DIE UNVOLLKOMMENHEIT DER LIEBE/MY NAME IS LUCY BARTON

Elizabeth Strout fordert viel von ihren Lesern

Elizabeth Strout kann man mit Fug und Recht als die Chronistin des amerikanischen Alltags bezeichnen. Selten haben es Autoren – vergleichbar vielleicht Wallace Stegner oder Richard Yates in ihrer Zeit – geschafft, das ganz normale Leben abzubilden und sprachlich so zu formen, daß Spannung entsteht, ohne das Drama herauf zu beschwören. Strout nutzt oft die Skizze, die Reduktion, deutet eher an, als daß sie wirklich ausformuliert, was ihre Protagonisten fühlen oder denken. Manchmal mutet das an, als führe sie, wie in MIT BLICK AUFS MEER, mehrere Kurzgeschichten zusammen, der Leser muß aufmerksam sein, um die Verbindungslinien, die gelegentlich verborgen liegen, sich nur kurz zeigen, aufblitzen, und dann wieder im sprachlichen Strom versinken, auszumachen. Strout ist eine Erzählerin, die sich bei aller Redundanz allerdings um sprachliche Präzision, grundlegende Genauigkeit und dabei auch Sachlichkeit müht und dennoch die ihren Geschichten oft zugrunde liegende Traurigkeit nicht unterdrücken kann. Ihre Geschichten erzählen aus den einfachen Leben einfacher, „normaler“ Menschen und davon, wie dieses „Normale“ Leben Zumutungen bereit hält, die man nicht auf der Rechnung hatte, wie es dem Mesnchen zuwächst und ihn fordert und wir alle oftmals eher Geworfene sind, als Herren unseres Geschicks.

In ihrem bisher vorletzten Werk DIE UNVOLLKOMMENHEIT DER LIEBE (Original: MY NAME IS LUCY BARTON; erschienen 2016) treibt sie die sprachliche Reduktion, aber eben auch die Präzision, zeitweilig in einsame Höhen, vielleicht schon zu weit. Auf gerade einmal 205 groß bedruckten Seiten erzählt die titelgebende Lucy Barton von einem Krankenhausaufenthalt, der zum Zeitpunkt ihres Berichts bereits wieder in ferner Vergangenheit liegt. Eine nie näher erläuterte Krankheit fesselt sie für Wochen, schließlich Monate, ans Bett, eine Zeit, in der sie ihre Kinder und ihren Mann eher selten sieht, was möglicherweise zu einer Entfremdung führt. Sie zieht Bilanz – sowohl in ihrer Erzählung, als auch in jenen Wochen – und blickt auf ein Leben zurück, das sie schließlich in die Metropole New York geführt hat, weit weg vom heimatlichen Illinois, wo sie in einer verarmten, gefühlskalten Familie als gesellschaftliche  Außenseiterin aufwuchs. Jahre hat sie ihre Familie nicht gesehen. Und dann sitzt eines Tages ihre Mutter an ihrem Bett im Krankenhaus. Es entspinnt sich ein mühsamer, oft schmerzhafter Dialog, ein tastendes Vordringen in die Vergangenheit, in welchem immer wieder abgrundtiefe Verletzungen, Schuldgefühle und auch Vorwürfe aufscheinen, ohne je wirklich artikuliert zu werden. Auch nach Jahrzehnten funktionieren die alten Muster, bleibt die Sprachlosigkeit, die diese Familie prägte, spürbar.

Vieles von dem, was da geboten wird, muß der Leser sich allerdings erarbeiten, muß es selbst zusammenreimen, muß dem Kern der Dinge nachspüren. Strout verlässt sich auf  die Intelligenz, die Empathie und emotionale Reife ihres Publikums, auf dessen Erfahrungen, auch die Leseerfahrungen, die es mitbringt in diese Lektüre. Weder ist die Icherzählerin sonderlich sympathisch, noch sind es die Menschen, die uns durch ihre Augen begegnen. Auffällig ihre Sehnsucht nach Liebe, danach, daß ihr Freundlichkeit widerfährt. Jede Aufmerksamkeit durch Ärzte und Krankenschwestern wird registriert, wird vermerkt. Diese scheinbaren Nebensächlichkeiten sind oft wichtiger als die unausgesprochenen Wahrheiten zwischen einer Frau, die aus einem vorbestimmten Leben in der Provinz ausgebrochen ist und ihrer Mutter, die ihr diesen Ausbruch vielleicht übelnimmt, sie heimlich beneidet und ebenso heimlich bewundert. Solch ein Auf- und Ausbruch ist womöglich nur um den Preis der Einsamkeit zu haben.

