M. DAS BUCH DES KRIEGES/M. L´ORA DEL DESTINO

Der vierte Band von Antonio Scuratis epischer Faschismus-Saga führt in die Hölle des Krieges

M. DAS BUCH DES KRIEGES (M. L´ORA DEL DESTINO; Original erschienen 2024; Dt. 2024), der vierte Band in Antonio Scuratis gewaltiger Faschismus-Saga, die sehr dezidiert aus Sicht der Täter, über weite Strecken vor allem aus der Perspektive Benito Mussolinis selbst erzählt wird, setzt Mitte des Jahres 1940 ein und endet am 25. Juli 1943, als der „Duce“ in der entscheidenden Sitzung des Großrats des Faschismus (Gran Consiglio del Fascismo) abgesetzt wurde. Der Rat war Jahre nicht mehr zusammengetreten, zuletzt 1939, nun wurde er – geradezu den Regeln folgend – zu dem Gremium, dass versuchte, das System zu retten, indem es dessen Erfinder, Vordenker, Vorbereiter, Durchsetzer und uneingeschränkten Herrscher stürzte.

Der Krieg war für Italien im Grunde nie erfolgversprechend verlaufen, die Deutschen hielten sich als Verbündete von Beginn an kaum an Absprachen, das italienische Abenteuer in Griechenland wuchs sich zu einer mittelmäßigen Katastrophe aus, der Vormarsch in Jugoslawien war eher halbherzig und wurde nicht nur von den serbischen Partisanen, sondern auch von den Deutschen im wahrsten Sinne des Wortes unterminiert und schließlich gestoppt, die Unterstützung für die Wehrmacht an der Ostfront wurde auch für die Italiener zu jenem Desaster, als das sich das ganze „Unternehmen Barbarossa“ letztendlich historisch erwies. Schwerwiegender für Mussolini und seine Generäle aber waren die Verluste der afrikanischen Kolonien, deren Eroberung zuvor angeblich das neue italienische „Imperium“ begründete. Die Briten schlugen zunächst die Italiener in Ägypten und Libyen in die Flucht und setzten sich nach und nach auch gegen den deutschen Wundergeneral, den „Wüstenfuchs“ Erwin Rommel durch, der sich bei El Alamein endgültig geschlagen geben musste. Danach war der nordafrikanische Kriegsschauplatz – dem die Deutschen tatsächlich nie einen vergleichbaren Stellenwert zugemessen hatten wie der Ostfront und dem Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion – im Grunde verloren. Die Alliierten landeten in der „Operation Torch“ in Casablanca, das erklärte Ziel vor Augen, nach Sizilien überzusetzen und den europäischen Kontinent von Süden her aufzurollen.

Dies alles sorgte bei den Italienern für Verdruss, Mussolini wurde zunehmend unbeliebter. Endgültig kippte die Stimmung, als die Briten und schließlich auch die Amerikaner begannen, italienische Städte zu bombardieren, erst recht, als am 19. Juli 1943 erstmals Rom, die ewige Stadt, Epizentrum faschistischer wie imperialer Macht, angegriffen und massiv mit einem Bombenteppich belegt wurde. Die PNF, die Partito Nazionale Fascista, die so lange keine wirkliche Rolle mehr in Mussolinis Führer-Diktatur gespielt hatte, regte sich. Vor allem Dino Grandi, Faschist der ersten Stunde, wenn auch lange in gewissem Abstand zu Mussolini, ergriff die Gelegenheit, baute im Hintergrund eine Allianz mit König Emanuel III. auf und versicherte sich so des Rückhalts auch außerhalb der Partei und des Führungszirkels der Faschisten. Es war allerdings der König, der geistesgegenwärtig genug war, eben nicht Grandi oder einen anderen faschistischen Funktionär in das Amt des Ministerpräsidenten einzusetzen, sondern Marschall Badoglio, einen Militär, wodurch die neue Regierung den Eindruck der Neutralität erweckte, was bei möglichen separaten Friedensverhandlungen mit den Alliierten eine Rolle hätte spielen können.

