DER HERR DER RINGE/THE LORD OF THE RINGS in der Verfilmung von Peter Jackson

Einige Gedanken zu den Extended-Versions

Zur Genese des modernen Blockbusterfilms
Als 1991 Steven Spielberg seine Dinosaurier auf die Kinoleinwände der Welt losließ und damit eine nachhaltige Dinomania auslöste, die gerade ihren Höhepunkt darin fand, daß Teil IV der Saga um die Urzeitechsen das finanziell erfolgreichste Startwochenende aller Zeiten hinlegte (was bekanntlich in den Chefetagen dessen, was einst Hollywoodstudios waren, als überhaupt einziger Maßstab zählt), da wusste man beim Betrachten dieser Bilder, daß etwas begonnen hatte, was nicht mehr umzukehren war und das Kino nachhaltiger und vor allem schneller verändern würde, als alle technischen Spielereien zuvor: Mit der Digitalisierung der Bilder und der Möglichkeit, Filme nicht mehr wirklich auf Film, also jenem dünnen Band aus Zelluloid, bannen zu müssen, im Grunde nicht mal mehr Kulissen oder Darsteller zu brauchen, waren der Phantasie scheinbar keine Grenzen und dem Darstellbaren keine Begrenzungen mehr auferlegt. Das Erstaunliche an JURASSIC PARK damals war jedoch – und vielleicht brauchte es dazu einen so umstrittenen Kinomacher und -magier wie Steven Spielberg – , daß der Film viel Herz, Humor und ein gutes Script mit gut angelegten Figuren hatte. Der damals bereits etwas erfahrenere und reifere Zuschauer saß staunend im Kino, man glaubte das, was man sah, auch wenn man WUSSTE, daß es reine digitale Herstellung war, die dem T Rex zum Leben verhalf.

Als 2001 – ein Jahr, das sich aus ganz anderen Gründen dem (post)modernen Menschen eingeprägt hat und dessen Ereignisse sehr viel über Bilder, den Umgang mit Bildern, über die Wahrheit von Bildern aussagen und lehren – dann mit viel Erwartungen befrachtet der erste Teil der Verfilmung von J.R.R. Tolkiens für unverfilmbar gehaltene Trilogie THE LORD OF THE RINGS erschien, hatte sich der gemeine Kinogänger längst daran gewöhnt, mit computergenerierten Monstern, Katastrophen oder Außerirdischen konfrontiert zu werden. Kaum wer interessierte sich noch für solche Nebensächlichkeiten wie Handlung, Plot, Figuren. Alles überflüssig. Kino, zumindest das Mainstreamkino, war zu einer Leistungsschau des Silicon Valley und seiner diversen kalifornischen Ableger geworden. Daß eine Verfilmung des Mammutwerkes des englischen Professors für Linguistik zwangsläufig auf die allermodernste Technik filmischen Schaffens würde zurückgreifen müssen, stand für den Tolkienleser und Cinéasten außer Frage. Unter anderem das Regiegenie Stanley Kubrick – also jener Mann, der uns u.a. 2001 – A SPACE ODYSSEY (1968) gegeben hatte – war an der Aufgabe zwar nicht gescheitert, hatte sie aber – wie seinen ewig vorbereiteten Film über Napoleon – als undurchführbar auf Eis gelegt.

