VERSCHWÖRUNGSTHEORIEN. EINE PHILOSOPHISCHE KRITIK DER UNVERNUNFT

Verschwörungstheorien - Funktion, Struktur, Schemata

Die Zeiten erfordern es: Es ist bitter nötig, über gewisse Merkmale des öffentlichen Diskurses zu sprechen, da sich dieser Diskurs massiv verschiebt. Die geltenden Logiken der Sprache, der Argumentation, des rhetorischen Beweises und der Conclusio werden momentan aus den Angeln gehoben, Halbwahrheiten oder schlicht Lügen zu Fakten erklärt, es wird mit Zahlen (zu Flüchtlingen, Übergriffen, Kriminalität) operiert, deren Quellen oft vollkommen unklar sind, deren Wahrheitsgehalt sich oft genug bei Überprüfung als falsch erweisen, die aber dann niemand richtig stellt. Ähnlich ist es bei einigen Tatsachenbehauptungen. Dabei fällt auf, daß gewisse Kreise weder an Wahrheiten, noch an einem Diskurs interessiert sind, da sie die seriösen Medien zu sogenannten „gleichgeschalteter Systempresse/medien“, die herkömmlichen etablierten Parteien zu „System-„ oder „Blockparteien“ und die, die nicht ihrer Meinung sind, unisono für „gleichgeschaltet“ und „fremdgesteuert“ erklären. Wirklich frei und eigenständig denke nur, wer exakt wie sie denkt, wirklich frei berichtet nur jene Presse, die exakt die Meinung derer vertritt, die die hören wollen, die am lautesten schreien. Es sind dies jene, die den neuen Populisten, den Menschenfängern am rechten Rand nachlaufen. Sie hetzen gegen den Islam, weil dieser angeblich nicht reformierbar sei (und denken dabei leider selten eigenständig nach, denn sonst fiele ihnen vielleicht auf, daß Geschichte sich nicht wiederholt, und historische Abläufe sich selten eins zu eins auf andere Weltregionen oder –religionen übertragen lassen) und aggressiv daran interessiert sei, Europa zu überrennen, in dieser Argumentation verbirgt sich tiefsitzender Hass auf das Fremde, das Andere an sich. Das Ressentiment macht sich unter dem Deckmantel der Sorge, der Befürchtung, gar der Angst (die gern behauptet wird) breit und träufelt sein Gift in die Hirne und Seelen aller Beteiligten.

Klassisch sind dies alles Positionen des rechten Randes. Doch die, die sich dort tummeln, behaupten gern, nicht rechts zu sein, lediglich besorgt wollen sie sein und machen sich eben so ihre Gedanken, und die wird man doch noch mal…genau. Manche gehen soweit, zu behaupten, die ganzen Rechts-links-Schemata seien eh überholt (eine Aussage, der man zunächst sogar beipflichten möchte), zugleich grenzen sich diese Populisten jedoch dauernd gegen rechts ab – um keinen Preis wollen sie in die rechte Ecke gedrängt werden. Sie behaupten also gleichzeitig, das Denken in den herkömmlichen Schablonen sei überholt, sind aber andauernd damit beschäftigt, sich innerhalb genau dieser Schablonen und Schemata abzugrenzen. Womit dann eben doch ein virulentes Lagerdenken postuliert wird.

Daraus ergibt sich der nächste Punkt: Sie haben selten Angebote, was denn eigentlich zu tun sei. Auffällig – und damit befinden sie sich wieder in Gesellschaft des klassischen rechten Randes – ist, daß sie vor allem „dagegen“ sind. Wie die großen faschistischen Bewegungen des 19. Und 20. Jahrhunderts definieren sie sich ex negativo: Gegen den Islam, gegen die Überfremdung, gegen die Amerikaner, gegen „die da oben“. Wird einmal etwas Positives auf die Liste gesetzt – für die Rettung des Abendlandes bspw. – bleiben diese Vorschläge meist derart schwammig, daß man so gut wie alles hineininterpretieren kann. Macht man sich die Mühe, die Pamphlete einmal zu lesen, fällt auf, daß all diese christlich Geprägten wenig Ahnung haben, was das Abendland eigentlich ist, wodurch es sich auszeichnet und was es bedingt.

