MEINE SCHWESTER, DIE SERIENMÖRDERIN/MY SISTER, THE SERIAL KILLER

Ein starkes Stück nigerianischer Literatur

Das alte Spiel: Zwei Schwestern, die eine schön, egoistisch und skrupellos, die andere weniger schön, vielleicht schon hässlich, dafür aber verantwortungsbewußt, fleißig und treu. Und hat die kleine, schöne Schwester ein Problem, kommt die weniger schöne ältere Schwester zur Hilfe. In jeder Lebenslage.

So in etwa kann man die Aufteilung zwischen der schönen Ayoola und der eher braven Korede beschreiben. Nur ist es nicht so, daß Ayoola die für kleinere Schwestern üblichen Schwierigkeiten hat, vielleicht mal Hilfe braucht, wenn es etwas zu verheimlichen gilt (obwohl auch das) oder eine Ausrede, wenn sie den Eltern gegenüber ein Geheimnis hat und Deckung braucht. Nein, wenn Ayoola ruft, weiß Korede, daß es eine Leiche wegzuräumen gilt. Denn Ayoola, die so Begehrte, neigt dazu, die Männer, die sie langweilen, umzubringen. Und Ayoola ist, was Männer angeht, schnell gelangweilt.

Das ist die Ausgangssituation in Oyinkan Braithwaites Roman MEINE SCHWESTER, DIE SERIENMÖRDERIN (2020; Original: MY SISTER, THE SERIAL KILLER; erschienen, 2018). Und wie das Cover – das comichafte Portrait einer wunderschönen Frau, die ihre Augen hinter den großen, dunklen Gläsern einer Sonnenbrille verbirgt – verleitet auch die Inhaltsangabe dazu, den kurzen Roman schnell in eine Schublade einzuordnen, in die er nicht passt, bzw. deren Beengung er schnell sprengt. Denn die in einem lakonischen, fast beiläufigen Ton erzählte Geschichte entpuppt sich schnell als abgründig. Ist man versucht, das Ganze als bitterböse Farce oder sarkastischen Witz zu begreifen, wird man von der Autorin in den knappen Kapiteln schnell eines Besseren belehrt. Korede erzählt uns die Geschichte aus ihrer Perspektive. Und es ist keineswegs eine allzu erfreuliche Perspektive, die sich da vor dem Leser auftut.

Korede ist kein graues Entlein, sie ist eine selbstbewußte Frau, die kurz vor der Beförderung im Krankenhaus steht, wo sie als Schwester arbeitet. Sie macht ihren Job gut, sie ist eine Autoritätsperson unter den Kollegen und der Arzt Tade, den sie heimlich verehrt, weil er ein freundlicher Mann ist, scheint ihr zugetan. Freundliche Männer hat Korede in ihrem Leben nicht allzu viele erlebt. Mehrfach werden Kapitel mit der Überschrift VATER eingeschoben, die mit unvermittelten Rückblicken einen Erklärungsansatz für das Verhalten der ungleichen Schwestern bieten. Denn dieser Vater war zwar ein angesehener Mann in Nigeria, in Lagos, wo die Handlung spielt, in seinen vier Wänden aber war er ein Tyrann, der die Mutter schlug, sich an den Kindern verging und schließlich eines unnatürlichen Todes starb. Eines Todes, an dem wiederum Korede nicht ganz unschuldig war. Sie ist die Hüterin der Familie, ganz besonders ihrer Schwester. Und als Hüterin trägt sie Verantwortung.

Es ist beeindruckend, wie es Braithwaite gelingt, mit wenigen Andeutungen, eher schnell hingeworfenen Strichen, skizzenhaft, diese beiden Frauen – und deren Mutter – zu portraitieren, ihnen Charakterzüge zu verpassen und sie so zu beschreiben, daß Leser schnell einen Eindruck erhalten, mit wem sie es da zu tun haben. Ayoola zum Beispiel ist ein Biest. Wenn auch ein freundliches, meist liebenswertes. Sie lebt in den Tag hinein, verdient ihr Geld mit Modekollektionen, die sie selber entwirft und auf ihrem Youtube-Kanal vorstellt und vertreibt, sie ist hemmungslos und ohne jedes Verantwortungsgefühl. Von klein auf verwöhnt, ist sie es gewohnt, ihren Willen zu bekommen und egozentrisch zu handeln, ohne dieses Handeln je in Frage zu stellen. Will sie einen verheirateten Mann, dann nimmt sie sich ihn und taucht auch schon mal für eine Weile ab, um Urlaub zu machen. Daß niemand weiß, wo sie ist, stört sie nicht – bis sie wieder Hilfe braucht und Korede anruft, die treu kommt und ihr beisteht, die Folgen ihres Handelns abzumildern, die Beweise ihres Tuns zu beseitigen.

