SICK CITY

God damn the drugs...

Jeffrey – Loverboy eines Ex-LAPD-Polizisten – erbt nach dessen plötzlichem Ableben nicht nur einen Haufen Koks und Heroin, sondern auch einen Film, der Sharon Tate, Yul Brynner, Steve McQueen und andere Hollywoodgrößen der späten 60er bei einer Orgie zeigt. Selbst schwerst drogenabhängig, deponiert Jeffrey seine Sachen bei einem befreundeten Dealer und verabschiedet sich für einige Wochen in Dr. Mikes Entzugsklinik „Clean and Serene“. Dort trifft er Randal, Sproß einer der ‚großen‘ Hollywoodfamilien, dessen Vater seine Sucht immer gedeckt hatte, der nun aber, nachdem Papi das Zeitliche gesegnet hat, dem Willen seines Bruders folgend versuchen muß, clean zu werden, damit er sein Erbe antreten darf. Beiden, sowohl Randal, als auch Jeffrey, ist klar, daß sie niemals wirklich von der Droge loskommen werden – und sie wollen es auch nicht. So planen sie den großen Abgang, indem sie mit Randals Kontakten in der Branche einen Sammler auftun wollen, der ihnen Millionen für den Film zahlt. Doch sie haben die Rechnung ohne den eiskalten Dealer, Killer und Psychopathen Pat gemacht, der Jeffreys Dealer umbringt und dabei begreift, daß ihm mit Jeffreys Hilfe ebenfalls das ganz große Geschäft blühen könnte. Und so steuert alles auf einen ebenso wahnwitzigen wie hochexplosiven Show-Down zu…

Tony O’Neill scheint genau zu wissen, wovon er da schreibt. Diese Berichte aus der Nahkampfzone des multitoxischen Mißbrauchs sämtlicher Substanzen, die sich in Reichweite befinden, kommt zu abgeklärt und zu bitter daher, als daß es die reine Erfindung sein kann. So wird diese ‚hard-boiled‘-Story nie zu einer beschönigenden Geschichte, doch – ähnlich wie es einst den Machern des Films TRAINSPOTTING (1996) gelang – kann O’Neill sehr gut nachvollziehbar machen, wieso man auf Drogen abfahren kann und wieso man davon schlicht nicht mehr loskommt, selbst, wenn man weiß, daß sie den eigenen Untergang bedeuten.

Allerdings sind die Drogen – die nahezu auf jeder der knapp 400 Seiten geschnupft, gespritzt oder geraucht werden – nicht das eigentliche Thema des Romans. Sie sind – wie der Orgienfilm – lediglich Symbole für das, worum es hier geht: Los Angeles als das, was Kenneth Anger einst „Hollywood Babylon“ nannte. Sodom und Gomorrha. Ein Sündenpfuhl aus Drogen, Rausch, käuflichem Sex und der Abhängigkeit von Substanzen, Beziehungen und den Mächtigen. Die Abhängigkeit von der Anerkennung anderer. Das symbolische, virtuelle Hollywood, das eigentlich nur in den Gazetten, den Klatschspalten und letztlich den Köpfen all jener existiert, die in den Frisiersalons und Wartezimmern überall in Amerika davon lesen und sich dorthin träumen, wird hier aufs Trefflichste dekonstruiert. Dieses Glamour-Hollywood konfrontiert O’Neill mit jenen Strassen zwischen Hollywood Boulevard, Vine Street, dem Santa Monica Boulevard und West Hollywood, in denen einem, läuft man sie einmal bei Tag oder Nacht ab, schnell jeglicher Hollywood-Glamour vergeht. Obwohl hier im ‚Dolby Theatre‘ die Oscars verliehen werden, obwohl hier mit ‚Mann’s Chinese Theatre‘ nach wie vor eines der großen Premierekinos steht und obwohl gerade auf diesem Abschnitt des Hollywood Boulevard mit dem berühmten ‚Walk of Fame‘ eine der Touristenattraktionen dieser maßlosen Stadt liegt, ist dies auch – vielleicht nur vergleichbar mit den düsteren Straßenschluchten von Downtown L.A. – der Ort, wo die Junkies und Obdachlosen die Straßen bevölkern, wo Prostituierte ihrem Geschäft nachgehen, wo Gewalt, Raub und leider auch häufig Mord nicht weit entfernt sind.