„Aufklärung“ wird gern im Munde geführt, bald jedoch merkt der Interessierte, daß dieser an sich schon problematische Begriff hier seine endgültige Entkernung erfährt. Da wird fröhlich behauptet, die ehemaligen europäischen Kolonien seien eigentlich heute noch gern selbiges, da wird mal eben postuliert, es habe im eigentlichen Sinne nie Sklaverei gegeben oder die Kreuzzüge seien historisch gesehen Verteidigungskriege gewesen. Gerade die genannten Positionen sind natürlich alle gerade mit der klassischen Aufklärung nicht vereinbar, was die Betreffenden nicht anficht, alles egal, Hauptsache es klingt gut. Und mit „Aufklärung“ kann man natürlich wenig falsch machen. Selbst wenn man eher klingt wie die reaktionären Vertreter des deutschen Idealismus à la Johann Gottlieb Fichte oder wie der „Freiheitsdichter“ Ernst Moritz Arndt – man möchte natürlich wahrgenommen werden wie ein Kant oder ein Hegel. Daß man dabei teils Denkmuster vertreten müsste, die der eigenen Schreierei massiv zuwider laufen – geschenkt, in der Postmoderne geht ja bekanntlich alles und im Wust der Facebook- und anderer Einträge im Internet geht sowas ja zum Glück auch schnell mal unter, da fällt das nicht so auf.

Aus dieser Ungenauigkeit ergibt sich gleich die nächste Ebene der Ablehnung: Weder ist man sonderlich an Wissenschaft, also Differenzierung, Abwägen, Zweifeln interessiert, eher will man im Verkündigungston Handlungsanweisungen geben („Reformiert Euch!“), noch kann man es akzeptieren, wenn es mal kompliziert wird. Unterkomplex im Denken, fordern die Anhänger des neuen Populismus unbedingte Einfachheit. Da wird der Islam – im Übrigen eine Weltreligion – mal eben mit dem Islamismus gleich gesetzt, macht ja nichts, ist eh alles dasselbe. Für sich selbst fordert man hingegen – s.o. – genaueste Differenzierung, will man ja unbedingt nicht rechts sein. Da sollen die anderen doch bitteschön genauestens unterscheiden zwischen „besorgt“, „ängstlich“, „populistisch“, „konservativ“ usw. „Rechts“ kommt in ihrem Schema ja nicht (mehr) vor, „links“ allerdings doch – dort werden alle „Gutmenschen“ vermutet, alle, die sich Mühe geben, den in unserem Lande Gestrandeten Hilfe zuteilwerden zu lassen. Auf der linken Seite ist auch Differenzierung nicht mehr nötig: Dort wird alles verortet, das angeblich pro Islam ist (einfach, weil man nicht dagegen ist) etc.

Vereinfachung, Unwahrheiten, Diffamierung – die Mittel sind deutlich und bekannt. Es ist das Vokabular des Verschwörungstheoretikers, der sich grundsätzlich in einer Verteidigungsposition sieht. Überall Tabus, überall Meinungskartelle, die bestimmte Wahrheiten nicht aussprechen, die Denkverbote aufstellen. Überall Angriffe auf die eigenen Werte, überall übermächtige Feinde, geheime Bünde, mächtige Kartelle. Es ist dies ebenfalls ein steter Empörungsherd: Der Vorwurf, sie seien Verschwörungstheoretiker. Genau dieses Verhalten erstaunt: Sie reden wie Rechte, wollen aber keine Rechtens ein, sie reden Verschwörungen das Wort, wollen aber keine Verschwörungstheoretiker sein…

Gerade letzteres ist genau zu untersuchen, denn Verschwörungstheorien gibt es natürlich zuhauf und es gab sogar die eine oder andere wirkliche, im Laufe der Geschichte aufgedeckte Verschwörung. Doch ist dieser Punkt eher zu vernachlässigen, da es natürlich kaum verwundern kann, daß sich durch die Geschichte Personen zusammen getan haben, um andere, mächtigere Personen aus dem Weg zu räumen.

