DIE KAKERLAKE/THE COCKROACH

Ian McEwan reagiert allzu wütend auf den Brexit

Ob Wut ein guter Ratgeber ist? Eine schwierige Frage, die gern mal so, mal so beantwortet wird. Wut kann das Feuer schüren, welches es braucht, um die Autorität zu entwickeln, einen Missstand oder eine Ungerechtigkeit glaubwürdig anzuprangern. Wut kann aber auch dazu führen, dass die eigene Argumentation unsauber wird, weil man zu emotional ist, nicht klar genug im Kopf, um den Gegner auszustechen.

Was mag Ian McEwan getrieben haben, als er seine Novelle DIE KAKERLAKE (THE COCKROACH, Original erschienen 2019; Dt.2019) schrieb? Die Lektüre des Vorworts lässt einen ahnen, welch eine Wut ob der Entscheidung, die Europäische Union zu verlassen, im Autor von Bestsellern wie SATURDAY oder ABBITTE gelodert haben muss. Wut über die Dummheit seiner Mitbürger, einem Projekt wie dem Brexit zugestimmt zu haben. Eine Idee, die am 31. Januar 2020 um 23 Uhr in die Wirklichkeit umgesetzt wurde und deren teils verheerende Folgen seither zu bestaunen sind. Ein Projekt, dessen Folgen für viele, die klar denken und die über den eigenen Tellerrand hinausschauen können, lange schon absehbar waren. Man kann der EU alles Schlechte unterstellen und andichten, man kann das europäische Projekt für vieles kritisieren, man kann für einschneidende und tiefgreifende Reformen plädieren – sich für die Rückkehr in die europäische Nationalstaatlichkeit auszusprechen, kündet jedoch von historischer Blindheit und einem gewissen Defätismus in Hinblick auf die Zeitläufte. Ein „Europa der Vaterländer“, das lediglich, zu den Grenzen der alten EWG zurückkehrend, eine Wirtschaftsgemeinschaft darstellt, ist ein verlorener Kontinent in der Kakophonie einer von Figuren wie Wladimir Putin oder Donald Trump geprägten Welt. Einer Welt, die die Theorie eines Carl Schmitt über Großmächte und ihre Räume und Einflusszonen präferiert.

Um genau solchen Ideen und Theorien zu widersprechen, mag Ian McEwan sein kleines Werk dem großen Europäer Timothy Garton Ash gewidmet haben. Ein Historiker und Publizist, der immer leidenschaftlich für ein geeintes Europa eingetreten ist, der die Schwächen der Konstruktion immer klar definiert und auch kritisiert hat, der aber auch immer den Vorteil begriffen hat, den diese EU bedeutete – nicht zuletzt eine Friedensphase, so lang, wie Europa sie in seiner wechselhaften Geschichte noch nie erlebt hatte.

Doch macht dieser Verweis auf Garton Ash das Buch leider nicht zu einem guten. Dies ist offenkundig ein Schnellschuss und um die eingangs gestellte Frage zu beantworten: Nein, so gesehen, so gelesen, ist Wut kein guter Berater. Schon gar nicht, wenn man gute Literatur erschaffen will. Sicher, das Vorwort verweist auch darauf, dass dies eben kein Roman ist, sondern ein Stück gewollt bösartiger Satire, die andere Qualitäten erfordert. Aber das hier  wirkt vor allem zusammengestoppelt, die Bilder und Metaphern meist einfach nur schräg, und geht man in die Tiefe, kommen einem gar ungute Assoziationen in den Sinn. Denn hier werden letztlich Menschen – denn ob man die Damen und Herren, die den Brexit vorangetrieben haben nun mag oder nicht, es waren Menschen – mit Ungeziefer gleichgesetzt, was gerade in deutschen Leser*innen höchst gemischte Gefühle hervorrufen dürfte. Doch eins nach dem andern.

Worum geht es eigentlich?

