irving, etwas Altes, Vergehendes und die Zählebigkeit dieses Vergehenden ebenso aufzuzeigen, wie das beginnende Neue, das Aufziehen einer neuen, freieren – vor allem sexuell freieren – Zeit.

Wenn der fünfjährige Siegfried seine Spielzeugsoldaten mit einer Knoblauchpresse malträtiert und ihnen die Köpfe zermatscht, dann schwingen in diesen makabren Bildern die ganzen Traumata einer noch vom Krieg geprägten Bevölkerung mit; Traumata, die an die junge Generation weitergegeben werden; wenn Irmgard ihren Körper verkauft und Nacht für Nacht heimkommt und zunächst ein ausgiebiges Bad nimmt, dann verdeutlicht dies die soziale Notwendigkeit, einer Armut zu entkommen, die weder Jimmy, noch Jolanda oder Claude zu kennen scheinen. In der bereits erwähnten, dramaturgisch nur schwach abgesicherten Nebenhandlung um die mordenden Ringer wird Wiens besonderer Status als Drehscheibe internationaler Agententätigkeit gewürdigt und zugleich eine gehörige Portion dessen eingefangen und vermittelt, was der Kalte Krieg eben auch war: Eine im Geheimen und dort mit aller Härte ausgetragene, durchaus heißen Auseinandersetzung zwischen den Blöcken.

Man kann sich gut verlieren in diesen Geschichten und Geschichtchen, den vielen Nebensträngen und zwischen all diesen Figuren. Man kann goutieren, wie lebensfreundlich und lebensbejahend Irving auf all das blickt – natürlich auch, weil es lang vergangen und durchlebt und im Guten abgeschlossen ist. Man kann sich daran erfreuen, dass der Roman voller Reminiszenzen an vorherige Romane des Autors ist, ob GARP UND WIE ER DIE WELT SAH, ob GOTTES WERK UND TEUFELS BEITRAG, dessen Personal hier in Gestalt von Dr. Larch teils sogar einen erneuten Auftritt erhält, oder sei es OWEN MEANY, ein Roman, der dem Autor selbst immer sehr am Herzen lag. Versierte Irving-Leser*innen werden noch weitaus mehr Anspielungen finden.

All das kann man also goutieren, all das ist aber vielleicht vor allem für Leser geeignet, die Irving schon lange begleiten und vom Autor schon lange begleitet werden. Sicher, wer Irving nicht kennt, wird sich hier ebenso gut unterhalten fühlen können. Doch wird sowohl der Irving-Kenner als auch ein Novize wahrscheinlich nicht gänzlich übersehen können, dass Vieles gestückelt bleibt, scheinbar unzusammenhängend, manchmal eben geradezu gehetzt. Es sei diesem großen Vertreter der amerikanischen Gegenwartsliteratur ein weiterer, vielleicht ein doch grandioserer Abschluss seiner Karriere gegönnt.

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.