KILLING RED JACK. WAS GESCHAH MIT JACK THE RIPPER?
Thorsten Schleif liefert einen originären und höchst unterhaltsamen Beitrag zur allseits beliebten "Ripperologie"
Thorsten Schleif ist ein Richter des Landes Nordrhein-Westfalen, er ist aber auch Autor einer recht erfolgreichen, humoristischen Krimi-Reihe um den Richter Siggi Buckmann. Nun wendet er sich dem momentan äußerst beliebten und stetig expandierenden Sub-Genre des True-Crime-Thrillers zu und widmet sich dem seit weit über 150 Jahren beliebten Fall des Serienmörders Jack the Ripper – oder, wie Schleif ihn tituliert: Red Jack.
KILLING RED JACK. WAS GESCHAH MIT JACK THE RIPPER (2025) ist ein geschickt konstruierter Thriller, der sich akribisch an den noch zugänglichen Fakten und Dokumenten ausrichtet. Schleif beschreibt in einem Nachwort, dass er ein gutes halbes Jahr in London eben diese Dokumente sichtete, sich die – soweit noch zugänglichen – Schauplätze und Tatorte im East-End-Viertel Whitechapel angesehen hat, sich die diversen Führungen auf den Spuren des Rippers zu Gemüte führte und seine Geschichte, lediglich erweitert um drei fiktionale Figuren, die er aus dramaturgischen Gründen benötigte, dementsprechend entworfen hat.
Die Geschichte und die Eckdaten sind den Interessierten weitestgehend bekannt. Zwischen dem 31. August 1888 und dem 9. November desselben Jahres wurden in Whitechapel fünf Frauen – Mary Ann Nichols, Annie Chapman, Elizabeth Stride, Catherine Eddowes, Mary Jane Kelly –, die alle als Gelegenheitsprostituierte im ausgesprochen verarmten East End Londons arbeiteten, ermordet und, sich steigernd, teils bestialisch verstümmelt, wobei die Eskalation beim 5. Mord ihren Höhepunkt erreicht hatte. Diese Morde, auch die „kanonischen Morde“ genannt, wurden und werden nach wie vor dem Mann zugeschrieben, der sich in Briefen an die Londoner Polizei selbst als „Jack the Ripper“ bezeichnete. Wer sich genauer mit der Materie befasst, weiß, dass es im East End tatsächlich elf Morde im Zeitraum vom 3. April 1888 bis zum 13. Februar 1891 gegeben hat. Die allgemein nicht dem Ripper zugeschriebenen sechs Taten weisen alle ähnliche Merkmale auf, weshalb bis heute umstritten ist, ob sie nicht doch dem gleichen Mörder zugeordnet werden müssen. Der Fall erregte schon damals enormes Aufsehen und obwohl es sich „nur“ um Frauen der untersten gesellschaftlichen Schicht handelte, nahm selbst das Königshaus Anteil. Königin Victoria bspw. verordnete, dass in den betreffenden Vierteln – neben Whitechapel waren dies auch Poplar und Spitalfields – die nächtliche Beleuchtung zu verbessern sei. Verdächtige gab es etliche, die Liste wäre zu lang, um sie hier erschöpfend darzustellen, zudem gibt es genügend Literatur und auch mittlerweile gut recherchierte Einträge im Internet, um sich zu informieren. Die Liste reichte von armen Schluckern, die in unmittelbarer Nähe der Tatorte lebten bis hin zu Vertretern höchster Gesellschaftskreise, darunter sogar Angehörige des Königshauses. Und auch in den seither vergangenen Jahren und Jahrzehnten hat die Faszination für den Ripper nie nachgelassen. Periodisch tauchen immer neue Analysen und Theorien auf, um wen es sich handeln könnte, immer wieder erklären einzelne Vertreter der „Ripperologie“, dass sie nun endgültig den Täter überführt hätten.
Angenehm an Schleifs Darlegung ist, dass er zwar eine runde und in sich schlüssige These aufstellt, die sogar erklärt, weshalb der Ripper nie enttarnt werden konnte, doch zugleich stellt er sie in seinem Nachwort selbst in Frage. Er erklärt dort nämlich nach juristischen Gesichtspunkten, dass eine Anklage aufgrund der von ihm in seinem fiktionalen Text vorgebrachten Indizien nicht standhalten und wahrscheinlich abgelehnt würde. Dennoch greift er auf einen der damals schon Verdächtigen zurück und kann im Kontext seines Romans – und damit haben wir es hier letztgültig eben immer noch zu tun – stimmig, überzeugend und nachvollziehbar erklären, was damals geschehen ist, respektive geschehen sein könnte und warum gerade dieser Verdächtige als Täter infrage kommt.
