WEISSES FEUER/LIGHTNING MEN

Der zweite Teil in Thomas Mullens DARKTOWN-Trilogie

WEISSES FEUER (LIGTHNING MEN/2017 erschienen, Dt. 2019) lautet der deutsche Titel des zweiten Teils von Thomas Mullens DARKTOWN-Trilogie. Im ersten Teil um jene erste nur aus Schwarzen zusammengestellte Polizeieinheit Atlantas wurden dem Leser die Hauptfiguren in ihren familiären und sozialen Kontexten nähergebracht – Lucius Boggs, Sohn eines im schwarzen Atlanta hoch angesehenen Reverends, der zugleich Realpolitik hinsichtlich der Gesetze und Gebote für Schwarze betreibt; Tommy Smith, Lucius´ Partner auf Streife, ein Veteran des 2. Weltkriegs und ein etwas verlorener, innerlich verhärteter Mann; Dennis „Rake“ Rakestraw, selbst ein Anfänger im Police Department der Stadt Atlanta und eine Art Verbindungsmann für Lucius und Tommy, denen er bei der Aufklärung des Mordes an einer schwarzen Prostituierten half, ebenso aber auch in den Kampf gegen seinen rassistischen und selbst längst der Illegalität verfallenen Partner Lionell Dunlow involviert war.

Mullen entwarf einen spannenden Thriller, dessen grundlegendes Thema jedoch der Rassismus der 50er Jahre im US-amerikanischen Süden ist. Nun folgt der Leser den weiteren Abenteuern dieser Männer und Mullen öffnet den Blick, erweitert das Panorama, macht den Rassismus und seine Motive (bzw. Nicht-Motive) zum inhaltlichen Thema seines Kriminalromans. Eher episodisch erzählt er von persönlichen und beruflichen Verstrickungen seiner Helden. Rake hilft seinem Schwager und verstrickt sich dadurch in halblegale Machenschaften um einen Mord und Anschläge des Ku-Klux-Klans, während Lucius und Tommy ihrerseits in einen neuen Fall verstrickt werden, der sich mit Rakes an den Rändern überschneidet.

Mullen greift hier mehr als im Vorgänger auf klassisches Noir-Repertoire zurück und scheint sich an die Regeln (oder Nicht-Regeln) der vielleicht wesentlichsten Großmeister des Metiers– Raymond Chandler und Dashiell Hammett – zu halten, indem er dem Leser Atmosphäre und sehr viel Verwirrung bietet, um schließlich nahezu jeden, den die Handlung ins Licht der Aufmerksamkeit gestellt hat, irgendwo tot rumliegen zu lassen. Wie Chandler einst postulierte, sind Handlung, Story, Stringenz und Logik schlicht egal, solange die Atmosphäre stimmt. Diesem Diktum folgt Mullen strickt und bietet dem Leser einen wahrlich grausigen Blick in die amerikanische, spezifisch die Gesellschaft der Südstaaten der ausgehenden 50er Jahre. Ressentiment und Verachtung, Korruption und Konservatismus – durchaus auch bei Schwarzen, wie einige Szenen im Hause der Familie Boggs beweisen, wo Lucius einmal mehr mit den realpolitischen Anwandlungen seines Vaters konfrontiert ist – geben sich ein Stelldichein und neben der eigentlichen Krimihandlung, die ja vernachlässigbar ist, wie wir soeben erfuhren, spielen Lokalpolitik, Siedlungs- und Hausreformen eine Rolle und wir werden Zeugen, wie Stadtvertreter bspw. über Grenzen schwarzer und weißer Viertel verhandelt wird. Mullen greift damit lange in der amerikanischen Gesellschaft schwelende und immer noch virulente Ängste und Aggressionen auf, denn noch heute tun einige „weiße“ Gemeinden alles dafür, schwarze Familien aus ihren Vierteln zu verbannen.

Mullen lässt den Leser spüren, daß Rassismus durchaus etwas mit Klassismus zu tun hat, daß Armut Ressentiments fördert und sich noch der primitivste weiße Gelegenheitsarbeiter (ohne die Arbeiter hier beleidigen zu wollen) überlegen fühlen kann, solange es einen schwarzen Mann gibt, auf den er hinabblicken kann oder eine schwarze Frau, die sich billig genug prostituiert, um ihm zur Verfügung zu stehen. Mullen malt seine Protagonisten, vor allem die Nebenfiguren, manchmal mit dicken Strichen, doch gelingt es ihm im Großen und Ganzen, ihnen eine einleuchtende psychologische Motivation und Geisteshaltung angedeihen zu lassen, so daß der Leser schnell begreift, wie sie da ticken, unten im „Alten Süden“. Anhand der Figur des Tommy Smith kann er aber auch nachvollziehbar erklären, weshalb – ein deutlicher Verweis auf aktuelle Diskussionen zum Thema – es eben auch eine ganze Menge Schwarzer gibt, die nicht mehr bereit sind, sich weißen Regeln und Konventionen zu beugen und ihren Peinigern immer unversöhnlicher gegenüberstehen. Da hilft auch kein wohlmeinender Captain, der eine schützende Hand über seine Männer hält. Männer, denen er sich nicht wirklich verpflichtet fühlt, wie Mullen ihn immer wieder zu verstehen geben lässt.

In der Konstruktion ist das weitaus zerfahrender und löchriger als der Vorgänger, hier scheinen eher die einzelnen Handlungsstränge als das große Ganze wesentlich zu sein und so kommt das große Ganze eben auch nie wirklich zu sich selbst. Um all die längeren und kürzeren Fäden der Story irgendwie zu einem Abschluß zu bringen, greift Mullen dann auf jenes Rezept zurück, welches Hammett immer gern beherzigt hat: Löse alles in Gewalt auf. Wie bereits erwähnt, liegen bei Hammett am Ende schon mal Leichenberge herum, wodurch der Autor der Pflicht enthoben ist, sich schlüssige Auflösungen zu überlegen. So erinnert der Schluß von WEISSES FEUER an Hammetts ROTE ERNTE (RED HARVEST/1929; Dt. 2007/2011).

Da Mullen seinen Roman aber auch mit einer wahren Überraschung enden lässt, nutzt er einen Cliffhanger, um den Leser auf den abschließenden dritten Band einzustimmen. LANGE NACHT (MIDNIGHT ATLANTA/2020; Dt. 2020) wird dem Leser also noch einiges zu bieten haben und man darf gespannt sein, wie der Autor seine Geschichte zum Abschluß bringt.

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