Das also in etwa ist der Handlungsrahmen des vierten Bandes dieser literarischen Mussolini-Biographie, respektive einer Geschichte des italienischen Faschismus, die langsam auf die (historische) Zielgerade einbiegt. Scurati widmet diesen Band in einem kurzen Vorwort dezidiert all jenen, die durch die „…unselige vernunftwidrige, verbohrte Entschlossenheit der Faschisten, unsere Väter und Großväter in den Reihen der Nazi-Verbrecher kämpfen zu lassen, nicht nur die Angegriffenen, sondern auch die Angreifer zu Opfern […]“ werden ließen. Man mag darüber streiten, ob die Welt wirklich eine Geschichte des Faschismus aus der Perspektive der Faschisten braucht, eine ähnliche Diskussion, wie sie schon Jonathan Littells SS-Roman DIE WOHLGESINNTEN (2006) begleitete. Nun stellt sich diese Frage aber schon seit dem Erscheinen des ersten Bands von Scuratis Quintett und ist also hier nicht mehr wirklich relevant. Wer sich bis Band IV durchgelesen hat, wird sie für sich wohl beantwortet haben.

Wie schon Band III wirkt auch Band IV nicht mehr wirklich wie ein Roman im engeren, im literarischen Sinne, wie es die beiden ersten Teile doch definitiv waren; vielmehr scheint man es in den beiden letzteren Fällen mit erzählenden Historienwerken zu tun zu haben, analog zu jenen mit Spielszenen durchmischten Historienfilmen, mit denen uns das Fernsehen in den vergangenen 30 Jahren so häufig – mal mehr, mal weniger gelungen – beglückt. Scurati bietet allerdings ein weit ausgreifendes Panorama der italienischen Kriegsschauplätze, eine wilde Übersicht auch und gerade über jene Gegenden und Ereignisse, die sonst weniger im Fokus gerade der deutschen Weltkriegsgeschichtsschreibung liegen.

Dabei bemächtigt er sich einer Sprache, der es wieder und wieder gelingt, das Grauen dieses Krieges einzufangen. Und das ist nicht leicht, ist die dahingehende Literatur doch überreich an fürchterlichen Beschreibungen des Leidens, Tötens und Sterbens an den verschiedenen Fronten. Hier liegt sie noch einmal vor uns, all das Grauen, das Blutbad, die Massaker an der Ostfront ebenso, wie das Gemetzel an den und durch die Partisanen auf dem Balkan, das Dahinsiechen der Soldaten unter der sengenden Sonne Afrikas, ausgerüstet mit uraltem Gerät, Schusswaffen, die teils aus dem 19. Jahrhundert stammten, und kaum brauchbaren Panzern oder Flugzeugen. Die Angst, der Defätismus im Angesicht eines hundertfach überlegenen Feindes, das Fluchen auf einen Führer, den die tatsächliche Lage an den Fronten kaum zu interessieren scheint, der von Siegen und Imperien und Triumphzügen träumt, der eigentlich immer nur mit dem Danach und dem Ruhm und der Glorie oder aber der Ewigkeit, die der Ruhm verspricht beschäftigt ist, die Ewigkeit, die ihm durch den Krieg, den er tatsächlich gar nicht wollte, zuwachsen soll – ein Führer, der sich einen Dreck um das schert, was geschieht, um diesen Ruhm zu erringen.

Mussolini in Scuratis Darstellung ist nicht mehr ernst zu nehmen, er wird zu einem Wirrkopf, der den Bezug zur Realität verliert und auch nicht mehr herstellen will. Scurarti zeigt gnadenlos auf, wie übergroß die Diskrepanz zwischen dem von Mussolini immer wieder beschworenen „Kriegervolk“, welches die Italiener unbedingt werden sollten, und der Wirklichkeit nach zwanzig Jahren faschistischer Diktatur gewesen ist. Und er stellt dabei das ganze faschistische System im Allgemeinen, Mussolinis persönlichen Führungsanspruch im Besonderen als gleichsam operettenhaft bloß. Und spielt es damit immer wieder aus gegen das deutsche System der Grausamkeit und des Willens, bis zum Äußersten zu gehen. Eine Taktik, die man – wie Scuratis Gebrauch einer Sprache, die sich einiger zugegeben schwülstigen und als solches auch immer erkennbaren Elemente der faschistischen Sprache bedient – durchaus fragwürdig finden kann. Könnte man darin doch eine leichte Apologie der italienischen Kriegsführung sehen. Gleichwohl – dass Italien auf einen Krieg wie den, den Deutschland dann entfachte, nicht vorbereitet war, ist unbestritten. Es kommt einem während der Lektüre immer wieder der böse alte Landser-Witz in den Sinn, der Titel des kürzesten Buchs der Weltgeschichte laute „Italienische Heldensagen“.

