STADT DER HUNDE/STAD VAN DER HONDEN
Nach fast einer Dekade tritt Leon de Winter wieder als Schriftsteller in Erscheinung - man hätte sich Besseres gewünscht
Es ist einige Zeit her, dass der niederländische Bestseller-Autor Leon de Winter in seiner ureigenen Domäne, nämlich als Romanautor, in Erscheinung getreten ist. Nach GERONIMO (2015) machte er sich eher als politischer Kommentator bemerkbar, verteidigte vehement Israels Recht auf Selbstverteidigung und vertrat gelegentlich ausgesprochen konservative Positionen hinsichtlich der europäischen Migrationspolitik. Nun aber ist sein letzter Roman, STADT DER HUNDE (STAD VAN DER HONDEN, Original erschienen 2023; Dt.2025), auf Deutsch erschienen. Und wer das Wirken dieses Ausnahmeschriftstellers seit Jahrzehnten verfolgt, freut sich auf eine neue Veröffentlichung.
Auch diesmal also wieder ein für de Winter so typischer Charakter: Einer dieser jüdischen Männer, die im Grunde wenig mit ihrer Religion am Hut haben, die meist in gehobenen oder aber kreativen Berufen arbeiten und recht erfolgreich sind, die das gute Leben zu genießen verstehen und die dann durch meist außergewöhnliche Umstände gezwungen werden, ihr Leben, das Leben generell, die Welt, die sie bewohnen, und vor allem sich selbst mit anderen Augen zu betrachten. Hier ist es der Hirnchirurg Jaap Hollander, einer der weltweit besten seines Fachs, wenn nicht gar der allerbeste, der Jahr für Jahr nach Tel Aviv reist und von dort nach Mitzpe Ramon in der Wüste Negev, wo vor nunmehr zehn Jahren seine Tochter verschwand. Hier gedenkt er ihrer, an deren Tod er nicht glauben mag. Doch dieses Jahr ist alles anders. Mittlerweile im Ruhestand, sieht Hollander sich mit einer außergewöhnlichen Bitte konfrontiert: Er soll die Tochter des saudischen Herrschers operieren, die an einem ausgesprochen seltenen Aneurysma leidet. Doch ihr Vater hat sie als seine Nachfolgerin vorgesehen, die die in der islamischen Welt nötigen Reformen einläuten und darüber hinaus einen dauerhaften Frieden in der Region garantieren soll. Der israelische Ministerpräsident höchstselbst schaltet sich ein und bittet Hollander inständig, die Operation zu wagen, die im Grunde undurchführbar ist.
De Winter führt diesen Jaap Hollander – und mit ihm seine Leser*innen – durch ein wildes Geflecht von persönlichen Beziehungen, politischen Verwicklungen und gefährlichen Fallstricken. Dabei lässt er seinen Helden – einen nicht unbedingt sympathischen älteren Herren, wohl bewusst als Prototyp des momentan allseits unbeliebten „alten weißen Mannes“ angelegt – über sich und sein Leben sinnieren und reflektieren und dabei zu der einen oder anderen Erkenntnis hinsichtlich der Fehler gelangen, die er begangen hat. Dass er seine Frau im Grunde die gesamte Ehe hindurch betrogen hat, war Hollander natürlich immer klar, dass er sich bei diesen Seitensprüngen, die fast allesamt in dem Krankenhaus stattfanden, in welchem er als eine Koryphäe seines Fachs seine berufliche Karriere durchlebte, zumeist nicht sonderlich vorteilhaft gegenüber den ihm unterstellten Ärztinnen, Krankenschwestern und Pflegerinnen benahm, die er reihenwiese verführte, und zudem immer der Meinung gewesen ist, dass ihm zustünde, was er sich nahm, dämmert ihm nun nach und nach. Dass ihm die Operation gelingt, erfüllt ihn hingegen durchaus mit Stolz, beweist sie doch, dass er es immer noch kann; doch erstmals empfindet er auch Demut, denn er beginnt zu ahnen, dass er, wie auch in diesem Fall, oftmals wohl einfach nur Glück im Leben hatte.