Zur Genese der Trilogie THE LORD OF THE RINGS
Sei es die Masse an Personal, sowohl an Sprechrollen als auch an reiner Quantität für Massenszenen, die bei den im Buch geschilderten Schlachten gebraucht würde, seien es die unterschiedlichsten Kreaturen und Monster, die Tolkiens bis in Mythologien, Sprachsysteme und Historizität ausgearbeitete Welt bevölkern, sei es die schiere Menge an Schauplätzen, die dann auch noch teils enorme Ausmaße haben und gigantische, imponierende Umgebung verlangen – es schien niemals möglich, das alles adäquat auf die Leinwand bringen zu können. Erst CGI – also rechnergestützte Tricks und Entwürfe, die keinen Drehort oder ein Studio mehr verlangen, sondern lediglich enorme Rechenkapazität – ließ Ideen, wie die zu dieser Verfilmung, wieder erwachen. Doch würde es nicht reichen, schlicht zu bebildern, was Tolkien teils übergenau beschreibt, teils aber auch bewußt im Vagen beließ. Das Buch ist mittlerweile, seit den späten 1960er Jahren, ein Kult-Klassiker, es hat ein komplettes Genre – das der modernen Fantasy-Literatur – begründet, es hat Verehrer in allen Generationen und Erdteilen der Welt. Und jeder, der es gelesen hat, der sich in diese Welt hat entführen lassen, hat eine genaue Vorstellung davon, wie sie denn nun aussehen, die Helden und Schurken dieses Stücks: Gandalf, der Zauberer und Frodo, der Hobbit, der die schwere Last aufgebürdet bekommt, den Ring zu tragen, der einst geschmiedet wurde, um die Welt zu knechten, sein treuer Freund Samweis Gamdschie, das Mischwesen Gollum, Aragorn, der einst wieder König sein wird, Saruman, der böse Zauberer und seine Armee der Uruk-Hai, eine Neuzüchtung jener Wesen, die Mittelerde bevölkern und Orks genannt werden, die Trolle und Balrogs und Nazgûl und wie sie alle genannt werden. Sich auf das Unterfangen einzulassen, den Millionen Fans der Saga einfach ein fertiges Produkt vorzusetzen, war schon an sich ein riskantes. Dazu kommt aber, daß es Tolkien gelingt, diese Figuren, so beladen mit Klischees sie auch sein mögen (und streckenweise sind diese Figuren derart mit Klischees beladen, daß sie an der Grenze zur Lächerlichkeit entlang balancieren), so liebevoll zu gestalten, daß einige davon geradezu aus dem Buch heraussteigen und zu Begleitern ihrer Leser werden. Gerade Gandalf, Aragorn, der Elb Legolas oder die Hobbits selber waren längst Teile einer Popkultur, die sie natürlich auch perfekt bedienten. Man muß also großen Respekt für Peter Jackson aufbringen, der das Wagnis nicht zuletzt mit einer Menge eigenen Geldes einging.

Man kann darob natürlich in schweigendes Staunen verfallen und behaupten, allein deshalb seien dies gelungene Filme. Man kann mit DIESER Logik natürlich auch die Naziaufmärsche bei den Nürnberger Reichsparteitagen für gelungen halten, immerhin unterliegen sie einer Massenchoreographie, die man auch erstmal hinbekommen muß. Nein, selbst der teuerste Film der Geschichte wird sich herkömmlichen Qualitätsmerkmalen stellen müssen. Als also im Dezember 2001 THE LORD OF THE RINGS: FELLOWSHIP OF THE RING (Originaltitel) seine Weltpremiere in London feierte, hielten nicht nur Jackson, seine Frau und Mitstreiterin Fran Walsh und der Rest der Besetzung und des Stabes die Luft an, sondern auch Millionen, die den Film seit Jahren erwarteten, waren bis aufs Äußerste gespannt, was Jackson und seine Mitstreiter da auf die Leinwand gezaubert hatten. Den meisten durchschnittlichen Kinogängern dürfte der Regisseur zu jenem Zeitpunkt nicht unbedingt bekannt gewesen sein, hatte er zuvor doch vor allem die überschaubare Szene der Fans des Splatterkinos für sich eingenommen. BAD TASTE (1987) oder MEET THE FEEBLES (1989) hatten ihn zu einem Geheimtipp werden lassen, die Splatterorgie BRAINDEAD (1992), die das Genre nicht nur parodierte (und damit massentauglicher machte), sondern auf dem Höhepunkt der Postmoderne eben zugleich auch zu neuen Höhepunkten führte, machte Jackson dann allerdings schon bekannter. Als er dann 1994 nach längerer Zeit ohne neues Werk mit dem Arthousefilm HEAVENLY CREATURES (1994) reüssierte, hätte man erwartet, daß Jackson wohl diesen Weg einschlagen und den vor allem in Europa beliebten „Kunstfilm“ bedienen würde. Umso erstaunter war man, als irgendwann Ende der 90er Jahre also die Ankündigung kam, es sei eben Peter Jackson, der Tolkiens Buch verfilmen würde. Doch als die Katze erstmal aus dem Sack war, leuchtete es durchaus ein, diesem Kino-Wizzard diese Story zu überlassen.

