LANGE NACHT/MIDNIGHT ATLANTA

Mit dem Abschlußband seiner DARKTOWN-Trilogie ist Thomas Mullen ein sehr guter Kriminalroman gelungen

Die Ausgangslage in LANGE NACHT (MIDNIGHT ATLANTA, erschienen 2020; Dt. 2020/21), Thomas Mullens abschließenden Teil der Darktown-Trilogie um die erste rein schwarze Polizeitruppe in Atlanta in den späten 40er und den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts, ist schnell umrissen: Seit seinem Ausscheiden aus eben jener Polizeitruppe einige Jahre zuvor, arbeitet Tommy Smith als Reporter bei der Atlanta Daily Times, der bis dato einzigen Tageszeitung für Schwarze in Amerika. Nun wurde sein Boss, der Herausgeber Mr. Bishop, in seinem Büro erschossen – während Tommy eine Etage tiefer ein Nickerchen hielt, was er häufiger tut, denn er arbeitet gern und viel nachts. Zunächst fällt der Verdacht auf ihn, denn weißen Detectives kommt im Falle der Ermordung eines Schwarzen – erst recht eines prominenten Schwarzen, der in der Gemeinde von Atlanta ein gewisses Ansehen genießt – ein schneller Ermittlungserfolg gelegen. Niemand mag sich länger als nötig mit solchen als Problem betrachteten Fällen beschäftigen. Tommy sieht sich also gezwungen, auf eigene Faust zu ermitteln, was ihm dank seiner immer noch bestehenden Kontakte zu den alten Kollegen dann auch gelingt. Und so gräbt er immer tiefer und fördert immer mehr Geheimnisse zu Tage, die in den Augen der meisten Beteiligten wahrscheinlich besser nie aufgedeckt worden wären.

Mullen legt seine Story geschickt, hintergründig und recht komplex an. War der erste Teil der Trilogie vor allem durch den Alltagsrassismus innerhalb der Polizei gekennzeichnet und wurde also vor allem davon erzählt, wie diese Einheit unter der Leitung von Sergeant Joe McInnis, dessen Versetzung zu dieser Truppe eine Art Rache an einem weißen Kollegen war, der intern ermittelt hatte, sich Respekt zu verschaffen sucht, weitete der Autor sein Blickfeld im zweiten Teil und erzählte vom alltäglichen Rassismus im Süden. Der Ku-Klux-Klan und seine Mitglieder waren dabei lediglich eine von verschiedenen Fraktionen, die handelten. Lokalpolitik spielte auch in diesem zweiten Band bereits eine große Rolle. Nun, in Band drei, fokussiert Mullen auf Smith, der gar kein Cop mehr ist, und kann damit den Blick noch besser auf die politischen und gesellschaftlichen Aspekte seiner Geschichte richten. Lucius Boggs, Hauptfigur der ersten beiden Bände, wird eher an den Rand der Erzählung gedrängt, die Pole, zwischen denen die Handlung hin und her wandert, sind diesmal Smith als Reporter einerseits, McInnis als zweifelnder und sich doch für seine Leute aufopfernder Chef andererseits.

War der erste Band vor allem durch die Alltagserlebnisse der jungen Einheit geprägt, ihre Versuche, sich ein- und zurecht zu finden, der Kriminalfall eher ein Aufhänger, wurde es im zweiten Teil wild. In bester Noir-Tradition, mit Bezügen zu Raymond Chandler und Dashiell Hammett, verlor sich der Leser in tausend Nebenhandlungen und schlußendlich waren alle Beteiligten tot, die irgendwie Dreck am Stecken hatten. Nun zieht Mullen an, bietet einen astreinen Kriminalfall, einen Whodunnit, bei dem der Leser lange miträtseln darf. Der Autor bleibt nah am Fall, was geschieht, geschieht in Bezug auf den Mord am Herausgeber der Zeitung, Handlung und Hinweise konzentrieren sich auf die Klärung des Mordes. Daß dabei jede Menge Politik eine Rolle spielt – ein Ehedrama, Projekte, für die ganze von Schwarzen bewohnte Viertel abgerissen werden sollen, eine kommunistische Vergangenheit, unterschiedliche Vorstellungen des politischen Kampfes (darunter die des sehr jungen Martin Luther King) – versteht sich bei Mullens Anspruch, ein Gesellschaftsportrait zu bieten, fast von selbst. Als Krimi funktioniert das recht gut, auch, wenn es keine herausragende Kost ist.

Als gewolltes Gesellschaftsportrait, das gute Krimis ja angeblich immer sind, funktioniert es einmal mehr hervorragend. Mullen kreiert eine Atmosphäre, in der der Leser versteht, weshalb junge schwarze Männer wie Smith nicht mehr warten wollen und die Ungerechtigkeit, die ihnen widerfährt, sehr genau spüren und verurteilen. Erst recht, wenn man, wie Smith, immer noch unter den Folgen der Traumata leidet, die man im 2. Weltkrieg erlitt, als man als Schwarzer einen weißen Krieg ausgefochten hatte. Doch kann Mullen eben auch verdeutlichen, weshalb die Alten – Lucius´ Vater ist einer der führenden Priester der schwarzen Gemeinde, immer in engem Kontakt mit anderen Honoratioren eben dieser schwarzen Gemeinde und auch der weißen Oberschicht der Stadt und außerhalb Atlantas – eine andere Gangart bevorzugen. Sie kennen noch die alten Zeiten, in denen die „Strange Fruits“, von denen einst Billie Holiday sang, in den Bäumen hingen und der öffentliche Mord an Schwarzen – als „Lynchjustiz“ verharmlost – ungeahndet blieb. So glauben diese Männer daran, daß nur steter Tropfen den Stein höhlt, Veränderungen von innen und in einem angemessenen Tempo vonstattengehen müssen. Und sie haben sich im Laufe der Zeit, was auch für den toten Mr. Bishop galt, eine eigene Machtbasis geschaffen, haben Pfründe, Einfluß und eben auch Wohlstand generiert und wollen davon nur ungern lassen. Sie entpuppen sich letztlich oftmals als ebensolche Machtmenschen, wie es die weißen Herren sind, welche nie begriffen haben, daß diese „Herren-Rolle“ seit nahezu Hundert Jahren nicht mehr gilt.