Er bleibt zunächst in Israel, um den Heilungsprozess seiner Patientin zu verfolgen, doch dann erlaubt er sich einen tatsächlichen Fehltritt – er ist in die Hinterlassenschaft der von ihm bereits bemerkten zahlreichen Hunde, die Tel Aviv bevölkern, getreten, was zu einem wortwörtlichen Ausrutscher führt – und muss selbst am Kopf operiert werden. Nun also haben sich die Verhältnisse radikal verschoben: Der eben noch gottgleiche Neurologe und Hirnchirurg ist plötzlich Patient und abhängig vom Können und Dafürhalten seiner Kollegen. Doch damit nicht genug: Offenbar hat die Operation etwas mit ihm gemacht, etwas in seinem Kopf ver-rückt, denn nun hört er die Stimme eines Hundes, der ihm bereits mehrfach begegnet ist bei seinen Ausflügen in die Wüste, und der ihm offenbar bis in die Stadt gefolgt ist und nun behauptet, er sei in der Lage, eine Verbindung mit Jaaps toter Tochter herzustellen.
Spätestens an dieser Stelle beginnt der Roman zu langweilen. Denn es drängt sich der Eindruck auf, dass de Winter nicht wirklich etwas einfallen wollte, um seinen Helden – oder Anti-Helden, wie man will – auf rationalem Wege zu Einsicht und möglicher Umkehr zu bewegen. Also driftet die ganze Chose ins Esoterische, bestenfalls Spirituelle, wenn Jaap dem Hund auf eine Art Jenseitsreise folgt, auf der er mit all den vielen Verfehlungen und den wenigen Momenten seines Lebens konfrontiert wird, in denen er ihm einmal etwas gelungen ist, das über seine Profession hinauswies. Doch erweist sich diese Episode – so scheint es zumindest, wirklich klar wird das alles nicht in diesem Buch – dann aber als eine Art Trance-Traum, den Jaap während oder nach der Narkose erlebt. Offenbar konnte de Winter diesem Weg seines Helden ebenso wenig trauen, wie allen anderen, die der zuvor eingeschlagen hatte.
So mäandert der Text ein wenig vor sich hin, scheint keine Richtung einschlagen, schon gar kein Ziel finden zu können, und um ihm schließlich irgendeine Art von Relevanz einzuschreiben, bricht ein geläuterter Jaap Hollander, der sich des Wüstenhundes annimmt, auch als dieser nicht mehr zu ihm spricht, und der damit zu einem Verantwortung übernehmenden Menschen wird, nachdem er in einem Gespräch zweier „Hippies“ gelauscht hat, in die Wüste auf, wo am 7. Oktober ein Musikfestival stattfinden soll. Der Rest ist Geschichte. Wie zuvor die Episode mit der Tochter des Scheichs, von der dieser zu wissen scheint, welche Reformen sie einmal durchführen wird und dass diese Reformen den Weltfrieden befördern werden, wie er Jaap mehrfach versichert, bis dieser ganz beseelt von der Idee, der Retter der Weltretterin zu sein, durch seine Tage driftet, ist auch dieser Verweis auf das Grauen, dass sich am 7. Oktober 2023 ereignete, besser: was Israel an diesem Tag widerfuhr und zu jenem grauenvollen Vergeltungskrieg führte, den die Welt seit nunmehr fast 2 Jahren hilflos im Gazastreifen beobachtet, ein ebenso hilfloser Versuch, diesen Roman mit irgendeiner Art von Bedeutung aufzuladen. Einer Bedeutung, die über die Ängste und Befürchtungen hinsichtlich des eigenen Bedeutungsverlusts eines alternden Mannes hinausweist. Bestenfalls könnte man de Winter eine besonders bösartige Volte unterstellen, die eben diese Befürchtungen vieler Männer fortgeschrittenen Alters karikiert. Doch das müsste dann viel besser markiert und verdeutlicht werden.