Zum Ersten Teil: THE LORD OF THE RINGS: FELLOWSHIP OF THE RING
Und so begann es! Jackson orientierte sich an den drei Teilen des Romans und untergliederte seine Verfilmung ebenfalls in drei Teile. Und gerade der erste Teil ist großartiges Kino, ist ein Fest für die Augen. Wenn dem Zuschauer in der ersten halben Stunde ein Auenland vorgeführt wird, das in Deutschland zwar an eine Margarinen-Werbung der 80er Jahre erinnert, jedoch mit unglaublich viel Liebe zum Detail gestaltet ist – von den Anziehsachen der Bewohner, ihren Häusern, deren Ausstattung, den Feiern, Persönlichkeiten wie Bilbo Beutlin, gespielt vom großen Charakterdarsteller Ian Holm oder Gandalf, der mit seinem Feuerwerk kommt, seines Freundes 111. Geburtstag zu feiern – dann muß man sich eingestehen, daß der geneigte Betrachter schier überwältigt wird, daß man wirklich vollkommen gefangen genommen, komplett eingesaugt wird in dieses Reich jenseits unserer Zeitrechnung. Und die Kinofassung zog dann an: Obwohl drei Stunden in der Länge, hat Teil eins ein enormes Tempo und ein extrem gutes Timing in Schnitt und Montage. Die Figuren werden gut, weil erkenntlich, jedoch immer genau so passend wie nötig eingeführt und die Handlung kommt recht gut in Schwung. Wir folgen den Hobbits auf ihren ersten Etappen mit dem Ring, wie sie von den Nazgûl verfolgt werden und mit großer Not es schaffen, ihren Häschern zu entgehen; uns wird ‚Streicher‘ vorgestellt, jener Held, der im Laufe der Handlung zu einem König mutiert, wir folgen der ‚Gemeinschaft des Rings‘ durch die Minen von Moria, wo Gandalf im Kampf mit dem Balrog ins Meer der Äonen fällt, erreichen schließlich Bruchtal, wo die Elben ihren Abgang aus Mittelerde vorbereiten. Und schließlich müssen wir schon am Ende des ersten Teils erleben, wie die Gemeinschaft zerfällt, wie Frodo und Samweis sich aufmachen, den Ring allein nach Mordor zu tragen, wo er vernichtet werden kann und wie die Hobbits Merry und Pippin von den Uruk-Hai entführt und Richtung Isengard, zu Saruman dem Zauberer, verschleppt werden. Wenn der erste Teil vorbei ist und man aus dem Kino stolpert, dann hat man das erlebt, was frühere Generationen mit GONE WITH THE WIND (1939) oder BEN HUR (1959) erlebt haben mögen: Man ist abgetaucht in die perfekte Illusion einer anderen Welt, eines anderen Lebens.

Teil eins ist – so kann man sagen – im Grunde „perfektes“ Kino, wenn man denn Kino als Überwältigungsmaschine, als Illusionsmaschine will. Klassisches Hollywood-Kino, klassisches Erzählkino, klassisches Abenteuerkino. Trotz all der Technik, ob nun analog oder digital, wird dem Zuschauer ein liebevoller, spannender, mitreißender Film geboten, der sich erstaunlich eng an die literarische Vorlage hält. Bis auf das Weglassen einer Figur, ein paar Umstellungen im Handlungsablauf, die filmischer Dramaturgie geschuldet sind und einer gewissen Freiheit des Tempos, ist dies ganz klar eine wirklich gelungene Literaturverfilmung, deren Darstellerriege gesondert erwähnt werden muß – letztlich für alle drei Teile.

Sei es Ian McKellen, der als Gandalf trotz etlicher Shakespeare-Darstellungen wahrscheinlich die Rolle seines Lebens gespielt hat, oder aber Christopher Lee als böser Zauberer Saruman; sei es Viggo Mortensen, der in vielerlei Thrillern und „ernsten“ Filmen seit seinen „Aragorn“-Tagen tapfer gegen das Heldenimage anspielt und seitdem einige großartige Leistungen hingelegt hat; seien es Elijah Wood als Frodo, ebenso die damals weitestgehend unbekannten Sean Astin (Samweis), Billy Boyd (Pippin) oder Dominic Monaghan (Merry) in den Hobbit-Rollen – alle spielen hervorragend, alle füllen ihre Personen mit Leben aus, allen gelingt es, sie überzeugend mit Eigenarten und Marotten auszustatten. Fast noch überzeugender als diese Riege der Hauptdarsteller, ist jene der gehobenen Nebendarsteller: Der bereits erwähnte Ian Holm als Bilbo, Liv Tyler als Arwen, Aragorns geliebte Elbe oder Hugo Weaving als Elbenkönig Elrod, vor allem aber Cate Blanchett als Elbenkönigin Galadriel – sie alle geben dem Film eine Tiefenschärfe in den entscheidenden Momenten, der ihn eben über das Einerlei des herkömmlichen Mainstream-Blockbusters mit Knalleffekten und enormen Remmidemmi hinaushebt. Dies ist, bei all seinen Schauwerten, in erster Linie ein Schauspieler-, mehr noch: ein Ensemblefilm feinster Art. Auch, wenn man das kaum glauben mag.