An einem Morgen erwacht der britische Premierminister Jim Sams in seiner herkömmlichen Gestalt, doch schnell wird klar, dass dieser Körper, der politische Körper, von einem anderen Wesen übernommen wurde – nämlich einer Kakerlake, die sich des nächtens dieses Körpers bemächtigt hat. Und dies keinesfalls zufällig, im Gegenteil. Bei der anstehenden Regierungssitzung wird deutlich, dass, bis auf den Außenminister, auch alle anderen Kabinettsmitglieder unter der Kontrolle von Abgeordneten eines Milliardenvolkes stehen, das beschlossen hat, den eigenen Lebensraum nicht nur zu sichern, sondern sogar zum eigenen Vorteil auszuweiten. Denn auf den letzten Seiten des Texts wird deutlich, dass der Kakerlake, die nachweislich seit Millionen von Jahren unfassbare Anpassungsleistungen vollbracht hat, eine Welt, die klimatisch erhitzt, von Müll vergiftet, ja, sogar eine atomar verseuchte Welt doch recht gelegen käme, die Anwesenheit der menschlichen Spezies hingegen stört. Insofern ist der Auftrag, den die Missionare in Menschengestalt – eine vollkommen abstruse Idee durchzusetzen, die dem Land, das sie verwirklicht, massiv schadet, was wiederum andere Länder ansteckt und schließlich zum Untergang der Menschheit führt – in höchstem Maße nachvollziehbar. Diese Idee, derer das Völkchen der Kakerlaken sich bedient, nennt sich „Reversalismus“.

Der „Reversalismus“ meint, dass die Geldströme umgedreht werden: Wer arbeitet, bezahlt dafür; Mieter werden von ihren Vermietern ausgezahlt; wer einkauft, bekommt an der Kasse die Summe ausgezahlt, die seine Einkäufe kosten usw. So soll angeblich die Wirtschaft angekurbelt und die Finanzlage des Landes gesichert werden. So zumindest das Versprechen derer, die den „Reversalismus“ feiern, laut des Texts vor allem Ultrarechte. In einem Referendum wurde in der Bevölkerung für diese Idee und ihre Umsetzung gestimmt, was die Regierung in Schwierigkeiten brachte. Millionen von Kakerlaken, die in Westminster hinter den Wandvertäfelungen leben und den Diskussionen zu dem Referendum und seinem Ergebnis beigewohnt habe, haben darin ihre große Chance erblickt und wollen nun für die Umsetzung sorgen. Da im Weißen Haus in Washington mit Präsident Tupper ein Mann sitzt, der schrägen bis widersinnigen Ideen gegenüber höchst aufgeschlossen ist, findet der fremdgesteuerte britische Premier bald einen Weggefährten, der bereit ist, das gewagte Programm auch auf die USA anzuwenden. Das Schicksal nimmt seinen Lauf.

McEwan erklärt in seinem Vorwort, dass der Rückgriff auf ein Insekt, einen Käfer, eine Kakerlake, natürlich – der Name Jim Sams ist ein fast überdeutlicher Hinweis – eine Verneigung vor Franz Kafkas Jahrhunderttext DIE VERWANDLUNG sei. Nur, dass sich hier eben nicht ein Mensch in ein riesenhaftes Insekt verwandelt, sondern ein Insekt, gewollt, im Körper eines Menschen wiederfindet. Desweiteren erklärt McEwan, dass er aber eher eine bitterböse Satire im Sinn gehabt habe, weshalb er sich bald Jonathan Swift und dessen Text EIN BESCHEIDENER VORSCHLAG (A MODEST PROPOSAL, erschienen 1729) zugewandt habe. Swift schlug hier vor, Neugeborene zu kochen und zu essen, um der Hungersnot in Irland etwas entgegenzusetzen. Darüber hinaus könne man dieses Modell aber auch als Export betreiben und Profit daraus schlagen, was allen Beteiligten von Nutzen sei. Der Text löste seinerzeit Empörung aus, wie man sich vorstellen kann, doch entgegnete der irische Satiriker, dass seine Idee auch nicht grausiger sei, als die englische Herrschaft über Irland. Es ging McEwan allerdings vor allem darum, die Idee eines Projekts zu entwerfen, welches vollkommen unsinnig und in sich widersprüchlich ist, welches den Menschen jedoch durch Lügen, Versprechen und Scheinargumente schmackhaft gemacht worden sei. Ob der „Reversalimus“ ein dem Brexit ähnlicher Unsinn sei, stellt McEwan in seinem Vorwort allerdings in Frage, sei der Brexit an Unsinnigkeit doch kaum zu übertreffen.