So aber wirkt das alles nur verzweifelt. Die Verzweiflung eines Schriftstellers, der sonst vor allem auch deshalb immer begeistern konnte, weil es ihm gelang runde, in sich stimmige Geschichten zu erzählen, Geschichten, die aufgingen, die, auch wenn sie manchmal an den Haaren herbeigezogen wirkten, einen wirklichen Clou, einen aufregenden Twist, einen unerwarteten Dreh hatten. Eine Wendung, die nicht um ihrer selbst Willen existierte, sondern weil sie etwas über die Figuren verriet und darüber hinaus (fast) immer auch etwas über das Leben, die Welt an sich, mit der der Schriftsteller Leon de Winter sich auseinandersetzte. Die deshalb fast immer Relevanz besaß und damit auch den meisten seiner Bücher große Relevanz verlieh. Im besten Sinne waren dies literarische Geschichten.
Nun aber scheint es, als sei dem Autoren Leon de Winter der Stoff ausgegangen. Vielleicht ist nach nahezu zehn Jahren Abstinenz vom Kerngeschäft auch die Plot-Maschine ein wenig eingerostet, mag alles sein. Vielleicht wollte der mittlerweile 71jährige Schriftsteller auch höhere Weihen, weshalb er der Meinung gewesen sein mag, dass ein wenig Spiritualismus guttäte, wer weiß. Nur ergibt dies alles in allem eben keinen gelungenen Roman.
Denn nicht nur die Story, auch die Figuren funktionieren nicht in der Art und Weise, wie man es von de Winter gewohnt ist. Vielleicht wollte er mit seinem Hauptprotagonisten, Jaap Hollander, wirklich ein wenig provozieren? Auch das mag sein, nur ist auch das dann nicht gelungen. Der nämlich ist einfach ein recht alberner alter Macho, dem zugegeben großes Leid widerfahren ist, als er seine Tochter verloren hat (was aber auf seine in diesem Roman seltsam abwesende Ex-Frau ebenso zutrifft). Warum er nun – auf dem Umweg einer Operation, deren dramaturgischer Sinn im Geflecht dieser Story, dieses Entwurfs, nicht wirklich verständlich wird; einen sprechenden Hund hätte Hollander auch ohne diese Operation treffen können – plötzlich Demut und Liebe zur Welt und dem Leben lernen muss, verstehen vielleicht wirklich nur alternde Männer. Vielleicht ist es die pure Angst, im Leben versagt zu haben und Abbitte leisten zu müssen, für wirklich begangenes und eingebildetes Unrecht. Dass dieses Unrecht dann allerdings in altherkömmlichen Seitensprüngen besteht, de Winter wirklich nichts anders einfällt, als eben dies: Ein recht typischer Vorgesetzter, der seine Machtposition ausnutzt, das zeugt eigentlich schon von der Banalität der ganzen Angelegenheit, die dieses Buch behandelt. Denn tieferes Verständnis für seine vermeintlichen Opfer, für seine Ex-Frau, für seine Tochter, die auf eine Weise religiös und also spirituell gewesen ist, die sich dem ewigen Agnostiker, der Jaap Hollander natürlich ebenfalls Zeit seines Lebens und aufgrund seiner Profession, wo sich alles um genaue Kenntnisse, um Rationalität und Präzision dreht, nicht erschließen konnte, dieses Verständnis stellt sich nicht ein.
Vielleicht glaubt Jaap Hollander, zu tieferem Verständnis vorgedrungen zu sein; vielleicht glaubt auch Leon de Winter, zu einem tieferen Verständnis vorgedrungen zu sein. Doch sollten Autor und Figur vielleicht noch einmal sehr genau lesen, was da auf 266 Seiten geschrieben steht. Denn dann fiele ihnen vielleicht auf, dass es eher Selbstmitleid ist, das da verbreitet wird. Aber vielleicht ist ja genau das die Erkenntnis: Alte Männer neigen letztlich zu Selbstmitleid. Wer weiß?