So entsteht, ohne daß der Leser es wirklich merkt, das nüchterne Portrait einer dysfunktionalen Familie der nigerianischen Mittel- bis Oberschicht, in der die schöne kleine Schwester immer eine gewisse Vorzugsbehandlung erhielt, weil es vor allem wichtig erscheint, sie mit dem richtigen Mann zu verheiraten. Gefährlich wird das alles ab dem Moment, in dem Ayoola beginnt, ihre Schwester aus Langeweile im Krankenhaus zu besuchen, dabei zwangsläufig auf Tade stößt, der ihr sofort verfällt und Korede plötzlich in einem fürchterlichen Gewissenskonflikt ist: Schützt sie den Mann, den sie heimlich liebt? Lässt sie ihre Schwester auffliegen? Oder stellt sie sich einmal mehr hinter sie und deckt ihre Taten? Aber die in ihrem Wesen an sich schon kritische Korede wird zusehends von Zweifeln auch an ihrem eigenen Handeln befallen.

Der ursprüngliche Titel des Romans lautete THICKER THAN WATER, unter dem er zunächst als E-Book (2017) veröffentlicht wurde. Dicker als Wasser ist das Blut in unseren Adern, das uns mit unseren Nächsten verbindet. So sagt es zumindest das Sprichwort. Dann mag es erst recht gelten, wenn man in einer weiblichen Gemeinschaft steckt, einer familiären, in einer Gesellschaft, die patriarchal geprägt ist, eine Gesellschaft, in welcher Männer glauben, über Frauen verfügen zu dürfen.

Braithwaites Buch wurde gern ein feministischer Touch nachgesagt und vielleicht stimmt das sogar. Die VATER-Kapitel deuten die Haltung an. Hier hat sich eine Frau gegen häusliche Gewalt gewehrt, die in der Gesellschaft, in der sie aufwuchs, nahezu alltäglich scheint. Daß Gewalt Gegengewalt hervorruft, ist eine Binsenweisheit. Braithwaite vermittelt aber, wie diese Gewalt sich strukturell entwickelt, wie sie auch die ursprünglichen Opfer, die schließlich Täter werden, befällt, sie infiziert. Ayoolas völlig indifferenter, moralbefreiter und eher emotionsloser Umgang mit dem Leben anderer, deutet genau diese psychische, emotionale Deformation an.

So wird aus der vermeintlich ironischen Geschichte bald ein eher tiefgründiger Bericht aus der Familien- und Kindheitshölle. Und das Lachen, das bei dieser Lektüre eh nie sehr laut war, bleibt einem im Halse stecken. Braithwaites eigentliches Verdienst ist es, dies alles ohne erhobenen Zeigefinger, nicht im Stil eines Moralstücks, an ihr Publikum zu bringen, sondern in Form eines manchmal schon fast gleichmütigen Tagebuchberichts. So ist ein episodenhaftes Buch entstanden, dessen rote Fäden eher im Hintergrund, untergründig verlaufen, nicht in einer kohärenten, an Spannungsaufbau interessierten Handlung oder einem dramatischen Spannungsbogen.

Es ist gut, daß nach und nach eine neue, junge afrikanische Literatur auch in Europa, dem sogenannten „Westen“ Verbreitung findet. Es ist gut, daß man Einblicke in eine Kultur gewinnt, die einerseits ganz anders und doch auch seltsam vertraut ist. Und es ist gut, daß diese Literatur mit so manchem Stereotyp, so manchem Klischee über Afrika aufräumt, das sich in so manchem europäischen Gehirn festgesetzt hat. Am allerbesten aber ist es, daß sich hier eine Literatur zeigt, die kraftvoll, dynamisch, überzeugend ist und dabei eigene Wege geht.

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