DER HERR DER SIEBEN MEERE/THE SEA HAWK
Michael Curtiz´ gut gealtertes Piraten-Abenteuer
1586 beherrschen die Spanier unter König Philipp II. (Montagu Love) die sieben Weltmeere. Im Grunde beherrschen sie die Welt und wollen nun systematisch die Goldschätze Südamerikas ausbeuten. Doch die Briten – letzte verbliebene Gegner – stören sie immer wieder bei diesem Unterfangen. Die sogenannten Sea Hawks, Freibeuter im Dienste ihrer Majestät, Königin Elizabeth I. (Flora Robson) von England, bringen immer wieder die Schiffe der Spanier auf, kapern sie und erbeuten dadurch immense Schätze. Deshalb erwägen die Spanier, eine gewaltige Flotte, die Armada, zu bauen, um die Briten zur See zu schlagen und möglicherweise sogar eine Invasion der Insel im Norden zu wagen.
Captain Geoffrey Thorpe (Errol Flynn) ist einer dieser Sea Hawks. Er kapert im Ärmelkanal das Schiff des spanischen Gesandten am Hofe Elizabeths. Don José Alvarez (Claude Rains) und seine Entourage, darunter seine Tochter Doña Maria Alvarez (Brenda Marshall), werden gefangen genommen und nach England gebracht, die Mannschaft allerdings soll gut behandelt werden, da Engländer, so Thorpe, keine Sklaven nähmen – ganz im Gegensatz zu den Spaniern, die britische Seeleute an Bord ihrer Galeeren als Rudersklaven einsetzen.
Thorpe verliebt sich schon auf der Reise nach England in seine spanische Gefangene, einmal in England angekommen, wird bald deutlich, dass sie seine Gefühle erwidert. Dennoch muss er sie bald verlassen, denn die Königin gibt ihm – auf sein Drängen hin – den Auftrag, in die Karibik zu segeln und dort erneut spanische Galeeren aufzubringen um das Gold zu erbeuten, das diese an Bord haben.
Weder die Königin noch Thorpe ahnen, dass Lord Wolfingham (Herny Darnell), ein enger Berater der Königin, ein eigenes Spiel spielt: Er hat sich mit Don José Alvarez gemein gemacht, die beiden wollen den Untergang der englischen Monarchie und träumen davon, dass einst der spanische König auch Englands Krone tragen möge.
Mit Hilfe eines Spions erfährt Wolfingham, wohin Thorpes Reise geht und kann die Spanier informieren. Als Thorpe in Panama eintrifft und zunächst einen leichten Fang macht, als er einem spanischen Konvoi auflauert, ahnen er und seine Getreuen bereits, dass dies eine Falle sein könnte. Und so ist es auch: Thorpe und seine Männer werden festgesetzt, nach Spanien gebracht und dort zu lebenslanger Galeerenfron verurteilt.
An Bord der Galeere herrschen raue Sitten, die Männer werden gepeitscht und bei wenig Kost unter Deck gefangen gehalten. Als eines Tages neue englische Sklaven hinzukommen, erfährt Thorpe, dass die spanische Flotte, die Armada, auslaufbereit ist, um gen England zu segeln.
Thorpe plant mit seinen Leuten einen Ausbruch, der schließlich auch gelingt. Die Engländer übernehmen das Schiff und segeln gen Heimat, um Elizabeth I. zu warnen. Thorpe konnte ein Dokument an sich bringen, welches den Bau der Armada beweist. So kann er die Königin schnell überzeugen. Doch bevor er zu Elizabeth vordringen kann, muss Thorpe sich Wolfingham stellen, der seine Pläne durchkreuzt sieht. Thorpe tötet seinen Widersacher in einem Degengefecht, dann erklärt er Elizabeth, was die Spanier vorhaben.
Thorpe und Maria sind wieder vereinigt und beschwören ihre Liebe.
Elizabeth I. schlägt Thorpe in Marias und der Anwesenheit der zwischenzeitlich auf Wolfinghams Bestreben hin inhaftierten Sea Hawks zum Ritter und überträgt ihm erneut das Kommando für ein Schiff. Dann wendet sie sich an ihre Untertanen und die Nation und schwört die Menschen auf den bevorstehenden Krieg gegen die Spanier ein.
Fünf Jahre nachdem Errol Flynn unter der Regie von Michael Curtiz in CAPTAIN BLOOD (1935) zum Star in Hollywood aufgestiegen war, griffen die beiden das Piraten-Thema in ihrer zehnten gemeinsamen Arbeit wieder auf. THE SEA HAWK (1940) erzählte erneut die Geschichte eines Freibeuters, in diesem Fall des fiktiven Captain Geoffrey Thorpe, der jedoch erkennbar an die historische Figur des Sir Francis Drake angelehnt war. Wie Drake ist auch Thorpe ein Freibeuter im Dienste ihrer Majestät, Königin Elizabeth I. von England. Auch die Reisen, die Thorpe im Film unternimmt – Kaperfahrten in die Karibik, um die Spanier zu schädigen, die hier als Herren der Welt dargestellt werden, ein Propagandazweck, wie noch zu beweisen sein wird – sind lose an Drakes Fahrten angelehnt; die Gefangennahme durch einen Hinterhalt der Spanier, der Frondienst als Galeerensklave und die ruhmreiche Rückkehr nach England mit der Warnung, dass die Armada auslaufbereit sei, sind hingegen der Dramaturgie eines Hollywoodfilms geschuldet.