Zur Extended Version
Brauchte es also die Extended Version für diesen Teil? Sicher, wenn man einmal in diese Welt abgetaucht ist, dann will man mehr…mehr…mehr. Außerdem läßt sich mit einer zweiten, dritten, vierten Fassung immer noch ein bisschen was verdienen – ein Rezept, daß Ridley Scott zur Vollendung gebracht hat, bei dem man im Kino oft denkt: Work in progress, warten wir mal auf den sowieso 2 Stunden längeren ‚Director’s Cut‘. Im Falle des ersten Teils der RING-Trilogie läßt sich allerdings nur sagen: War unnötig. Gerade die Anfangsszenen im Auenland sind zwar wie erwähnt sehr liebevoll gestaltet und stellen uns dieses Völkchen nun noch etwas ausführlicher vor, doch Vertiefung, eine andere Perspektive auf das Geschehen oder gar das Wiedereinfügen einer der wesentlichen aber nur kurz im Buch auftauchenden Figuren, Tom Bombardil, kann man dieser erweiterten Fassung nicht attestieren. Der Rhythmus, das Tempo und das Timing verändern sich. Ob das unbedingt zur Güte des Films beiträgt? Man mag darüber streiten. Dem Rezensenten hat die Kinofassung als Film besser gefallen.

Zum Zweiten Teil: THE LORD OF THE RINGS: THE TWO TOWERS
Peter Jackson hatte schon vor Veröffentlichung des ersten Teils seiner Trilogie angekündigt, daß dies ein Dreijahresprojekt werden und 2002 der zweite Teil THE LORD OF THE RINGS: THE TWO TOWERS erscheinen würde, ebenfalls im Dezember, womit in Amerika im wichtigen Weihnachtsgeschäft hohe Einnahmen garantiert waren. Natürlich wurde der Film von den Fans dringend erwartet – die Trilogie hatte durch den ersten Teil eine Menge Menschen angesprochen, weitaus mehr, als das Buch gelesen hatten. Jackson hält sich erneut relativ eng an die Vorlage, auch wenn er hier und da strafft, einige Umwege geht, die das Buch nicht nimmt, dafür andere, DIE das Buch nimmt, abkürzt.

Während Frodo und Samweis Richtung Mordor wandern, verfolgt, dann geführt von dem seltsamen Mischwesen Gollum/Smeagol, einst Träger des Rings, heute ein verlassenes Geschöpf der Berge und Sümpfe, verfolgen Aragorn, Legolas und der Zwerg Gimli die Uruk-Hai, die die Hobbits Merry und Pippin entführt haben. Große Heere marschieren auf, Sarumans Armee wächst, Sauron – der Herrscher Mordors, Herr des Rings und durch und durch böse, ja, die Inkarnation des Bösen selbst – wird stärker von Tag zu Tag und sammelt riesige Streitkräfte in seinem Reich. Das menschliche Reich Rohan, gelegen in den Steppen Mittelerdes, wird von Sarumans Horden angegriffen, seine Bewohner sammeln sich hinter ihrem König Théoden, der von Saruman geschwächt wurde und vom als ‚Gandalf, der Weiße‘ wiederauferstandenen Zauberer befreit wird. Schließlich muß sich das Volk Rohans mit Hilfe Aragorns, einiger Elben und hinter den Wällen von Helm’s Klamm gegen Sarumans Zehntausende umfassende Armee aus Uruk-Hai verteidigen, bis Gandalf mit den verstoßenen Reitern Rohans zur Hilfe eilt. Ein erster Sieg gegen die Mächte des Dunklen kann hier errungen werden, zugleich ist es Merry und Pippin mit Hilfe der Ents, Hüter des Fangorn-Waldes, gelungen, Isengard, Sarumans Reich, zu zerstören. Im Westen aber haben die Krieger Gondors, die das Reich der Menschen dort verteidigen, eine erste empfindliche Niederlage gegen die Armeen Saurons hinzunehmen. Und Frodo, Samweis und ihr seltsamer Begleiter Gollum machen sich auf, einen anderen, düsteren Weg durch das Gebirge zu suchen, um nach Mordor zu gelangen, wo im Schicksalsberg einst der Ring geschmiedet wurde, wo er auch wieder zu vernichten sein wird. Frodo allerdings gleitet mehr und mehr auf die dunkle Seite hinüber, jene Seite, die der Ring in allen seinen Trägern hervorruft: Die Seite des Bösen.

