GERONIMO

Kolportage...

Irgendwann im fortgeschrittenen Stadium dieses Romans, wird der Hauptprotagonist, Ex-CIA-, Ex-Special-Ops-Agent und Teilzeit-Icherzähler Tom Johnson von einem Führungsoffizier eines befreundeten Geheimdienstes darauf hingewiesen, daß gewisse Stories nur in Tom-Clancy-Romanen funktionieren würden und auch nur für diese Kategorie Thriller gedacht seien. Als Autor Leon de Winter diesen Satz in sein Buch schrieb, muß ihm Fürchterliches geschwant haben…

De Winter, seit er einst in Deutschland mit HOFFMANNS HUNGER reüssierte, ein hierzulande gern und viel gelesener niederländischer Autor jüdischer Herkunft – der Hinweis deshalb, weil er für das Werk des Autors mittlerweile wichtig ist – , dem es immer gelang, spannende Geschichten, manchmal echte Räuberpistolen, mit Weltgeschichte und Politik zu verknüpfen, wurde mit seinen letzten Bänden – DAS RECHT AUF RÜCKKEHR (2008), EIN GUTES HERZ 2013) und nun also GERONIMO (2016) – doch immer expliziter hinsichtlich der Haltung zum Konflikt Israels mit den Palästinensern, aber auch, was den Konflikt der westlichen Welt mit dem Islam betrifft. Während DAS RECHT AUF RÜCKKEHR eine Art israelische Dystopie darstellt, sicher nicht de Winters bestes Buch, war EIN GUTES HERZ ein brillanter Schlüsselroman, der thematisch an dem Fall des ermordeten Malers, Journalisten und Filmemachers Theo van Gogh angelehnt war, mit dem de Winter immer die Klingen gekreuzt hatte, scheute sich van Gogh doch nicht, auch zu derbsten antisemitischen Mitteln zugreifen, um den Autoren zu diffamieren.

GERONIMO nun taucht tief in die Welt der geheimen Dienste ein. Alles dreht sich um die Erfassung und Ermordung von Usama Bin Laden, den Kopf hinter den Terroranschlägen auf das World Trade Center am 9. September 2001. Der oben erwähnte Tom Johnson, der selber, nachdem er verletzungsbedingt aus dem Dienst ausgeschieden ist, ein wichtiges Anliegen in der Region Pakistan/Afghanistan hat – er will ein junges Mädchen wiederfinden, das er einst in einem Camp in Afghanistan unter seine Fittiche genommen hatte und das nach einem Angriff auf das Camp verschwunden ist – , wird bei einem Umtrunk und Grillen mit Kollegen von einem Einsatzkommando Zeuge, wie diese sich darüber unterhalten, daß sie kurz vor einem ‚Kill or capture‘-Kommando zur Erfassung des Terroristenkönigs stehen. Die Männer sind allerdings verwirrt, passt doch das „Kill“ in ihrem Auftrag nicht zu dem, was zehn Jahre lang darüber geredet wurde, nämlich den Mann zu fassen, zu befragen und vor ein ordentliches Gericht zu stellen. Schließlich wird bierselig davon geträumt, den Mann vor dem eigentlichen Zugriff auszutauschen und heimlich mitzunehmen, um ihn lebend irgendwo gefangen zu halten und befragen zu können. Tom vergisst die etwas albernen Ideen seiner Kumpane, bis einer von ihnen recht verzweifelt vor ihm steht und Geld braucht, denn die Operation droht aus dem Ruder zu laufen. So wird Tom, der schließlich mit den Israelis gemeinsame Sache macht, um das gesuchte Mädchen zu finden, tief in die Auseinandersetzungen um Bin Laden verwickelt. Letzterer – de Winter verleiht ihm eine Stimme und es ist keine „unmenschliche“ – hat auf einem USB-Stick wiederum Material, das es ihm erlaubt, den Präsidenten der Vereinigten Staaten zu erpressen…