Nun ist dies aber – es wurde soeben betont – ein Roman, eine fiktionalisierte Geschichte. Und wenn es also etwas an diesem Roman zu kritisieren gibt, dann ist es am ehesten genau da zu suchen, in der Fiktionalisierung, vor allem in der Figurenbildung, derer sich der Autor bedient. Dass der den Fall schließlich Aufklärende ein deutscher, in London lebender Exilant und ehemaligen Preußischen Landjäger sowie Veteran des Deutsch-Französischen Kriegs von 1870/71 ist, mag an der Ansprache für ein deutsches Publikum liegen. Dass sich Schleif zudem einer Prostituierten der höheren Schichten bedient, die den Weg aus den Elendsvierteln des East End in die bessergestellten Kreise des West End und in ein dortiges Nobel-Bordell geschafft hat, bedient zwar ein Klischee, kann aber damit erklärt werden, dass der Autor eine Verbindung seines deutschen Helden, der sich hier zunächst als Leibwächter für die Dame verdingt, zum Milieu brauchte. Problematisch wird es da, wo das Ganze ein wenig ins Apologetische gleitet. Die beiden Hauptprotagonisten werden nämlich von dem jüdischen Frisör und ehemaligen Feldarzt Sam Rosenstein unterstützt.
Das bietet Schleif einerseits – und in bester Absicht – die Gelegenheit, den damals wie überall in Europa auch in London grassierenden Antisemitismus aufs Korn zu nehmen. Tatsächlich wurde mehrfach, man vermutet vom Ripper selbst, der Verdacht auf Juden gelenkt und es entstand eine starke antisemitische Stimmung gerade in den entsprechenden Vierteln, wo auch viele Juden lebten. Die Londoner Polizei hatte also neben den Ermittlungen alle Hände voll damit zu tun, jüdische Mitbürger und Einrichtungen zu schützen. Doch so, wie Schleif die Freundschaft seines übereifrigen und dienstbeflissenen Helden Will Berger zum Juden Rosenstein darstellt, wirkt es doch arg gewollt und historisch rückgreifend auch ungenau. Ein Mann wie Berger – zumindest so, wie das Buch ihn über weite Strecken zeichnet – wäre vielleicht nicht zwingend ein Antisemit gewesen, doch hätte er wahrscheinlich eine gewisse Äquidistanz zu Juden eingehalten. So wirkt dies etwas verherrlichend und so, als solle die spätere Geschichte des 20. Jahrhunderts, die hier ja tatsächlich nichts zu suchen hat, vorausgreifend zwar nicht umgeschrieben, doch zumindest beschwichtigend das „gute“ Verhältnis eines Deutschen zu einem (österreichischem) Juden dargestellt werden.
Man soll nicht kritteln, und so soll dies auch nur eine Anmerkung bleiben. Dass die Konstellation eines etwas verklemmten deutschen Ex-Soldaten und einer manchmal frivolen, ansonsten aber erstaunlich gebildeten Prostituierten allerhand Material für Anspielungen und durchaus erotisierende Anmerkungen bietet, liegt auf der Hand. Dass Berger dann aber auch noch die krimi-typische Tragik eines Duells mit seinem besten Freund und eine verstorbene Ex-Frau mitgegeben werden, greift schon sehr tief in die Klischeekiste des durchschnittlichen Kriminalromans. Eigentlich wäre dies nicht nötig gewesen, denn so, wie Schleif die Story anlegt, ist sie spannend genug und trägt, auch ohne private Schicksalsschläge und intime Bekenntnisse.
So reiht sich dieses Buch in die schier endlose Reihe von Analysen, Romane, Filmen, Comics und Serien ein, die sich mit der Materie „Jack the Ripper“ beschäftigen. Unter diesen ist sie sicherlich einer der besseren Beiträge, eben weil Schleif etwas von seinem Handwerk versteht und sich als Literat nicht zu mehr macht, als er ist. Er erzählt spannend, in kleinteiligen, kurzen Kapiteln, so dass die Leser*innen atemlos durch das London des späten 19. Jahrhunderts gehetzt werden; es gelingt ihm, eine authentische Atmosphäre dieses Londons zu zeichnen, das zwischen extremen Reichtum und ebensolch extremen Elend oszillierte; die Figuren sind in ihren Funktionen gut angelegt und trotz der oben beschrieben Klischees doch auch glaubwürdig. So ist KILLING RED JACK nicht nur eine unterhaltsame Lektüre, sondern ein durchaus ernst zu nehmender Beitrag zur Frage „Wer war Jack the Ripper?“