Mullen gelingt ein differenziertes Bild dieser Gesellschaft unter Dauerstress. Es gelingen ihm eindringliche Szenen, in denen der Alltagsrassismus immer wieder deutlich wird, immer wieder nachvollziehbar wird, wie dieses Leben im Süden der USA in den Jahren vor der Bürgerbewegung gewesen sein muß, deren Entstehen in allen drei Bänden immer im Hintergrund spürbar ist und damit auch eine der Grundierungen der Geschichte(n) bleibt. Die dauernde Verachtung, die verächtliche Ansprache „Boy“ jedem schwarzen Mann gegenüber, gleich, wie alt er ist, diese wie selbstverständlich angenommen eigene Überlegenheit, selbst dann noch auf Schwarze hinabblicken zu dürfen, wenn man im eigenen Leben vollständig und komplett gescheitert ist. Die seltsame Annahme, überhaupt auf andere Menschen herabblicken zu dürfen. All das blitzt zwischen den Zeilen, auf all diesen Seiten auf. Mullen gelingt da schon die eindringliche Beschreibung einer Ära, die einerseits weit weg zu sein scheint, deren Probleme gern als überholt betrachtet werden, und die doch so nah bei uns ist, erhebt die Reaktion, gerade in den USA, doch seit geraumer Zeit ihr trauriges Haupt und verlangt die Wiedereinsetzung weißer Männer in die ihrer Meinung nach ihnen natürlich zustehenden Führungspositionen. Gleich ob in Politik, Gesellschaft oder Kultur. Einige reden von einem offenen Kulturkampf einer zwar nicht kleinen Minderheit vor allem evangelikal geprägter Christen, die immer offener ihre ultrakonservativen, sexistischen, frauenfeindlichen und oftmals ganz offen ausgesprochenen rassistischen Ansichten vor sich hertragen und in Donald Trump eine Führungsfigur gefunden haben. Der – ob aus Dummheit oder Dreistigkeit sei einmal dahingestellt – tritt für genau diese Werte offen ein und verkauft sie als das „echte“ Amerika. Also ein weiß geprägtes Land, in dem ein Patriarchat herrscht, in dem es Mächtigen erlaubt ist, sich über Minderheiten – oder einzelne – lustig zu machen, Frauen anzugrapschen und Menschen dunkler Hautfarbe für solche 2. Klasse zu erklären. Wenn ihnen überhaupt ein voller menschlicher Status zugebilligt wird.

Zugleich tobt allerdings auch ein Kulturkampf von eher linker Seite darum, wer wovon erzählen darf. Und da kommt man dann zum Kernproblem von Mullens Trilogie. Denn hier schreibt ein weißer Mann aus dezidiert schwarzer Perspektive. Und die kann nun einmal nicht authentisch sein. Sie ist angeeignet, angelesen, imaginiert – nur eben nicht erlebt. Spielt das eine Rolle? Ja und nein, wahrscheinlich. Man kann die Puristen verstehen, die nach Jahrhunderten der Beschreibung der eigenen Leute und des eigenen Charakters durch die, die zu den Unterdrückern gehören, nicht wirklich mehr Willens sind, noch weitere Erklärungen zum eigenen Selbst von außen vorgetragen zu bekommen. Man kann aber auch jene verstehen, die sagen, Literatur, jeder kreative Prozess, der erzählend, fiktionalisierend ist, ist Aneignung, doch sei dies nun einmal der Kern von Literatur. Man könne auch durch Beobachtung und Empathie lernen und verstehen. Und ergo auch be-schreiben. Ein Streit, der nicht beizulegen sein wird. Fakt ist, daß Mullen auf das schreiende Unrecht aufmerksam macht, daß schwarzen Menschen in den USA lange widerfahren ist und noch widerfährt. Er nutzt dafür die Mittel der Genre-Literatur, was sicherlich ein guter Dreh ist, um den oben wiedergegebenen Vorwürfen aus dem Weg zu gehen. Genre-Literatur folgt anderen Regeln, darf mehr, da ihr immer der Odem des Unernsten anhaftet. Das verschafft Freiräume, auch in der Erzählposition. Und diese nutzt Mullen.

Die Darktown-Trilogie funktioniert als Kriminalliteratur ebenso, wie sie als Gesellschaftsportrait funktioniert und damit erfüllt sie die Ansprüche ans Kriminalfach aufs Vorzüglichste. Mullen schafft lebensechte Figuren, die in sehr ausgefeilten Dialogen miteinander diskutieren, oft auch streiten, er hat für seine Stories und ihre Hintergründe hervorragend recherchiert und gibt atmosphärisch ein dichtes, für den Leser spürbares und nachvollziehbares Bild der amerikanischen Gesellschaft des Südens, wie sie sich nach dem 2. Weltkrieg entwickelte. Das ist auf vielerlei Ebenen spannend und immer aufschlußreich. Vielleicht, wer weiß, kehrt Thomas Mullen ja irgendwann einmal zu seinen Helden Lucius Boggs, Tommy Smith und Sergeant Joe McInnis zurück und erzählt uns, wie sie sich durch die bewegten 60er Jahre geschlagen haben. Man wäre gespannt darauf.

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