Das Drehbuch von Howard Koch und Seton I. Miller geht über das reine Abenteuervergnügen, das CAPTAIN BLOOD noch war, hinaus und bietet eine erstaunlich sichere und souveräne Mischung aus Abenteuerfilm, Seeabenteuer, Melodrama und komödiantischen Anteilen. Die Frauenrollen sind anders als in anderen Piratenfilmen ausgefeilter, weniger plump. Thorpes Angebetete, eine von Brenda Marshall gespielte spanische Hofdame namens Doña Maria Alvarez, darf hier wesentliche Aufgaben übernehmen, darunter die Rettung des Helden vor ihrem eigenen Onkel und dessen Schergen. Dieser Don José Alvarez wird von einem gut aufgelegten und immer mit einem bösen Seitenblick verschlagen den englischen Hof ausspähenden Claude Rains gegeben. Besonders gelungen aber ist hier die Figur der Königin. Flora Robson spielt Elizabeth I. sichtlich vergnügt an einem wirklich guten Script, welches der Monarchin eine ganze Reihe herrlicher Einzeiler in den Mund legt und ihr vor allem erstaunlich viel Leinwandzeit beschert. Nominell eine Nebenrolle, ist diese Rolle doch eine sehr ausgeprägte und wesentliche dieses Films. So gibt es hier – vor allem in der vollständigen Originalfassung – ausgeprägte Dialogpassagen, die sich die Königin mit Thorpe, aber auch mit Doña Maria und vor allem mit dem sinistren und von Henry Daniell, der auf solche Rollen abonniert war, entsprechend sinister gespielten Lord Wolfingham sowie ihrem Hofstaat liefert.
Doch in erster Linie ist THE SEA HAWK ein Abenteuerfilm und weiß, was er seinem Publikum schuldig ist. So bietet der Film einige hervorragende Schlachten zur See, vor allem die erste im Film dargestellte, als Thorpe und seine Mannen das Schiff von Don José Alvarez aufbringen, der einen Posten als Gesandter am englischen Hof antreten soll, ist atemberaubend. Für die mit fast 2 Millionen Dollar extrem gut budgetierte und damit als Prestige-Projekt ausgezeichnete Produktion wurden zwei originalgetreue Schiffe nachgebaut. Das ausführende Studio Warner Bros. ließ extra ein Wasserbecken auf seinem Studiogelände in Burbank errichten, in welchem die Schiffe auf Schienen geführt und mit Kränen in Bewegung versetzt werden konnten. Dadurch entstand ein sehr authentischer, realistischer Eindruck der sich im Wellengang wiegenden Schiffe, die zunächst umeinanderkreisen, bis sie aneinander andocken und es zum Kapern kommt.
Kameramann Sol Polito, der bereits mehrfach mit Curtiz zusammengearbeitet hatte, bot gewagte und ungewöhnliche Kameraeinstellungen, die das Geschehen an Deck bspw. aus hoher Vogelperspektive zeigen, was einerseits zur Übersichtlichkeit beiträgt, zugleich aber auch das enorme Gewusel an Deck – gerade während eines Kampfes – hervorhebt. Ein erstaunlicher, scheinbar sich selbst widersprechender Effekt. Politos Kamera ist ungemein beweglich, gleitet über die Decks, erforscht die Größe der Schiffe, fährt ihre Rümpfe entlang, nutzt die Flächen, nutzt aber auch die Tiefe, die die Arbeiten der Seeleute an Bord bieten. Im Rumpf der Galeere, auf der Kapitän Thorpe und seine Männer Sklavenfron leisten müssen, ist die Enge zu empfinden. Und auch hier nutzt die Kamera den ganzen Raum, der ihr zur Verfügung steht.
Doch bei aller technischen Könnerschaft, bei aller Imposanz der Bauten, auch THE SEA HAWK lebt, wie alle Hollywood-Filme, von den Figuren und der Kunst der Schauspieler, die sie verkörpern. Mindestens der Hauptdarsteller sollte überzeugen. Und so ist es auch: Errol Flynn darf sein ganzes Können als Gentleman ausspielen, wobei es ihm, wie meist in seinen guten Rollen, gelingt, seinem Agieren eine ebenso charmante wie ironische Note zu verleihen, wodurch das Geschehen ein wenig gebrochen wird, weniger ernst wirkt. Das kommt dem Film zugute. Flynn ist aber immer in der Lage, im richtigen Moment umzuschalten und seiner Figur den dann nötigen Ernst zu geben und, wenn nötig, auch das notwendige Pathos beizumischen. So wird die Dringlichkeit, weshalb die gefangenen Männer sich schließlich aus der Knechtschaft an Bord der spanischen Galeere befreien müssen ebenso glaubwürdig, wie zuvor der Befehl überzeugte, die gefangenen Spanier eben nicht zu Sklaven zu machen, Engländer täten sowas nicht. Dies übrigens in klarer Abgrenzung zum realen Francis Drake, der zwar selbst nicht am Sklavenhandel partizipierte, dem seiner Kumpel und Freunde aber durchaus Vorschub leistete.