Dies sind die Strassen, die Gegenden, in denen ein Großteil der Handlung spielt. Doch ist das Bindeglied und Schmiermittel „Droge“ gut gewählt, will man sowohl diese runtergekommenen Viertel des Molochs ebenso einbeziehen, wie die sauberen und luftigen Höhen von Beverly Hills und Bel Air oder die hippen Stelzenvillen in den Hollywood Hills. Drogen sind der große Gleichmacher. Ob ein runtergekommener Typ wie Jeffrey, dessen Kumpane und Feinde, oder ein Kerl wie Randal, schwarzes Schaf einer der reichen Filmbusiness-Familien: Sie alle brauchen die gleichen Drogen und wollen sie zu einem fairen Preis, weshalb sie auch die gleichen Dealer nutzen. Meistens, zumindest. Und letztendlich sind sie dann auch auf die gleiche Art und Weise runtergekommen und vollkommen fertig. Denn daran läßt O’Neill keinen Zweifel aufkommen: Drugs kill…

O’Neill gelingt es in dieser Mixtur, der Glitzermetropole die Maske herunter zu reißen und die hässliche Fratze des Konsums, der Gier und der Abhängigkeit dahinter bloßzulegen. Er nutzt dazu einen gewagten, hier jedoch letztlich gelungenen Kniff, wenn er jede Marke, die im Buch Erwähnung findet – seien es LEVI’S 501er oder sei es ein Blatt wie L.A.WEEKLY, seien es die GOOD MORNING SHOW oder eine Band wie COLDPLAY – in ihrem charakteristischen Logo und Markenzeichen, Schirfttype oder Symbol abdrucken läßt. Das kann beim Lesen durchaus nerven, weil es immer wieder den Lesefluß unterbricht, doch ähnlich, wie die etwas seltsame Absatztechnik, die O’Neill verwendet (immer wieder werden mitten in Szenen oder Dialogen Absätze eingefügt), bringt es den Leser auch dazu, über die reine Oberflächlichkeit einerseits, aber auch darüber zu sinnieren, daß in dieser Welt schlicht nur der Schein zähl, Marken, Logos, Label…

Das Sein? Folgt man O’Neill, gibt es nur zwei wirkliche, reale Empfindungsebenen in all dem: Den Rausch und die Gewalt. Von beidem weiß er angemessen zu erzählen, ohne dabei in selbstverliebte Beschreibungen zu verfallen. Das, was Jeffrey und Randal erleben (müssen) ist streckenweise knallhart, doch gelingt es O’Neill, seine Schocks dezidiert zu setzen, ohne sich in bluttriefenden Einzelheiten zu verlieren. Der Psychopath Pat und seine völlig kranke und abhängige Beziehung zu der Tänzerin Trina, sind derart eindringlich beschrieben, daß es nicht mehr nötig ist, seine Taten genauestens auszuleuchten. Es reicht, wenn der Autor uns an einer einzigen Stelle einen Rundblick über das gewährt, was nach einer von Pats „Behandlungen“ übrig bleibt.

So bleibt SICK CITY hart an seinem Thema, erzählt im Plot eine gradlinige Story über einen verbotenen Deal – klassisches Noirterritory – zeigt jedoch tiefes Mitgefühl für seine Figuren und deren Versuche, irgendwie auf die Sonnenseite der Straße des Lebens zu gelangen (während Randal genau davor wegrennt, ununterbrochen) und weiß doch, daß an einem Ort wie Hollywood Träume immer nur zerschellen. Nur vor dem Hintergrund Millionen verlorener Träume, können die paar, die in Erfüllung gehen, glänzen. Bitter…

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