Ein Buch ohne Anfang und Ende, ein Film ohne Anfang und Ende. Was in der literarischen Vorlage an sich schon kompliziert ist – drei große Handlungsstränge, eine unglaubliche Fülle an Personal, gewaltige, teils gleichzeitig stattfindende Schlachten – wird im Film nahezu unzeigbar. Es wundert nicht, daß der zweite Teil in der Kinofassung so zerfahren und wenig zugänglich wirkt. Es kann ebenfalls nicht verwundern, daß dieser Teil derjenige ist, der sich am weitesten von seiner Vorlage entfernt. Man wird direkt in die Handlung geschmissen, der Film setzt mit Action ein und braucht lange, bis er einmal zur Ruhe kommt. Dann allerdings gelingen ihm teils wunderbare Bilder voller Schönheit und Poesie. Doch sind es vor allem die Massenszenen beim Sturm auf Helm’s Klamm und der Schlacht um Isengard, die in Erinnerung bleiben und zugleich Stärke und Schwäche des Films ausmachen. Beeindruckend, wie es den Machern gelungen ist, dieses unüberschaubare Heer der Uruk-Hai zu animieren, das auf die Schlucht zumarschiert kommt. Beeindruckend, wie es den Machern gelungen ist, den Fangorn-Wald in Szene zu setzen, vor allem die Ents, wenn sie Isengard angreifen. Beeindruckend, wenn die Ents Sarumans Minen, wo er seine Schmieden für die Ausstattung seiner Armeen betreibt, fluten, beeindruckend die Kameraflüge über die Heere der Orks, über die Reiter Rohans, über die Steppen Mittelerdes. Beeindruckend.

Aber warum kommt man dann so seltsam unbefriedigt aus dem Kino? Was Teil Eins so seltsam leichthändig gelingt – uns mitzunehmen in diese Welt, sie uns vorzuführen und nahezubringen, uns die Personen vorzustellen und dabei bei all der Tricktechnik dennoch ein Herz zu behalten – all das scheint Teil Zwei nicht leisten zu können. Zu zerfahren die Handlung, zu schnell und geschwind jene Szenen, in denen wir einmal zur Ruhe kommen und uns erholen können von dem Krach, dem Lärm, dem Radau. Düster und bedrückend die Entwicklungen, derer wir ansichtig werden, nur wenig Entlastung oder gar Humor, den der erste Teil durchaus hatte. Plötzlich hat man das vor sich, was THE LORD OF THE RINGS niemals sein darf: Eine reine Leistungsschau der CGI-Technik, ohne Herzblut, ohne die Liebe des Vorgängers. Denn genau DAS, was oben als beeindruckend beschrieben wird, ist auch das Problem des (Kino)Films. Man sitzt da und staunt und denkt doch, daß man all das schon kennt. Woher bloß? Und dann fällt es einem endlich auf: Wie in den STAR WARS-Filmen, die als Prequel zu den Klassikern aus den 70er/80er Jahren gedreht wurden, hat man es im zweiten Teil der RING-Trilogie mit einem Film zu tun, dessen Abläufe der Logik eines Computerspiels folgen. Die Animation der Schlachten wirkt exakt so, wie die Schlachtfelder der damals geläufigen Rechnerspiele. Man schaut einem gigantischen Videospiel zu, das den Nachteil hat, daß man selber nicht eingreifen kann. THE LORD OF THE RINGS: THE TWO TOWERS in der Kinofassung ist wie ein ständiges Versprechen, das nicht eingehalten wird. Das ist für einen Film tödlich. So bleibt, wenn man aus dem Kino geht, zweierlei: Die wirklich großartige Animation des Gollum-Wesens, dessen „Herstellung“ in den „Anhängen“ des EXTENDED-SETS reichlich Platz einnimmt, und ein Gedanke, der einen Moment des Innehaltens verlangt.