Doch historische Genauigkeit war nie Hollywoods Stärke und im Grunde auch nie gewollt. Filme sind Traumfänger, Traumverkäufer. Sie entführen uns für zwei Stunden in eine Fantasiewelt, bieten uns aufregende und spannende Geschichten, große Lieben, Entsetzen, Tod und Auferstehung, meist ein Happyend und schließlich entlassen sie uns mit dem Gefühl, die wirkliche Welt eine Weile vergessen zu haben. Zumindest Hollywood-Filme der klassischen Ära waren so konzipiert. Nebenbei konnten sie natürlich auch subtilen Zwecken dienen. So beginnt THE SEA HAWK am Hofe des spanischen Königs, der vor einer Karte der seinerzeit bekannten Welt – wir schreiben das Jahr 1586 – darüber sinniert, dass ihm und damit Spanien praktisch die gesamte Welt gehöre – bis auf jene Gebiete, in denen die Briten Widerstand leisteten.
Im Jahr 1940 lag die Analogie zum damals noch auf Europa begrenzten Krieg mehr als nah. Hitler hatte mit seinen Blitzkriegen quasi ganz West- und große Teile des östlichen Europas eingenommen und lediglich die Briten lieferten eisernen Widerstand. Churchill hielt im Frühjahr und Sommer 1940 seine berühmten Ansprachen an die Nation (Blood, Toil, Tears and Sweat; We Shall Never Surrender; This was Their Finest Hour; Never was so Much Owed by so Many to so Few), die ebenso an Deutschland und auch die USA gerichtet waren – an die einen, um zu verdeutlichen, dass man sich ihnen nicht beugen werde, an die anderen, damit diese sich endlich bequemten, zur Hilfe zu kommen. Warner Bros. war das eine Studio in Hollywood, welches sich frühzeitig politisch positioniert hatte, als die meisten anderen noch strickt die Neutralität einhielten, die sich die USA scheinbar auferlegt hatten. Warner hatten sich schon – auch auf die Gefahr hin, finanzielle Einbuße hinnehmen zu müssen – frühzeitig gegen die Nazis in Stellung gebracht und immer wieder auf die drohende Gefahr hingewiesen, die von diesen ausging. So kann es nicht verwundern, dass Koch und Miller der Königin für die Schlussszene des Films, nachdem Thorpe zum Ritter geschlagen und mit einem neuen Kommando ausgestattet wurde, um die Armada aufzuhalten, eine mitreißende und Churchills Reden kaum nachstehende Ansprache in den Mund legten. Elizabeth I. im Film fordert von ihren Untergebenen so ziemlich genau das, was Churchill von den Briten im Widerstand gegen Hitler-Deutschland einforderte: Blut, Schweiß und Tränen und den Kampf bis zum Äußersten, um die drohende Gefahr zu besiegen. So ist diesem Film auch fast überdeutlich die Propaganda eingeschrieben.
Doch ist THE SEA HAWK – darin CAPTAIN BLOOD nicht unähnlich – vom heutigen Standpunkt aus betrachtet vor allem hervorragend gealtert. Nach wie vor macht der Film Spaß, macht es Spaß, den Seeschlachten zuzuschauen, dem Geplänkel zwischen Flynn und Brenda Marshall, zwischen der Königin und ihrer Entourage zu lauschen, nach wie vor begeistert die Action ebenso wie der Humor und natürlich fühlt man mit Doña Maria Alvarez, wenn Geoffrey Thorpe an Bord seines Schiffes im Nebel des Ärmelkanals entschwindet und sie, sich ihrer Liebe zum edlen Helden längst bewusst, an den kalten Gestaden Englands zurückbleibt.
So ist dies ein prächtiges Beispiel dafür, was Hollywood in seinen goldenen Jahren zu leisten im Stande war. Wie perfekt es die Mischung aus Action, Humor, Romantik und Schauspiel-Kino beherrschte, was für ökonomisch brillante Drehbücher hier entstanden, Drehbücher, die das Publikum unmittelbar ins Geschehen hinein zu ziehen vermochten, Konfliktlinien aufzubauen und über zwei Stunden Laufzeit zu verfolgen wussten. Heute könnte man solche Filme natürlich nicht mehr drehen – bestenfalls als Parodie, man denke an die PIRATES OF THE CARIBBEAN-Serie mit Johnny Depp (ab 2003) – aber man darf durchaus schwelgen in den alten Schinken, wohl wissend, dass sie sich selbst nicht allzu ernst nahmen. Ein Fakt, der sicher dazu beiträgt, dass sie nach wie vor gut funktionieren.