Der Autor des vorliegenden Buches, Karl Hepfer, nennt einige dieser „echten“ Verschwörungen, allen voran jene Catilinaverschwörung, die davon berichtet, wie Lucius Sergius Catilina in den Jahren 66 bis 63 v. Chr. versuchte, die Macht in Rom an sich zu reißen. Doch vor allem zählt er am Ende eines jeden der kurzen Kapitel eine Verschwörungstheorie auf, anhand derer man bedeutsame Merkmale und Kennzeichen von Verschwörungstheorien markieren und untersuchen kann. Dabei führt Hepfer sowohl politische als auch eher populäre Verschwörungstheorien an, vom Mord an Kennedy bis zu der Frage, ob es die Stadt Bielefeld wirklich gibt. Diesen Beispielen gibt er launig den Sound derer, die gern von „ihnen“ raunen, die uns erklären, daß „sie“ längst unter uns sind, Einfluß nehmen über das Essen oder Chemtrails etc. Dieser Ton lockert das Buch angenehm auf, denn in einzelnen Kapitel kommt Hepfer deutlich zur Sache. Und manchmal wird seine Sprache dabei kompliziert, benutzt er Sätze, die nicht nur aus Subjekt, Prädikat und Objekt bestehen, sondern den ein oder anderen eingeschobenen Nebensatz aufweisen. Mit anderen Worten: Er macht all das, was dem Demagogen ein Gräuel ist. Weshalb der Demagoge dieses Buch meiden wird, wie der Teufel das Weihwasser.

„Eine philosophische Kritik der Unvernunft“ lautet der Untertitel des Buches und da klingen natürlich nicht zufällig Kants große Werke an. Hepfer, Privatdozent für Philosophie der Universität Erfurt, nimmt sich seines Sujets mit großer Ernsthaftigkeit an, was allerdings bedeutet, daß man sich auf eine teilweise schwierige und komplexe Argumentation der Abhandlung einlassen muß. Wie gesagt – nichts für die neuen Verschwörungstheoretiker, die es ja gern einfach haben. Hepfer untersucht die philosophischen Eigenheiten und Merkmale von Verschwörungstheorien. Dazu unterteilt er seine Untersuchung in zwei Teile. Der erste Teil beschäftigt sich mit den wissenschaftstheoretischen Merkmalen und „Auffälligkeiten“ (wie der Autor es im Vorwort nennt), Teil zwei nähert sich bestimmten inhaltlichen und praktischen Aspekten von Verschwörungstheorien. Es ist der erste Teil, der in den aktuellen Diskussionen interessant ist, denn hier zeigt Hepfer deutlich auf, wo die eigentliche Problematik liegt. Denn Verschwörungstheorien geben sich gern wissenschaftlich, führen oft enormes Quellenmaterial an, weisen vermeintlich stichhaltige Methodiken auf und sind bei oberflächlicher Betrachtung kaum von echten wissenschaftlichen Theorien und Theoremen zu unterscheiden.

Dabei arbeiten sie oft mit Zirkelschlüssen (Beweis A verweist auf Beweis B, der auf Beweis C verweist, welcher sich wiederum aus Beweis A speist usw.), auch gern mit nicht weiter überprüfbaren Behauptungen, bedienen sich eines Quellenmaterials, daß ebenfalls oft nicht weiter nachprüfbar ist, da es sich massiv auf Internetrecherche stützt, sie nutzen Engführungen, lassen der Theorie Widersprechendes schlicht aus (begehen also eine der Todsünden herkömmlicher, seriöser Wissenschaft) und wenden teils jeder Beweisführung spottende Begründungen an (etwas beweist sich durch die Abwesenheit eines Beweises, was wiederum beweist, wie mächtig jene sind, die das Beweismaterial unterdrücken wollen usw. ad infinitum).