EXKURS: Zur Animationsverfilmung Ralph Bakshis und der Frage des Unterschieds von Literatur und Film
Es wurde ja erwähnt, daß andere – namentlich Stanley Kubrick – bereits mit der Verfilmung von Tolkiens Bestsellerstoff geliebäugelt hatten. In Deutschland ist dabei nahezu in Vergessenheit geraten, daß es bereits eine Verfilmung des Stoffes gab! 1977 erschien der Animationsfilm THE LORD OF THE RINGS in der Adaption von Ralph Bakshi, der zuvor Robert Crumbs ewig geilen Kater Fritz the Cat auf die Leinwand gebracht und mit dem umstrittenen HEAVY TRAFFIC (1973) Aufsehen erregt hatte. Bakshis Bearbeitung war kein wirklicher Erfolg, geriet in Vergessenheit und erlebte nicht mal fröhliche Urständ‘ als Jacksons Megaprojekt an den Start ging. Der Film gilt heute als wenig überzeugend, hinzukommt, daß er in der Mitte des nominell zweiten Teils mit dem Sturm auf Helm’s Klamm abbricht. Bakshi hatte enorme Probleme, das Geld für seinen zweiten Teil aufzutreiben, der dann den Rest von THE TWO TOWERS und den dritten Teil des Buches komplett hätte erzählen sollen. Es wurde später, gegen Mitte der 80er Jahre, ein Fassung für das amerikanische Fernsehen produziert, die in Europa lediglich auf Video erhältlich war. Es ist dem Rezensenten später nie mehr gelungen, dieses Werk aufzutreiben, nachdem er es einmal Anfang der 90er Jahre sehen konnte.

Es sei einmal dahingestellt, ob der Film gelungen ist, oder nicht. Ganz sicher ist eines: Jackson kennt ihn. Gollum, dessen Darstellung durch Andy Serkis kaum zu würdigen ist, da er später komplett am Rechner erschaffen wurde und Serkis lediglich die Bewegungsabläufe vorgab, sieht in Jacksons Trilogie dem von Bakshi animierten Smeagol erstaunlich ähnlich. Und es gibt weitere Hinweise: Es sind Details, wie die Pfeile, die Boromir am Ende des ersten Teils durchbohren, auch die Darstellung des Balrog und anderer Wesen, die klar vom älteren Film beeinflusst waren. Man wünschte sich, Jackson hätte sich ebenso bei Bakshis Orks bedient, die in ihrer unförmigen Dickleibigkeit weitaus bedrohlich und „entmenschlichter“ Wirken, als Jacksons eher rattenartige Wesen, bzw. die als hässliche, überdimensionierte Bodybuilder dargestellten Uruk-Hai. Vor allem aber ist es der Sturm auf Helm’s Klamm, den Bakshi in seiner ganzen Wucht sehr viel apokalyptischer inszeniert, als es Jackson gelingt. Man mag das auf den Unterschied von Animations- und Realfilm schieben. Bakshis Armeen aus Orks marschieren vollkommen ungeordnet. Ihre schweren Leiber rammen ihre kurzen, stumpfen Beinchen in die Erde und der daraus entstehende Sound wirkt sehr überzeugend in seiner Bedrohlichkeit. So hat man in der Darstellung sehr wohl den Eindruck, einer echten Entscheidungsschlacht beizuwohnen, als kämpfe ein Geschlecht um seine letzte Möglichkeit des Überlebens. Da wirkt Jacksons Sturm doch sehr viel geregelter. Schon die Tatsache, wie er seine Orks und Uruk-hai organisiert – soldatisch, ehrerbietig, strategisch, hierarchisch – , ist maximal weit von Bakshis viel animalischer wirkenden, viel mehr dem reinen „Recht des Stärkeren“ verbundenen Wesen entfernt.
– EXKURS ENDE –

Zur Extended Version
Was aber möglicherweise entscheidender ist, ist die Aufteilung der Literaturvorlage für die Verfilmung. Sicher wären Warner Bros., die den Film produziert haben, nicht damit einverstanden gewesen, zwei Filme à fünf Stunden in die Kinos zu bringen. Dem Erzählfluß hätte dies allerdings wahrscheinlich gut getan. Hätte man Film eins bis zur Schlacht von Helm’s Klamm geführt und dann den zweiten Teil den Rest und Teile dessen erzählen lassen, was nun in THE TWO TOWERS berichtet wird, hätte man möglicherweise zwei zu gleichen Teilen packende Filme gehabt. So aber hat man es mit drei Filmen zu tun, derer mittlere Teil als FILM nicht funktionieren KANN. Da die Wartezeit von einem Jahr hinzukam, schnitt dieser mittlere Film (künstlerisch) an sich schon schlechter ab. Damals kam gerade dieser Rezensent enttäuscht aus dem Kino.