Das italienische Volk – und das ist ein Problem der gesamten Reihe – bleibt auch hier reines, vor allem passives Objekt. Nur wenige Stimmen geben „Volkes Stimme“ wieder. So werden auch die Reaktionen der Bevölkerung hier eher aus der Wahrnehmung der Faschisten, bzw. direkt aus Mussolinis Wahrnehmung heraus geschildert. Seine Auseinandersetzungen mit seinen engsten Vertrauten, vor allem aber mit seiner Geliebten Clara Petacci, die dankenswerter Weise sehr akribisch Tagebuch führte und somit Vieles überlieferte, was Mussolini so von sich gegeben hat, sind hier oftmals der Gradmesser der Betrachtung einer objektiven Wirklichkeit, die immer stärker mit Mussolinis Weltsicht kollidiert. Die teilweise schwer erträglichen Berichte von den Frontabschnitten, die nicht mit Grausamkeiten sparen, stellen dann den denkbar größten und härtesten Kontrast zwischen der Wirklichkeit des Krieges und Mussolinis Selbstwahrnehmung und seiner Wahrnehmung dessen dar, was er wahrnehmen will.

Scurati greift dann auch hier, wie in den Vorgängerbänden auch schon, zu teils regelrecht ordinären Stilmitteln, um Mussolini lächerlich zu machen. Immer wieder wird ausführlich sein Magen-Darm-Leiden, werden die etwas unappetitlichen Folgen dieses Leidens beschrieben. Und fast komisch mutet das an, wenn Scurati teils minutiös jene Begegnungen zwischen dem „Duce des Faschismus“ und Adolf Hitler schildert, während derer sich Mussolini, von Bauchkrämpfen gequält, die stundenlangen Monologe des GröFaZ anhören muss, der seinerseits langsam aber sicher in eine eigene Realität abdriftet, in welcher er u.a. Armeen, Divisionen und Bataillone, die es schon längst nicht mehr gibt, auf seinen imaginären Schlachtfeldern hin und her bewegt und in immer neue Schlachten und Gefechte wirft.

Es ist Scurati allerdings hoch anzurechnen, dass er es sich und seinen Landsleuten dann doch nicht zu leicht macht wenn er beschreibt, wie auch Italiener am Vernichtungskrieg gegen die Sowjets nicht nur teilgenommen, sondern sich aktiv daran beteiligt haben; auch die Beteiligung an den Menschheitsverbrechen an der jüdischen Bevölkerung hinter der Ostfront erspart er sich und seinen Leser*innen nicht, an denen Italiener ebenfalls teilnahmen, wenn auch teils entsetzt über das, was da vor sich ging. Doch bleibt ein unguter Nachgeschmack bei der Lektüre. Als wolle der Autor, indem er seine Landsleute als etwas feige, etwas schlapp und vor allem kriegsunwillig darstellt, im Grunde als Südländer für den Kampf ungeeignet und somit auch nicht vollumfänglich schuldig, eben diese Landsleute auch entschuldigen, und wenn nicht entschuldigen, so doch zumindest als Verführte, vielleicht etwas Naive zeigen. Sicher, wirklich gut kommen auch die Italiener bei Scurati nicht weg, eben weil sie sich hier als Objekte, vergleichsweise willenlos gerieren.

Aber vielleicht ist es auch ganz einfach das Unbehagen, das automatisch sich einstellt (einstellen sollte) und bleibt, wenn man sich mit einem Sujet wie diesem beschäftigt. Vielleicht war der italienische Faschismus nicht ganz so verkommen wie der Nationalsozialismus, aber das sind Marginalien. Es war ein tödliches System, ein System, das sich überlegen wähnte, es gab jenen die Möglichkeit zu willkürlicher und nahezu unumwundener Macht, die die Demokratie verachteten und die den Menschen verachteten, die Idee des Menschen, des Menschlichen, des Humanen. Und wie dieses System funktionierte – korrupt und vetternwirtschaftlich, Pfründe, die verteilt wurden und Gefälligkeiten die gewährt wurden, gewalttätig und brutal und zynisch – das verdeutlicht Scurati schon sehr eindrücklich. Es fällt schwer, das zu lesen, weil es die Leser*innen unweigerlich zu Zeugen dieses Tuns macht und damit auch ein wenig mitschuldig, da man lesend nicht eingreifen kann – außer, man stellt die Lektüre ein. Aber genau dieser Effekt mag gewollt sein. Er ist auf jeden Fall gekonnt und macht etwas mit denen, die Scuratis Erzählung folgen. Und wer so weit gekommen ist, der wird sich auch den letzten Band nicht schenken.

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