Tom Clancy, Vince Flynn, Glenn Meade – das ist so die Riege gegenwärtiger (in Clancys Fall nicht mehr ganz so gegenwärtiger) Autoren, die sich genau solcher Plots annehmen. James-Bond-artige Superagenten, die meist eine eigene Tragik aufweisen – geschieden, Frau mit reichem Hollywoodmogul abgehauen, weil der Held ununterbrochen unterwegs war, die Welt zu retten; ein totes Kind macht sich auch immer gut, tote Kinder sind in diesen Romanen so etwas wie das Ausweisschild, es mit im Herzen guten Menschen zu tun zu haben; Verletzungen, überhaupt ein geschundener Körper, der im Einsatz fürs Vaterland am besten der Folter unterzogen wurde, das sind Ingredienzien, die den erfolgreichen Agententhriller ausmachen. Action, ein wenig Trauer, weil unterwegs uns während des Lesens liebgewonnen Nebenfiguren sterben müssen (je grausiger, desto besser, denn das zeigt uns, wie mies der Gegner ist), ein Kind, das Hilfe braucht – schon sind 900 Seiten voll. Es kommen nie picklige Typen à la Edward Snowden vor, die in abgedunkelten Zimmern ihre Tastaturen bedienen, warum auch, so einer ist nicht spannend. Denkt man.

Leon de Winter, den, wie viele von, uns die Frage umgetrieben haben wird, ob es bei dem Attentat auf Bin Laden damals mit rechten Dingen zugegangen ist – Warum wurde die Leiche im Ozean versenkt? Wieso wurde der Mann nicht präsentiert, wenn schon nicht lebend, dann als Leiche? Man denke an Saddam Hussein, den man, einmal erhängt, der Welt gar nicht genug präsentieren konnte – nimmt sich also dieses Sujets an. Und ersinnt eine ungeheure Verschwörungstheorie. Ein Special-Ops-Team, das einen Gefangenen auf eigene Faust ergreift und an einem heimlichen Ort versteckt, sich dann mit der Mafia einlassen muß, um den Fang ausreichend versorgen zu können. Der Gefangene wiederum besitzt Material, welches, so deutet de Winters Text es an, bewiese, daß der amerikanische Präsident vielleicht doch ein Muslim sei, wie die Gegner Obamas gern und entgegen jedweder Realitätsnähe immer wieder behaupten, nicht zuletzt Donald Trump. Daß solche Geschichten nicht gut ausgehen und meist nur Schmerz und Leid hinterlassen, wie das Buch es schlußendlich darstellt, entspricht dann allerdings der Realität, zumindest mehr, als der Rest des Buches. Und mehr als jeder Clancy-Thriller, was beweist, daß wir es immer noch mit Leon de Winter, einem ernstzunehmenden Autor gehobener Literatur zu tun haben. So ganz verliert der dann nämlich doch nicht aus den Augen, daß bei den Geheimdienstspielchen die „einfachen Menschen“ meist vollkommen auf der Strecke bleiben. Spielfiguren in den Händen von Mächten, die sie nicht einmal erkennen.

Als Kathryn Bigelow sich in ZERO DARK THIRTY (2012) ebenfalls minutiös mit der Erfassung Bin Ladens befasste, stand für sie die offizielle Version nie in Frage. Sie stellte – zumindest momentweise, der Film war da sehr umstritten – die Methoden in Frage, die angewandt wurden, um Informationen von Gefangenen zu bekommen, nie aber wurden Ablauf oder Ergebnis des Ereignisses bezweifelt. Es entstand damals ein ergreifender, manchmal schwer erträglicher Film, der sich jedoch weitestgehend an die damals bekannten Fakten hielt. De Winter gibt sich – auf verschiedenen Ebenen – Verschwörungstheorien hin. Wer hat Bin Laden in seinen Händen? Und was hatte der wiederum in der Hand? Eine Double-bind-Strategie, die einerseits für Spannung sorgt, im Falle des amerikanischen Präsidenten aber auf die abgefeimtesten Vorwürfe zurückgreift, die es gibt. Das sind Momente, in denen man de Winter schlicht nicht versteht. Was soll dies alles sein? Ein Spannungsroman à la Clancy? Wieso, das kann der doch definitiv besser. De Winter präsentiert uns alle die oben genannten Zutaten zu einem Clancy-Thriller, er greift in die unterste Mottenkiste des CIA-Thrillers, nimmt sich des gängigsten und somit auch klischeehaftesten Gegenstands an – Bin Laden – den man so finden kann in Bezug auf 9/11 und merkt nicht – darin Bigelow nicht unähnlich – daß das Sujet eigentlich unwesentlich, ja überholt ist. Zur Zeit seiner Ermordung, war Bin Laden wahrscheinlich nicht mehr der Terrorfürst, der er 2001 gewesen sein mag, Struktur und Form Al-Quaidas hatten sich 2011 längst gewandelt, Bin Laden war eher ein ‚Elder statesman‘ des internationalen Terrorismus, als ein Aktivposten der Szene. Konnte man Bigelow durchaus verstehen, daß sie sich an einem amerikanischen Trauma abarbeitete, verstand man aber auch, daß das im Grunde nur noch für Amerikaner von Belang ist. Bei de Winter versteht man kaum mehr sein Interesse am Thema, außer, er wollte eben wirklich „nur“ einen herkömmlichen Agententhriller schreiben.