Und doch schleicht sich beim Leser nach und nach das Gefühl ein, hier könnte das Motto lauten: Blut ist dicker als Wasser. So blass, wie die Familie, die Lucy Barton selbst gegründet hat – ihrem Mann und den Kindern wird nicht eine Zeile direkte Rede zugestanden – so anschaulich sind jene Jahre der Kindheit und Jugend. Manches ist anrührend, manches gräßlich und grell: Die Stunden, die die kleine Lucy im Pick-Up eingesperrt blieb, weil die Eltern arbeiten waren  und nicht wussten, wohin mit dem Kind, der Vater, der den Sohn in Frauenkleidern erwischt und ihn über die Hauptstraße der Kleinstadt treibt, um ihm die Marotten ein und für alle Mal auszutreiben. Auch in solchen Momenten bleibt Strouts Sprache nüchtern, gibt sich niemals dem Sentiment oder auch nur einer Geste des Mitleids hin. Das allerdings tut Lucy Barton gelegentlich, wenn ihr, auch zu den Geschichten, die ihre Mutter von den alten Bekannten und Freunden aus der Highschool und der Nachbarschaft erzählt, immer wieder ein „Das ist traurig“ Oder ein „Das ist schrecklich“ entfährt. Trotz all dieser Erinnerungen und der Ferne, die das Erinnern oft mit sich bringt, spürt man durch Lucys Bericht hindurch doch auch die Nähe und Verbundenheit zu diesen Menschen und deren Leben, das sie so lange hinter sich gelassen hat. Nur scheint das, was dieses Leben ersetzen sollte – der Beruf, die Ehe, eigene Kinder, die Großstadt –  ebenfalls nicht wirklich an die Erzählerin heran zu reichen, in sie zu dringen.

In New York ist sie, eher aus der Not geboren, zu einer Schriftstellerin herangereift, die als Autorin von Kurzgeschichten reüssiert. Die Vermutung liegt nah, daß Strout hier durchaus aus eigenem Erleben schöpft, ohne ihr unterstellen zu wollen, verkappt autobiographisch zu erzählen (wobei – wer tut das nicht, wenn er schreibt?). Je länger diese Erzählung andauert, desto verknappter kommt die Sprache daher, wirkt die Erzählerin wie eine Getriebene, gelegentlich gar wie eine Gehetzte. Könnte diese Krankheit vielleicht doch weitaus schlimmer gewesen sein, als sie und ihr Umfeld angenommen hatten oder wahr haben wollten? Schreibt hier jemand auch gegen die Zeit, die bleibt, an? Gar gegen den Tod? Will hier jemand Rechenschaft ablegen, bevor ihm die Worte fehlen, die Kraft ausgeht? Und ist es möglich, daß der Schmerz des Verlusts – des Lebens, der Familie – so groß ist, daß die Projektion auf die eigene Jugend nötig ist, um sich der eigenen Familie nicht stellen zu müssen? All dies sind Fragen, die sich beim Lesen durchaus aufdrängen. Und doch bietet Lucy Barton ihren Lesern gelegentlich Ausblicke auf das Danach – nach dem Krankenhaus, nach der Ehe, nach dem Tod der Mutter und des Vaters. Ereignisse, die sich zeitlich alle später zutrugen.

Einerseits intim, manchmal zu intim, andererseits stark in der Verweigerungshaltung, näher zu erklären, worum es sich in einigen Belangen handelt – so erwähnt Lucy Barton mehrfach, daß sie nicht die Geschichte ihrer Ehe erzählen wolle, das sei eine andere, eine nicht erzählbare Geschichte – bringt die Erzählerin den Leser in arge Nöte. Liest man hier vielleicht die Aufzeichnungen einer Therapie-Patientin, die aufgefordert wurde, sich Skizzen zu ihrem Leben zu machen, möglichst assoziativ wesentliche Punkte zu benennen? Und – will man das dann wirklich lesen? Viel in diesem Text, und der Originaltitel des Buches unterstützt diese Annahme, ist Selbstbehauptung. Ich bin…scheint da wer zu sagen. Und in der Erinnerung, der Assoziation, dem freien Gleiten durch das eigene Leben, fügt sich dieser Charakter erst zusammen. Nicht nur die Unvollkommenheit der Liebe ist es, der wir hier begegnen, sondern auch die Unvollkommenheit unserer selbst.

Elizabeth Strout lässt den Leser wahrlich allein in den Gedankengängen und -strömen ihrer Erzählerin und das ist ein Wagnis. Sie fordert, sie fordert ein, sie fordert auf. Sie will die größtmögliche Autonomie der Erzählung und dabei die vollkommene Aufmerksamkeit des Lesers, was ein an sich berechtigtes Anliegen ist. Doch geht sie dabei sehr weit, zu weit. Gerade die letzten Seiten, die nur noch wie Seufzer wirken, letzte Wahrheiten in einem langsam vergehenden Dasein, hinterlassen Leere, manchmal Ratlosigkeit. Es ist ein Wagnis, diese Literatur, die nicht immer auf der Höhe ihrer eigenen Anforderung bestehen kann.

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