AM STRAND/ON CHISEL BEACH
In McEwan verliert ein wenig den Fokus und verschenkt damit großes Potenzial
Ian McEwan, seine langjährigen Leser*innen wissen das, ist ein Meister der Verdichtung. Oft lässt sich bei ihm ein Schicksal, ein Werdegang, ein ganzes Leben auf einen Moment zurückführen, in dem ein falsches Wort zur falschen Zeit fällt – oder gar ein richtiges Wort zur falschen Zeit -, eine Begegnung stattfindet, die große Veränderungen mit sich bringt, ein Ereignis Menschen und ihre Einstellung zum Leben grundlegend verändert.
Auch in seinem Roman AM STRAND (ON CHESIL BEACH, Original erschienen 2007; Dt. 2007) scheint es zunächst so, dass ein nicht ausgesprochenes Wort zur rechten Zeit ein ganzes Leben, eine Liebe hätte ändern, hätte retten können. Doch Edward spricht es nicht aus und Florence hört es nicht und so endet die Ehe zwischen diesen beiden an einem Strand in Dorset, Südengland, eben jenem der Originalausgabe ihren Titel gebenden Chesil Beach, im Jahr 1962, nur Stunden, nachdem sie geschlossen wurde. Doch McEwan nutzt eine geschickte Strategie, um diesmal ein Mehr in ein Wenig einzuschleusen und den scheinbaren Moment zu erklären, indem er ihn ableitet – oder erklärt. Und zwar aus den Zeitläuften heraus, der Prüderie der 50er und der frühen 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts in einem England, das in vielerlei Hinsicht immer noch stark protestantisch geprägt in enorm enge Klassen- und Gesellschaftskonventionen eingeschnürt gewesen ist.
In fünf langen Kapiteln eines mit gerade einmal 200 Seiten eher kurzen Romans, eigentlich eine Novelle, vom Autor ein wenig aufgebläht, wird in der unmittelbaren Gegenwart der Erzählung der Abend des Hochzeitstages von Edward und Florence Mayhew erzählt, der von dem bevorstehenden Erlebnis der ersten gemeinsamen Nacht, der anstehenden Intimität geprägt ist, vor der beide auf ihre sehr eigene Art große Angst haben. Zugleich schildert McEwan aber auch die Vorgeschichte dieses Abends: Kurz angerissen die Familiengeschichte der Mayhews und die der Pontings, deren Tochter Florence ist. Er berichtet vom Klassenunterschied – er Sohn eines Grundschuldirektors in der Nähe von Oxford; sie Tochter aus besserem Hause, der Vater erfolgreicher Geschäftsmann, die Mutter Philosophie-Professorin – der die Beziehung eben von Beginn an prägt; er berichtet von den Umständen einer jungen Generation, die aufbrechen will, sich befreien will von den Altvorderen, die immer noch irgendwo im Krieg festhängen, dem sich langsam auflösenden Empire nachtrauern und die Gefahren der Zeit, vor allem die des sich anbahnenden nuklearen Wettrüstens, nicht erkennen wollen. Geschickt verweist McEwan in Nebensätzen immer wieder darauf, dass es noch in dieser Dekade einen grundlegenden Wechsel geben wird, der alles ändern wird, was im Jahr 1962 noch wie in Stein gemeißelt wirkt.
Vielleicht ist das alles etwas viel, wie die Kritik hier und da anmerkte, ein Überschuss, der den Fokus verwischt und ablenkt von der Dichte dieses eigentlich erzählten Tages und den Ängsten, die diese beiden unerfahrenen jungen Menschen ganz unabhängig voneinander hegen. Während Edward vor allem die sehr männliche Angst umtreibt, im entscheidenden Moment nicht seinen „Mann stehen zu können“, bzw. „zu früh zu kommen“ und sich damit lächerlich zu machen, zumindest in seinen Augen, ist es bei Florence eine weitaus tiefgreifendere Angst, denn sie ist erfüllt von einem grundlegenden Ekel, ja Grauen vor dem, was ihr da ihrer Meinung bevorsteht. Die Vorstellung, dass Edward in sie eindringt, dass sie sich, ihren Körper, einem anderen, einem Mann, öffnen muss, stellt eine schier unerträgliche, unüberwindliche Hürde für sie da. Doch da die Zeiten sind, wie sie sind, man nicht offen über Sexualität sprechen konnte, schon gar nicht zwischen den Geschlechtern, Florence´ ganzes Wissen zum Thema aus den Tuscheleien ihrer Freundinnen und den Weisheiten eines Ratgebers stammt, Edward nur um die Freuden der Onanie und ansonsten die Bilder seiner Fantasie weiß, kommt es zwischen den beiden zu einer wahren Fülle an Missverständnissen. Und im entscheidenden Moment kommt es eben nicht zur Aussprache, sondern zu einem Schweigen.