Was die Angelegenheit allerdings ärgerlich macht, ist de Winters Hang, dem Muslim als solchem eins mitzugeben. So sehr Osama Bin Laden auch als durchaus zu Freundlichkeit und Mitmenschlichkeit neigender Herr gezeichnet wird, diese Sequenzen unterstreichen nur umso mehr das Monströse seiner Persönlichkeit. Im gesamten Buch opfern sich Christen für Muslime auf – sie verstecken sie, geben ihnen Essen, trockene Kleidung und was man noch so Barmherziges tun kann. Kein Muslim dieses Buchs wird je in ähnlicher Weise dargestellt. Die Familie, die in Pakistan bereit ist, das von Johnson gesuchte Mädchen namens Apana zu versorgen, ist eine christliche, es sind die christlichen Soldaten der U.S.-Forces, die das Waisenkind aufnehmen, es ist Tom, der als ehemaliger Kämpfer eine Katharsis durchmacht und, da er seine eigene Tochter, die an den Spätfolgen des Attentats in Madrid 2004 im Alter von 2 Jahren starb, nicht beschützen konnte, nun dieses Mädchen erretten muß. De Winter spielt hier eine wirklich perfide Karte, wenn er Muslime, ja, die gesamte muslimische Kultur, als etwas darstellt, das unter Protektorat gehört, etwas, dessen sich die Christen annehmen müssen. So menschenfreundlich der Roman an seiner Oberfläche daherkommt, darunter schlummern durchaus fragwürdige Wendungen und Verdrehungen. Dies ist, wie Michel Houellebecqs UNTERWERFUNG, ein Buch, das unbedingt am Zeitgeist partizipieren will, wie Houellebecqs mittlerweile als Prophetie angesehener Roman Angst vermitteln will und nicht ein Gran beiträgt zur Verständigung. Ein Roman, der unterschwellig genau den Hass bedient, der dafür sorgt, daß in Europa ein tiefer Riss in den Gesellschaften entsteht.

Leon de Winter kann schreiben, das steht außer Frage. Es gelingen ihm immer Szenen, die in Erinnerung bleiben – so gibt es hier bspw. eine der schönste Beschreibungen, was Musik mit Menschen machen kann, wie sie uns zu bezaubern und zu verändern in der Lage ist. Es gelingen de Winter auch meist Figuren voller Eigensinn und Leben. Umso erschütternder, daß ihm vor allem letzteres hier nicht gelingt, oder bestenfalls ansatzweise. Hat man sonst bei de Winter den Eindruck, daß da einer von Dingen berichtet, die er sehr genau kennt (und was Werke wie SUPER TEX [1991] oder SOKOLOWS UNIVERSUM [1992] so richtig und echt erscheinen ließ), ist es hier so, daß man den Eindruck gewinnt, der Autor habe eine längere Phase hinter sich, in der er hauptsächlich trivialere Kollegen gelesen hat. Man kann diesen Roman schnell lesen, er weiß durchaus Spannung aufzubauen – allerdings muß man sich an eine a-chronologische, manchmal in den Vor- und Rücksprüngen in der Zeit komplizierte und ehrlich gesagt wenig nachvollziehbare Erzählstruktur aus mal auktorialem, mal subjektiven Erzählperspektiven gewöhnen – und man bleibt am Ball, wie das eben auch in durchschnittlichen de-Winter-Werken so ist. Doch sollte man nie vergessen, daß dies eben keine Räuberpistole ist, sondern daß es sich um sehr wesentliche und für viele nicht-christliche Menschen sehr verhängnisvolle Begebenheiten handelt. Auf der Ebene möchte man diesen Text alle paar Minuten an die Wand werfen. Aber sicher wird dieses Buch für manchen, der gern hetzt und die Verallgemeinerung liebt, Wasser auf die Mühlen sein.

Leon de Winter kommt so gesehen nicht seiner Aufgabe nach, als Autor und damit Vertreter des christlichen Abendlandes, das ja so unbedingt gerettet werden muß, für Differenzierung, Ausgewogenheit und Aufklärung zu sorgen. Er hängt sich eher an eine Stimmung, die momentan herrscht, leicht zu entfachen und noch leichter zu bedienen ist. Billig.

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