Das mag sein, wer sich ein wenig in Großbritannien auskennt, wer das Land und seine Bewohner ein wenig studiert hat, weiß, dass die meisten mittlerweile bitter bereuen, was sie da – nicht mal mit einer überzeugenden Mehrheit – angerichtet haben. Ein Drittel derer, die für den Brexit gestimmt haben, weilen bereits nicht mehr unter uns, was der Sache einen zusätzlichen Hautgout gibt. Denn während die Jungen in der Annahme, ihre Stimme sei nicht wichtig, da die Mehrheit so oder so dagegen stimmen werde und zudem die Regierung nicht an den Ausgang des Referendums gebunden sei, nicht zur Wahl gingen, wählten vor allem viele Alte, die sich nach einem „Rule Britannia!“ zurücksehnten, das es so schon 60 Jahre oder mehr nicht mehr gibt, für den Ausstieg aus der EU, der sie sowieso immer schon skeptisch gegenübergestanden hatten. McEwan weißt explizit daraufhin, dass es im Vereinigten Königreich jede Menge Missstände gebe, allerdings seien für die wenigsten davon die Vorgaben aus Brüssel verantwortlich. Das aber scheinen eine Menge seiner Landsleute – ähnlich, wie es ja auch hierzulande immer mehr EU-Skeptiker gibt – wohl anders zu sehen. Manchmal muss man auf die heiße Herdplatte greifen, um zu kapieren, was das bedeutet. Diese Erfahrung machen die Briten nun gerade.

McEwan nutzt seine Vorgabe aber nicht nur, um den Brexit zu desavouieren, sondern auch, um einige typische – und vor allem typisch britische – politischen Verhaltensweisen aufs Korn zu nehmen. Wenn die Regierung innenpolitische Probleme bekommt, wird ein außenpolitischer Konflikt geschürt. Man kennt es spätestens seit dem Falkland-Krieg, der einer in arge Bedrängnis geratenen Maggie Thatcher eine landesweite patriotische Aufwallung und damit steigende Umfragewerte bescherte. Von dem Archipel im Südatlantik dürften die meisten Briten bis 1982 kaum etwas gehört haben, erst recht nicht, dass die Inseln tatsächlich Teil des britischen Staatsgebiets seien. Im Roman ist es ein Zwischenfall vor der bretonischen Küste, bei der ein französisches Kriegsschiff einen Trawler versenkt, wobei einige britische Fischer ums Leben kommen. Der von der Kakerlake gesteuerte Premier Sams nutzt dies ebenfalls für eine nationale Aufwallung, bis sich einwandfrei herausstellt, dass es sich um einen Unfall gehandelt hat. Ab da beschimpft er die Franzosen, weshalb es ihnen nicht früher gelungen sei, für Aufklärung zu sorgen? Anhand des Umgangs mit dem sich widersetzenden Außenminister wiederum kann McEwan aufzeigen, wie gnadenlos die britische Politik – mit der Hilfe der Presse, das sei nicht verschwiegen und wird auch im Roman deutlich herausgestellt – mit ihresgleichen umgeht, wenn sie sich Vorteile davon verspricht. Schmutzkampagnen, Verleumdungen, Falschbehauptungen – alle Mittel sind recht. Und auch außer Kontrolle geratene Konsequenzen, wie in diesem Roman, werden fahrlässig in Kauf genommen, mit einem Schulterzucken abgetan. Kollateralschäden.