Umso erstaunlicher also, wenn man dann die erweiterte Fassung sieht. Mit nahezu einer Stunde Zusatzmaterial versehen, entwickelt der Film eine vollkommen andere Kraft, einen Sog, der den Zuschauer mitreißt. Hier erlebt man exakt den gegenteiligen Effekt zu jenem, den man in Teil eins bemerkt: Das Tempo wird entschleunigt, die Erzählung breiter und dadurch genauer und der Film gewinnt deutlich. Hatte Teil eins im Grunde in der Kinofassung filmtechnisch gesehen das bessere Timing und Tempo, sieht das bei Teil zwei ganz anders aus. Denn während man in der Kinofassung des zweiten Teils den Eindruck hat, recht gehetzt durch eine Technikmesse des Computerzeitalters geführt zu werden von einem Führer, der es ausgesprochen eilig hat, fließt die Extended Version wie ein breiter Strom dahin, aus dem an vielerlei Stellen Teile der Story hervorragen, die man sich nun in aller Ruhe anschauen kann. Der Wechsel zwischen den eher leisen Szenen um Frodo, Samweis und Gollum und den wilden Schlachten sowohl um Helm’s Klamm, als auch um Isengard und jene im Westen Gondors, gelingt hier fließend und dramaturgisch geschickt. Desweiteren setzt Jackson in seiner erweiterten Fassung auf das Element, daß den ersten Teil auch als Kinofassung schon stilistisch prägte: Psychologische Genauigkeit. Die Figuren, die Dialoge, die sie definieren – sie geben uns viel tiefere Einblicke in die Struktur der einzelnen Charaktere, als auch in die Struktur der Beziehungen. Hier, in der erweiterten Fassung, gelingt auch, was in Teil eins schon im Kino gelang: Wir erfassen, was für großartige Schauspielleistungen zu bewundern sind.

Zum Dritten Teil: THE LORD OF THE RINGS: THE RETURN OF THE KING
Man kann einer Literaturverfilmung natürlich nicht den Inhalt ihrer Vorlage zum Vorwurf machen. THE RETURN OF THE KING erzählt von der letzten, alles entscheidenden Schlacht. Besser: Den letzten, alles entscheidenden Schlachten. Während Frodo, Samweis Gamdschie und Gollum sich ihren düsteren Weg ins Reich Mordor suchen, wobei Gollum darauf spekuliert, daß die Spinne Kankra sich Frodos annehmen wird, so daß er, Gollum, den Ring endlich wieder an sich bringen kann, zieht Sauron seine Geschöpfe und seine Verbündeten zusammen, um sich der Allianz der Menschen zu stellen. An verschiedenen Stellen in und um Mordor kommt es zu fürchterlichen Gemetzeln und das Schlachtenglück scheint sich gegen Aragorn und seine Mannen zu richten, als es eben doch gelingt, den Ring zu vernichten. Das Böse wurde noch einmal bezwungen und so sammeln sich „die Gefährten des Rings“ noch einmal, nur um für immer Abschied zu nehmen. Denn die Elben, Gandalf, ja, sogar Frodo, besteigen die Schiffe, die sie über das westliche Meer tragen werden, in ein Land, wo immerwährend…wasauchimmer.