Wer sich mit Verschwörungstheorien beschäftigt, kennt all diese Merkmale und Aspekte, doch ist es ein großes Verdienst des Buches, dem Leser genau die Diskrepanzen zwischen der „verschwörungstheoretischen Wissenschaft“ und dem, was man in anderen Zeiten einmal „seriöse Wissenschaft“ nannte aufzuzeigen, hervorzuheben und zu verdeutlichen. Hepfer geht auf die Bildung/Konstruktion von Realität ein (Existenzaussagen/epistemische Aussagen; Induktion/Deduktion), verdeutlicht aber auch die Schwierigkeiten, die das Individuum mit eben diesen Konstruktionen bekommen kann. Der Verschwörungstheoretiker, so Hepfers Nachweis, kommt mit diesem Konstrukt nur noch ausgesprochen schwer bis gar nicht zurecht. Denn der Verschwörungstheoretiker erträgt das Relative (den Relativismus generell) nicht, er erträgt auch die Unsicherheit nicht, er erträgt die Lücke nicht, die die Realität manchmal läßt und sein größter Feind heißt „Zufall“. Sein Weltbild schreit nach Kohärenz (->Kohärenztheorie, ebenfalls ein wesentliches Merkmal dessen, was Hepfer behandelt), nach Geschlossenheit. Es kann nicht sein, daß die Wirklichkeit sich nicht vollends entschlüsseln läßt. Zugleich hat der Verschwörungstheoretiker aber auch ein Problem mit moderner Wissenschaft (vor allem mit dem, was ihm zur „Geschwätzwissenschaft“ wird – Soziologie, Geschichtswissenschaft, von den Germanisten und Philosophen ganz zu schweigen), solange sie nicht exakt ist, denn das Unexakte, die Grauzone, das Uneindeutige, jene Regionen, wo die Dinge verwischen, all das ist ihm ein Graus. Er hasst den Zweifel und die Tatsache, daß die Realität sich durchaus zu verweigern weiß. Es ist Hepfers großes Verdienst, sich die Mühe zu machen, dem Leser nicht nur die Grundlagen philosophischer Erkenntnistheorie darzulegen, sondern zugleich die massiven, wenn auch nicht immer sofort erkennbaren Differenzen zu Verschwörungstheorien aufzuzeigen.

Der zweite Teil behandelt eher den inneren Zirkel dessen, was mit Verschwörungstheorien bezweckt wird. Hier kommt der politische Aspekt deutlicher zum Tragen, doch geht es Hepfer weniger darum, die Verschwörungstheorien zugrundeliegenden ideologischen Weltbilder aufzudecken (die nachweislich eher rechtslastig sind), dafür gibt es andere, die dies famos und also besser tun (siehe: Wolfgang Wippermann: AGENTEN DES BÖSEN. VERSCHWÖRUNGSTHEORIEN VON LUTHER BIS HEUTE, Berlin 2007). Hepfer will untersuchen, wie die Verschwörungstheorie ihrem phänomenologischen Wesen nach funktioniert, welche Bedingungen sie erfüllt, wie ihre strukturelle Beschaffenheit ist. Dazu liefert er im Anhang ein ausgesprochen hilfreiches Glossar, einen Kommentar auf die gängigsten Verschwörungstheorien, tiefergehende Analysen zweier neuerer Verschwörungstheorien („Functional Food“ und „Das Netz“ – wobei letzteres als verschwörungstheoretischer Katalysator, verschwörungstheoretisches Ventil und verschwörungstheoretischer Teilchenbeschleuniger einer ganz eigenen Untersuchung unterzogen werden sollte) und eine Widerrede auf Karl Popper, der über 20 Jahre nach seinem Ableben eine erstaunliche Zweitkarriere als Doyen der (post)modernen Verschwörungstheoretiker macht. Man darf sich sicher sein, der Mann dreht frei im Grabe. Doch muß man durchaus konstatieren: Selbst die größten Denker machen manchmal Fehler, Denkfehler. Hepfer geht auf einen solchen bei Popper ein. Doch dies sind Marginalien.

Wer sich in Zeiten, in denen teils hanebüchene Behauptungen unwidersprochen im Netz Verbreitung finden, auf Marktplätzen herausgebrüllt werden und sich nach und nach wie Schimmelpilz in den Hirnen der leicht zu Beeinflussenden festsetzen, mit der Frage beschäftigt, wie es einerseits zu diesen Ansichten und „Theorien“ kommt, andererseits wissen will, wie sie funktionieren, sollte sich diesen schmalen Band aus dem Jahr 2015 definitiv zu Gemüte führen. Es tut bitter Not, in wilden Zeiten einen klaren und kühlen Kopf zu bewahren und sich denen entgegen zu stellen, die die Wirklichkeit zu okkupieren und umzudeuten versuchen. Es wird dauern, sie zurückzudrängen, aber es wird gelingen. Ihnen hingegen wird es nicht gelingen, die Wahrheit derart zu verdrehen, daß dieses Land erneut auf einen Zustand zuschreitet, wie wir ihn bereits einmal hatten. Dazu wird man sich aber den Mühen der Eben hingeben und auch schwierige theoretische Schriften studieren müssen. Dies ist eine davon.

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