Wenn die Mission schließlich erfüllt ist und die Insekten wieder in ihre alte Heimat, die Zwischenräume der Wände von Westminster zurückkehren, wird noch einmal deutlich, wie sehr Kakerlaken eben eine Welt aus Schmutz lieben, auch wenn sie sie so nicht wahrnehmen. Schon der Weg in die Downing Street, der zu Beginn des Romans von der den Premier besetzenden Kakerlake erinnert wird, ist gesäumt von Kothaufen und Abfällen, die zwar Leckerbissen darstellen, den Missionar aber nicht von seiner Mission abhalten dürfen. Wenn die Kakerlaken nun also zurückkehren – mission accomplished – dann wissen die Leser*innen, dass ihnen, also den Leser*innen, nichts Gutes mehr blüht. Überwältigt von Wesen, die im Dunkeln leben und sich von Kot ernähren. Sich daran geradezu delektieren – und die den einen von ihnen, den ein Bus zerquetscht hat, in großer Vorfreude auf die anstehende Schlemmerei mit sich nehmen, ein jeder ein Beinchen tragend, da gerade das aus unter dem Panzer Hervorquellende als Delikatesse betrachtet wird. So schaut´s aus.

Nun stellt sich am Ende dieses Texts eben doch auch die Frage, ob dieses Bild, die ganze Metapher, nicht doch arg schief geraten ist? Sind Boris Johnson oder Nigel Farage, um nur die beiden wesentlichen Treiber im Brexit-Prozess zu nennen, Kakerlaken? Ist die Herabstufung von menschlichen Wesen auf das Niveau von, mit Verlaub, Ungeziefer eine angängige Methode? Bei aller Wut – geht das dann nicht doch zu weit? Sollte hier nicht Michelle Obamas Credo „When they go low, we go high!“ gelten? Vielleicht hätte man diese Leute als Außerirdische darstellen sollen, die noch ganz andere Pläne verfolgen? Dann hätte es vielleicht gar nicht einer Idee wie des „Reversalismus“ gebraucht, der nicht wirklich einem Vergleich zum Brexit standhält. Dass da eine bestimmte Klasse, vielleicht eher eine Schicht, sich gnadenlos, Skrupellos und zynisch am Staatswesen vergeht, um sich zu bereichern, das liegt auf der Hand. Gleiches ist in Amerika zu beobachten, wo die Korruption nicht einmal mehr heimlich geschieht, sondern tatsächlich als allgemeingültiges staatliches Handeln ausgelebt wird. Doch ist die Idee des „Reversalismus“ so widersinnig, dass es schwer scheint, sie überhaupt einem denkenden Wesen zu vermitteln. Man vergisst leicht, welch ebenso dreister wie ausgeklügelter Lügen sich Johnson und mehr noch Farage bedienten. Sicher, man kann den Kopf schütteln über die Dummheiten vieler, die dem folgten, aber es sieht nie gut aus, wenn man einer ganzen Bevölkerung einfach nur den „Blöd“-Stempel aufdrückt, nicht zuletzt, weil sich schnell ein Gefühl einstellt, dass sie es dann auch nicht besser verdient hat.

DIE KAKERLAKE ist ein schmales Bändchen, schnell geschrieben in direkter Reaktion auf eine politische Dummheit, die in ihren Konsequenzen zwar absehbar war, vor allem aber schnell erfahrbar für all jene, die an diese Idee geglaubt haben, glauben wollten. Man sollte Ian McEwan also zugutehalten, dass er mit seinen Mitteln auf die eigene Hilflosigkeit reagiert hat. Es ist nicht sein bester Text, wahrscheinlich wusste er das von vornherein. Leider ist er aber unter dem Niveau eines Autors geblieben, der schon häufig bewiesen hat, wie feinsinnig er die literarische Klinge zu schwingen versteht.

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