Selten in den Jahren seit 1990 wurde es derart kitschig auf der Leinwand, wie in der letzten halben Stunde des dritten Teils vom LORD OF THE RINGS. Die ironischen 90er Jahre haben es nicht bewirkt, eine Gefühlswallung wie hier schlicht unmöglich zu machen. Peter Jackson wiederum ist sich nicht zu schade, mit gnadenlosem Kitsch der Taschentuchindustrie einen Boom zu verschaffen. Doch bevor es soweit ist, werden wir der möglicherweise opulentesten Schlachtszenen ansichtig, die je auf einer Kinoleinwand zu bewundern waren. Der Rest ist Heldenepos, Freundschaftsepos, Liebesepos. Wogegen natürlich nichts einzuwenden ist. Peter Jackson hat – ähnlich wie James Cameron es 1997 mit TITANIC gelungen ist – dem klassischen Hollywoodkino, jener Art Film, die uns überwältigt, einnimmt, uns entführt und verzaubert, einmal mehr, vielleicht ein letztes Mal zu seinem Recht verholfen. Wollte man die Filme kritisieren, dann käme hier, in Teil drei am deutlichsten zum Ausdruck, was an Tolkiens Vorlage schon ein wenig schlucken läßt: Wir erleben eine Welt, die alles andere als demokratisch ist, eine Welt, die ganz im Gegenteil durch und durch hierarchisch strukturiert ist und in der eine jede Rasse, ein jedes Volk seinen Ort, seine Stellung, ja, seine Bestimmung zu kennen scheint. Ein Traum für jeden Diktator: Endlich Ruhe im Reich, da alle Untertanen exakt mit dem zufrieden, was sie haben. Doch ist dies Kritik, die eher an der Vorlage zu üben wäre und etwas über ihren Verfasser aussagt, nicht so sehr über die Macher des Films. Jackson und seine Mitstreiter haben – deutlich als Fans! – ein Mammutwerk auf die Leinwand gebracht, das zu verfilmen als unmöglich galt und das sie dennoch vorlagengetreu adaptiert und weitestgehend so umgesetzt haben, daß es auch kongenial als eigenständiges Kino-Werk funktioniert. Das ist anzuerkennen und auch ist anzuerkennen, daß es Jackson wie lange zuvor niemandem mehr gelungen ist, ein Kinoereignis zu kreieren, das weltweit Aufmerksamkeit erregt und Menschen von New York bis Moskau, von London bis Kapstadt und weit darüber hinaus fesselt und in dem Sinne zusammenbringt, als daß sie alle eine gemeinsame Erwartung haben, die auch erfüllt wird. So war Kino in seinen goldenen Jahren.

Zur Extended Version
Im Kino gute drei Stunden lang, die ebenfalls schon wie ein durchgehender Wochenschaubericht aus Mittelerde wirken, ist die Extended Version dieses dritten Teils der Saga jener, der am weitesten ausgreift. Mit nahezu einer Stunde Zusatzmaterial versehen, erreichen die Schlachtszenen ein Ausmaß, das sicherlich begeistern kann, aber ebenso ermüdet. Wurde in Teil eins viel zusätzliches Lokalkolorit des Auenlandes geboten, ohne daß der Film damit wirklich gewann, war es in Teil zwei so, daß die Extended Version einen wirklich anderen, besseren Film hervorbrachte, so muß man nun in Teil drei, der immerhin den Oscar für den besten Film erhielt (was aber eher als Zeichen der Anerkennung des Gesamtpakets zu gewichten ist), konstatieren, daß der Film erneut nicht wirklich gewinnt. Näher am Buch ist er: Allein die Anfangssequenzen in Isengard, wo Merry und Pippin ihre Freunde erwarten, nachdem Saruman geschlagen wurde und wo die Ents aufräumen, ist deutlich länger als in der Kinoversion, ebenso die langen Abschiedsszenen am Ende des Films, der dadurch allerdings – auch auf die gesamte Trilogie gerechnet – epischer wird. Und natürlich die Schlachtszenen. In allen drei Teilen kann man bemerken, daß die Extended Versions deutlich gewalttätiger, brutaler sind in dem, was sie zeigen. In den Kinofassungen wird vieles angedeutet, doch nur selten rollen die Köpfe. Die Kampfszenen in den erweiterten Fassungen bewegen sich da doch auf einem etwas anderen Niveau und man wird schneller an Peter Jackson, den Regisseur von Splatterfilmen erinnert. Doch hier im dritten Teil ist es erneut eine Messe der CGI-Technik, wirklich Neues, die Geschichte Vertiefendes haben die zusätzlichen Szenen dem Zuschauer nicht wirklich zu bieten. Man bekommt lediglich etwas mehr vom Immergleichen für sein Geld. Was allerdings niemanden wirklich gestört hat, denn die Extended Versions wurden heiß erwartet und gingen weg wie warme Semmeln.

Will man ein Fazit ziehen, ist klar zu sagen, daß vor allem der zweite Teil der Trilogie – im Kino ein verstümmelter Film, hektisch, manchmal unzusammenhängend und unübersichtlich – deutlich gewinnt. Man hat es wirklich mit einem anderen Film zu tun. Und für diese Erfahrung lohnt es sich auch, erneut Stunden eigener Lebenszeit mit einem weiteren Ausflug in ein Märchenreich namens Mittelerde zu verbringen.

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