Momentweise ist das sogar komisch, was McEwan vor allem durch seine Montagetechnik erreicht, wenn er seine Leser*innen in die Köpfe seiner beiden Protagonisten blicken lässt und da oft gegenläufige Perspektiven auf ein und denselben Moment bietet. Doch gelingt es ihm zugleich, dass das Lachen im Halse stecken bleibt. Denn wir begreifen Florence´ Not, und wir begreifen, wie schwierig es in jenen Zeiten gewesen sein muss, gerade über dieses Thema, über Sex, zu sprechen. Und ein wenig begreift man sogar, weshalb zum Ende des Jahrzehnts, mit den Studentenrevolten, der Rock-Musik, den Drogen eben auch die berühmt-berüchtigte sexuelle Revolution einsetzte, die – wie so vieles in den wilden Jahren – übertrieben und übermächtig wirkte. Wenn man sich aus dem Korsett solch enger Konventionen befreien muss, wie dieser Roman sie andeutet, dann wird die Gegenbewegung heftig ausfallen müssen.
Doch vielleicht war Ian MacEwan der Meinung, dass Florence´ Widerwillen nicht nur mit der Zeit, mit den Konventionen und einer äußerst prüden Sexualmoral erklärbar sei, weshalb er eine Missbrauchsgeschichte einflicht, zumindest andeutet, die für den Roman dann wirklich ein Überschuss, ein Zu-viel ist. So oder so könnte man darüber streiten, ob es einem männlichen Autor wirklich gelingen kann, Einblick in den Kopf einer jungen, unerfahrenen Frau im Jahr 1962 zu gewähren. Man sollte davon ausgehen, dass diese Gedanken für Männer möglicherweise schwierig zu verstehen sind. Diese an sich schon komplexen Gedanken dann auch noch mit einem – wohl verdrängten; ein literarischer Kniff, um sich keiner Anmaßung verdächtig zu machen? – Missbrauch durch den Vater aufzuladen, ist des Guten doch zu viel. So bleibt diese Erzählung dann etwas unfokussiert, etwas fahrig. McEwan kommt nicht wirklich auf den Punkt, worauf auch die nachgeschobenen Jahrzehnte auf den letzten Seiten hindeuten, auf denen und der Autor schnell berichtet, wie Edwards Leben verlaufen ist – nämlich ebenfalls seltsam unfokussiert – und nur kurz andeutet, dass Florence, die schon in jungen Jahren eine begnadete Geigerin ist und deren Lebenstraum ein eigenes Quartett ist, sich eben diesen Traum erfüllen wird.
Die Klasse dieses kurzen Romans liegt also weniger in seiner Story oder der Figurenzeichnung, eher in den kleinen Nebensächlichkeiten, den Details und Miniaturen, die McEwan bietet: Der verträumte Sommer in Oxford, die stillstehende Luft des ländlichen Englands, durch die die Schmetterlinge tänzeln; die Picknicks an den Ufern und die Bootsfahrten auf der Themse. Es ist die liebevolle Beschreibung von Edwards Zuhause, wo seine geistig verwirrte Mutter vom Vater umhegt wird, wo Edwards Geschwister vom großen Bruder Gutenachtgeschichten vorgelesen bekommen wollen. Es ist die Genauigkeit der Beobachtung in den Kleinigkeiten des Alltags der verschiedenen Schichten und Klassen – die Kälte, die in Florence´ Elternhaus herrscht, die Stanzen, mit denen die Gespräche beim Essen geführt werden – die literarisch ein England auferstehen lassen, das es so kaum noch geben wird. Ian McEwan beweist hier seine Könnerschaft, während die manchmal ans Pornographische grenzende Genauigkeit der Körperbeobachtung und die daraus erwachsende Krise dieser beiden Menschen, die in den entscheidenden Momenten nicht zueinanderfinden, eher verblasst, aufgesetzt, nicht authentisch wirkt.
Vielleicht hätte McEwan entweder einen seiner großen Romane aus diesem Stoff generieren sollen – vergleichbar mit Werken wie LIEBESWAHN oder ABBITTE – oder er hätte sich auf die wirklich kleine Form, eine Novelle, eine längere Kurzgeschichte konzentrieren können, beides wäre der Geschichte und ihrem Potenzial besser bekommen. So bleibt dieser Roman irgendwo an sich selbst und seinen Ambitionen hängen, denen er dann nicht gerecht wird. Verschenktes Potential, möchte man meinen.